Das passende Sendeumfeld

Medientagebuch Sex oder Moral: Neue Folgen von "Sex and the city" und "Eine himmlische Familie"

Kürzlich wurde in den USA vom Parents Television Council eine Liste der zehn familienfreundlichsten Serien veröffentlicht; Eine himmlische Familie rangierte - naturgemäß - ganz oben. Die Serie erfreut sich bei den 14- bis 49Jährigen großer Beliebtheit. Grob umrissen dreht sich Eine himmlische Familie um das beschaulich-aufregende Leben Reverend Eric Camdens, seiner Frau Annie und ihrer zahlreichen Kinder in einer kalifornischen Kleinstadt namens Glenoak. Wenn der Serie ein Grundthema eigen ist, dann ist es die Moral, die Moral und nochmals die Moral. Und bloß kein Sex. Das dürfte es schwierig machen, die Protagonistinnen aus Sex and the City zu einem Besuch in Camden-Town zu überreden: Bei Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte dreht sich alles um Sex. Und bloß nicht um Moral. Jedenfalls nicht, wenn es um Sex geht.

Die Konzeption von Sex and the city erfolgte natürlich im Hinblick auf eine ganz andere Zielgruppe. Die Damen sollen die kaufkräftigen Thirtysomethings - auf Deutsch die modernen Großstadtsingles - vor den Fernseher locken, denn die kennen nicht nur das vertrackte Paarungsspiel, sondern hängen auch nach langem Berufsalltag einfach nur gern ab. Die Serie basiert auf dem Erfolgsbuch von Candace Bushnell, einer ehemaligen Kolumnistin der New York Post, die ihr Alter Ego Carrie und deren drei glamourösen Freundinnen auf die Jagd nach willigen - und möglichst attraktiven - Sex- und Lebenspartnern schickt. Hintergrundkulisse ist Manhattan: eine Welt voller Cappucinos, Taxis, umwerfender Interieurs, hipper Nachtlokale und Küsschen, Küsschen.

Sex and the City setzt in der Regel mit einer mehr oder minder existentiellen Frage Carries ein, beispielsweise: "Ist die Idee der romantischen Liebe ein Fluch?" Woraufhin sie sich bei der Suche nach Antworten der Erfahrungswerte ihrer weiblichen und männlichen Freunde bedient, oder auf diverse abenteuerliche Affären einlässt. Die Erforschung des eigenen und fremden Geschlechtstriebs verursacht dabei Situationen, die nicht nur peinlich werden können, sondern auch zum übermäßigen Genuss von Marlboro Lights und Cosmopolitans führen, und leider, leider nicht immer zum gewünschten Höhepunkt. So ist nun einmal das Single-Leben; das Leben in der Großstadt ist und bleibt ein Moloch.

Auch Lucy, Reverend Camdens Tochter, muss das erfahren. Zumindest das mit dem Moloch. Ein paar Wochen hält sie wacker auf dem College in New York durch. Mit ihrem Verlobten an der Seite ist sie zum ersten Mal fern jeglicher elterlichen Obhut. Dann aber wird sie Zeugin des allzu lockeren Umgangs ihrer Schwiegereltern in spe mit Drogen (Haschisch) und Alkohol, woraufhin sie heimwärts ins Westküstennest flüchtet. "Das ist eben keine Camden-Welt da draußen", seufzt sie, und sinkt erleichtert in die Arme ihrer Mutter.

Ein idyllisches Bild ganz nach dem Geschmack von Marketingstrategen wie etwa Procter Gamble. Die gehören zu der Gruppe von US-Advertisern, denen Sex und Gewalt im Fernsehen schon lange ein Dorn im Auge ist. General Motors, IBM, AT and Sears finden es nämlich langsam Besorgnis erregend, dass für ihre Produkte nicht genügend passendes Sendeumfeld vorhanden ist. Weswegen sie einen finanziellen Zusammenschluss gebildet haben, der die Entwicklung familienfreundlicher Shows vorantreiben soll. Unter den Zuschauern solcher Serien vermuten die Werbekunden ihre bevorzugte Konsumentin: die Hausfrau.

Serien sind natürlich nicht nur Resultate einer werbetreibenden Wirtschaft, sie sind auch Ausdruck des Zeitgeists (von künstlerischen Ansprüchen ganz zu schweigen). Nicht selten lässt sich in ihnen nachlesen, an welcher Stelle das Selbstverständnis der Gesellschaft hinsichtlich bestimmter Themen angelangt ist. So wären im Fernsehen vor zehn Jahren zwar die Camdens möglich gewesen, nicht aber Carrie Co. Weibliche Promiskuität, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, losgelassen auf die männliche Einwohnerschaft: ein Skandal. Eine manchmal masturbierende, dauerhaft sexuell aktive Frau: ein Flittchen. Auch die Schauspielerin Kim Catrall sieht den Erfolg ihres Charakters Samantha darin, dass es vorher niemals eine Frau im Fernsehen gegeben hat, die so viel sexuelle Freude ausdrücken durfte, ohne dafür bestraft zu werden.

Leider ist Samantha aber nicht in der Lage, genauso wenig wie Carrie, Miranda oder Charlotte, jenseits einer Beziehung Glück zu empfinden, während es ihr gleichzeitig - an wem auch immer das liegen mag - niemals gelingt, eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Ohne auf die mögliche Suggestivkraft dieser Tatsache einzugehen, können wir beobachten, dass das zumindest den Besitzern von Prada Boutiquen (Frust = Shoppen) sehr gelegen kommt.

Ganz anders bei den Camdens. Ihre Devise für eine dauerhafte Beziehung ist: Sex ohne Ehe kommt überhaupt nicht in Frage. Bisher waren sie äußerst erfolgreich darin, ihre sieben Kinder vom Sex abzuhalten. Dafür aber reden sie ständig darüber: Kaum befindet sich einer ihrer Sprösslinge ohne Aufsicht zusammen mit einem gegengeschlechtlichen Freund, suspektieren die Eltern sofort: Sex-Alarm! - und dem folgt, das wissen die Zuschauer inzwischen, stets ein sehr langes Eltern-Kind-Gespräch. Ihre eigene, vorbildlich geführte Ehe dient dabei als "himmlisches" Versprechen für den pubertierenden Nachwuchs, der tapfer (no Sex!) durchhält. Was die Serie beliebt macht, ist die klare Auflösung problematischer Sachverhalte, mit denen Familien zu kämpfen haben. Und denen, die keine intakte Familie haben, gibt sie das Gefühl, an einer Welt der Ordnung teilnehmen zu können. Sicher ist die sozialintegrative Funktion von Eine Himmlische Familie nicht gerade innovativ, dafür aber - sagen wir - systemstabilisierend in Gesellschaften, deren Grundeinheit nach wie vor die traditionelle Familie ist.

Der weniger Moral bedürftige, familienfreie Single kann sich dennoch ruhigen Gewissens - er ist ja nur eine von vielen Zielgruppen - dem oberflächlichen, eskapistischen, postfeministischen Nonsens zuwenden. Außer, dass es sich dabei natürlich um recht intelligenten und sehr unterhaltsamen Nonsens handelt.


Eine himmlische Familie, täglich 16.05 Uhr auf Vox; Sex and the City, dienstags 21.15 Uhr auf Pro Sieben

00:00 20.09.2002

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