"Das Telefon finde ich jetzt viel öfter"

Alltag Messies sind nicht dumm, faul oder interesselos - sie sind Perfektionisten ohne Ordnungsvermögen

Spätabends ein aufgeregter Anruf: Martina meint, der Gesprächstermin heute sei ihr durch die Lappen gegangen. Aber wir sind erst morgen verabredet, morgen Mittag. Ach, sagt sie, dann ist es ja gut, dann entschuldigen Sie die späte Störung. Ich habe auf einmal so einen Schreck bekommen, ich fand gerade auch nicht, wo ich mir das notiert habe.

Am nächsten Tag ist Martina pünktlich am vereinbarten Ort, zusammen mit Ingrid, die allerdings ist noch immer etwas außer Atem: "Das war wieder ein Theater jetzt, ich hab mich so bemüht, rechtzeitig auf den Weg zu kommen, und dann fand ich diesen verfluchten Schnipsel nicht." Welchen Schnipsel? "Na, dieses Teil, das man auf die Straßenbahnjahreskarte kleben muss, wenn ein neuer Monat anfängt." Sie hatte dieses fingerkuppengroße Stückchen in den Karton mit allen möglichen anderen Papieren, Briefen, Quittungen, Kugelschreibern, Zeitungsseiten gelegt, das wusste sie genau. "Und dann den ganzen Kasten auf dem Tisch ausgeschüttet und gesucht, gesucht, das sah wieder aus. Und dann noch auf dem Sofa ..." Mit einer ratlosen Handbewegung deutet sie an, wie es da auf dem Sofa ausgesehen haben mag, aber genau weiß man es nicht. Man kann es auch nicht an Ort und Stelle in Augenschein nehmen, denn in die Wohnung wird niemand eingeladen, Fremde schon gar nicht.

In der Begegnung mit Martina und Ingrid, die eine Ende 40, die andere um die 60, tauchen noch mehrere sonderbar wirre Szenen auf, vom Klammerbeutel im Kühlschrank, Mehlbüchsen im Bücherregal, vom Schlüsseldienst, der einen aus der Wohnung befreien muss oder von vielen, mindestens 50 gebrauchten und über Jahre gehorteten Strumpfhosen.

Es handelt sich da um Szenen eines Lebens in Chaos - eines Lebens, das irgendwann in Unordnung geraten sein muss, "von innen, verstehen sie, und dann haben wir das irgendwie nach außen verlagert." So lautet die etwas vereinfachte Formel, mit der sich die beiden Frauen - sie haben sich in einer Selbsthilfegruppe kennen gelernt - zu erklären versuchen, was ihnen geschieht und warum: Dass sie es nicht fertig bringen, ihr persönliches Umfeld einigermaßen in Ordnung zu halten, alles Mögliche anzuhäufen und nichts wegwerfen zu können, ewig auf der Suche zu sein, auch nach der Zeit.

Lange Zeit war ihnen auch nicht klar, dass es für solches Verhalten einen Begriff gibt. Martina sah zufällig im Fernsehen eine Dokumentation zum Thema "Messies", und ihr Sohn sagte: Mama, das ist doch wie bei dir. Ingrid bekam ein Buch in die Hand, in dem die amerikanische Lehrerin Sandra Felton zum ersten Mal das Problem der Menschen beschrieb, denen es geht wie ihr selbst: die im Durcheinander zu versinken drohen und nicht wissen, wie sie da wieder herauskommen sollen, die oft unter einem enormen Leidensdruck stehen, der schon an die letzte, endgültige Fluchtmöglichkeit denken ließ.

Messies - der Begriff ist vom englischen "mess" für Chaos, Unordnung, Wirrwarr hergeleitet. Im deutschsprachigen Empfinden klingt der englische Plural wie eine verniedlichende Koseform, nicht so roh und strafend wie "Chaoten", schon gar nicht so verletzend wie "Schlampen". Tatsächlich sind Messies keine trübsinnigen, in Sack und Asche einhergehenden, gewissermaßen den Müll mit sich herumschleppenden Menschen. Auch gehört Faulheit oder Desinteresse durchaus nicht zu ihrem Verhaltensmuster. Sie sind, so hat das besagte Sandra Felton in den achtziger Jahren zum ersten Mal beschrieben, "Menschen mit überschwänglicher Freude am Leben und all seinen Aspekten. Wir sind Extremisten, Alles-oder-Nichts-Menschen, ideenorientiert, intellektuell, wir lieben Bücher, Zeitschriften, Informationen aller Art, viele sind sehr kreativ." Diese Veranlagung ist allerdings gekoppelt mit einem verhängnisvollen Manko: Messies können "Raum und Zeit" nicht ordnen. Dass sich dieses Unvermögen fast immer nur auf die häusliche Umgebung auswirkt, gehört zu den ungeklärten Fragen dieses Syndroms. Felton hatte in den achtziger Jahren in Amerika die Bewegung "Anonyme Messies" begründet. Zu den Betroffenen, die sich seit zwei, drei Jahren auch in Deutschland in Selbsthilfegruppen anonym treffen, gehören Angestellte oder Beamte ebenso wie Ärzte, Anwälte, Lehrer. Der 1998 gegründete Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms (FEM) mit Sitz in Blomberg spricht in seinem Jahrestätigkeitsbericht 2000 von 65 Selbsthilfegruppen bundesweit. Über die Zahl derer, die dieses Problem, nach außen und mitunter sogar für sich selbst unerkannt mit sich herumschleppen, gibt es nur Vermutungen, es könnten zwischen zehn und 15 Prozent der Bevölkerung betroffen sein.

Auch Ingrid und Martina verweisen auf viele Jahre einer beruflichen Tätigkeit, bei der es auf Exaktheit ausgesprochen ankam. In all den Jahren hielten sich die dienstlichen Probleme in normalen Grenzen, und die beiden unerkannten "Messies" schafften es auch "irgendwie immer, pünktlich zu sein." Erklärt werden könnte dieses Funktionieren vielleicht damit, meint Martina, dass die im Berufsleben verheißene Selbstbestätigung alle "Ordnungskräfte mobilisiert" - einen Haushalt zu führen dagegen, "das zählt ja nicht".

Die mitunter vorgeführten Bilder von Menschen, die nur noch in einer Wohnung voller Müll und auch Unrat vegetieren, sind allerdings nur die äußerste Zuspitzung. Mit dem "Vermüllungssyndrom" als Ergebnis schwerer psychischer und psycho-sozialer Störungen haben sich Wissenschaftler seit den achtziger Jahren befasst. Der "normale Messie" erfährt das Chaos unspektakulärer, oft in Teilleistungsschwächen, aber nicht weniger belastend.

Martina flüchtet sich mitunter in ein trotziges Understatement: "Ich bin der Herr im Haus", sagt sie, "und wem das nicht gefällt, der muss es eben bleiben lassen", aber es klingt ein bisschen wie das Pfeifen im Wald. Denn gleichwohl schildert sie, offen und ohne Misstrauen, den angehäuften Ballast, diesen Begriff wählt sie, in ihrem Zuhause, der "wächst vom Keller immer hoch und höher, wie der Mount Everest", mit weit ausholender Geste ihrer Arme zeigt sie den Riesenberg an, und man sieht förmlich, wie er ihr über den Kopf wächst. "Tragen sie den mal ab". Der Berg, das sind materialisierte Erinnerungen, zum Beispiel an die Großmutter, von der sie nach deren Tod unzählige Dinge übernahm: Möbel, Kleidung, Geräte, Papiere. Oder die Strumpfhosen, die zu repassieren sie vor vielen Jahren, während der Lehre als Schneiderin, lernte. Sie konnte "diese gebrauchten, kaputten Dinger", etliche Dutzend, nicht einfach so wegwerfen, wie das jede andere Frau tun würde und dachte sich ein ziemlich monströses Verfahren aus: Martina hat die Strumpfhosen nach und nach in Essigwasser getränkt und dann eine Weile um die Armaturen in Bad oder Küche gelegt, zum Entkalken. "Dann konnte ich sie wegwerfen, sie hatten noch einen Zweck erfüllt." Einer ihrer beiden volljährigen Söhne hat sie gelobt bei dieser Gelegenheit. "Der ältere Sohn ist wie ich, der jüngere das Gegenteil, fast schon ein Cleanie - das ist wohl eine Gegenraktion, wie bei Kindern von Alkoholikern, die den Alkohol hassen." Sie hat den Jungen neulich einmal mitgenommen in die Selbsthilfegruppe, "damit er mal sieht und hört, worum es überhaupt geht, er soll sich nicht so ausgeliefert fühlen."

Ingrid war fast 60 und quälte sich durch Depressionen hindurch, ehe sie zu ahnen begann, was mit ihr los war. "Ich war vollkommen verzweifelt, dauernd die Angst und die Scham, ich wusste nicht mehr weiter." Wie eine "Erleuchtung" schien ihr dann das Buch von Sandra Felton - und schließlich "outete" sie sich in einem Zeitungsartikel, der den Anstoß gab für die Gründung einer Selbsthilfegruppe. Sie schildert die seltsamen Geschehnisse um sie herum stets mit einem ratlosen Kopfschütteln: Wie sie Woche für Woche die vielen bunten Zeitschriften kaufen musste, obwohl sie immer dabei dachte, das kostet jetzt wieder ein Stück Butter. Wie sie zugewuchert wurde von den alles beherrschenden Bergen von Magazinen, Werbeprospekten, überhaupt Papier aller Art, von Hunderten Lose-Blatt-Rezepten, von denen sie nicht ein einziges beim Kochen brauchte, von mindestens 30 gesammelten Kochbüchern, von dem großen runden Tisch im Wohnzimmer, der immer und immer vollgepackt ist. Von den Einkäufen im Supermarkt, gemeinsam mit ihrem Mann ("der ist auch ein Messie, sammelt und bastelt"), jeder kam mit einem bergvoll beladenen Rollwagen an die Kasse, niemals brauchten sie solche Mengen. Es ist alles etwas besser geworden, seitdem sich das Ehepaar des Problems bewusst ist. Die Wohnbereiche haben sie getrennt, jeder ist für sein eigenes Zimmer zuständig, mit der Küche gibt es noch Schwierigkeiten. "Wenn mein Mann von der Küche Besitz ergreift, wird es schlimm", sagt Ingrid.

Die wissenschaftliche Bewertung dieser Verhaltensmuster und ihrer Ursachen ist erst am Anfang. Eines scheint man unterdessen aber übereinstimmend zu sehen: die Tendenz zum Perfektionismus, der übermächtige Wunsch nach Kontrolle und also die Angst vor Kontrollverlust sind die bestimmenden Wesensmerkmale von Messies. Sie wollen alles vollkommen perfekt erledigen, möglichst auch alles wissen, alles ganz grundsätzlich ordnen, noch dazu alles allein, ohne Hilfe in Anspruch zu nehmen, alles "im Blick" behalten. Dieser Anspruch muss natürlich an seiner Totalität scheitern und führt paradoxerweise genau in die gegenteilige Richtung, zu völligem Kontrollverlust. Die Lähmung setzt bereits beim ersten Schritt ein, beim Versuch etwa, Zeitungen zu entsorgen (es könnte ja etwas drinstehen, was man noch wissen müsste). Man will "alles richtig oder gar nicht machen", erklärt Felton in einem ihrer Bücher ihren Leidensgefährten, "wir glauben, wir müssen perfekt sein, wie Gott, und wie er alles im Griff haben". Deshalb auch könnten Messies andere nicht um Hilfe bitten, "wir befürchten, dass sie die Dinge nicht so gut erledigen wie wir das tun würden". Diesem Perfektionismus, schlussfolgert sie, liege Angst zu Grunde, tiefe Selbstunsicherheit.

Martina und Ingrid tasten sich langsam voran auf dem Weg aus dem Chaos heraus. "Theoretisch, im Kopf ist es ja klar", meint Martina, "die Dinge haben im Laufe der Zeit einen Platz eingenommen, der ihnen nicht gebührt, sie beherrschen uns." Ihre unerträgliche Macht bewirkt unaufhörliche innere Unruhe, "denn man hat immerzu, ständig das Gefühl, du müsstest doch endlich mal aufräumen - oder wenigstens mal wiederfinden, wonach du schon ewig suchst. So richtig froh, entspannt und zufrieden, das kann man im Chaos nicht sein, es ist ja nichts erledigt." Wie diese schleichend sich auftürmende Gewalt in die Schranken zu weisen wäre - darüber reden sie nun in der Selbsthilfegruppe. Die Wege zum Chaos waren so verschieden wie es die Betroffenen sind. Fast immer liegen die Wurzeln auf die eine oder andere Weise in frühen Erfahrungen, die die Seele nun so kompensiert hat. Verschüttete Gefühle, sagt die eine, das Unvermögen loszulassen, weil einem schon zu viel abhanden kam, die andere.

"Momentan bin ich dabei, nach der ›Mount Vernon Methode‹ zu entrümpeln. Wie empfohlen, habe ich mir viel Zeit dafür gelassen und kontinuierlich alle vier Tage einen Schrank, ein Regal oder ein paar Schubladen entrümpelt... Seit Beginn dieser Phase finde ich mein Telefon viel öfter, suche kaum noch nach dem Schlüssel ..." So liest sich der Erfahrungsbericht einer Frau auf der Website der Messie-Selbsthilfegruppen. Diese Aufräum-Methode aber, hatte schon Sandra Felton gewarnt, sei "in manchen extremen Situationen einfach nicht geeignet. In einem Raum, in dem Kleidung, Papiere, Bücher und andere Dinge wild durcheinander den Boden bedecken, kann man sich nicht, wie in der ›Mount Vernon Methode‹ empfohlen, systematisch an den Wänden entlang arbeiten." So beginnen Messies gewöhnlich mit erfolgversprechenderen Aufräume-Systemen, wozu gehört, "alles vom Fußboden in Säcke zu packen". Für die leichteren Fälle empfiehlt sich die Sache mit den Kartons: Einen für Wegwerf-Dinge, einen für Sachen zum Verschenken, einen für alles, was aufbewahrt werden soll. Martina hat das für sich etwas variiert. In je einen Karton kommt alles, was den großen oder den jüngeren Sohn betrifft, der dritte ist für ihre persönlichen Utensilien gedacht, der vierte für dienstliche Angelegenheiten. "Das mache ich jetzt so. Und die Kartons schiebe ich unter den Tisch", sagt sie und guckt trotzig. Es geht nur in ganz kleinen Schritten heraus aus dem Chaos.

Informationen: www.messies-selbsthilfe.de; www.femmessies.de

Von Sandra Felton gibt es derzeit sechs Titel zum Thema "Wege aus dem Alltags-Chaos", Brendow Verlag

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00:00 26.10.2001

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