Elena Meilicke
Ausgabe 2814 | 09.07.2014 | 12:00 1

Das Wasser fließt träge

Kino „Umsonst“ von Stephan Geene ist ein politischer wie soziologischer Berlin- Film. Und gleichzeitig ganz und gar empfindsam

Es ist seltsam, diesen Film zu sehen, wenn man in Berlin-Kreuzberg wohnt und gerade eben noch durch den Görlitzer Park getrottet ist. Wenn man dann Umsonst sieht, verdoppelt sich die Welt draußen mit der auf der Leinwand, Kunst und Leben, Film und Wirklichkeit geraten eng aneinander. Umsonst ist ortspezifisches Kino, könnte man kunstkontextmäßig sagen – seine Premiere hatte der Film auf der letzten Berlinale in der Experimentalsektion „Forum Expanded“. Kreuzköllner Wirklichkeit also: Adalbertstraße, Kottbusser Tor, Maybachufer, Hermannplatz, abends oder frühmorgens aus einem Auto heraus gefilmt, die Straßen sind leer, so beginnt der Film.

Aufbrechen, abbrechen, ankommen. Wo wohnen, wie leben, was tun. Aziza (Ceci Chuh) ist gerade aus Portugal zurückgekehrt, weg vom Vater, ihr Praktikum hat sie abgebrochen. Zurück in der Kreuzberger Dachgeschosswohnung findet sie ihr Bett belegt; die Mutter (Vivian Daniel) hat es untervermietet an den Neuseeländer Zach (Elliott McKee), der seine Zeit damit verbringt, Straßenmusikern zuzuhören oder in Wertstofftonnen nach brauchbarem Zeugs zu suchen.

Wer also ist jetzt hier und macht was? Es wird Englisch, Türkisch und Deutsch gesprochen, deutsches Englisch und englisches Türkisch und türkisches Deutsch und Deutsch mit österreichischem Einschlag, das alles improvisiert und mit einem großen Gespür für gegenwärtige Sprechweisen.

Umsonst hat damit einerseits die Präzision einer soziologischen Bestandsaufnahme – und ist zugleich ein ganz und gar sinnlicher Film: übers sommerliche Sichtreibenlassen durch die endlose Dämmerung von Juninächten, eingefangen in ruhigen tracking shots. Kein Plan, kein Ziel, eher Stockung und Provisorium, die sich aber ganz okay anfühlen. Der Wind raschelt leise in den Bäumen, das Wasser fließt träge im Kanal, die Schwalben sausen durch den Abendhimmel. Man spricht darüber, dass man sich ein unabgeschlossenes Fahrrad einfach nehmen dürfe, weil es sonst ein anderer täte, und ärgert sich über Galerien: „Ihr könnt hier nicht alle nach Berlin ziehen, die Mieten erhöhen und dann kein Bier verteilen!“ Umsonst skizziert die Psychogeografie eines Stadtteils und zeigt seine Figuren beim situationistischen Driften.

Nachts im Kreis gehen

In girum imus nocte et consumimur igni – wir gehen des Nachts im Kreise und werden vom Feuer verzehrt – lautet der Titel des letzten Films von Guy Debord, ein Titel, der auch Umsonst gut umschreibt: Irgendwann brennen Autos, wer sie angezündet hat, weiß man nicht, aber Aziza blickt lange in die Flammen.

Sich Dinge nehmen, umsonst, kein Geld ausgeben, das man nicht hat, Alternativen zum Produzieren und Konsumieren suchen – in solchen Momenten scheint die politische Agenda und das theoretische Interesse des Films auf, die Webseite zum Film bietet Links zu den Themen „crisis & nonproductivity“, „the use of a stadtteil & off-time“, „new folk-music & retromania“ sowie „learn turkish“. Regisseur Stephan Geene ist nicht nur Künstler und Filmemacher, sondern auch theorieaffiner Mitbegründer des linken Buchladens b_books und hat unter anderem die Philosophen Maurizio Lazzarato und Jacques Rancière übersetzt.

In einem klugen Regiestatement, das den eigenen Film nicht autoritativ ausdeuten will, sondern sich einfach neben ihn stellt, spricht Geene vom Schwinden der Zukunft in Zeiten von Schuldenkrise und Austeritätspolitik und fragt weiter: „Gibt es da etwas, was mit dem Kreuzköllner Zustand von In-der-Sonne-sitzen, die Straße als Bar zu verwenden und mit Gitarre auf der Straße zu singen, gemeint‘ ist – auch wenn ja gerade niemand irgendetwas, meinen‘ oder ‚sagen‘ will? Und doch: Diese Verwendung der Stadt, das Beharren auf geldlosem Umgang, das Bestehen darauf, Zeit zu haben, das ‚demonstriert‘ etwas. Und wenn es nur eine Form wäre, auf das Wort ‚Krise‘ zu reagieren?”

Das Wort „umsonst“, das „sinnlos“ oder „müßig“ bedeuten, aber auch ein Geschenk bezeichnen kann – hier, nimm’s dir, es ist umsonst –, benennt die historische Situation, die Geene unter die Lupe nehmen will. Alles zappenduster, aber vielleicht kann genau darin eine Art Freiheit liegen. Ob diese Hoffnung so stimmt, oder ob die entspannte Umsonsthaltung nicht ein Luxus sein könnte, der sich in Berlin, aber eben nicht Griechenland, Portugal oder Spanien pflegen lässt, bleibt eine offene Frage.

Fast scheint es, als traue der Film der Kreuzköllner Sorglosigkeit selbst nicht über den Weg. Am Ende jedenfalls stehen statt der perfekten Schlusseinstellung (Görlitzer Park bei Nacht, dazu singt die Band Mutter Die Erde wird der schönste Platz im All) eine selbst zugefügte Wunde und ein selbstreflexiver Illusionsbruch. So bleibt Umsonst ein radikal offener Film, der keine klaren Ränder und Grenzen hat, sondern in die Gegenwart und Wirklichkeit ausfranst, und seinen Zuschauern das Gefühl vermittelt, Mitspieler zu sein, in diesem Film, in diesem Leben. Man braucht nur auf die Straße zu gehen.

Umsonst Stephan Geene Deutschland 2014, 93 Minuten

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 28/14.

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