Das Wunder des Ibrahim Abouleish

Vom Öko-Projekt zum sozialen "Konzern" Sekem ist zu einem Modell für Ägypten geworden und hat nun den alternativen Nobelpreis erhalten

Gestiftet vom Deutsch-Schweden Jakob von Uexküll werden seit 1980 Alternative Nobelpreise vergeben - für Leistungen beim Umweltschutz, der Friedenssicherung und der Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit. Einer der diesjährigen Preisträger ist Dr. Ibrahim Abouleish, der am Rande der ägyptischen Wüste ein Unternehmen namens Sekem geschaffen hat, das Arbeit, Schule, Studium, Forschung und Lebenshilfe auf ungewöhnliche Weise verbindet.

Die Erfolgsstory beginnt in den sechziger Jahren und liest sich wie ein modernes Märchen. Es war reiner Zufall, dass der junge Ibrahim Abouleish in Kairo eine Vorlesung über Johann Wolfgang von Goethe hörte. Fasziniert vom Dichterfürsten fasste der damals 18-Jährige den tollkühnen Plan, in Goethes Heimat zu reisen. Doch der Familie fehlte das Geld, so dass Ibrahim als Schiffsjunge auf einem Frachter anheuerte, der ihn Monate später bis nach Genua brachte. Die anschließende Zugfahrt führte allerdings nicht nach Weimar - sondern endete in Graz.

Zurück mit zwei Patenten

Ibrahim fand Gefallen an der steirischen Landeshauptstadt, suchte sich Arbeit und eignete sich die notwendigen Deutschkenntnisse an, um später Medizin und Pharmazie zu studieren. In seinen ersten Berufsjahren gelang die Entwicklung von zwei pharmazeutischen Patenten. Mit dem Erlös und beseelt von dem Gedanken, als "Ägypter etwas für Ägypten" zu tun, kehrte der Pharmakologe 1977 in Begleitung seiner Familie nach Kairo zurück. Nach monatelangem Suchen fand er 60 Kilometer nordöstlich von Kairo unkultiviertes Ödland, das für sein Projekt geeignet schien, insgesamt 70 Hektar.

Das Klima dieser Region nahe des Nildeltas zeichnet sich durch milde Winter und heiße Sommer aus. Bei einer jährlichen Niederschlagsmenge von 24 bis 200 Milli-Litern pro Quadratmeter stellt sich das Wasserproblem in besonderer Weise. In früheren Jahrhunderten war der Nil regelmäßig über die Ufer getreten und hatte dabei fruchtbaren Schlamm (Sedimente) abgelagert. So entstand auf einem acht bis 16 Kilometer breiten Streifen üppiges Kulturland, von dem bereits im Alten Testament die Rede ist. Seit Fertigstellung des Assuan-Staudammes (1968) verhindert die Wasserstandsregulierung solche Überschwemmungen. Zur Bewässerung der Anbauflächen muss deshalb vermehrt auf Grundwasser zurückgegriffen werden. Und so ist der Grundwasserspiegel im Nildelta gesunken, weshalb das Meerwasser immer tiefer in die Wasserarme eindringt und Brackwasser (Gemisch aus Salz- und Süßwasser) entsteht. Von diesem Versalzungseffekt sind auch die Ackerböden betroffen.

Unbeirrt von der ökologischen Fehlentwicklung der Region, ging Ibrahim Abouleish ans Werk, unterstützt von europäischen und ägyptischen Freunden. Sein Projekt nannte er Sekem (lebensspendende Sonnenkraft). Zur zentralen Frage wurde die Wassergewinnung. Bei Tageshöchsttemperaturen von 40 Grad im Schatten und 80 Grad in der Sonne verdunsten etwa 80 Prozent des Wassers bereits beim Berieseln der Anbauflächen. Ein unterirdisches Versorgungssystem löste das Problem. Gegenwärtig experimentiert Sekem mit dem wassersparenden Granulat "Sanoplant", das der Pflanze unter der Bodendecke gespeichertes Wasser bedarfsgerecht zuführt. Mit der gleichen Wassermenge können nun acht statt bisher zwei Hektar Anbaufläche versorgt werden.

Vom Acker zur Akademie

Die Nutzflächen sind in 700 mal 700 Meter kleine Parzellen geteilt. Dahinter steht das Konzept, dass sich Menschen in kleinen, überschaubaren Einheiten eher orientieren und ihr Tagwerk besser verrichten können. Auf den Ackerflächen gedeihen unter anderem Erdäpfel, Zucchini, Sonnenblumen, Tee und Heilpflanzen. Ein sensationeller Erfolg ist die Kreuzung mehrerer Baumwollsorten, die nun ihren Wasserbedarf aus der nächtlichen Feuchtigkeit schöpfen und keiner zusätzlichen Berieselung bedürfen. Mit dieser überlebensfähigen Pflanze sind drei ertragreiche Ernten im Jahr möglich. Viehzucht gibt es auch: 100 Rinder, die ursprünglich aus dem Allgäu importiert wurden, Hühner und drei Kamele.

Den Menschen aus den umliegenden Dörfern bietet Sekem völlig neue Perspektiven. Auf der Farm sind 600 Arbeitskräfte ständig, in der Hochsaison bis zu 2.000 Menschen beschäftigt. Ronald Steinmeyer beschreibt in der Zeitschrift Schrot und Korn, dass es dabei nicht nur um Jobs geht: "Lernen und arbeiten, ausprobieren und lehren sind ein Fundament von Sekem. Das fängt frühmorgens in den einzelnen Betrieben an. Die Landarbeiter, die Lehrer, die Büroleute - alle treffen sich vor der Arbeit in einem Kreis. Das arabische Datum, das christliche Datum, der Wochentag werden genannt, dann sagt jeder, was er oder sie gestern getan hat und heute tun wird." Während der Arbeitszeit finden täglich einstündige Fortbildungen statt, bei der die Mitarbeiter die Handhabung von Näh- und Verpackungsmaschinen kennen lernen, in Landeskunde, Geschichte, Sprache unterrichtet werden.

Das Projekt der "Kamille-Kinder"

Die meisten Agrarprodukte von Sekem werden in farmeigenen Anlagen ohne chemische Zusätze verarbeitet: in der Käserei und in der Bäckerei, in Öl- und Getreidemühlen, bei der Teeabfüllung und in der Arzneimittelherstellung. Selbst Textilfabriken gehören zum Sekem-Reich. Etwa 50 Prozent der Spitzenprodukte werden nach Europa exportiert, etwa getrocknete Kräuter, Gewürze und Tees, Naturkosmetik, anthroposophische Arzneimittel, frisches Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Getreide, Speiseöle, ätherische Öle und Textilien.

Mit den Gewinnen, die Sekem vor allem durch das Exportgeschäft erzielt, werden soziale Einrichtungen gestützt. So gibt es seit 1988 einen eigenen Kindergarten und eine Waldorfschule (Abouleish war in Graz mit der Anthroposophie von Rudolf Steiner in Kontakt gekommen). Wer einen Lehrberuf anstrebt, kann sich nach dem Hauptschulabschluss zum Zimmermann, Installateur, Elektriker, Computertechniker oder als Näherin qualifizieren lassen. Wer studieren will, kann das Abitur machen und seit März 2000 die Sekem-Akademie für Wissenschaft und angewandte Künste in Kairo besuchen. Architektur, biologisch-dynamische Landwirtschaft, Betriebswirtschaft, Graphik und Design, Medizin und Pharmazie - all das bietet die Akademie, wobei der ständige Dialog verschiedener Forschungseinrichtungen forciert wird.

In Ägypten unterliegen die Kinder nur bis zum 11. Lebensjahr der gesetzlichen Schulpflicht. Allerdings sieht die traurige Realität anders aus, da häufig bereits die Jüngsten zum Familienunterhalt beziehungsweise zur Altersversorgung der Eltern beitragen müssen. So liegt die Einschulungsrate nur bei 70 Prozent. Auch diesen Teufelskreis versucht Sekem zu durchbrechen, indem beispielsweise 40 sogenannte "Kamille-Kinder" halbtags beschäftigt werden. Nach vierstündiger Arbeit in den Kamillefeldern erfolgt der kostenlose Unterricht. Für ihre Arbeit erhalten die Kinder den üblichen Lohn und dazu ein Mittagessen. Auch für ärztliche Betreuung ist gesorgt. In einer Polyklinik behandeln Ärzte und Krankenschwestern nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Bewohner der Umgebung. Der Wiener Gynäkologe Dr. Roland Frank, der mit Informationsveranstaltungen im In- und Ausland für das Projekt Sekem wirbt, bemüht sich um den Aufbau eines Geburtshilfe-Zentrums für die Bevölkerung der Region. Dazu gehören Schulungen in Frauenheilkunde, Schwangerenbetreuung, Hausbesuche, Gesundheits- und Hygieneunterricht.

Chemiekonzerne um Profit betrogen

Angesichts des Erfolgs, den Sekem mit unkonventionellen Methoden erzielt hat, stellt sich die Frage, wie Staat und Gesellschaft auf das Experiment reagieren? In den ersten Jahren begegnete man Abouleish skeptisch bis ablehnend, beobachtete Kreuzung und Anbau der neuen Sekem-Baumwolle voller Misstrauen. Drei Jahre stand die Farm sogar unter militärischer Bewachung, weil die Behörden davon ausgingen, dass die Felder heimlich bewässert würden. Nachdem sich die Regierung eines Besseren belehren ließ, wird seit 1993 auf 400.000 Hektar staatlicher Anbaufläche Sekem-Baumwolle angebaut, was Ägypten jährlich 30.000 Tonnen Pestizide erspart. Hinzu kommen 160 private Bio-Farmen mit rund 2.000 Hektar Anbaufläche, die nach der Sekem-Methode produzieren, wobei die Bauern permanent geschult und fachlich begleitet werden. Jeder Landwirt erhält als Starthilfe ein Rind - mit der Verpflichtung, ein späteres Jungtier der Gründungsfarm Sekem zurückzugeben.

Vor sieben Jahren wurde Dr. Ibrahim Abouleish das Amt des Landwirtschaftsministers angeboten. Er lehnte ab - Ministeramt und "Konzernleitung" seien unvereinbar, und er lege größten Wert auf wirtschaftliche Autonomie. Trotz dieser Absage hat sich die Kooperation zwischen Sekem und Regierung mittlerweile fest etabliert. Einige internationale Chemiekonzerne sehen sich allerdings um ihren Profit betrogen, seitdem in Ägypten vornehmlich Sekem-Baumwolle angebaut wird, die gänzlich auf Pestizide, Kunstdünger und chemische Färbemittel verzichten kann.

Nach 25 Jahren kann das Sekem-Projekt eine eindrucksvolle Bilanz vorlegen. Immerhin ist eine Wüstenlandschaft kultiviert worden, die Spitzenprodukte aus ökologischer Landwirtschaft herstellt und damit vielen Menschen eine neue Arbeits- und Lebensperspektive gegeben hat. Auch wenn viele Europäer in verantwortlicher Position tätig sind, ist Sekem doch ein Projekt "von Ägyptern für Ägypter" geblieben. Und mit Sekem ist eine Gegenwelt zum wachsenden islamischen Fundamentalismus entstanden. Auch darum geht es Ibrahim Abouleish.


00:00 12.12.2003

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