Thomas Ahbe
12.11.2004 | 00:00

Das wird nicht vergessen

Antidiktatorisch "Texte für den disponierten Jugendlichen auf der Suche nach sich selbst": Das Popkultur-Magazin "Persona non grata" will in die Regale des überregionalen Zeitschriftenhandels

2 cellpadding=10 cellspacing=2> And don´t try to dig what we all s-s-say (Talkin´ ´bout my generation)
I´m not trying to cause a big s-s-sensation (Talkin´ ´bout my generation)
I´m just talkin´ ´bout my g-g-g-generation (Talkin´ ´bout my generation)
This is my generation. This is my generation, baby

Ihr braucht gar nicht zu versuchen zu kapieren, was wir sagen
Ich will hier vorne keine große Show abziehen.
Alles was ich will, ist nichts weiter, als daß ich über meine Generation rede.
Das ist meine Generation, Babe.

(The Who, My Generation, 1965, Übersetzung: www.lapsus-gil.de)

Die für die westliche Kultur folgenreichste Selbsterfindung einer neuen Generation war die der Jugend in den 1960er Jahren. Zwar kam und kommt es immer wieder vor, dass bestimmte Geburtsjahrgänge in ganz besonderer Weise von gesellschaftlichen Umbrüchen profitieren, beispielsweise die Aufbau- oder die skeptische Generation in Ost- und Westdeutschland. Oder die von Mitte der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre in der DDR Geborenen, die die Neuorientierungen nach dem Beitritt zur Bundesrepublik problemlos mit dem Ende der Jugend und dem Einstieg ins Berufsleben verbinden konnten. Doch keine Generation vermochte es, sich derart erfolgreich als Initiator eines universellen alltagskulturellen Stilwechsels auszugeben, wie die 68er-Generation.

Basierend auf der Wohlstandsentwicklung seit den dreißiger Jahren in den USA und seit den Fünfzigern in Europa begann sich in Folge der 68er Impulse eine neue Industrie zu formieren: die Kulturindustrie. Der alltagskulturelle Umbruch schuf den ihr entsprechenden Konsumenten-Typ. Er war postmateriell und antiautoritär eingestellt und hedonistisch oder revolutionär-idealistisch auf Selbstverwirklichung aus. Die Kulturindustrie begann als Pop-Kulturindustrie. Bald war mit Schallplatten und Plattenspielern mehr Geld zu verdienen als mit Waschmaschinen und Kühlschränken.

Dass der neue Klang, die Texte, Farben, Schnitte und Symbole der neuen Kultur auf einer Industrie basierten, störte nicht. Diese Kulturindustrie galt vorerst nicht als Ärgernis oder Feind. Eher schon die Verhältnisse in der kleinen DDR, die den konsumatorischen Anschluss an die westliche Pop-Kultur erschwerten - damit aber auch ganz neue subkulturell geprägte Formen der Beschaffung, Vervielfältigung und des Hörens von Pop-Musik provozierte. Die Liebe zu dieser Musik war hier schon immer etwas teurer als das, was im Zweitausendeins-Katalog ausgewiesen war.

Wie sieht die Musikliebe heute in den Zeiten des materiellen und kulturellen Überflusses aus? Wie äußern sich junge ostdeutsche Erwachsene, die sich ambitioniert mit Popkultur beschäftigen? Was sind ihre Selbstbeschreibungen, ihre Probleme und Perspektiven? Einen Einblick gibt das unabhängige Leipziger Magazin Persona non grata. Es wurde 1990 gegründet, erscheint derzeit vierteljährig und versucht, nachdem es in Leipziger Buch- und Musikhandlungen und diversen Plattenläden der Republik erfolgreich war, nun auch flächendeckend an die Kioske zu kommen.

Der Autorenstamm von Persona non grata schreibt meist in der Ich-Form und signiert entweder mit Vornamen oder bizarren und englisch klingenden Künstlernamen. Im Editorial der Nr. 62 beschreibt sich ein Autor als "wohlstandsgepamperten Zonenspross", der darüber nachdachte, welche seiner 5000 CDs er ins Umzugsgepäck stecken sollte. Der Überfluss und die Unentscheidbarkeit als Qual. "So sind wir auf der steten Flucht davor, unsere Bestimmung zu erkennen. Dem Leben einen Sinn zu geben, heißt damit abzuschließen. Sag ich immer." Da offensichtlich auf diese Art mit dem Leben noch nicht abgeschlossen wurde, geht es in den Heften von Persona non grata um erfüllte und unerfüllte Liebe. Erstere bezieht sich auf die Musik: Interviews, Künstler-Porträts, Festival- Konzert- und Werkstatt-Berichte - und Plattenrezensionen ohne Ende. Die unerfüllte Liebe und die Schwierigkeiten des Alltags finden sich in Kurzgeschichten recht unterschiedlicher Qualität. Comics stehen neben Reflexionen zur Filmkunst, darüber hinaus wird kommentiert und glossiert, was im Radio und Fernsehen läuft. Das Spektrum reicht hier vom kritischen und kundigen Kommentar bis zum platten RTL-SAT1-PRO7-Humor.

Manches klingt sehr vertraut und scheint sich über Generationen immer wieder neu abzuspielen. Ein inzwischen 27jähriger befragt sich nach der tieferen Ursache seiner "immerfrischen Zuneigung" zu einer bestimmten Band. "Sie haben mir so viel gegeben, das wird nicht vergessen." In einem anderen Text erinnert sich ein Autor, wie und welche Musik die Selbstfindung in den achtziger Jahren geprägt hat. Dass sich die Geschichten um "My ORWO C 60" in der "republic formerly known as GDR" abspielten, ist zwar eine wichtige Kontextualisierung, aber eben weder Anlass noch die Substanz der Darstellung, was auf angenehme Weise unplakativ wirkt.

Frühere Subkulturen konnten in bemerkenswert eindimensionaler Weise ihre Feinde und Freunde, das Gute und das Böse der Welt benennen. Hierzu bieten sich heute nur noch wenige Hassobjekte an. Einmal abgesehen von der "korrupten Journaille" die sich von "jenem System, das sie in ihrer Jugend ... von ganzen Herzen abgelehnt" hatte, nun täglich ihre Meinung abkaufen lässt und bei der halt "jeder dahergelaufene Depp mit ein paar Euros in der Tasche die Seiten mit seinen Drecksbands füllen kann".

Auch die Musikindustrie gehört zu den finsteren Mächten. Auf der Homepage des Magazins ist der bekannte Slogan "copy kills music" zu "industry kills music" verändert worden. Wie bei der Autoindustrie sind auch bei der Kulturindustrie die preiswerten Massenprodukte und die hochpreisigen Kleinserien am profitabelsten. Wieder geht es um die Zurichtung des entsprechend Konsumenten-Typs. In den Wartezonen von Behörden und privaten Praxen, in den Einrichtungen von Handel und Gastronomie, greift die giftig wirkende diktatorische Geschmackserziehung aus den Deckenlautsprechern und Boxen zu. Hier ist die Tendenz von persona non grata entschieden antidiktatorisch. Ansonsten wirken die Texten oft merkwürdig überreflektiert. Kaum ist etwas gesagt, wird es gleich relativiert. Früher war es wahrscheinlich einfacher. Da konnte man noch brüllen: "Nieder-mit-dem-Kapitalismus/Kommunismus-No-Future!-We don´t-need-no-education-Die-Mauer-muß-weg!" - und dann spürte man etwas: Polizeiknüppel, unauslöschliche Gemeinsamkeit und das Gefühl, die Welt neu zu erfinden. Heute geht alles, weil alles schon einmal da gewesen war.

Doch wer sich nirgends abstoßen kann, kommt nicht wirklich weiter. In gewisser Weise liefert Persona non grata Texte zum Abstoßen, Texte für "den disponierten Jugendlichen auf der Suche nach sich selbst". In der Nummer 61 hat die Redaktion sich selbst und den Gastautoren die Abhandlung des Themas "Identität" auferlegt. Man findet wohlinformierte Referierungen und Anwendungen des in den Sozialwissenschaften üblichen Begriffsgebrauchs, wie auch die demonstrative Verweigerung, dem Thema persönlich Relevanz zuzubilligen. Instruktiv sind einige biographische Skizzen - sehr schön hier: "Hundert Jahre Punk - Wie alles begann (Leipzig in Trümmern)" oder der autobiographische Abriss eines Autors namens The Evil Crane, der tatsächlich ein Bekenntnis zur eigenen Identität wagt und sich über "Ehrlichkeit, Leistung und Verlässlichkeit" identifiziert: "Ich identifiziere mich über und mit Menschen, die für mich beeindruckende Dinge leisten. Egal, ob sie frühmorgens die Tageszeitungen von Haus zu Haus tragen, mich durch ihre Persönlichkeit und Leistungen ... begeistern, ob sie die Straße kehren, Kinder erziehen oder seit Jahren unter großen Mühen Projekte wie jenes, in dem ihr gerade lest, durchziehen. My Identity!" Das alles steht in einem Heft, dessen Layout extrem unkonventionell ist und mit jeder Nummer wechselt - übrigens auch im Format. Die Nummer 60 maß zwanzig Zentimeter im Quadrat. Sie war über einen Zentimeter stark, denn ihre Beilage - eine Musikkassette mit einer limitierten Edition zu einem bestimmten Label - lag in einer sich auf jeder Seite wiederholenden Aussparung wie dereinst im Film die Pistole, die man in der Bibel versteckte. Die Nummer 61 erschien im klassischen A5-Format und die Nummer 62 im LP-Cover-Format, da sie als Beigabe eine Langspielplatte enthielt.

Im Wechselspiel der Generationen geht es nicht nur darum, dass die Jüngeren sich abgrenzen, verständigen und inszenieren können. Auch die Generation, die die Macht und die Ressourcen verwaltet und irgendwann einmal abgeben muss, will wissen, wie ihre Nachfolger sind. Vielleicht kann man es in dieser Zeitschrift lesen. Die zwei- bis dreitausend Leser von Persona non grata repräsentieren jene Minderheit innerhalb der qualifizierten jungen Erwachsenen, die sich - folgt man ihrer Selbstbeschreibung - nicht über Konsumstile, Szenezugehörigkeiten, Ideologien und Religionen definieren. Ob genau dieser Nonkonformismus es verhindern wird, dass sie später einmal zum Zuge kommen werden, bleibt abzuwarten.

Die in den Heften von Persona non grata präsentierte ernüchternde Sicht auf die bestehende Welt der Erwachsenen, wie auch die Suche nach einer authentischen und praktikablen Antwort darauf, bestätigt eine pointiert verfasste Diagnose, die Klaus Farin kürzlich zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen abgab. Er sagte: "Fair Play, soziales Verhalten, keine Gewalt usw. finden größere Akzeptanz als unter Erwachsenen ... Die Gruppe, die am sozialdarwinistischsten denkt, die am rechtesten denkt und auch am wenigsten engagiert ist, die die Ellenbogenmentalität am besten drauf hat, ist die der 35 bis 50jährigen. Jugendliche werden, man kann es böse formulieren, ins Asoziale hinein sozialisiert. Weil sie immer gesagt bekommen: Zu sozial sein, schadet dir, setzt dich durch. - Und sie haben nicht das Gefühl, in einem Staat zu leben, in dem ihre Meinung und ihre aktive Partizipation gefragt ist, sondern vielmehr, dass Politik langweilig, korrupt, von ihnen nicht beeinflussbar und nicht durchschaubar ist." Ob es unkorrumpierbare Gegengruppen zu diesen Automatismen gibt und was sie ausrichten werden, wird die Zukunft zeigen. Man kann gespannt sein. Natürlich auch über die Nummer 63 von Persona non grata, ihr übergreifendes Thema ist - "Pathos".

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