Das Lied der grauen Herren

Stuttgart 21 Die Verteidiger des Bahnprojekts tun so, als sei mit der Entscheidung über ein Großprojekt die Zeit stehengeblieben

Wer kennt sie nicht, Michael Endes graue Herren, die aus ihrer Zombie-Starre heraus nur dann Lebenszeichen von sich geben, wenn es ihnen wieder einmal gelungen ist, den Menschen die Zeit zu stehlen und sie ihrer Kreativität, Muße und Lebensfreude zu berauben.

Aber wer kennt die grauen Herren der Planfeststellung? Bewaffnet mit Planungsunterlagen, Tabellen, Statistiken und Zeichnungen dienen sie dem Recht. Seht, hier ist der Planfeststellungsbeschluss. Er ist zwar schon ein paar Jahre alt, aber er steht, bombenfest. Diese grauen Herren erwachen aus ihrer Zombie-Starre, wenn jemand es wagt, die Aktualität und Sinnhaftigkeit ihrer Annahmen zu hinterfragen. Es kümmert sie dagegen wenig, wenn sich die Kosten vervielfacht haben und wegen des – großen Projekten inhärenten – Drangs zu Größerem noch weiter steigen. Was soll das Geschrei, wenn uralte Bäume gefällt werden müssen? Alt gilt generell als veraltet in den Denkkategorien dieser Planer. Wenn ein alter Bahnhof wie der in Stuttgart, vielleicht nicht gerade schön, aber doch mit ausdrucksstarkem Gesicht, der Planung im Wege steht, dann muss er eben weg.

Der durch nichts zu erschütternde Glaube an die „immer währende Wahrheit“, die in ehernen Lettern in einen Planfeststellungsbeschluss gemeißelt wurde, beweist aber allzu oft nicht Standhaftigkeit, sondern nur Verbohrtheit. Wer so von seinem Werk überzeugt ist, wird im Vertrauen auf die Belastbarkeit seiner Argumente jedes ernsthafte Gespräch darüber ablehnen. Baustopp? Papperlapapp!


So entstehen Verhärtung und Verbitterung, mit denen dann für Großprojekte gekämpft wird, wenn die Mehrheit gesetzestreuer Bürger plötzlich nicht mehr mitmachen will. Die ersten Fragen, die gestellt werden, erheitern die grauen Herren noch. Man belustigt sich, wenn Menschen anfangen, sich ihres eigenen Kopfes zu bedienen. Die „kleinen Dummerchen“ bräuchten doch bloß die alten Zeitungen unter ihrem Bett hervorzuholen, um herauszufinden, dass ihre Fragen – von Wissen und Sachverstand ungetrübt – nur Unruhe stiften können.

Aus den fröhlichen grauen Herren werden jedoch allzu bald genervte, wütende und gefährliche graue Männer, die es nicht dulden wollen, dass Bürgerinnen und Bürger den zivilen Gehorsam aufkündigen. Und wenn Jugendliche gar andere Fragen als die Altvorderen stellen, brauchen sie schnellstens eine kalte Dusche, dann müssen sie halt mit Wasserwerfern zur Räson gebracht werden.

Es ist, als sei mit dem Beschluss über ein Großprojekt die Zeit schlagartig stehen geblieben. Die Kosten sind explodiert, die Umwelt ist aus dem Lot, die Bürger gehen auf die Straße? Was kümmert das uns! Für uns – sagen die grauen Herren – gelten Daten und Annahmen von vor 20 oder 30 Jahren. Doch die öffentlichen Haushalte sind inzwischen ein Gruselreigen, ein Totentanz für die demokratischen, künstlerischen Freiheiten einer Gesellschaft, die doch längst begriffen hat, dass es wichtiger ist, in Bildung zu investieren als in Beton.

Jugendliche bleiben ohne Schulabschluss und Ausbildungschancen, weil das Geld hinten und vorne fehlt. Nur Mut, nur Mut. Gehören sie nicht zu uns, dann schreiben wir sie eben ab. Wie die alleinerziehenden Mütter, die nach Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder suchen, damit sie Beruf und Familie unter einen Hut bekommen. Sie sollten sich daran gewöhnen, dass die kontemplative Ruhe ihrer eigenen vier Wände jedem hektischen Arbeitsplatz vorzuziehen ist. Und den Hartz-IV-Empfängern muss man den von Alkohol- und Tabaksünden bereinigten Warenkorb halt als pädagogisch wertvoll andienen.

Sachfrage und Machtfrage

Nun auch noch diese Störenfriede, die nicht einsehen wollen, dass sie die deutsche Nation zum Untergang führen, weil sie nicht einsehen wollen, dass Demut und Gehorsam zum Pflichtenkanon der Bürger gehören. Wenn der Stuttgarter Bahnhof nicht gebaut wird, hat „Deutschland keine Zukunft mehr“.

Mit ihrem Nein gefährden die protestierenden Bürger die Positionen der grauen Herren und ihren Einfluss. Solche Sentimentalitäten muss man ausrotten – und zwar gleich und für immer. Dies ist der Punkt, ab dem die eigentliche Sachfrage über die Notwendigkeit bestimmter Planungen umschlägt in die Machtfrage: hier Bürger – dort Staat, Politik und Unternehmen. Er ist meist nicht vorherzusehen, aber wenn ein solcher Punkt überschritten wird, ist es zu spät für einen fairen Dialog. Das sich dann öffnende Feld von maßlosen Vorwürfen wie erregten Beschimpfungen und die Eskalation der stimmlichen Konfrontation beweisen keineswegs, wie irrtümlich gern angenommen, erhöhte Politikfähigkeit.

Wer das Lied Hoch lebe der Planfeststellungsbeschluss nicht mitsingen will, wird als Egoist denunziert, weil er die grauen Herren in ihre Wagenburgen zwingt. Wer die alten, uralten Beschlüsse zu diskutieren wagt, für den wird Pfefferspray besorgt – und eingesetzt. In ihren Burgen grübeln die grauen Herren über den Undank des Pöbels, der seine Welt nicht nach ihrem Feststellungsbeschluss, sondern nach eigenen Vorstellungen gestalten will. Das Letzte, was man dann hört, ist ihr Gebrabbel über die undankbare Brut.

Heide Simonis (SPD) war 1993 bis 2005 Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein

15:07 14.10.2010

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