Das neue Gesicht des Geldes

Zukunft Regionalwährung, Bitcoins, Vollgeld: In Frankfurt treffen sich die Wegbereiter alternativer Währungssysteme
Jakob Blume | Ausgabe 17/2015 27

Das Grundwasser ist verseucht. Die Klimaerwärmung beschwört Katastrophen herauf und die Wirtschaft richtet die Menschen langsam zu Grunde. Als Wurzel all dieses Übels hat Frank Jansky das vorherrschende Geldsystem ausgemacht: „Das fliegt uns noch um die Ohren“, prophezeit er. Deshalb hat der Rechtsanwalt aus Güsen in Sachsen-Anhalt 2004 die Regionalwährung „Urstromtaler“ ins Leben gerufen. Solche regional beschränkten Zahlungsmittel sollen helfen, die lokale Wirtschaft zu unterstützen, den Konsum anzuregen – und ein Stück Unabhängigkeit vom Finanzsystem zu erreichen. Heute steht Jansky dem Regionalgeldverband vor, in dem mehr als 30 Initiativen aus Mitteleuropa organisiert sind. Unermüdlich reist er durch die Republik, um für seine Idee zu werben und über Alternativen zum Euro zu sprechen, vergangenes Wochenende beim „Geldkongress“ an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Alternativen zum bestehenden Finanzsystem diskutierten dort Öko-Idealisten und Ex-Unternehmensberater, Wissenschaftler und Studenten, Banker, Politiker und Aktivisten. Sie eint der Wunsch, das Monopol der Banken auf die Geldschöpfung zu brechen. Denn der mit Abstand größte Teil des Geldes wird von den Geschäftsbanken wie aus dem Nichts bei der Kreditvergabe erschaffen. Dafür bucht eine Bank ihrem Kunden einen positiven Betrag aufs Konto, den dieser nach der Laufzeit des Kredits mit Zinsen zurückzahlen muss. So schöpft sie sogenanntes Buchgeld.

Die Banken müssen allerdings nur einen Bruchteil aller Einlagen bar vorhalten. So sind ihnen bei der Schöpfung von Buchgeld kaum Grenzen gesetzt. Laut Bundesbank ist in Deutschland der Buchgeldbestand etwa fünfmal höher als der Bargeldbestand. Kritiker wie der Ökonom und Soziologe Helge Peukert sehen in dieser exzessiven Geldschöpfung einen der Hauptauslöser von Spekulationsblasen und Wirtschaftskrisen.

Das Monopol brechen

Regionalwährungen wie der Chiemgauer, der Elbtaler oder Tauberfranken haben zwar häufig ein festes Wechselverhältnis zum Euro. Dennoch ist Jansky überzeugt, dass sie das Monopol der Banken brechen können. Als Beweis sieht er die Reaktionen von Bundesbank und Finanzaufsicht auf die Bewegung. Manche Initiativen hätten Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen müssen, Dokumente seien beschlagnahmt worden. „Wir sind ganz dicht dran, sonst würde sich die Bundesbank nicht so verhalten“, ist sich Jansky sicher. „Die Banken treten jedes Mal an, wenn ihr Monopol auf dem Spiel steht.“ Das bestehende Geldsystem sei ein Relikt der 1930er Jahre.

Dass die Regio-Währungen für die Gesamtwirtschaft noch immer vollkommen unbedeutend sind, stört ihn nicht weiter. „Wir schaffen Bildung – daher haben Regio-Währungen ihre Berechtigung.“ Seine Regionalwährung, die nicht mehr „Urstromtaler“ sondern „W.I.R“ heißt, wird mittlerweile von einer Schülerbank aus der Region Elbe-Parey herausgegeben.

Nicht regional, sondern global denkt dagegen Radoslav Albrecht. Er ist Gründer und Chef einer Firma, die Kredite in der Digitalwährung Bitcoin vermittelt. Albrecht, der zuvor für die Deutsche Bank und bei der Unternehmensberatung Roland Berger gearbeitet hat, ist als Sprecher der Lobby-Organisation Bitcoin dafür zuständig, das immer noch dubiose Image der Krypto-Währung zu verbessern. „Das Geniale an Bitcoin ist, dass alle Transaktionen in einem öffentlichen Register einsehbar sind“, sagt er. Die Geldschöpfung übernehmen sogenannte „Miner“, die Rechenleistung zur Verfügung stellen. Das Schürfen der Bitcoins funktioniert im Wesentlichen über die Lösung einer komplexen, kryptographischen Aufgabe. Weltweit konkurrieren Rechner um die Lösung der Aufgabe – und werden dafür mit Bitcoins entlohnt. Alle zehn Minuten werden 25 Bitcoins erschaffen, ein Bitcoin hat derzeit einen Gegenwert von knapp 240 Dollar. Die Geldmenge ist festgelegt – auf maximal 21 Millionen Einheiten. Im Grunde erreicht der Bitcoins das gleiche Ziel wie die Regionalwährungen: Er untergräbt das Geldschöpfungsmonopol der Banken. Der gesamte Prozess komme ohne die Beteiligung von Banken als Dienstleister aus, sagt Albrecht.

Die älteste Idee, den Geschäftsbanken die Grundlage für die Geldschöpfung zu entziehen, vertritt die Vollgeld-Bewegung. Basierend auf einem Konzept von US-Wirtschaftswissenschaftlern, ebenfalls aus den 1930er Jahren, fordern die Vollgeld-Befürworter, den Mindestreservesatz für Banken auf 100 Prozent anzuheben. Damit wäre die Geldschöpfung allein in der Hand der Zentralbank, die dafür sorgen könnte, dass die Geldmenge nicht überproportional zur Realwirtschaft wächst. Die Gewinne aus der Geldschöpfung, Seigniorage genannt, streicht in diesem Fall allein die Zentralbank ein – und führt sie an den Staat zurück. Daraus sollen eine niedrigere Krisenanfälligkeit der Staaten und sinkende Staatsschulden resultieren.

In Deutschland tritt die Initiative „Monetative“ für Vollgeld ein, in der Schweiz bereiten Aktivisten eine Volksabstimmung über das Thema vor (siehe Der Freitag Nr. 43/2014). Doch „Vollgeld alleine reicht nicht, wir brauchen eine grundlegende Reform“, sagt Hajo Köhn, Mitinitiator der Bewegung „Neue Geldordnung“ und einer der Köpfe hinter Occupy. Von Regio-Währungen über Bitcoins bis zum Vollgeld: Das Durcheinander von Lösungsansätzen sei für Laien nur schwer zu durchdringen. „Wir müssen das Geld in seiner ganzen Komplexität in die Bevölkerung tragen.“

Gerald Häfner, für die Grünen einst im Europaparlament, äußerte sich beim Geldkongress in Frankfurt ähnlich: Ein Großteil der Bevölkerung habe ein ähnliches Verständnis von Geld wie Analphabeten vom Lesen: „Wir brauchen eine ‚Alphabetisierung‘ bei Geldthemen.“ Die beste Möglichkeit, eine Diskussion über das Geldsystem anzuschieben, böten Volksentscheide wie in der Schweiz. Er rechnet zwar fest mit dem Scheitern der Initiative. Aber: „Das ist kein Drama. Die Vollgeldinitiative ähnelt einer Volkshochschulveranstaltung.“ Zweifel an der Bedeutung von Graswurzel-Bewegungen hat er trotz kurzfristig geringer Erfolgsaussichten nicht. „Ich sehe keinen anderen geeigneten Akteur“, sagt Häfner. Die Geldfrage müsse mit der Demokratiefrage verknüpft werden und brauche einen Volksentscheid auf europäischer Ebene. Immerhin, beobachtet Häfner, werde Vollgeld immer breiter diskutiert.

Jakob Blume ist Volkswirt und arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main

06:00 27.04.2015

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