Das Käppchen kilometerweit fliegen sehen

Brasilien Nazis unterm Zuckerhut, Hakenkreuze als Theaterschmuck, Antisemiten in Hörsälen, Medien und Präfekturen

Der schwarze Taxifahrer rast mit mir auf die stadtübliche halsbrecherische Art durch das Zentrum von Rio, zwingt Frauen mit Kindern, jäh zurückzuweichen, unterhält sich nebenbei mit dem "Gringo" an seiner Seite und versucht zu erraten, aus welchem Land der kommen könnte. Er tippt zunächst auf Brite oder Kanadier, schaut dazu misstrauisch-neutral durch die Frontscheibe, sagt schließlich "Alemao" - Deutscher? Ich bejahe - seine Miene hellt sich auf, und er ruft "Heil Hitler!" Will der Mann mich provozieren? Ich kenne die hiesigen Gepflogenheiten noch nicht, bin neu im Land, deshalb ziemlich schockiert, will wortkarg werden, denke an Aussteigen. Aber nein, stellt sich rasch heraus, der Taxista wollte mir mit dem Hitler-Gruß nur zeigen, wie sympathisch er mich findet. Weil ich Deutscher bin.

Alles verbrennen - Flammenwerfer einsetzen

In Rio de Janeiro, einer Stadt mit immerhin 60 jüdischen Einrichtungen, darunter 13 Synagogen, stellte sich Anfang des Jahres eine schwarze Universitätsprofessorin, die ihr Diplom an der stockkonservativen Escola Superior da Guerra - der Militärakademie des Landes - erwarb, vor ihre Studenten und attackierte die jüdischen Bürger der Metropole. Simon Schwartzman, den Präsidenten des staatlichen Statistikamtes IBGE, geißelte sie als "schamlose und ausgekochte jüdische Kanaille". In europäischen oder nordamerikanischen Städten hätte sich nach solcherart Entgleisung in universitärer Öffentlichkeit ein Aufschrei der Empörung erhoben. Nicht in Brasilien.

Während eines Gesprächs mit Managern des IBGE und des riesigen nationalen Ölkonzerns Petrobras erfahre ich, wie man sich in nazistischer Manier eine Lösung des Straßenkinder- und Slum-Problems vorstellt: "Alle Hangsiedlungen mit Benzin übergießen und abfackeln oder die Armee mit einem Flammenwerfer hin beordern - alle verbrennen, alles ausrotten" Und eine Frau aus der weißen Mittelschicht, wohnhaft im Nobel-Viertel Leblon meint: "Alle Kinder, die an den Stränden klauen oder Leute überfallen, sollte man gleich erschießen." Keine Einzelmeinung, Umfragen weisen auf nichts anderes. Brasiliens größte und auflagenstärkste Tageszeitung Folha de Sao Paulo hatte 1999 keine Hemmungen, Leserbriefe mit Lobpreisungen Hitlers abzudrucken, ein Leser aus dem südbrasilianischen Florianopolis schrieb: "Er erfüllte eine wichtige Rolle in der Geschichte, leistete der Menschheit einen großen Dienst und hielt wunderschöne Reden ..." - Folha-Kolumnistin Marilene Felinto, eine schwarze Brasilianerin, vermerkte dazu in einem Kommentar, die "Judeus" seien - "anders als die Schwarzen" - äußerst begütert und hätten stets die Weltmedien auf ihrer Seite. "In fast einem Jahrhundert der Apartheid in Südafrika haben die USA und das jüdische Geld nie einen wesentlichen Schritt gegen den Genozid an den Schwarzen getan." Natürlich ließ die ansonsten sehr systemkritische Folha einen jüdischen Intellektuellen ausführlich antworten, der die "Judeufobia einer Schwarzen" geißelte und erinnerte: "Übrigens waren und sind es korrupte schwarze Diktatoren, die in Afrika ihren Völkern Millionen Dollar rauben, um sie in der Schweiz zu deponieren und sich ein luxuriöses Leben zu gönnen. Sie treffen mit diesem Raub nicht selten die Lebensader ihrer Länder ..."

"Was soll man tun", fragt mich der jüdische Abgeordnete Gerson Bergher in seinem Kabinett am neoklassizistischen Parlamentspalast von Rio de Janeiro. Er fühle sich wie die gesamte jüdische Gemeinde von diesem latenten Antisemitismus tief getroffen. Aber was könne man anderes erwarten, wenn selbst in brasilianischen Wörterbüchern unter "Judeu" immer noch zu lesen sei: "Schlechter Mensch (Individuo mau), gilt als habgierig und geizig". Bergher gehört zur Sozialdemokratischen Partei (PSDB) von Staatschef Fernando Henrique Cardoso. Als er den Ökonomen, Soziologen und Ehrendoktor der Freien Universität Berlin per Brief aufforderte, etwas "gegen diese widerwärtige nazistische Charakterisierung" zu unternehmen, erhielt er nicht einmal eine Antwort. Es sei eben eine Tatsache, merkt Bergher beinahe fatalistisch an, dass Termini aus der deutschen Vergangenheit in Brasilien keineswegs mit ihrer nazistischen Herkunft assoziiert würden. Das Wort "Blitzkrieg" etwa empfand man als adäquaten Begriff für effiziente, rasche Polizeioperationen gegen Kriminelle, heute zumeist verkürzt auf "Blitz" und auffindbar in allen Lexika.

"Hitler Cantalice" - "Hitler Mussolini Pacheco"

Bergher erinnert daran, dass es Juden waren, die einst das Zuckerrohr von Madeira nach Brasilien brachten und 1516 die erste Zuckermühle des Landes bauten, dass die Juden in den Anfängen des portugiesischen Kolonialpatronats Opfer der Inquisition wurden und später viel für die Unabhängigkeit der Nation geleistet haben. Trotzdem müsse man sich bis heute damit abfinden, dass es in der Alltagsprache ein Verb wie "judiar" gäbe, was soviel heiße, wie mit jemandem böse umspringen, ihn schlecht behandeln oder leiden lassen. Besonders schmerzhaft, so Bergher, sei die fehlende Sensibilität der brasilianischen Gesellschaft, wenn sie ihre Vorliebe für den Vornamen "Hitler" erkennen lasse, der einem sogar in Zeitungsüberschriften entgegen springen könne.

In der Tat - "Hitler Cantalice" ist ein hyperaktiver Richter im Nordosten, der des öfteren für Schlagzeilen sorgt. "Hitler Mussolini Pacheco" heißt der Polizeichef im Teilstaate Goiania. "Cèsar Hitler" begegnet einem als Vorname in den Slums, aber auch in den Hörsälen der Universitäten. Fast ebenso beliebt ist der Vorname "Rommel". In Brasiliens Metropolen regt das niemanden sonderlich auf. Gleiches gilt für die üblichen Feiern zu Hitlers Geburtstag, die alljährlich auf der renommierten Praca da Republica in Sao Paulo von Neonazis veranstaltet werden und bei denen im vergangenen Jahr die berüchtigte Skinhead-Gruppe Carecas do ABC den Homosexuellen Edson Nèris nach einem Überfall ermordete. Mehr als ein Dutzend Männer und Frauen misshandelten das Opfer erbarmungslos mit Fußtritten, Schlagringen, Totschlägern und zerschlugen Nèris Gesicht bis zur Unkenntlichkeit. Ein Augenzeuge, der danach den Mut besaß, in einem Fernsehinterview über die Skinhead-Gewalt in Sao Paulo zu sprechen, wurde erstochen.

So überrascht es nicht, wenn die radikale Neonazi-Organisation White Power auch hier ihre Ableger hat, offen der Nazi-Doktrin folgt, den Holocaust und die Gaskammern bestreitet, die Überlegenheit der weißen Rasse und die Vernichtung von Homosexuellen, Schwarzen oder von Migranten predigt, die aus dem stark unterentwickelten Nordosten nach Rio de Janeiro oder Sao Paulo kommen. Das hindert die White-Power-Carecas (Glatzen) nicht daran, zuweilen auch tiefschwarze Bahianer in ihre Gangs aufzunehmen.

Ein großer Teil der Carecas ist heute im Partido Nacional-Socialista Brasileira (PNSB) organisiert - gegründet und geleitet vom Carioca Armando Zanine. Ausgerechnet im berühmtem Wallfahrtsort Aparecida bei Sao Paulo haben sich besonders formidable Ableger des PNSB etabliert. Präfekt Claudio Galvao de Castro lässt sich in seinem Kabinett gern neben Abbildungen von Hitler und Mussolini ablichten oder posiert für einschlägige Blätter auch schon mal vor der Kathedrale mit dem Hitlergruß. "Vagabunden müssen liquidiert werden, damit man wenigstens ihre Nieren und ihr Blut denen zur Verfügung stellt, die arbeiten möchten, aber nicht können", erklärt der Präfekt öffentlich. Reaktionen - keine.

Wie ein sehr schönes Mannequin - mit Aids

Die Ende 2000 fertiggestellte Synagoge im Stadtteil Leblon von Rio wird nicht zufällig durch Polizeipatrouillen, eine hohen Mauer und Stacheldrahtbewehrungen gegen Anschläge geschützt: "Unter Henry Sobels Stuhl würden wir unheimlich gern eine Bombe zünden und dann sein Käppchen kilometerweit fliegen sehen. Leider ist das fast unmöglich, weil der so viele Body-Guards an seiner Seite hat."

Das Flugblatt einer nazistischen Clique meint den Sprecher der jüdischen Gemeinde Brasiliens, der zugleich Mitglied im Exekutivrat des Jüdischen Weltkongresses ist. Die Drohung mit der Bombe beunruhigt den immer um Ausgleich bemühten Rabbiner. Für ihn tritt solcher Hass die Werte der brasilianischen Nation mit Füßen, als da wären "Harmonie, gegenseitiger Respekt, Friedfertigkeit im Umgang der unterschiedlichen Kulturen miteinander." Henry Sobel - geboren 1944 in Lissabon, aufgewachsen in New York und amerikanischer Staatsbürger -, weiß er es nicht besser? Oder meint er, den lokalen Autoritäten derartige Freundlichkeiten schuldig zu sein? Rabbiner Alejandro Lilienthal ist mir gegenüber deutlich kritischer: "In Brasilien werden heute Grundprinzipien des humanen Zusammenlebens missachtet. Der Rassismus gegen Schwarze ist schlimmer als seinerzeit in Südafrika. Nicht nur der Umgang mit Nazi-Symbolen weckt Befremden. Es ist diese bedrückende Indifferenz einer Öffentlichkeit, die sich an nichts stört." Und Rabbiner Nilton Bonder von der Congregacao Judaica do Brasil in Rio de Janeiro fügt hinzu: "Teile einer frustrierten Stadtjugend sind von der Nazi-Ideologie und deren Rassentheorien fasziniert. Oder nehmen Sie nur das Beispiel des Hakenkreuz-Bodens im ›Teatro Ziembinsky‹, das würde in Europa einen Skandal ohnegleichen auslösen - doch bei uns pflegt man in solchen Fällen eine beeindruckend unverbindliche Position. Kein kritisches Bewusstsein. Wer nimmt hier schon irgendetwas ernst. Rio de Janeiro ist doch wie ein sehr schönes Mannequin - mit Aids!"

Wer Brasiliens Geschichte im Zweiten Weltkrieg kennt, ist über diese Toleranz der Gleichgültigkeit überrascht. Zwar hatte Diktator Getulio Vargas zunächst mit Hitler und Mussolini kokettiert, wurde aber ab 1941 von den USA gedrängt, seine Neutralität gegenüber den Achsenmächten aufzugeben. Schließlich torpedierten Hitlers U-Boote in diesen Jahren mehrfach brasilianische Frachter, so dass Deutschland 1943 der Krieg erklärt und ab 1944 sogar ein 25.000 Mann starkes Expeditionskorps nach Italien geschickt wurde. An der Seite von US-Truppen waren die Brasilianer an den siegreichen Schlachten um Montecastello, Castelnuevo, Montese und Colecchio beteiligt und konnten miterleben, wie sich die 148. Infanteriedivision der Wehrmacht ergeben musste. 445 Brasilianer fielen in diesen Gefechten. Zum größten Kriegshelden des Expeditionstruppen wurde der deutschstämmige Max Wolff aus dem Südstaate Paranà, den noch in den letzten Kampftagen des Jahres 1945 eine Kugel traf.

Im Flamengo-Park von Rio beobachte ich, wie ganze Schulklassen, aber auch deutsche Touristen jenes gewaltige Monumento aos Mortos na Segunda Guerra Mundial nebst Museum besuchen, nachdenklich durchschossene deutsche Stahlhelme, Gasmasken und Waffen, Koppelschlösser mit der Aufschrift "Gott mit uns" betrachten - auch Erinnerungsfotos an Wolff und seine Kameraden gibt es. Doch auch hier darf sie nicht fehlen: die "bedrückende Indifferenz", von der Alejandro Lilienthal gesprochen hatte. Direkt auf dem Gelände des Monuments hält eine der einflussreichen, auf Wunderheilungen spezialisierten Sektenkirchen im Beisein hoher Politiker eine ihrer lärmenden Messen ab. Tausende folgen amüsiert dem Spektakel. Manchmal sollen es mehr als 10.000 sein.

00:00 06.07.2001
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