Das Ombud

Norwegen Skandinavien gilt als Paradies der Gleichberechtigung. Was ist wahr daran?

In Norwegen haben die Frauen das Sagen. So scheint es zumindest auf den ersten Blick - vorausgesetzt, man wirft diesen ersten Blick auf die politische Landschaft. Von 1981 bis 1996 stand mit kurzen Unterbrechungen mit Gro Harlem Brundtland, die heute Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation ist, eine Frau an der Spitze der Regierung. Auch die größten Oppositionsparteien wurden lange Zeit von Frauen geführt. Egal welche Regierung an der Macht ist, seit 20 Jahren sind mindestens 40 Prozent der Minister weiblichen Geschlechts und auch im Parlament sitzen seit mehreren Legislaturperioden schon um die 40 Prozent Frauen.

Vorzeigeland Norwegen?


Eigentlich braucht man sich nicht zu wundern, dass es in Norwegen mit der Gleichstellung der Geschlechter so gut klappt. Denn wie in allen skandinavischen Staaten wacht auch hier ein Ombudsman darüber, dass Mann und Frau gleiche Möglichkeiten haben.

Aber ein Ombudsman für Gleichstellungsfragen? Bevor man sich in Norwegen 1978 zur Einführung einer solchen Position entschloss, stritt man zunächst um dessen politisch korrekte Bezeichnung. Dass jemand, der die Endung -man im Titel trug, unmöglich für die Gleichberechtigung eintreten konnte, wurde schnell klar. Es wurde also diskutiert und beraten und schließlich wurde das Ombud (sächlich!) geboren. Das Ombud hat die Aufgabe, Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern nachzugehen, die sich auf Grund ihres Geschlechts benachteiligt fühlen und die Einhaltung des 1979 beschlossenen Gleichstellungsgesetzes zu überwachen.

"Dieses Gesetz dient der Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und zielt besonders darauf ab, die Situation der Frau zu verbessern." So steht es im Paragraph 1 und wenn alles verwirklicht wäre, was der gutmeinende Gesetzgeber vorsieht, wäre die Position des Ombud schon lange überflüssig. Doch trotz eines langen Erfolgsweges ist man auch in Norwegen noch lange nicht am Ziel angekommen.

Ein Blick in die Geschichte


Im 19. Jahrhundert waren die Frauen rechtlose "Anhängsel" ihrer Ehegatten. Ohne deren Zustimmung konnten sie, wie man von Ibsens Nora weiß, keine Geldgeschäfte tätigen. 1885 begannen sich einige Frauen gegen diese Bevormundung zur wehren und gründeten die "Norwegische Suffragetten Vereinigung". Obwohl sie von ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen wie Wesen vom anderen Stern betrachtet wurden, konnten die nordischen Suffragetten schon bald erste Erfolge vorweisen. 1888 wurde das Ehegesetz geändert und den Frauen das Recht auf eigenen Besitz zugestanden. Von da an war die norwegische Nora nicht mehr zur Fälschung von Unterschriften gezwungen, um sich Geld zu beschaffen - der erste Schritt zum Ausbruch aus dem Puppenheim war gemacht.

1895 waren Frauen erstmals zur Wahl aufgerufen. Bei lokalen Abstimmungen über das Verbot des Alkoholverkaufs durften sie - auf ausdrücklichen Wunsch der Behörden - ihre Stimme abgeben. Uneigennützig geschah das nicht, im Gegenteil, die Damen waren Stimmvieh für die gute Sache. Die Obrigkeit wollte nämlich den Verkauf von Alkohol verbieten, und da Frauen in dieser Frage als vernünftiger galten, sollten sie mitwählen und ihren "versoffenen" Ehemännern die Mehrheit für den Alkohol vermiesen. Was ihnen auch gelang.

1901 durften Frauen bei lokalen Wahlen ihre Stimme abgeben und ab 1907 konnten die reicheren Damen auch bei Parlamentswahlen abstimmen. Da es von solchen aber nur wenige gab, bestand das Frauenwahlrecht eigentlich nur auf dem Papier. 1911 rückte die erste Frau ins norwegische Parlament. Das Wort "rücken" trifft die Sache genau, denn Anna Rogstad, der diese Ehre zuteil wurde, bekam ihren Platz nur, weil ein gewählter Parlamentarier verstorben war.

1913 wurde in Norwegen das allgemeine Stimmrecht für Frauen eingeführt. Nur die Finninnen - sie erhielten das Wahlrecht bereits 1906 - waren in Europa früher dran. Eine Erfolgsstory war der Kampf um die Gleichberechtigung aber auch in Norwegen nicht. Von 1922 an konnten zwar auch Frauen laut Gesetz Ministerinnen werden, doch es dauerte bis 1945 bis Kristen Hansteen der Sprung auf die Kabinettsbank gelang. Sie war damals eine typische Alibifrau, die als "konsultative Ministerin ohne Geschäftsbereich" nicht all zu viel "Schaden" anrichten konnte. Drei Jahre später rafften die alten Herren der regierenden Arbeiterpartei schließlich allen Mut zusammen und übertrugen einer Frau ein "richtiges" Ministeramt - Aslaug Aasland wurde Gesundheits- und Sozialministerin.

Der Quantensprung der Emanzipation ereignete sich dann in den Siebzigern. Durch verbesserte Sozialleistungen erhielten immer mehr Frauen die Chance zu einer höheren Ausbildung. An den Universitäten wurde die männliche Dominanz allmählich gebrochen. Nach den Kommunalwahlen 1971 meldeten die norwegischen Zeitungen halb bewundernd, halb geschockt: "Die Frauen kommen auf breiter Front" oder "Frauen erzielen einen k.o.-Sieg bei der Stadtratswahl"

Die Zeitungen übertrieben: Nur 15 Prozent der kommunalen Abgeordneten waren Frauen - aber in den beiden Großstädten Oslo und Trondheim hatten die Frauen wirklich die Macht übernommen. 1981 wurde dann Gro Harlem Brundtland das erste Mal - damals nur für ein paar Monate - Ministerpräsidentin und seitdem wird Norwegen weltweit als das Vorzeigeland der Gleichberechtigung gefeiert.

Umstrittenes Erziehungsgeld


Die Betreuung von Kleinkindern ist in Norwegen vergleichsweise optimal. Ein Krippenplatz ist kein Luxus und deswegen muss die Geburt eines Kindes für eine Frau nicht gleichzeitig einen Karriereeinschnitt bedeuten. Trotzdem gibt es um die Frage der Kinderbetreuung seit einigen Jahren heftige Diskussionen. Vor einigen Jahren führte die damalige christlich-bürgerliche Regierung nämlich ein Erziehungsgeld in Höhe von umgerechnet 350 Euro monatlich ein, das an alle Familien ausbezahlt wird, die ihre ein bis zwei Jahre alten Kinder zu Hause erziehen. Viele Frauenverbände betrachten die scheinbare "Großzügigkeit" des Staates als Rückschritt, denn sie befürchten, dass durch die Geldgeschenke viele Frauen wieder an den Herd zurückgelockt werden sollen.

Von wirklicher Gleichberechtigung sind die Norwegerinnen jedoch noch weit entfernt. Auch 1996 betrug ihr durchschnittlicher Stundenlohn nur gut 80 Prozent von dem der männlichen Kollegen. Obwohl diese Zahl nicht gerade auf eine gerechte Lohnverteilung zwischen den Geschlechtern hindeutet, liegt Norwegen damit trotzdem weltweit mit an der Spitze.

Während die Frauen in der Politik auf breiter Front in Führungspositionen aufgestiegen sind, sieht es in der Wirtschaft anders aus. Unter den Direktoren der 200 größten norwegischen Firmen sind exakt Null Frauen, im oberen Management macht ihr Anteil beschämende vier Prozent aus und auch in der mittleren Führungsschicht ist gerade mal jeder zehnte Angestellte weiblichen Geschlechts. Wo es ums Geld geht, bleiben die Männer unter sich.

Da hilft es auch nicht, dass Frauen in der Regel besser ausgebildet sind und bereits heute die Mehrheit der Universitätsabsolventen stellen. Sie steigen auch zeitgleich mit den Männern ins Arbeitsleben ein, doch auf der Karriereleiter klettern, wie überall, die Männer anschließend schneller. Damit die in ihren Vorstandszimmern auf die Dauer nicht unter sich bleiben, hat Karita Bekkemellem Orheim, die damals als Kinder- und Familienministerin für Gleichstellungsfragen zuständig war, Mitte 2001 einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, der eine Art Quotenregelung für Führungspositionen vorsieht.

Obwohl eine völlige Gleichberechtigung der Geschlechter selbst in Norwegen noch nicht erreicht ist, sucht man radikale Feministinnen vergeblich. "Schwanz-ab-Parolen" gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber auch die besondere Betonung weiblicher Werte, wie etwa erhöhte Sozialkompetenz, spielt in der Argumentation norwegischer Frauengruppen kein Rolle. Ihre Forderung sind ganz einfach, sie wollen gleiche Chancen und das nicht nur in typischen Frauenberufen.

Überrepräsentiert sind Frauen nach wie vor am Kochtopf. Während eine voll berufstätige Frau statistisch gesehen vier Stunden und acht Minuten im Haushalt arbeitet, legt ihr ebenfalls berufstätiger Mann bereits nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden den Putzlappen oder den Kochlöffel aus der Hand. Im privaten Haushalt hat das Ombud leider keine Eingriffsmöglichkeiten, doch die Frauen wehren sich selbst. Die Scheidungsrate nimmt ständig zu - rein statistisch gesehen haben 42,5 Prozent aller 65 Jahre alten norwegischen Frauen mindestens eine geschiedene Ehe hinter sich ... und meist haben sie die Scheidung selbst eingereicht.

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00:00 18.01.2002

Ausgabe 39/2020

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