Das Muss im Fluss

Kino In „Call me by your Name“ erzählt Luca Guadagnino zwei Stunden lang leuchtend von einer heiß-kalten schwulen Liebe

Der erste Eindruck von Oliver fällt beim 17-jährigen Ich-Erzähler Elio in André Acimans Roman Call me by your Name (2007) wenig begeistert aus: „Der diesjährige Sommergast, wieder einer dieser Langweiler.“ Der Doktorand aus den USA mit den blonden Haaren und dem auffälligen Davidstern an der Goldkette setzt die Reihe junger Akademiker fort, die den Sommer im italienischen Ferienhaus von Elios professoralem Vater verbringen dürfen, als Gegenleistung für ein paar Sekretärstätigkeiten. Schon ein paar Seiten später schreibt Elio in sein Tagebuch: „Ich würde alles für ihn tun!“

In Proust’scher Detailfreude schwelgt Aciman in Elios Heiß-Kalt-Empfindungen, einem überbordenden Bewussteinsfluss aus hilflosen Distanzierungen und umso heftigeren Schwärmereien, gefiltert durch einen altklugen Kunstverstand und das bildungsbürgerliche Selbstbewusstsein seiner Familie. Ein kleiner Klugscheißer mit Sinn für das Schöne, im heillosen Durcheinander seiner ersten großen schwulen Liebe.

Luca Guadagninos Verfilmung von Call me by your Name befreit sich effizient von der hochgepitchten Ich-Perspektive des Romans. Die Kamera beobachtet Elio (Timothée Chalamet), der wiederum Oliver (Armie Hammer) beobachtet, aus freundlicher, quasi familiärer Distanz, und registriert nur in den linkischen Bewegungen und dem facettenreichen Mienenspiel von Chalamet den Wechsel von „Eiszeit und Sonnenglut“ (Aciman), der ihn innerlich umtreibt.

Auch die große italienische Sommerkulisse zu Tode gefilmter Ansichten (der Roman spielt an der italienischen Riviera) gerät, verlegt in die wenig spektakuläre Cremona, zum reinen Sommermaterial: Lichtreflexe, Zikaden-Sounds, reflektierendes Wasser, der Staub der Landstraßen. Kameramann Sayombhu Mukdeeprom filmt das, wie er für Apichatpong Weerasethakul schon den thailändischen Urwald gefilmt hat: ohne den Hauch einer Stilisierung, mit einem Blick auf die einfachen Wechselwirkungen von Bewegung, Licht und Natur, der das sich entfaltende menschliche Drama ins Offene ausspielt.

Dieses Drama, das von einer heiß-kalten Schwärmerei erzählt, aus der eine handfeste körperliche Beziehung wird, die schließlich in die Erfahrung von Abschied und Verlust mündet, kreist um den Moment des Sicherklärens, des Geständnisses, des Sichverletzlichmachens, der auch dann nicht vorübergeht, wenn längst sexuelle Tatsachen geschaffen wurden.

Die meisten Texte über diesen Film definieren ihn als romantischen Entwurf über die universelle Erfahrung der ersten Liebe, völlig unabhängig davon, dass sich hier ein männlicher Jugendlicher und ein junger Mann ineinander verlieben – man möchte aus diesem Stoff kein Nischenprogramm machen. Man kann darin auch die Sehnsucht herauslesen, Unterschiede in den Formen des Begehrens endlich als irrelevant zu behaupten, denn in einem diskriminierungsfreien Raum sei schließlich Liebe einfach gleich Liebe. Beide Hauptdarsteller wiederholen in ihrer charmanten NoHomo-Buddyperformance diese Idee unablässig in den Mainstream-Medien, für Interviews mit der LGBT-Presse standen sie nicht zur Verfügung. Elios liberale Eltern sind Stellvertreter für diese Sicht im Film, spätestens dann, wenn der Vater den schwulen Liebeskummer des Sohns am Ende als Ausdruck emotionalen Reichtums und Fähigkeit zur intensiven Wahrnehmung deklariert.

Dabei bietet der Film alles andere als wohlfeile Universalismen an. Elios und Olivers Liebe ist sehr konkret, und gerade in dieser Konkretion für beide eine Überforderung. Sie findet nicht in der Öffentlichkeit statt, der Film spielt Mitte der 1980er – von Aids hat man schon das eine oder andere gehört, mehr als versteckte Berührungen in den Straßen ist nicht drin.

Wenn Elio endlich so etwas Ähnliches wie ein Liebesgeständnis herausbringt, geschieht das über ein Kriegsdenkmal hinweg; als bräuchte es das Unglück vieler, die wichtige Erfahrungen nicht haben machen können. Olivers und Elios Davidstern-Ketten sind Einübungen im Veröffentlichen des geteilten Außenseitertums, Olivers Tanz zum Song Love my Way von den Psychedelic Furs erscheint wie eine körperliche Reaktion auf die Ermunterung zum Ausleben nicht normierter Sexualität: „Love my way, it’s a new Road/I follow where my Mind goes.“

Verhinderte Nacktheit

Es ist erstaunlich, wie der 89-jährige James Ivory in seinem Drehbuch die ausufernde Schwärmerei des Romans auf Dialoge reduziert hat, die um die Schwierigkeiten kreisen, zu einer Sprache zu finden, die zu Berührungen führen soll. Und noch erstaunlicher ist es, wie Luca Guadagnino den Materialismus des Kinos, die Reaktion von 35mm-Film auf natürliches Licht, die nervöse Intensität eines noch nicht allzu erfahrenen Schauspielers, den cleanen Superhelden-Körper von Armie Hammer, die vertraglich verhinderte Nacktheit der Stars, die schöne Überdeutlichkeit der Songs von Sufjan Stevens, die Ver- und Enthüllungspraxen der 80er-Jahre-Mode nutzt, um ein Begehren nach Konkretion zu erzeugen. Wie das Aprikosenfleisch an Elios Fingern. Oder das Sperma, das sich Oliver von der behaarten Brust wischt.

Nicht zweimal in den gleichen Fluss springen zu können, ist nicht der Reim, den sich Oliver auf sein Studienobjekt Heraklit macht. Sondern dass man ständig im Fluss bleiben muss, um zu existieren. Und so fließt dieser Film zwei leuchtende Stunden lang. Am Ende schauen wir minutenlang auf Elios Gesicht nach der Trennung, ein Ausdruck völliger Aufgewühltheit, während hinter ihm der großbürgerliche Tisch gedeckt wird. Und seine Mutter ihn schließlich bei seinem Namen nennt.

Info

Call me by your Name Luca Guadagnino ITA/FRA/BRA/USA 2017, 132 Minuten

06:00 11.03.2018

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