Das neue Ägypten

Zwiespalt Der Protest in Ägypten ist so bunt, wie es niemand für möglich gehalten hätte. Doch der Westen zögert, ihn voll zu unterstützen – aus falscher Angst vor den Islamisten

Doch, man durfte hoffen. Das Land würde seine besten Jahre erleben, jetzt, da einer aus dem Volk dessen Geschicke leitete. Gamal Abd Al-Nasser, aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte sich im ägyptischen Militär kontinuierlich nach oben gearbeitet. Und nun, da er ab 1956 dem Land als Präsident vorstand, konnten dessen Bewohner mit guten Gründen annehmen, dass die Zeit der Kleptokraten unter König Faruk vorbei sei. Die alte Ordnung war gestürzt, nun übernahm die Jugend. Leicht würde es allerdings nicht werden, warnte der Präsident. Fundamente legen, Tunnels bauen, Maschinen aufstellen, so sähe es aus, das Programm der kommenden Jahre. Hoffnung könne eine Gesellschaft nur aus sich selbst schöpfen, erklärte der Präsident. Das ideologische Programm lag auf der Hand: „Das Ziel der revolutionären Tätigkeit ist es, das Volk in einem solchen Maß zu mobilisieren, dass es die Opfer auf sich nimmt.“

Die derzeitige Aufbruchsstimmung in Ägypten ähnelt auf eigentümliche Weise jener, die das Land vor knapp 60 Jahre durchlief, als Nasser die Präsidentschaft übernahm. Wie Musik klangen seine Reden der Bevölkerung in den Ohren – Reden, die auch jenseits der ägyptischen Grenzen ein begeistertes Publikum fanden. Seine Mutter, erinnert sich der palästinensische, damals in Jerusalem lebende Philosoph Sari Nusseibeh, „lauschte den Reden Nassers mit demselben Genuss wie ihren Lieblingsplatten“. Die süße Melodie der Revolution zog durch das Land, und die arabische Welt sog sich voll mit den Ideen der Zeit. „An allen Wänden prangen Losungen“, erinnert sich der 1950 geborene tunesische Schriftsteller Hassouna Mosbahi. „In diesem Land gibt es zahllose Lehren und Gruppierungen. Wir kennen Trotzkisten, Maoisten, Stalinisten, Guevaristen, revisionistische Marxisten, Albaner und Anhänger der Studentenbewegung von ’68.“

Schlag für die Ungläubigen

Programme aus einer anderen Zeit. Und doch sind sie mehr als nur Stoff für nostalgische Erinnerungen der in die Jahre gekommenen arabischen Linken. Sie zeigen, dass in ideell angeblich festgefahrenen Gesellschaften – wie nach westlicher Lesart auch die muslimische Welt von heute eine ist – sehr wohl ganz unterschiedliche Weltanschauungen und Ideen blühen, vorausgesetzt, diese Ideen geben zur Vermutung Anlass, es lasse sich mit ihnen die Gegenwart und mehr noch die Zukunft gestalten. Wenn man im Westen nun aber die wenig ermutigend scheinenden Szenarien wie die Machtübernahme durch die Muslimbrüder durchspielt, so auch darum, weil man verstanden hat, dass die säkularen Ideale im Ägypten der sechziger Jahre an einem schnödem Materialismus zugrunde gingen, betrieben von einer Macht, der man 30 Jahre lang unbesehen die Treue gehalten hat.

Umso erstaunlicher ist es, was für ein eigentümlicher Idealismus sich in weiten Teilen der westlichen Islamkritik herausgebildet hat. Man argumentiert, als wäre der Säkularismus und Panarabismus unter Nasser und seinem tunesischen, von 1957 bis 1987 amtierenden Amtskollegen Bourguiba nur ein buntes Intermezzo gewesen, das nach einigen Jahren wieder verpufft und dem gewichen wäre, was in der arabischen Welt seinen angestammten und unverrückbaren Platz habe: dem politischen Islam. Aber Weltanschauungen entstehen nicht aus dem Nichts. Vor allem sind sie nicht frei von materiellem Kalkül. Und so übt das Sein auch in der arabischen Welt einen diskreten Einfluss auf das Bewusstsein aus. Die säkularen Ideen lösten sich dort in einem Moment auf, in dem zwei entscheidende Ereignisse zusammenfielen: Der von Nasser mit großem Pomp angekündigte und dann in einer herben Niederlage endende Krieg gegen Israel im Jahr 1967. Und der gleichzeitige Aufstieg der saudischen Ölmonarchen mit ihrem alles überstrahlenden Reichtum. Der Säkularismus hatte durch die Niederlage gegen Israel eine kaum zu verkraftende Schmach erlitten – und die frommen Scheichs von der arabischen Halbinsel konnten sich vor Reichtum nicht mehr retten. „Daraus den Schluss zu ziehen, Gott belohne die Seinen und bestrafe die Sünder, lag auf der Hand“, kommentiert der libanesische Historiker George Corm den ideellen Umschwung, den die arabische Welt in jener Zeit durchlief.

Die Krallen der fetten Katzen

Doch der hätte in Ägypten milder ausfallen können, hätten die säkularen Militärs ihre Ideale nicht selbst verraten, indem sie sie exzessiv verzerrten. Eine neoliberale, auf Steuersenkungen und forcierte Privatisierung setzende Wirtschaftspolitik, die dem Land 2007 den von der Weltbank verliehenen Titel des „weltweit besten Reformers“ eintrug; damit verbundene Wachstumsquoten von sieben Prozent bis zum Krisenjahr 2008, die allerdings überwiegend den so genannten „fetten Katzen“, den wirtschaftlichen Eliten des Landes, zugute kommen. Die Hälfte der jungen Ägypter zwischen 15 und 29 Jahren finden dagegen keine Arbeit und zwei Drittel der Bevölkerung leben ohne gesichertes Einkommen, oft hart an, noch öfter unterhalb der Grenze zur Armut: Es waren solche Entwicklungen, an denen die säkularen Ideologien zuschanden gingen. Mehr aber noch hat darunter die Glaubwürdigkeit der Regierung Mubarak gelitten. Von deren moralischen Konkurs profitierten auch die Muslimbrüder, deren soziale Netze und Hilfsdienste gerade den ärmsten Ägyptern wirksam unter die Arme greifen.

Aber könnten sie wirklich die Revolution aus dem Ruder laufen lassen, wie man mit Verweis auf den Iran 1979 im Westen befürchtet? Wohl nicht. Denn gerade die iranische Revolution hat gezeigt, was passiert, wenn eine religiöse Bewegung zur Diktatur mutiert. Und mit einem, wenn nicht diktatorischen, so doch autoritären Regime haben die Muslimbrüder im eigenen Land hinreichend Erfahrungen gemacht. Im Parlament zu sitzen und gleichzeitig verboten und doch wiederum geduldet zu sein – solche Erfahrungen haben auch Teile der Muslimbrüder gegen die totalitäre Versuchung immunisiert. Einige Hasardeure und politische Hardliner mögen sich die totale Machtübernahme vorstellen können. Aber die Mehrheit der Muslimbrüder kann es nicht. Sie kann es schon darum nicht, weil sie sich durch Argumente, die Kraft des Wortes legitimieren muss – und eben nicht durch die Kraft des Stärkeren.

Die Ägypter haben erfahren, dass ein autoritärer Staat seine Bevölkerung immer seltener unter Kontrolle zu halten vermag. Eben darum hält sich auch die Bewegung Kifaya, die die Revolution mit anstieß, ideologisch zurück. Sie argumentiert rein politisch, ohne explizite weltanschauliche Bekenntnisse. „Wir kommen aus verschiedenen Bereichen des Lebens und repräsentieren zusammen Ägypten reiche politische Vielfalt“, heißt es auf der Webseite der Bewegung. Nach langen säkularen und religiösen Experimenten entdecken die Ägypter nun die Vorzüge einer postideologischen Staatsordnung. Das allein heißt noch nicht viel. Denn die Reichtümer, die die „fetten Katzen“ in den letzten Jahren angehäuft haben, werden neu verteilt. Kampflos werden sie die aber nicht hergeben. Die dann ausbrechenden Kämpfe wären zwar nicht mehr ideologisch motiviert. Aber weniger harmlos sind sie darum nicht.

Kersten Knipp ist Romanist und beschäftigt sich unter anderem mit der säkularen Kultur im Nahen Osten nach der Kolonialherrschaft

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10:15 10.02.2011

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