Das Sandkörnchen im Auge der Welt

Anderwelt Mit "Ghosaldanga. Geschichten aus dem indischen Alltag" hat Martin Kämpchen ein Erzählbändchen der besonderen Art vorgelegt

Die Armen sind keine einfachen und auch keine idealen Menschen. Wir in Europa möchten manchmal Helden aus ihnen machen. Das diktiert uns das schlechte Gewissen." Diese Einsicht setzt Martin Kämpchen erst hinter seine Geschichten aus dem indischen Alltag und hier können wir sie auch richtig würdigen. Das 200 Seiten starke Bändchen indischer Lebensgeschichten ist so einzigartig wie universal. Durch den rustikalen Stil des Autors werden wir unmittelbar in eine scheinbar stehen gebliebene Zeit versetzt. Unter dem Titel Ghosaldanga - so der Name eines Dorfes, in dem die meisten der Protagonisten seiner Geschichten leben, eröffnet Kämpchen seine Saga. Denn die Lebensläufe der Beschriebenen kreuzen sich hier, sind miteinander verknüpft wie in einem großem Heldenepos.

Wo Ghosaldanga liegt? In der indischen Provinz Westbengalen, rund hundertfünfzig Kilometer nördlich von Kalkutta. "Die Bahnlinie von Kalkutta zum Fuß des Himalaja führt am Horizont vorbei, nachts hört man im Dorf das hohle Scheppern vorbeifahrender Güterzüge. Der nächste Bahnhof liegt in der Kleinstadt Bolpur, rund zehn Kilometer von Ghosaldanga entfernt. Wer vom Bahnhof Richtung Dorf fährt, zum Beispiel mit der Riksha, durchquert Santiniketan, meinen Wohnort, berühmt im ganzen Land, weil der Dichter Rabindranath Tagore dort gewohnt und seine Schule und Universität gegründet hat. Beides besteht bis heute."

Vor zwei Jahrzehnten begann der Autor, Ghosaldanga zu besuchen. Damals gab es noch keine Brücke über den Fluß Kopai und keine Brücke über den Bewässerungskanal, der den Ort an drei Stellen umfließt. Kein Auto, nicht einmal ein Jeep, konnte bis zum Dorf vordringen... Inzwischen ist Ghosaldanga an das Straßennetz angeschlossen, spenden mehr als ein Dutzend Handpumpen Wasser und in beinahe jedes Haus sind elektrische Leitungen verlegt worden. Vierzig Santal-Familien leben im Dorf, Mitglieder eines der größten Ureinwohnerstämme Indiens. "Sie sprechen ihre eigene Sprache, das Santali, haben ihre eigene Kultur und Religion und vor allem ihre besondere Mentalität. Santals heiraten nur untereinander ..."

Damit ist eines der gewichtigsten Themen des Buches - und des indischen Alltags der Armen berührt, das Heiratsgeschäft. Kämpchen stellt in seinen Episoden, die genau beobachtet sind und mitunter längere Zeitperioden umfassen, Geschichten vom Leben und Sterben dar. Seine Schützlinge arbeiten, lernen oder faulenzen - und heiraten. "Die Heiratsvermittler sind Tag und Nacht rührig. Wenn sich Väter und Mütter so aktiv für das Wohl der Gesellschaft einsetzten wie für die Heirat ihrer Kinder, würde dieses Land blühen, blühen!" Diesen anrührenden Ausruf Kämpchen kann getrost nachvollziehen, wer von der sonstigen Schwerfälligkeit der einfachen Bevölkerung liest. Jedem begabten Jungen muss der Autor ins Gewissen reden, seine Schule nicht vor der Zeit abzubrechen oder sich (wie der Illustrator des vorliegenden Buches) seinen Talenten zu widmen. Die eigene Rolle spielt Kämpchen angenehm herunter, aber bei fortschreitender Lektüre wird klar, dass allein seine Anwesenheit in diesem Teil der Welt Konsequenzen fordert. Er wird bei Verhandlungen um Hilfe gebeten, muss Ausbildung, Ausrüstung und Aussteuer vieler Sprösslinge seiner Nachbarn, Freunde und Freundesfreunde finanzieren oder gilt als letzte Instanz bei Streitigkeiten. Mit dieser Autorität geht Kämpchen behutsam um und betrachtet seine Einflussnahme gleichsam von außen. "Ich bin in dieses Gewebe von Lebensgeschichten mit hineinverstrickt, freiwillig jedoch und aus Freundschaft und Zuneigung. Ich fühle mich darin im Zentrum der Welt. Diese Lebensgeschichten sind großes Welttheater. In ihnen geschieht alles Wesentliche, was ein Menschenleben bieten kann ..."

Doch zurück zum Heiraten. Das christliche Santalmädchen Lina zum Beispiel, die als Kindergärtnerin nach Ghosaldanga kam, findet bei der Suche nach einer neuen Heimat - und eines Ehegatten - die Unterstützung Kämpchens, der dem Bräutigam (und seiner Familie) gut zuredet. Viele Dinge sind bei der Partnersuche zu bedenken, "es geht der Familie nicht nur darum, einen passenden Ehepartner für ihre Kinder zu finden, sie suchen einen "billigen" Ehepartner, der außerdem den gesellschaftlichen Status der Familie bewahrt oder hebt. Dieses Heiratsgeschäft artet oft in nackten Menschenhandel aus. Es apelliert an zwei starke Instinkte gleichzeitig: an den Familiensinn und an den kommerziellen Sinn." Mädchen werden sehr jung verheiratet, je später sie vermittelt werden können, desto höher fällt der zu zahlende Brautpreis aus. Mädchen mit dunkler Hautfarbe sind schlechter zu verheiraten als jene mit hellerer, ungebildete schwerer als Mädchen mit Schulabschluss. Jungen dürfen ein paar Jahre länger träumen, wie Kämpchen am Beispiel seines Nachbarjungen Hrithik beschreibt; "Hrithik habe ich neben mir aufwachsen sehen. Gerade ist er 22 Jahre alt geworden, da ist man in Indien noch sehr jung und unerfahren. Jung genug, um bei den Eltern zu wohnen und neben der Mama auf dem Bett ein Nachmittagsschläfchen zu halten und den Vater um zehn Rupien anzubetteln, wenn man mal mit den Jungs abends raus will. Jung genug, um sich noch bis über beide Ohren zu schämen, wenn man sich einen winzigen kleinen Schwips antrinkt..."

Frauen sind in diesem Alter meist schon mehrfache Mütter. Kämpchen beschreibt ihr hartes Los voller Mitleid, versucht sie zu verstehen und zu erklären; "mit zwanzig oder einundzwanzig ist sie dreifache Mutter gewesen. Sie musste Kinder erziehen und hatte selbst noch nichts von der Welt geschmeckt. Muss ein Mensch daran nicht seelischen Schaden nehmen? Ist das der Grund für die zornigen, unbeherrschten Prügelstrafen? Heute ist Sheila Anfang dreißig ...". Was für ein Kontrast zum "Jungen" Hrithik! Als Sheila nach dem zweiten Kind mit dem Kinderkriegen aufhören wollte, berichtet Martin Kämpchen, kam bereits ein drittes Kind, und sie wurde noch im Kinderbett sterilisiert. Ihr Ehemann Sakha, "dieser Simpel, dem die Beschränktheit aus dem Gesicht starrt, wußte nicht, welches Risiko er einging, er konnte sich nicht vorstellen, was geschähe, wenn Sheila immerzu siech und krank ist oder wenn sie stirbt. Er wußte nur, daß er mit ihr wieder liegen wollte und daß sie dann noch ein Kind bekommen würden. Denn Empfängnisverhütung mit diesen komischen Plastiktütchen oder irgendwelchen Pillen, die man vorher, nachher oder zwischendurch einnehmen mußte, das war zu kompliziert, da mußte man rechnen und überlegen. Und Sakha konnte nicht rechnen und überlegen, wenn er zu seiner Frau wollte."

Seit 1980 lebt der 1948 in Boppard am Rhein geborene Martin Kämpchen in Santiniketan. Nach einem Literaturstudium zog er zunächst als Deutschlektor nach Kalkutta und studierte Religionswissenschaft. Er übersetzte Rabindranath Tagore und Ramakrishna aus dem Bengalischen, verfasste einen Roman, Kurzgeschichten und Sachbücher über indische Religionen und Literaturen und schreibt seit Jahren für die FAZ über indische Kultur.

Ob jeder Spender europäischer Provienenz so gelassen mit indischen Eigenheiten umgehen könnte? Martin Kämpchen gelingt es, er lebt Rat und Tat in Einheit. Sein Schreiben ist wie sein Geben, aufrecht, einfach und sehr wirkungsvoll. Der Verlag war so vorsichtig wie klug, der Geschichtensammlung aus Ghosaldanga kein Etikett zu verpassen. Denn so real die Fäden des Epos auch wirken mögen, ein wenig Fiktion ist eingeflossen. Wie der Autor freimütig eingesteht; "Diese Lebensgeschichten habe ich unheroisch und sachlich erzählt. Aber ich habe eine informierte Phantasie eingesetzt, die wußte, was hätte passieren können ..."

Martin Kämpchen: Ghosaldanga. Geschichten aus dem indischen Alltag. Wallstein, Göttingen 2006, 208 S., 16 EUR


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00:00 06.10.2006

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