Linda Tidwell
07.10.2005 | 00:00

Das umkämpfte blaue Gold

Wasser II Wasserverschwendung und Wasserknappheit stehen in scheinbar unverständlichem Widerspruch nebeneinander. Glaubt man Prognosen, so wird Wasser zum umkämpften Lebensmittel der Zukunft

Die Pole schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Überschwemmungen sind an der Tagesordnung, während andernorts Dürre herrscht und die Menschen weit gehen müssen, um an Wasser zu gelangen. "Blaues Gold" nennen die kanadischen Umweltaktivisten Maude Barlow und Tony Clarke, die vergangene Woche mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurden, das Wasser. Sie setzen sich für ein "Menschenrecht auf Wasser" und für den fairen Handel mit dem lebensnotwendigen Gut. Der Freitag wird in lockerer Folge die verschiedenen Aspekte zum Thema Wasser behandeln: Von den Wasserproblemen der Megapole über die Wasserprivatisierung bis hin zu intelligenten Abwasserkonzepten. Vor zwei Ausgaben hat Anja Garms einen ersten Überblick gegeben, diesmal beschäftigt sich Linda Tidwell mit der Frage, ob wir weltweit mit einem Krieg ums Wasser rechnen müssen.

"Der nächste Krieg im Nahen Osten wird ein Krieg um Wasser sein", prophezeite einmal der ehemalige UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali. Führt man sich vor Augen, dass es weltweit circa 300 grenzüberschreitende Wasservorkommen gibt, von deren gemeinsamer, gleichberechtigter Nutzung das Leben und die Lebensqualität vieler Bewohner dieser Regionen abhängen, könnte sich seine düstere Prognose irgendwann bewahrheiten. Werden die Wasserressourcen ungleich verteilt oder verschmutzt, kann dies schnell zu Konflikten führen. Werden die Kriege der Zukunft also nicht mehr nur um Öl, sondern ums Wasser geführt?

Versandet

Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren stand das Wasser des Jordans im Mittelpunkt des Nahost-Konflikts. Damals baute Israel eine internationale Wasserleitung vom See Genezareth über die Küstenebene in die Negev-Wüste, die bis heute das gesamte Wasser des Oberen Jordans nach Süden abzweigte. Die Antwort folgte prompt: 1964 planten Jordanien und Syrien, die Quellflüsse des Jordans auf ihr Territorium umzuleiten. Die Spannungen der Länder spitzten sich zu und endeten 1967 im Sechs-Tage-Krieg. Mit dem Ende des Krieges änderte sich auch die wasserpolitische Situation maßgeblich: Israel besetzte die Golan-Höhen und erlangte damit die strategische Kontrolle über sämtliche Jordanquellen. Seither weigert sich die israelische Regierung von den Golan-Höhen abzuziehen, was wiederum bis heute einem Friedensabkommen mit Syrien im Wege steht.

Neben den Menschen leidet ganz besonders das fragile Ökosystem. Durch die übermäßige Entnahme aus Fluss und See gelangt kaum noch Wasser ins Tote Meer. Der Wasserspiegel sinkt jährlich um einen Meter. Wenn dieser Raubbau ungebremst weitergeht, wäre das Tote Meer nach Angaben von Umweltschutzorganisationen im Jahre 2025 völlig ausgetrocknet. An einer Stelle ist es bereits verlandet und ein künstlicher Kanal verbindet die beiden Teile. Seit Jahren schon fordern jordanische Umweltschützer von Friends of the Earth, dass das Tote Meer endlich zum Biosphärenreservat und Weltkulturerbe erklärt werden soll. Bisher wurde auf derartige Forderungen jedoch nicht eingegangen. Viele geplante Projekte zur Rettung des Toten Meeres verliefen buchstäblich im Sande.

Auf der Internationalen Wasser-Management-Konferenz im Juni 2004, die direkt am Toten Meer in Jordanien stattfand, stellte der jordanische Wasser- und Landwirtschaftsminister, Hasem Nasser, erneut ein wiederholt diskutiertes Projekt vor. "Red Dead Initiative" sieht vor, Wasser über eine Pipeline aus dem Roten Meer ins Tote Meer zu pumpen. Dabei soll eine mehr als 300 Kilometer lange Verbindung zu zwei Dritteln über jordanisches Gebiet führen. Das Projekt wird künftig von mehreren Staaten mitfinanziert. Nach Angaben des Ministeriums für regionale Zusammenarbeit ist geplant, im Rahmen des Projektes auch eine Meerwasserentsalzungsanlage zu Bewässerungszwecken einzurichten. Die Gesamtkosten dieses Projekts belaufen sich auf rund 815 Millionen Euro. Ob es jemals zu Ende geführt wird, ist derzeit fraglich.

Gestaut

Auch zwischen der Türkei und dem Irak sorgt das "Blaue Gold" für immer neuen Konfliktstoff. Im Rahmen des Südostanatolienprojekts (Güney Anadolu Projesi) GAP will die Türkei 22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke an ihren beiden wichtigsten Strömen Euphrat und Tigris errichten. Dadurch sollen jährlich 27 Milliarden Kilowattstunden Energie gewonnen werden, was ungefähr 30 Prozent des türkischen Bedarfs entspricht. Die Regierung hofft, das 32-Milliarden-Dollar-Projekt bis 2010 abzuschließen.

Durch die Stautätigkeit der Türkei und durch zahlreiche Trockenperioden hat sich die Wasserversorgung in den beiden Nachbarstaaten Irak und Syrien drastisch verschlechtert. Weil die regelmäßigen Überflutungen ausbleiben, trocknet das fruchtbare Flussdelta des Schatt-Al-Arab am Persischen Golf aus. Dies wirkt sich wiederum auf das sensible Ökosystem aus. Die beiden Flüsse Euphrat und Tigris führen in ihrem Unterlauf mittlerweile bis zu 50 Prozent weniger Wasser. Steigt der Wasserbedarf künftig - etwa aufgrund des Bevölkerungswachstums oder intensiver landwirtschaftlicher Flächennutzung -, so könnte die Wasserproblematik auch im Mittleren Osten an Bedeutung gewinnen.

Viele Staaten schröpfen seit Jahrzehnten ihre einzige Wasserquelle hauptsächlich für die landwirtschaftliche Nutzung: Ägyptens Wasserversorgung, insbesondere die Bewässerungslandwirtschaft, hängt zum Beispiel zu 97 Prozent vom Nil ab. Gleichzeitig nutzen auch die am Fluss gelegenen Staaten Sudan, Äthiopien, Eritrea sowie weitere Anrainerstaaten das Flusswasser. Sollten diese eines Tages mehr Wasser beanspruchen, drohen auch hier Konflikte, denn bisher gibt es nur zwischen Sudan und Ägypten Verträge über die Wassernutzung.

Geklaut

Selbst in den USA gibt es Spannungen um das kostbare Nass. So wurden am 1. Januar 2002 für ganz Kalifornien die Pumpen abgestellt, die mit großem technischem Aufwand das Colorado-Wasser vom Norden in den Süden umleiten. Ursprünglich wurde das Flusswasser unter den angrenzenden Staaten aufgeteilt. Doch nachdem Kalifornien mit seinem Anteil nicht mehr auskam und immer wieder zusätzliches Wasser abzapfte, kam es nach einer anhaltenden Dürreperiode zum Streit, weil die Anrainerstaaten Kaliforniens uneingeschränkten Wasserklau nicht mehr hinnehmen wollten. Durch die intensive Wasserentnahme ist das Flussbett an der Mündung heute meist trocken. Inzwischen haben die Wasserwerke Südkaliforniens zwar wassersparende Toiletten spendiert und die Verwendung von aufbereitetem Brauchwasser für die Bewässerung öffentlicher Anlagen empfohlen, dennoch stehen weitere Lösungen noch aus.

Umstritten ist der Zugriff auf Wasser besonders bei den großen Staudammprojekten. Neben den schwer abschätzbaren ökologischen Folgen werden dabei auch gigantische Umsiedlungsvorhaben durchgesetzt, wie etwa beim Dreischluchtenstaudamm in China. Nach offiziellen Schätzungen sind für diesen Bau rund 1,13 bis 2 Millionen Menschen umgesiedelt und circa 140 Städte und zahlreiche Dörfer überflutet worden. Viele betroffene Bauern mussten die fruchtbare Region verlassen und Land beziehen, dessen Böden bereits erodiert sind. Die von der Regierung zugesagte Entschädigung ist bis heute bei den Menschen nicht angekommen. So kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Regierung: Demonstrationen, Petitionen und Aufstände wurden mit Gewalt niedergeschlagen.

Konfliktverschärfer und Friedensstifter

Zweifellos zeigen die Beispiele, dass die Verknappung der Ressource Wasser reichlich Konfliktpotenzial birgt. Dennoch halten viele Experten regelrechte "Wasserkriege" für unwahrscheinlich. Nach einer Analyse der UNO wurden historisch nur sehr wenig Kriege durch Spannungen um die Wasserversorgung ausgelöst. Allerdings hat die Konkurrenz um das Wasser bereits existierende Konflikte häufig verschärft, weltweit wurden in den letzten 50 Jahren 37 bewaffnete Wasserkonflikte ausgetragen. "Auch wenn es viele Konflikte um Wasser gibt, so sind diese lediglich Auslöser bereits bestehender Spannungen zwischen Staaten", bestätigt auch Sharooz Mohajeri vom Institut für Ressourcenmanagement und Organisationsentwicklung nexus in Berlin.

Tatsächlich haben sich politische Gegner wie die seit Jahren verfeindeten Länder Indien und Pakistan in Wasserfragen auch auf eine friedliche Lösung einigen können und schlossen Wasserverträge, ohne zuvor Friedensverträge abgeschlossen zu haben.

Potenzielle Konflikte ließen sich entschärfen, indem Verbraucher über die sinnvolle Nutzung des Wassers aufgeklärt oder die Landwirtschaft angehalten würde, aufbereitetes Abwasser zu nutzen. So könnte Süßwasser eingespart werden, das dann als Trinkwasser zur Verfügung stünde.

"Im Iran beispielsweise ist die Landwirtschaft für 95 Prozent des Wasserverbrauchs verantwortlich. Da in vielen wasserarmen Regionen Landwirtschaft betrieben wird, werden zahlreiche Flüsse und Seen aus anderen Regionen angezapft, die dann ihrerseits wieder ein Wasserproblem bekommen", erklärt Mohajeri. Daher versucht das Institut nun in einem Großprojekt im Iran mit einer Aufklärungskampagne dem Wasserproblem zu begegnen. Ein wichtiger Ansatzpunkt sind die kommunalen Wasserversorgungssysteme, beispielsweise die Sanierung der lecken Leitungen, die den Wasserverlust mitverursachen. Nachhaltig sind solche Maßnahmen aber nur, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen zu Wasserverbrauch und Umweltschutz geändert werden. "Will man Spannungen um die Ressource Wasser entschärfen", so Mohajeri, "sind in jedem Fall internationale Abkommen notwendig".

Regional vor international

Doch bisher bietet das nationale und internationale Wasserrecht keine angemessene Handlungsgrundlage für die ökologischen und politischen Herausforderungen der Wasserverknappung. Kein bestehender Gesetzesentwurf berücksichtigt den Kern der Wasserfrage: das Naturgesetz des Wasserkreislaufs. Die Ansprüche auf und der Schutz von Wasser beziehen sich lediglich auf künstliche Strukturen, schreibt die Umweltaktivistin Vandana Shiva in ihrem Buch Der Kampf um das Blaue Gold.

Bei den bisher ausgehandelten Vertragstexten ergeben sich immer wieder verschiedene Probleme. In den 1966 verabschiedeten "Helsinki-Regeln zur Nutzung von Wasser aus internationalen Flüssen" ist festgelegt, dass jeder Anrainerstaat einen Rechtsanspruch auf einen vernünftigen und gerechten Teil von Wasser eines Flussbeckens hat. Doch was ist ein gerechter Teil des Wassers? Kann man Wasser gerecht verteilen, wenn die betroffenen Staaten unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Bedürfnisse haben? "Daher", erklärt Mohajeri, "muss Wasser zunächst regional betrachtet werden, will man die Probleme sachgerecht analysieren und lösen. Erst dann können internationale Abkommen verabschiedet werden".

Angesichts der Erwartung, dass die Zahl der Weltbevölkerung bis 2030 auf acht Milliarden anwächst, wird die Notwendigkeit einer effizienten Wassernutzung immer dringender, zumal Wasser heutzutage eindeutig ineffizient eingesetzt wird. Mit einer besseren Wassersparpolitik könnte schon sehr viel Wasser gewonnen werden. Beispielsweise gehen in einem Land wie Pakistan von jedem Kubikmeter Wasser, der aus einer Talsperre in nicht abgedichteten Kanälen zu den Feldern geleitet wird, rund 40 Prozent verloren. Zudem kommen weitere 30 Prozent aufgrund von verschwenderischer Schwemmbewässerung nicht den Pflanzen zugute, sondern versickern ungenutzt im Boden. Auch wenn eine Wasserkrise in globalem Maßstab nicht sehr wahrscheinlich ist, sieht es doch ganz danach aus, dass Wasser auf regionaler Ebene eines der zentralen Probleme der Menschen im 21. Jahrhundert sein wird.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Wasserkonflikte

Bis zum Jahre 2025 wird sich die heute jedem Menschen zur Verfügung stehende Wassermenge halbieren.

In den letzten 50 Jahren kam es zu 37 gewalttätigen Auseinandersetzungen um Wasser. Zur gleichen Zeit wurden rund 200 Wasser-Verträge ausgehandelt und unterzeichnet.

Weiteren 507 konfliktartigen Konfrontationen stehen 1.228 Kooperationen gegenüber.

2000: Ausschreitungen in Cochabamba, Bolivien, nach der Übernahme der städtischen Wasserbetriebe durch den US-Konzern Bechtel, der die Wasserpreise drastisch erhöhte.

1998 sprach der türkische Regierungschef von einem nicht "erklärten Kriegszustand" mit Syrien.

1989 drohte der damalige Ministerpräsident der Türkei, Turgut Özal, den Wasserhahn zuzudrehen, sollte Syrien die PKK-Kämpfer, denen es Zuflucht gewährte, nicht ausliefern.

1980 kam es beinahe zu einem Wasserkrieg zwischen den Ländern Ägypten und Äthiopien, da Ägyptens damaliger Präsident Anwar al-Sadat den Nil umleiten wollte, um die Wüste Sinai zu bewässern.

1975 brachte der Bau des syrischen Tabqa-Staudammes Syrien und den Irak an den Rand eines Krieges.

1967: Sechs-Tage-Krieg zwischen Syrien und Israel.

1947: Nach der Unabhängigkeit Indiens entbrannte zwischen Tamil-Nadu und Karnataka ein heftiger Konflikt um das Kaveri-Wasser

Quellen: WMO-Studie und Bericht Water Security and Peace, Zusammenstellung: L.T.