Alexandre Sladkevich
28.04.2009 | 11:00 1

Das tiefste Loch der Welt

Geoarchäologie Ein Turm wie ein Krüppel und ein radioaktives Diamantenzimmer. Spurensuche auf der Kola-Halbinsel in den Ruinen der größten geologischen Forschungsstation SG-3

Die Landschaft ist schwarz-weiß. Alles ist weiß bis auf die Strommasten und die Steine, von denen der Wind den Schnee gefegt hat. Die Polarnacht ist zu Ende. Die Sonne taucht in kurzen Momenten alles in Gelb-Orange, und der Himmel strahlt in Blau. Olga und ich fahren durch eine Schneesteppe. Im Freien muss man die Augen zukneifen, weil der Schnee ins Gesicht schlägt. Eisig kalt ist es, weit und breit nur Schnee und Berge. Und da steht sie plötzlich, die Bohranlage, wie eine Oase. Ein gelber Lichtstrahl durchflutet den Bohrturm, der aussieht wie eine Hand, die dem Himmel den rostbraunen Sowjetstern auf seiner Spitze reicht. Oder wie ein Leuchtturm im Schneemeer.

Wo sich früher alles gedreht und bewegt hat, attackiert jetzt der Schneesturm den Koloss. Manchmal glauben wir, gewaltige Seufzer aus der Tiefe zu hören. Schneewehen inner- und außerhalb des Gebäudes.

Das Wrack im Schneesturm

Unser Gastgeber, der sich „Onkel Dima“ nennen lässt, teilt Helme aus und ermahnt uns zur Vorsicht. Sein Kollege Mischa erzählt unterdessen von der guten alten Zeit, als es hier warm und sauber war und man sich in Anzug und Ausgehschuhen bewegte. Jetzt ist alles verfallen, das Weltwunder ein Wrack. Nicht einmal alle Türen lassen sich öffnen, weil das Polarwetter sie mit Schneewehen verbarrikadiert hat. In den Wohnzimmern stehen Fernsehgeräte und Radios, es gibt Decken auf den Betten, auf den Tischen liegen Bücher, Konservendosen, auf Ständern hängen Kleidungsstücke, an den Wänden Fotos und Plakate. Alles ist schmutzig und vermodert, aber eine gewisse Ordnung bleibt erkennbar, als ob die Menschen hofften, eines Tages zurückzukehren an ihre Arbeitsplätze und sich weiter in das Erdinnere zu bohren. Es mutet apokalyptisch an, als ob alle Lebewesen sich verkrochen hätten. Schade, dass wir die Station nicht in ihrer Glanzzeit besucht haben.

Dann sehen wir zu unseren Füßen endlich das schwarze Bohrloch, wie eine Pupille mit weißem Schnee umsäumt. Man zeigt uns Maschinen, die Stromversorgungsstation und das Steuerpult. Entgegen aller Sicherheitsvorschriften dürfen wir auf die oberste Plattform.

Onkel Mischa erlaubt uns, als Souvenirs Arbeiterkleidung mit sowjetischen Aufnähern, Plakate und Gesteinsproben mitzunehmen. Nach unserem Besuch blieb die Station unbewacht zurück.

Bis hinab zur Hölle

Der Ort unserer Reise heißt Sapoljarny, das bedeutet „hinter dem Polarkreis“. Die Siedlung liegt 158 Kilometer nördlich von Murmansk, unweit der norwegischen Grenze. Das tiefste Bohrloch der Welt befindet sich etwa zehn Kilometer südwestlich der Bergarbeiterstadt an dem „See unter den Wolfsbergen“, wie die Samen ihn nennen. Der Ort liegt auf dem Baltischen Schild, das für seine Kupfer- und Nickelvorkommen bekannt und für Geologen besonders interessant ist. Die dortigen Gesteinsformationen sind drei Milliarden Jahre alt, die Erde selber ist nur ungefähr 1,5 Milliarden Jahre älter.

Die Tiefe von 12.262 Metern wurde in den 90er Jahren erreicht. Seitdem hält das Bohr­loch SG-3 den Weltrekord. Die Bohrung „Berta Rogers“ in den USA mit ihren 9.583 Metern wurde 1979 übertroffen. Als die Bohrer die 11.500-Meter-Marke erreichten — 500 Meter unterhalb des tiefsten Punkts der Erde im pazifischen Marianengraben — fingen heruntergelassene Mikrofone seltsame Geräusche auf — ferne Echos seismischer Aktivität aus dem Erdmantel. Aber manche meinten damals, die Forscher hätten bis zur Hölle durchgebohrt. 1997 erfolgte der Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

SG-3 ist eine der wenigen Bohrungen, die nicht zur Suche oder Förderung von Bodenschätzen, sondern zu ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken geplant wurde. Sie sollte über das älteste Gestein unseres Planeten Aufschluss geben und die im Erd­inneren ablaufenden Prozesse aufklären.

1967 begann man mit den Vorbereitungen. Am 24. Mai 1970 nahm die Bohrmaschine „Uralmasch-4E“, die ursprünglich für Erdöl- und Erdgasbohrungen konstruiert war, ihren Betrieb auf. Sechs Jahre später wurde sie durch die „Uralmasch-15000“ ersetzt, die für eine Bohrtiefe von bis zu 15 Kilometern konzipiert war.

Das Bohrloch hat einen Durchmesser von 21,4 Zentimetern, das Bohrgestänge wiegt fast 200 Tonnen. Das Hauptgebäude am Bohrloch ist so hoch wie ein zwanzigstöckiges Haus, 363 Stufen führen zur obersten Plattform.

Nur in einer laienhaften Vorstellung verläuft eine Bohrung auf einer geraden, senkrechten Linie von der Oberfläche zum Mittelpunkt der Erde. Besonders bei extrem tiefen Bohrungen durch Schichten unterschiedlicher Härte sucht sich der Bohrkopf mit erheblichen Abweichungen von der Geraden seinen Weg durch weniger hartes Gestein.

Entdeckungen und Geschenke

Unerwartet wurde an einer Stelle, wo Granit in Basalt übergehen sollte, archaischer Gneis gefunden. In zehn Kilometer Tiefe, in 2,5 Milliarden Jahre altem Gestein, entdeckte man 14 Arten von Elementarfossilien – versteinerte Reste altertümlicher Or­ga­nismen. Diese Funde bedeuten, dass es nicht, wie man zuvor glaubte, erst seit 1,5 Milliarden Jahren Leben auf unserem Planeten gibt.

In einer Tiefe, wo es kein Ablagerungsgestein mehr gibt, wurde Methan entdeckt, was bedeutet, dass die landläufige Theorie, Kohlenwasserstoffe könnten sich nur aus biologischen Prozessen bilden, wohl in Zweifel gezogen werden muss. Auch Theorien über die Erdstruktur entpuppten sich dank der Beobachtungen am Bohrloch als unhaltbar.

Praktischen Nutzen hatte die Forschung auch. In etwa 1,8 Kilometern Tiefe entdeckte man industriell nutzbare Kupfer- und Nickelvorkommen. Die Temperatur zehn Kilometer unter der Erdoberfläche beträgt mit 210 Grad viel mehr als erwartet. Auch die Vorstellungen über die Wärme im Erdinneren und ihre Verteilung in den Basaltschichten muss­ten revidiert werden. Die Hälfte der Wärme hat ihren Ursprung in der natürlichen Radioaktivität des Gesteins, was für die zukünftige Projekte, die Erdwärme technisch nutzbar zu machen, eine entscheidende Erkenntnis ist.

Die Datenbank der Station enthält zahlreiche Videoaufnahmen und über 45.000 Gesteinsproben. Es wird über 100 Jahre dauern, sie gründlich zu untersuchen. Die wissenschaftliche Bedeutung der Bohrungen wird zu Recht mit Weltraumexpeditionen verglichen, denn die zutage geförderten Proben sind nicht weniger interessant als Bodenproben vom Mond. Im Forschungszentrum wurde bei der Untersuchung von Mondgestein, das von sowjetischen Raumsonden mitgebracht wurde, eine fast vollkommene Übereinstimmung mit einer 3 Kilometer tief gelegenen Gesteinsschicht aus der Kola-Bohrung festgestellt.

1992 wurde die Bohrung schließlich eingestellt wegen technischer Pannen und fehlender Mittel. Pannen hatte es allerdings auch schon früher gegeben. Nur hat man damals Pannen noch zum Anlass genommen, verbesserte Ausrüstung und Technologien zu entwickeln.

Nach der Einstellung der Bohrung wurde die Basis SG-3 zum „Tiefenlaboratorium Kola“ umgewidmet mit der neuen Aufgabe, seismische und erdmagnetische Messungen vorzunehmen und auch Methoden für die Erdbebenprognose zu entwickeln. Anhand untypischer Geräusche, die von den unterirdischen Mikrofonen registriert wurden, gelang es zum Beispiel, ein Erdbeben in Kaliningrad vorherzusagen.

Doch heute interessieren weder die Forschung noch die Erdbebenvorhersage. Über das Schicksal von SG-3 wurde entschieden. Die Bohrung habe ihren Zweck erfüllt, sagt die Regierung. Alle Arbeiten der vergangenen Jahre brachten der Rohstoffförderung des Landes keinen Zuwachs. Man will kein Geld mehr für wissenschaftliche Grundlagenforschung ausgeben.

Auch die Umwandlung von SG-3 in eine Aktiengesellschaft änderte nichts an der Lage. Die Gebäude sind verfallen, das Metall ver­rostet. Für die Auflösung der Station gab Moskau ein Jahr Zeit. Die Liquidation des Objekts, der Abbruch der Gebäude, die Versorgung des Bohrlochs und die Rekultivierung des Geländes würde gewaltige Mittel erfordern. Leichter ist es, abzuwarten bis die Aktiengesellschaft Pleite ist und sich die Anlage durch natürlichen Verfall liquidiert.

Drei Milliarden Rubel im Jahr hatte der Betrieb von SG-3 gekostet. Nach russischen Maßstäben nicht viel Geld, um Russlands Stolz und eine Anlage, die das Wissen der Menschheit bereichert, zu erhalten. Delegationen der UNESCO nannten sie unentbehrlich. Neben dem Wissenschaftszentrum könnte ein Museum entstehen.

Milliarden werden in Erdbebebenprojekte investiert, man jagt Satelliten ins All. Doch SG-3 hält nur noch Enthusiasmus und der Glaube aufrecht. Das Schicksal von SG-3 betrachten die letzten Mohikaner von Sapoljarny als ihre eigene Tragödie. Es sind nur noch ein Dutzend Menschen dort, wo früher Hunderte arbeiteten.

Die letzte Reise

Ein Jahr später unternehmen wir nochmals eine Reise zu SG-3. Sapoljarny kann man inzwischen ohne Erlaubnis betreten. Das Büro des Forschungszentrums Kola existiert nicht mehr. Fünf Stunden irren wir auf der Straße umher, bis wir schließlich jemanden finden, der uns sagen kann, wo Onkel Mischa jetzt steckt.

Das Treffen mit Onkel Mischa, Dima und einigen ihrer Kollegen verläuft so herzlich wie früher. Wir werden in eine warmen Wohnstube zum Essen eingeladen und bis spät in die Nacht bekommen wir aufgeregt vorgetragene Geschichten erzählt: „Mit dicken Metallseilen wurde der Turm an dem Kettenfahrzeug und zwei großen Lastwagen befestigt. Die Fahrzeuge konnten nicht einen Schritt vorfahren, so stabil war der Turm. Einem LKW wurde die Achse fast weggerissen, aber der Turm blieb stehen. Wir waren ohnmächtig gegen das Weltwunder, als ob jemand gegen uns kämpfte. Der Abrissplan hat nicht funktioniert. Aber Befehl ist Befehl. Und nach viel Mühe fiel circa ein Viertel von dem Turm mit großem Lärm runter, der Stern brach ab, fiel und bohrte sich so tief in die Erde, dass wir ihn nicht rausholen konnten. Der Rest blieb unerschütterlich stehen. Nichts mehr zu machen.“

Am nächsten Tag will Aleksei, der SG-3-Direktor, uns zunächst gar nicht auf das Betriebsgelände lassen, weil er meint, in diesem Zustand sollte der Turm nicht fotografiert werden. Aber Dima kann ihn überreden. Die gleiche Prozedur wie im letzten Winter: Pelzmantel, Wodka, Kettenfahrzeug – und plötzlich ein heftiger Schneesturm. „Schönes Wetter habt ihr wieder mitgebracht, aber versprochen ist versprochen. Schnell hin, solange man den Weg erkennt“, brummt Onkel Dima.

Durch dicken, weißen Schneenebel enthüllt sich langsam der Turm – ein Krüppel, in eine Schneedecke gehüllt. Abgebrochene Stangen, wie Hände gen Himmel gestreckt. Die Gedächtniskirche in Berlin kam mir in Erinnerung. Ein trauriger Anblick. Wir wechseln kein Wort, bis wir direkt vor der Ruine stehen.

Der Zugang zur ehemaligen Kantine und dem Betriebsgebäude liegt unter Schneebergen verschüttet. Onkel Dima entdeckt schließlich ein Loch, und wir rutschen fünf Meter nach unten ins Dunkle. Er zeigt uns das diamantene Zimmer, das immer noch Radioaktivität ausstrahlt. In den Büros schauen uns von den Tischen und aus den Schubladen Gesichter von Mitarbeiterausweisen an. Essensmarken für die Kantine liegen mit anderen Dokumenten unter einer Schmutzschicht. Im Konferenzraum liegt ein rotbrauner Teppich und an der abgebröckelten Wand lehnt eine zerbrochene Karte der Sowjetunion aus lackiertem Holz. Eine traurige Allegorie. Durch ein zerbrochenes Fenster können wir ins Freie springen. Als der Sturm nachlässt, fahren wir schweren Herzens zurück.

Um zwei Uhr nachts fährt der letzte Bus nach Murmansk. Fünf Minuten vor zwei fängt es plötzlich an zu regnen, im tiefsten Winter. Erschrocken beobachten wir, wie die Tropfen sich wie Tränen in den Schnee bohrten. Erwartungsgemäß bleibt der Bus bald irgendwo auf einem Gebirgspass liegen.

Als ob schon wieder die Kräfte aus dem Jenseits ihr Spiel treiben.

Alexandre Sladkevich lebt als Fotograf und Dichter in Berlin. 2008 erschien sein Fotoband Ich habe das gesehen (Edition Zinkhund)

Übersetzung von Karlheinz Schweitzer

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