Das Modell ist tot! Es lebe das Modell!

Rettungsmanöver Die hoch gelobte Krisenbewältigung Schwedens in den neunziger Jahren taugt nicht als Patentrezept. Es gab damals keine Weltfinanzkrise

Einst stand der Begriff für einen wirtschaftlich erfolgreichen Sozialstaat in Skandinavien, doch dürfte diese Erinnerung neoliberalen Vordenkern aus Politik und Medien heute nur noch ein Schmunzeln entlocken. Dennoch ist das "schwedische Modell" plötzlich hochwillkommen, geht es doch um ein Handlungsmuster zur Reparatur von Exzessen in der Finanzbranche. Es taugte zunächst als Blaupause für den britischen Beistandspakt zwischen Regierung und Banken von Premierminister Gordon Brown. Inzwischen beruft sich halb Europa auf das in Stockholm Anfang der neunziger Jahre erdachte Sanierungsmodell für ein marodes Bankensystem.

Kurz vor dem Kollaps

Immobilien schienen seinerzeit auch im europäischen Norden eine sichere Anlage, besonders für Banken, die ohne adäquate Risikoprüfung Kredite vergaben und das ganz große Stück vom Kuchen schneiden wollten. Da Kreditzinsen steuerlich geltend gemacht werden konnten und eine hohe Inflation die Rückzahlung der Schulden erleichterte, griff die Bevölkerung in Scharen zu. Das Perpetuum mobile für alle schien gefunden. Als mit rückläufiger Konjunktur die Spekulationsblase 1991 platzte, fielen die Preise für Grundstücke in manchen Regionen Schwedens um die Hälfte. Da die Banken Immobilien als Sicherheiten in den Bilanzen hatten, mussten immense Buchverluste realisiert werden. Finanzierungsgesellschaften, die auf kurzfristige Kredite für den Kauf ausländischer Immobilien spezialisiert waren, gerieten in große Zahlungsschwierigkeiten. Als die Krise ihren Zenit erreicht hatte, beliefen sich die Kreditausfälle auf zwölf Prozent des schwedischen Bruttosozialprodukts.

Ende 1991 musste zunächst der Nordbanken frisches Aktienkapital zugeführt werden, in den Folgemonaten gerieten bis auf eine Ausnahme alle großen Bankhäuser Schwedens ins Straucheln. Die Första Föreningssparbanken, randvoll mit wackligen Krediten aus dem Ausland, stand vor dem Konkurs. Die Finanzwelt spekulierte in dieser Lage auf einen rapiden Fall der Krone - Schwedens Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps.

Die gerade frisch ins Amt gewählte rechtsbürgerliche Regierungskoalition unter Führung des heutigen Außenministers Carl Bildt versuchte es zuerst mit Garantieerklärungen bei Första und fusionierte die angeschlagene Bank schließlich mit anderen Sparkassen. Ein erhöhter Staatsanteil bei Nordbanken sorgte nicht für die erhoffte Wirkung, also wurde das Institut vollständig nationalisiert, doch die Spirale drehte sich weiter. Als schließlich die Gotabank um Staatshilfe nachsuchte, sprach die Regierung im September 1992 eine Garantie für alle Gläubiger und Kunden aller Banken im Lande aus. Da eine solche Garantie unterfüttert werden musste, verdoppelten sich in kürzester Zeit die Staatsschulden.

Aber die Regierung in Stockholm hatte diesen Weg nun einmal eingeschlagen, so dass ihr keine andere Wahl blieb, als mit dem 1993 gegründeten Bankstödsnämnden (Bankunterstützungsamt) faule Kredite in Höhe von 65 Milliarden Kronen aufzukaufen und den Banken mit einem gewaltigen Kraftakt die Leichen aus dem Keller zu tragen. Die dabei erworbenen Finanztitel wurden in speziell errichteten staatseigenen Gesellschaften - so genannten bad banks mit den klingenden Namen Securum und Retriva - platziert, wo sie unabhängig von den Banken waren, die diese einst ausgeliehen hatten.

Dank einer wieder anziehenden Konjunktur und international fallender Zinsen war schon 1994 ein Großteil dieser Kredite reguliert, am Ende standen finanzielle Nettobelastungen des Staates von etwa 35 Milliarden Kronen. Rechnet man den Wert des bis heute bestehenden 20-prozentigen Staatsanteils an der aus einer Fusion hervorgegangenen Bank Nordea mit hinzu, machte der Staat nach Angaben von Finanzminister Bo Lundgren bis 2007 sogar einen Gewinn von 154 Millionen Kronen.

Das Management gefeuert

Aus heutiger Sicht kann man kritisch anmerken, dass es auch in Schweden kaum gelang, die für teils kriminelle Kreditmachenschaften verantwortlichen Banken-Manager zur Rechenschaft zu ziehen. Auch wurde das wachsende Staatsdefizit in der Folge vor allem mit Kürzungen bei Sozialleistungen ausgeglichen. Bemerkenswerterweise verweigerte sich die Regierung jedoch dem Verlangen der Banken, staatliche Hilfen ohne Gegenleistung zu geben. Für befristete Garantieerklärungen mussten Gebühren gezahlt werden. Wenn eine der Banken frisches Kapital brauchte, war das nur im Tausch gegen Einfluss im Unternehmen möglich.

Als die in Problemen steckende Großbank SEB einen solchen Einstieg des Staates blockierte, musste die Familiendynastie der Wallenbergs die Bank ohne Staatshilfe sanieren. Rein vorsorglich wurde sogar ein Gesetz erlassen, das es dem Staat erlaubte, eine Bank bei Unterschreiten der vorgeschriebenen Kapitaldecke notfalls auch gegen den Willen der Aktionäre zu übernehmen. Mit der so errungenen Macht in Häusern wie Gotabank und Nordbanken im Rücken feuerte die Regierung dort fast die gesamte Führungsriege und ersetzte sie durch unabhängige Experten. Die vorgesehene "Entlassungsprämie" von fünf Jahresgehältern reduzierte sich letztlich auf zwei, da der schwedische Staat - nunmehr als Eigentümer - vor Gericht erfolgreich auf Schadenersatz klagte. Man wird sehen, ob die große Koalition in Berlin bei ihrem Rettungspaket den Mut hat, vergleichbare Konsequenzen zu ziehen.

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