Das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten

Impressionen Es bräuchte schon einen Frosch, um in Russland demokratisch zu regieren

Russland ist anders. Selbst Marktfrauen wundern sich, dass jemand ihr Land freiwillig bereist. Die Idee, hier als Ausländer leben zu wollen, gilt als verrückt, unter deutschen wie unter russischen Freunden. Doch man muss nicht mit dem Messer bewaffnet durch die Straßen laufen. Sogar ein Mann, der einen blutigen Knochen in der Hand hielt und vor dem alle Passanten angesichts seines wilden Aussehens auswichen, bat nur um Feuer für seine Zigarette, als ich vor ihm stehen blieb.

Vor dem Eingang zur Disco kann es schon mal passieren, dass Tränengas eingesetzt wird, wenn das Gedränge zu groß wird - jedoch waren zwanzig Rabauken nicht in der Lage, ein paar Schritte zurückzutreten, obwohl die Glastür aus der Fassung zu springen drohte, gegen welche die Vorderen gepresst wurden. Auf dem Boulevard gilt es, spuckende Männer zu beachten, auch das Überqueren der Straße bei Grün ist nicht ungefährlich. In der Küche explodiert der Gasboiler, falls man die Hähne für kaltes und warmes Wasser verwechselt, ein Sicherheitsventil im Wert von drei Euro könnte es verhindern.

Ein Anruf im Konstantin-Fedin-Museum, und man erhält eine freundliche Auskunft über die Öffnungszeiten. Im Museum angekommen, heißt es: Wegen Renovierung geschlossen. Jedoch wird ein Foto des Schriftstellers gezeigt, und die Hüterin der Baustelle erklärt: Fedin war ein Schriftsteller. Wer hätte das gedacht.

In Moskau wurden Offiziere statt einfacher Milizionäre für die Straßenkontrollen eingesetzt, das Resultat lautete, wie ein Autofahrer beschrieb: Die Milizionäre wollten nur ihre Familien ernähren, die Offiziere aber brauchen zusätzlich noch Geld für ihren Türkei-Urlaub. Ob ein "prikas", eine Anordnung, des Innenministers das Raubritterverhalten der Milizionäre zu ändern vermag, ist äußerst fraglich. Für Privatautos gilt im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten: Je schneller man fährt, desto geringer die Chance, von der Miliz kontrolliert zu werden, weil die Miliz vermutet, dass man eine Sondererlaubnis für schnelles Fahren besitzt. Viele Autos haben verdunkelte Scheiben, aber nicht, weil die Sonne so stark scheint.

Nichts ist schwerer, als in Russland etwas zu organisieren. Dass in einen Raum, der für 50 Personen gedacht ist, nur 150 hineinpassen, löst Erstaunen aus. Gut gedacht, wie immer gemacht, lautet eine Redewendung. Selbst der Kauf einer Fahrkarte beweist, dass in Russland Fünf-Jahr-Pläne niemals gelingen konnten. Eine Fahrkarte für übermorgen? Die Verkäuferin will das Datum wissen. Da der Kunde das Datum nicht nennen kann, nur Wochentag, Abfahrtszeit und Zugnummer, reicht sie ihm einen Kalender durchs Fenster, um das Datum von übermorgen zu erfahren.

Die Meldebehörde residiert in Kafkas Schloss, die untere Etage ist zugemauert, im Treppenhaus regnet es, und wer Fragen stellt, muss seine Aufenthaltsorte lückenlos belegen. Schriftsteller ohne Schriftstellerdiplom gelten als besonders verdächtig. Anfangs verhandelt man durch ein schmales Fensterchen, das etwa in Höhe des Bauches angebracht ist, während der Beamte bequem auf seinem Stuhle sitzt. Es ist dies die natürliche Haltung, in der man hier einer Autorität gegenübertritt, insofern würde es die Befragung nur stören, wäre das Loch in der Wand etwas menschenfreundlicher platziert worden. Vernunft und Logik darf man in solchen Situationen nicht erwarten. Dass man nach Sibirien reisen soll, um einen Stempel zu bekommen (vier Tage Zugfahrt), versteht sich von selbst, und nur der begriffsstutzige Deutsche verweist auf den seltsamen Umstand, dass Außen- und Innenministerium offenbar unterschiedliche Gesetze anwenden.

Die Trennung zwischen privat und öffentlich ist eine andere als in Deutschland. Selbst guten Freunden erzählt man nicht immer vom bevorstehenden Auslandsstudium, um keinen Neid hervorzurufen. Ein Student, der im eigenen Landrover durch die Steppe rast, wird natürlich nie erzählen, von welchem Ersparten er dieses Auto erwarb. Schamgrenzen wirken auf Ausländer paradox, Prüderie und Laszivität mischen sich. In der Disco wird so freizügig getanzt wie auf der Loveparade, im Seminar getrauen Studenten sich nicht, dass Wort Sexualität auszusprechen, es wird auf einem Zettel notiert und dem Seminarleiter gereicht. Das deutsche Nase-Schnauben, zudem in aller Öffentlichkeit, ist den Russen peinlich, man tut so etwas möglichst nur auf der Toilette - was zum Problem wird, wenn alle Schnupfen haben.

Auch die Feierkultur der Russen ist für Ausländer schwer zu verstehen. Der Tag der Stadt wird gefeiert, Verkäuferinnen gratulieren ihren Kunden, in dieser Stadt zu wohnen. Jede Berufsgruppe hat ihren Feiertag, die Eisenbahner, die LKW-Fahrer, die Bibliothekarinnen, jede Waffengattung beim Militär, Milizionäre sowieso, ebenso die Schüler und Studenten. Der Stadtpark feiert ein Jubiläum, die Telefongesellschaft, wieder gibt´s ein Feuerwerk, Rockgruppen überbringen dem haushohen Plastik-Handy musikalische Geschenke.

Geh nach Ich-weiß-nicht-wo, bringe Ich-weiß-nicht-was, lautet die Aufgabe in einem russischen Märchen. Nur ein Frosch, der an der tiefsten Stelle des Meeres lebt, als Weiser unter hundert Jahre alten Fischen, kennt den Weg an diesen Ort und weiß, was dort zu finden ist.

Die Kritik des Westens an Präsident Putin verkennt, dass nur ein Frosch Russland demokratisch und gerecht regieren könnte. War es demokratisch, als Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer in einem 15-minütigen Telefonat über die deutsche Teilnahme am Kosovo-Krieg entschieden? Je wichtiger die politischen Entscheidungen, desto kleiner der Personenkreis, der sie trifft, auch Demokratien sind von diesem Energieerhaltungssatz betroffen. Über das Ladenöffnungsgesetz dürfen natürlich alle mitreden.

Politik und Zynismus sind häufig identisch, wie Liebe und Verrat, wenn der Partner fremdgeht. In Russland werden schwache Regierungen ausgelacht (Mineralsekretär Gorbatschow), starke möglichst ignoriert. Manche Häuser atmen noch den Geist der Verhöre. Für Politik interessiert sich eigentlich niemand. Die meisten Studenten haben kaum noch eine Vorstellung davon, wer Komsomolzen waren. Junge Leute, die im Krieg halfen, meinte eine Studentin. Ihre Eltern schämen sich heute dafür, dass sie im Atheismus-Unterricht den Beweis erbrachten, dass Gott nicht existiert.

Nur der Teufel weiß in Russland alles, wie man in Der Meister und Margarita sieht, der neuesten Klassikerverfilmung im russischen Fernsehen. Atemberaubende Schauspieler, ausführliche Dialoge über Poesie und Gottesbeweise, pittoreske Schockszenen wie bei Peter Greenaway - Regisseur Wladimir Bortko versöhnt Tradition und Moderne mit hypnotisierender Eleganz. Das Ganze in zehn Folgen à 45 Minuten - man hat Zeit in Russland, über die eigene Geschichte nachzudenken. Der Teufel sorgt in Bulgakows Roman beinahe für Vernunft mit seiner schwarzen Magie: Er schickt den Parteilyriker in die Psychiatrie, wo er gesunden darf, den Funktionär lässt er von einer Komsomolzin köpfen, doch mit dem Meister, der seinem Gewissen folgt, feiert er fantastische Feste. Der Teufel weiß: Die Menschen ändern sich nicht, trotz Autos und elektrischem Strom. Lass Geld in den Theatersaal regnen - und alle soeben beschworenen Überzeugungen sind vergessen. So, wie ihr Jesus geopfert habt, opfert ihr euch. Der Wunsch eines anderen Teufels, Russland möge sich im 20. Jahrhundert dem sozialistischen Experiment unterziehen, um der Welt dessen Scheitern zu demonstrieren (Friedrich Nietzsche), ging in Erfüllung. Im Sozialismus, schrieb Nietzsche, schneidet das Leben sich selbst die Wurzeln ab. Die produktiven Kräfte erlahmen, weil Gier und Egoismus verstaatlicht werden.

Traumatisiert von der eigenen Geschichte, ist Russlands Spagat zwischen Öffnung und Abgrenzung zum Westen auch deshalb so gewagt, weil der Westen seine Haifischzähne nicht immer zeigt, aus denen Öl tropft. Die Fratze, in der Präsident Putin gezeigt wird, überdeckt das eigene Grinsen. (Über den Chodorkowski-Prozess und seine Hintergründe wurde in dieser Zeitung ausführlich berichtet. s. Freitag 42/2005) Es waren IWF- und Weltbankkonzepte, die Russlands chaotische Planwirtschaft in eine Kapitalkonzentration staatsgefährdenden Ausmaßes überführten und deren Anwendung die liberalen, westlich gesinnten Kräfte für lange Zeit diskreditierte. Ob auf dem Rohstoffsektor oder angesichts der Orangenen Revolution in der Ukraine, überall zeigt sich das Bajazzo-Gesicht knallharter Interessenpolitik, deren Widersprüchlichkeit in westlichen Medien gern ausgeblendet wird und in der US-amerikanische Ziele durchaus mit westeuropäischen konkurrieren. Kultur-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik verfolgen jeweils eigene, in sich widersprüchliche Interessen. Sollte es in der Schröder-Regierung ein Konzept für das Verhältnis zu Russland gegeben haben, so blieb es der Öffentlichkeit verborgen. Ein "lupenreiner Demokrat" kann Putin schon deshalb nicht sein, weil das die russischen Verhältnisse gar nicht erlauben. Deutsche Diplomaten vor Ort würden andere Definitionen wählen.

Schmierig wirkt es schon, Gerhard Schröder jetzt als Big Boss im russisch-deutschen Ölgeschäft zu sehen. Ob er selber seine Karten im Pokerspiel um Macht und Vertrauen im deutsch-russischem Verhältnis kennt, vis-à-vis dem geschulten Geheimdienstler, der den Kurs "Wie erringe ich die Sympathie meines Gesprächspartners" sicher mit Bestnoten absolvierte? Man müsste den Teufel fragen. Die Bewerbungsmappe für den neuen Job kennt außer den Beteiligten niemand. Es wird so einiges gemunkelt in den informierten Kreisen. Nur soviel sei hier verraten: Vor 20 Jahren hätte man einem wie ihm wohl den Orden für Deutsch-Sowjetische Freundschaft verliehen.

Christoph D. Brumme, geboren in Wernigerode/Harz, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman Süchtig nach Lügen 2002 bei Kiepenheuer Witsch.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 06.01.2006

Ausgabe 29/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare