Das Schweigen der Form

Pathos Beobachtungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin

Ein graues düsteres Feld glattter Betonsteine markiert die Gedenkstätte für die ermordeten Juden im Zentrum Berlins. Ein bewegtes steinernes Feld von über 2.700 scharfkantigen Betonquadern, die sich wellenförmig aus dem Boden erheben und den Entwurf des Architekten Peter Eisenman wiedergeben. Das steinerne Feld, in der Nähe des Brandenburger Tores gelegen, das hier als Sinnbild für den Holocaust steht, weist schmale Wege auf, die sich zur Mitte des Grundstückes senken. Unterhalb der Quader liegt der "Ort der Information". Er vervollständigt die Anlage durch historische Fakten und szenische Räume.

Peter Eisenman ist es gelungen, das Thema "vom Erinnern und vom Vergewissern" zu abstrahieren und mit Fakten zu untermauern. Das strenge orthogonale Netz horizontal gelagerter Blöcke wird durch eine Bewegung aus der Tiefe aufgebrochen, die zwei horizontalen, übereinander lagernden Ebenen werden durch eine abwärts führende Treppe verbunden. Ein philosophisch überzeugender Gedanke, der zeitübergreifende Abläufe erschließt.

Jeder einzelne normierte Block des Mahnmals ist in einem Kollektiv des Gedenkens aufgehoben, jeder Kubatur wird in dem 19.000 Quadratmeter großen Areal die gleiche Aufmerksamkeit zuteil: ein betoniertes Feld, das von allen Seiten zu betreten ist. Bewegt man sich durch die hochragenden Quader, so öffnen sich Sichtachsen und Ausblicke auf die Umgebung, auf Wohnhäuser und die Vertretungen der Bundesländer in der Hauptstadt. Es ist ein abgezirkeltes rechtwinkliges Labyrinth, das man emotionslos durchwandert. Die Enge wird trotz der Höhe der Betonblöcke nie zu einem bedrohenden Raumerlebnis, denn das gleichmäßige Raster der durchgängig 95 Zentimeter breiten Wege schließt jeden Richtungswinkel ein.

Das Ziel des Architekten Peter Eisenman, dem genormten Betonfeld eine räumliche Enge zu vermitteln, wird durch die vorhandene Höhenstaffelung der Blöcke aber nicht erreicht. Die Geschlossenheit gleicher Betonteile erzeugt trotz der Höhendifferenz eine geometrische Gleichförmigkeit, die jede Raumbildung verhindert. Es ist ein schweigendes, emotionsloses Stelenfeld, das trotz seiner Dichte der Fläche verhaftet bleibt. Die glatte, perfekte Oberfläche wahrt den Abstand, hält die Besucher auf Distanz und verhindert einen emotionalen Zugang. Wer sich auf das Labyrinth verlässt, spürt die lineare Enge, die dem steinernen Feld innewohnt.

Der "Ort der Information", der unterhalb der Betonquader liegt, wird damit als zentraler Orientierungspunkt aufgewertet. Ob als Ort der Aufklärung, als Raum der Stille oder als Raum der Schicksale: Die Erhellung der Verbrechen erfolgt unter der Erde. Es sind die zahllosen Toten, die zum Ort des Geschehens zurückführen und den Besucher mit vielen Fragen bedrängen. Zwischen individuellem Erinnern und kollektivem Gedenken bestehen Unterschiede, obgleich sie sich auf denselben historischen Sachverhalt beziehen. Die Holocaust-Debatte war notwendig, um die Trennlinie zwischen individueller Trauer und staatspolitischer Verantwortung kenntlich zu machen. Die lange Debatte um das Holocaust-Mahnmal war ein unabdingbarer Klärungsprozess, der nicht nur die Schwierigkeiten eines empfindlichen Themas offen legte, sondern auch nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten einen wichtigen Akt der Staatsräson darstellte.

Der Streit um die Form eines Denkmals ist auch ein Beweis dafür, dass es lebensfähig ist. Dem philosophisch wortgewandten Architekten Peter Eisenman war von Anfang an bewusst, dass sich zwischen Entwurf und Ausführung Fragen nach einem verbindlichen Bezugspunkt stellen würden, Fragen, die sowohl die Darstellung als auch die Erinnerungskultur betreffen - ein Diskurs, der weitergeführt werden muss.

Das Denkmal ist in einer lang anhaltenden Krise gefangen, so dass verbindliche Konventionen aus der Geschichte nicht immer den heutigen Anlässen gerecht werden. Freilich existieren durchaus noch verbindliche Standards, die bei der Errichtung eines Denkmals bedacht werden sollten: Es verkörpert den Anspruch, zeitübergreifend wirksam zu sein. Der noch immer verbreitete Glaube, das Denkmal besitze eine allgemein verbindliche Botschaft, liefert zugleich den Grund, um über den Sinn von Denkmälern nachzudenken und Denkkonventionen zu meiden. Erinnerungskultur braucht Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Nicht zuletzt deswegen stehen bedeutende Denkmäler an wichtigen Plätzen.

Doch von Denkmalsgegnern werden solch ikonographische Vorgaben nur bedingt akzeptiert. Während das politische Ereignis bisweilen strittig bleibt, berührt der ideologische Anspruch auch die ästhetische Qualität. Zwar hat Peter Eisenman auf Pathosformeln weitgehend verzichtet, doch ist es nicht zuletzt die Größe des Ortes, aus dessen steinernen Quadern ein verhaltenes Pathos spricht. Was als zeitübergreifendes Moment gedacht ist, verliert im Laufe der Zeit seine Aktualität. Man könnte an Robert Musils Worte denken: "Das Auffallendste an Denkmälern ist nämlich, dass man sie nicht bemerkt."

Einige Irritationen bleiben: Erschließt sich der Sinn der Gedenkstätte für die ermordeten Juden aus der Ordnung ihrer genormten Betonteile? Ist die Neigung der Betonblöcke gewollt? Sind die Unregelmäßigkeiten in der Ausführung beabsichtigt, um den Ort aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen? Und darf "ein lebendiges Denkmal in der Mitte der Gesellschaft", wie der Berliner Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz formulierte, auch die Korrekturen zeigen, denen das Mahnmal während der Bauarbeiten unterliegt?

Auch die Erläuterungen von Peter Eisenman zum Stelenfeld schaffen keine Klarheit: "Wer es sieht, soll sich erinnern, dass es eine Zeit gab, 1933 bis 1945, die einfach unerklärbar bleibt. Das Mahnmal steht mitten in Berlin, du sollst es nicht verstehen, warum es da ist. Weil du es nicht verstehst, verstehst du plötzlich, was es sagt", hat der Architekt einmal gesagt. Eine Form ohne historische Erinnerungsspuren macht es schwer, ästhetische Erfahrungen in einen historischen Diskurs überzuleiten. Es ist die leere Monumentalität der Stelen, die zum emotionslosen Betrachten führt und somit den Zugang zu den Opfern erschwert. Der Toten zu gedenken gehört zur menschlichen Kultur, so Reinhart Koselleck. Doch ob ein abstraktes Raster das Leiden von sechs Millionen Toten erfahrbar zu machen vermag, daran bestehen Zweifel. Die praktizierte Geometrie fungiert als Ordnungsprinzip. Eine 18 Jahre dauernde Debatte geht damit zuende. Es ist das Schweigen der Steine, das nachdenklich macht.


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00:00 28.01.2005

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