Déjà-vu in Shenzhen

China Suppenküchen, Glitzer und Riesenbauten: Das Reich der Mitte ist so vieles. Der Versuch, das Eigene und das Fremde zu definieren, verändert auch den Blick

Buch der Woche: Chinaland – Reisen. Kopieren. Erzählen von Gesine Danckwart; Anja Goette; Susanne Vincenz (Hrsg.)

gebunden, 160 Seiten
24,90 €
Blumenbar
ISBN: 978-3-936738-46-9


Der Verlag zum Buch:

»Chinaland« handelt von der entmieteten Vorzeigestraße »Im Auge des Drachen « als Chinas Traum von sich selbst; vom Imitat einer deutschen Stadt bei Shanghai; von Kunstfälschern im Dafen-Village, deren Werke im Ausland zu Kunst werden; von shanzhai, dem neuen Codewort für einen selbstbewussten Umgang mit und für eine ästhetische Subkultur. Es ist ein Buch über den vermeintlichen Unterschied zwischen Kopieren und Erfinden, über alltägliche Fremdheitserfahrungen auf Reisen und über die zahlreichen Missverständnisse bei dem Versuch, das Wesen des östlichen Denkens zu verstehen.

Mit Texten von Gesine Danckwart sowie Text- und Bildbeiträgen von Kai Strittmatter, Byung-Chul Han, Ulf Meyer, Winnie Wong, Mark Siemons, Tilmann Spengler, Erik Göngrich, Koho Mori-Newton und anderen.


Leseprobe:

Kammer. Deutsches Eck, natürlich hier im Hilton, dem ältesten Hotel, Einfallstordes Westbusiness. 400 Yuan kosten mich das Buffet und der Vortrag, in den ich gerne investiere. Überraschend viele Frauen, für eine Wirtschaftsveranstaltungsogar ziemlich viel. Auf den Tabletts genau ein Bier ein Wasser ein Wein. Ein Foto für Asia Today, aber sicher. Gut, dass ich diese Visitenkarten. Auf einmal geschlossenes Wir-Gefühl. Wir wollen ja weniger von den Chinesen als die andauernd von uns. Man muss sich halt auch mal gegenseitig stützen. Dieser Patentschutz ist auf einem Weg. Dem richtigen. Dazwischen einige wenige chinesische Deutschlandkenner. Wie halten Sie das aus? Wahrscheinlich interessiere die Chinesen das Ausland viel weniger, als man denkt. Sagt er, später. Es gelte einen Nachholbedarf aufzuholen, danach könnten wir weiterreden.

Also auf nach Anting, der deutschen Stadt des One-City-Nine-Towns-Plans. Wie der zuständige Architekt berichtet, haben sie den Schwerpunkt auf energy efficiency und Stadtstruktur gelegt. Nicht einfach Fachwerkhauskitsch, sondern innere deutsche Werte sozusagen.

Anting ist leer. Anting ist so leer, dass jetzt erst wieder auffällt, wie voll China sonst ist. Anting ist so leer wie eine deutsche Kleinstadt Freitagabend, wenn man zur Tanke oder Pizzeria fährt, Anting ist war also ­damals authentische deutsche Geisterstadt. An den Zäunen flattern zerrissen die deutschtümelnden Werbeplakate, der Weihenstephan, der Münchner Pferdekutscher. Ein chinesischer Bauer auf seinem Allroundfahrradgerät mit Heuhaufen davor. Die Stadtansichten seltsam deutsch. Die Fensterstruktur, Balkone, die Glätte, die augenschmerzende Farbgestaltung gilt es wegzublinzeln. Das Leitsystem, wo noch keiner zu leiten ist. Putzkolonnen, neonfarben, sammeln nicht vorhandenen Müll. Kindergarten ausgeschildert in fast kompletter Kindsfreiheit, ein zwei Balkone wild behängt mit Familienwäsche. Vor dem just heute neu eröffnenden Pub zwei deutsche Mitarbeiter von VW. Zielgruppenbewohner.

Das ist natürlich dann nicht die Qualität wie wo gewohnt. Wasserhähne und Klimaanlage. Kommen gut zurecht hier. Ansonsten.

Die Pub-Besitzerin hat in Heidelberg und Aachen studiert. Zierlich, schnell, gut gelaunt, sehr selbstbewusst. Eine Chinesin mit perfekten deutschen Sprach- und Kulturkenntnissen.

Vor den Chinesen müsse man keine Angst haben. In hundert Jahren nicht. Unordnung und Unprofessionalität.

Alles alles würde sie aus Deutschland vermissen.

Den Jazz und die Arbeit.

Das Brot.

Neben ihrem neuen Pub, ebenso neu und frisch gestrichen: ihre Bäckerei von Anting. Brot und Schwarzbrot.

Selfmadewunder.

Der Rückweg von Anting ist übrigens ganz einfach. Man muss einfach nur den Bus nehmen.

Rückwege. Die Superbilligtasche mit allen Mitbringseln platzt schon auf dem Weg zum Fahrstuhl.

Stau auf dem Weg zum Flughafen.

Transrapid nehmen.

Deutsches Hightech, soll ja gleich wo nachgebaut werden.

Das schaffen die nie.

Ich wache irgendwo auf und weiß nicht wo.

Ich bin hier nicht richtig.

Diverse Vermittler zwischen Ost und West in Ost und West. Hängen geblieben.

Jetzt wird zurückkopiert.

Chinatown in Oranienburg. Eine ganze Bürgerschaft plant, ein verseuchtesGelände mit chinesischen Investoren in ein Chinadisneyland umzuwandeln.

Sitze in Drachenkitschlandschaft ganz alleine in Irgendwo, sagen wir Nanjing. Habe mich in ein Uferlokal gerettet, die Lichterketten wirklich komplett totalitärunvorstellbar. Einkaufstrubel bis spät nachts auf den Hauptplatz zu. Der Eingang heißt Konfuziustempel. Das Zentrum ist der Teich, auf dem beleuchtete Schiffchen vor blinkender Drachenwand mäandern. Ein bunt angestrahlter Baum mit Geldscheinen geschmückt. Wie geht das mit Konfuzius zusammen? Esse dunkles Bohnenknabberzeug und Kannichnichtmehrsehenbier. Gleich vorbei.

Hongkong. Vom Flughafen am Hafen vorbei. Umschlagplatz millionenfacher Container. Hier sitzt das Globalisierungstierchen. In der City gibt’s dazu das ehemalige historische Matrosenamüsementviertel. Altes schönes Lichtergeblinke jetzt für unerträgliche Irish Pubs mit betrunkenen Expatmännern und Chinaprostituierten.

Es ist warm schwül und sehr anders als das Festland. Ein Vorgriff auf Englisch und schlechtes Imbissessen und perfekte Automatisierung. Noch eiligere Middle- classbanker und Angestellte, die sehen aus, als gehörten sie so. Mittägliches Schattenboxen in einer Marmorpassage. Nachts betrunkene Schwarze und essende Nachtarbeiterchinesen.

Hongkong: Rolltreppen wie Förderbänder. Brücken wie Gangways

Werde ganz krank krank in Hongkong. Die Läden so fett, die Häuser so hoch und das Dazwischen so eng, Stadt komprimiert, Fußgänger überflüssig, Wege sind Gangways, Brückentrassen über die Autobahnstraßen, immer wieder geht’s über eine Überführung in die nächste Passage, dort über die Rolltreppen nach noch eins höher und dort wieder eine Trasse und in die nächste Highglitzerpalacepassage mit Markenläden, eine einzige Verkaufsfläche, wem gehört bloß diese Passagenwelt?

Überall sitzen heute Frauen. Auf Pappkartons auf den Brückengangways, auf Freiflächen, an Straßenrändern. Sie essen, spielen Karten und andere Spiele, schlafen, reden, singen. Die philippinischen Haus- und Kindermädchen haben Ausgang. Der Motor der Arbeitsstadt. Einen Tag und die Nacht feiern sie die freie Zeit mit ihresgleichen. Im Dunkeln. Am Rand. Gitarrenfreiheit.

Masse sein, andauerndes Vielzuviele, U-Bahnen zum Wegschaffen, Rolltreppen überall und ganz schnell, viel schneller als bei uns. Erst Spötteln über die Aufforderung „Hand am Geländer“, dann zugreifen gegens Straucheln, sich im Tempo verschätzt, festhalten, die Förderlinie spuckt und spuckt und spuckt Menschen, sehr schnell, sehr viele, ohne Lücke, ohne Dazwischen, Züge in hohem Takt, an- und abfahren, laden und löschen, Markierung vorm Plexiglasschlauch, in dem punktgenau gehalten wird. Wer einen Platz haben will, der drückt sich durch, jeder will, Rücksicht fehl am Platz, die Strecken lang, die Verkäuferinnenfüße jaulen.

Von Hongkong nach Shenzhen in die Sonderwirtschaftszone. Beim Grenzübergang der Wirtschaftssprung greifbar. Eben Westkommerz, jetzt Archaokapitalismus.

Dafen. Village. Art, do you know where? Es gibt eine kryptische Karte und einen Bus zum Zielort. Es ist heiß und voll und neben mir und überall Arbeitsmüdigkeit auf dem langen Weg nach Hause. Trabantenstädte. Große Einkaufsbetonautotangente. Hier soll Dafen sein? Das chinesische Künstlerdorf, die Fälscherkolonie.

Es gibt ein geschnitztes Eingangsschild und sogar Straßencafes, richtet sich also an Ausländer, wenn ich auch die fast einzige hier bin. Ein weißes Amerikanerbein um die Ecke schlendern gesehen. Ganz wenige Fremdchinesen. Ein kleines Viertel, durchzogen von schmalen Gassen, alles ausgerichtet aufs Kopierhandwerk. Es gibt Ateliers, kleine und schickere, die sich schon zur Galerie Venice mausern. Mehrstöckige Fabriken in denen laut Werbeschildern jede Kunsttechniksorte reproduziert wird. Post-Pop bis Impressionismus. Classic landscape bis modern china.

Eine gut organisierte Industrie. Da sind die Läden mit den Kopiervorlagen, in denen sich Bücher und Abbildungen stapeln. Jeder Stil vorhanden. Dunkle Eingänge, in denen die Kopiermaschinen stehen. Dinosaurier, Plotter, über denen die großformatigen ausgedruckten Vorlagen an den Decken hängen. Schließlich die Läden mit Malmaterialien, Ölfarben und Pinseln, gleich daneben der Bilderrahmenschreiner. Die Grundausstattung. Und dann alle drei Schritte ein Laden, Atelier, Kellergelass. Kopieren ist Handarbeit, in verschiedenen Techniken, aber jeweils mit Stolz auf die malerische Könnerschaft betrieben. Auf die kopierten Vorlagen wird sehr dünn die Ölfarbe aufgetragen, die die Kopie zum Ölbild macht. Andere arbeiten frei, mit dem Original neben der Staffelei. Hier die Fließbanddekomalerei, ein Team am immer gleichen Motiv, gegenüber Einzelkopisten, die sich eines Seestücks annehmen.

Kaufe zehn Bilder im Discount. Birken und Rehe und Schiff. Ganz ganz billig. Eine Skulptur. Impressionisten. Barack Obama in Öl oder Friedrich der Große, etwas umkomponiert zum neuen Original, aber immer noch beim Flötenspiel. Erst ab jetzt werden mir diese kopierten Bilder in den Shops in Shanghai und Peking auffallen, die Schiele-Variationen hinter der Bar in irgendeinem Weststandardhotel.

Ein Hongkongchinese hat ein Hochzeitsbild gekauft. Einen Klassiker, wie er sagt.

Wir rasen gemeinsam durch den Einkaufsdschungel von Shenzhen. Klatschen und Tanzen der Angestellten, aus jeder Neonhöhle dröhnen laut Ansagen und Musiken. Die Straßen sind voller Shopper und Shopperinnen, die sich diesen Spaß hier, billig billig pink und neon, erfüllen, Arbeiter, die just den Tand für Hungerlöhne selber hergestellt haben.

Im Windows of the World in Shenzhen zum Abschluss eine Parade der Weltethnien. Muselmanen tanzen mit Tutenchamun zwischen griechischen Säulen, Fantasyvölker aus Wasser und Weltraum. Draußen die Glaspyramide vom Louvre. Der Eifelturm explodiert als Weihnachtsbaum im finalen Feuerwerk. Die letzte Möglichkeit zum Grenzübergang nicht verpassen. Möchte lieber raus aus der Sonderwirtschaftszone.

In Shanghai ankommen in Sturm und Gewitter, der gigantische Flughafen fast menschenleer, schnell Geld holen, bevor die hier abschließen, der Maglev fährt nicht mehr, also ins Taxi. Sich mit dem Taxifahrer nicht streiten, er versteht mich sofort, also das Zhapulu, hoffentlich, sonst schweigen wir. Land unter. Hochhäuser in Blitzen. Wann habe ich mich abgesehen oder vollgesehen, oder ist das eher so ein Wiederkehrgefühl, ein Déjà-vu, nicht eigentlich neu, aber auch nicht bekannt, abgehärtet und keine Erstaufregung mehr, oder wieder ein erstes Mal weniger. Ich habe nicht vorgesorgt und fahre direkt in die alte Hotelheimat. Hoffe, sie existiert noch und ist auch bezahlbar. Habe keinen Stadtplan oder Hoteladressen dabei, kein chinesisches Links, Rechts oder Hotel im Hirn, und Shanghai versinkt im kalten Gewitter um Mitternacht.

Das Hotel gibt es noch und es ist wie ein kleines Wunder. Immer noch derselbe Portier, es gibt ein Zimmer mit Aussicht und man ist ganz freundlich zu mir. Gehe Hot Pot essen. Da sitze ich jetzt, draußen schüttet es und gegenüber im Schaufenster sitzen drei vier Mädchen, halb nackt, zwei versuchen die anderen zum Tanzen zu animieren, wild hair schütteling, als ob’s wirklich so sein soll und Party wäre, dann halten sie inne und schauen aus dem Fenster. Drüben sitze ich und esse Hot Pot. Eine alleine Frau. Ein paar Freier. Der Kellner ist ganz höflich, die Lichter der Zhapu Lu blinken und das Zimmer, das wollte ich sagen, das kostet weniger als früher. 318. Jawohl.

Ich will jetzt nicht wieder über das erste Mal, aber als sie in den Cotton Club kommt und ich mich erinnere, wie umwerfend sie damals, eine schwarze Soulsängerin mit Katzenkrallen, gegen alles gefeit, und jetzt singt sie also immer noch hier. Sieben Nächte die Woche, die hängen in ihrem Gesicht, und jemand hat Geburtstag, und auf Aufforderung klatschen die vielen jungen Chinesen, die heute groß aus, wie gelernt. Ob sie immer im Hotel, ein Zimmer in dieser fremden gelben Stadt? Darauf trinken. Sie und ich.

In Peking schneit es leider nicht mehr, das ganze Weiß ist weg, und damit das herbe Braun und das Rot und Chinabilderbuchschönheit, und mal wieder keine Fotos gemacht. Alles wirkt etwas schicker in weltoffen, und rechts des neuen Airporttrains sieht man noch die bunte Werbung für Olympia, one world let’s do it. Die neuen Automaten funktionieren nicht und am Ersatzschalter kein Englisch, und dann bin ich doch wieder richtig in China gelandet. Neben mir laut und unfreundlich, oder vielleicht ist das auch nur laut. Dauerrushhour. Mit dem Taxi fahren und fahren, eine Riesenavenue nach der nächsten, nein, das ist keine der Ring Roads, sondern nur eine kleine gigantische Nebenstraße. Das neue Center for the Performing Arts schwebt wie ein Ufo einer anderen Größendimension im Hintergrund. Drinnen ist es eine Flughafenhalle. China ist mal wieder sehr groß.

Peking kaltgrau, dunkle Farben, bitter und heller kalter Winterhimmel, frische Luft und Glanz auf Mao-Bildern und Marriothotelgold. Jeder Block einige Kilometer lang, dafür jetzt im Februar fast kaum Ausländer, außer abends in der American-Diner-Vorhölle. Draußen nur Chinesen. Um den zugefrorenen See eine Vergnügungslandschaft für Chinesentouristen. In jedem Etablissement ein Gesangsensemble. Brasilianisch oder Folk oder Techno, gerapt, oder Schnulzen von langhaarigen Mädchen gecovert. In der Restaurantstraße Fresstempel ohne Ende. In der Barstraße eine Bar an der nächsten. Die Kellner klatschen enthusiastisch. Viel später in den Hutongs am Ende einer öden Gasse die roten Spießchen. Kaschemmenverheißung ohne Zeit. Chinaland, viel mehr als Shanghai.

Die heroische Musik erst auf Chinesisch, dann noch einmal one world one dream und die Riesenbauten schweben etwas über Normalmaß im Winterweiß. Auf den Sportflächen wird Marschieren geübt, drinnen im Stadion Festtagsstimmung. Im Vogelnest hat man Kunstrasen ausgelegt, und auf dem ganzen Feld, das im Fernsehen viel größer, also wirklich viel größer wirkt, schlendern, liegen, fotografieren sich an den extra aufgestellten Kirschblütenbäumchen stolze chinesische Familien und Betriebsgruppen. Auf der Videospule die Höhepunkte, überall in der ganzen Stadt noch die Werbungsreste, nein, dieses One world one dream-Bier will ich nicht, die Haltbarkeit ist abgelaufen, hello, das war 2008, ich will ein neues Bier. Ein wo weiter. Mit dem Bus ins nächste Ausflugsvergnügen.

Bei Ikea ist es sehr voll. Das vertraute Sortiment im Dauertest der massenhaften Besucher. Auf den ausgestellten Sofas schlafende Großstadtmenschen.

Das gesamte Gelände südlich des Tiananmen-Platzes ist jetzt wirklich abgerissen. Die Gassen mit den Ständen wegplaniert, dafür in historisierender Fassade eine Lädenlandschaft, noch komplett neu, zum Vermieten. Die historische Tram fährt schon und die chinesischen Reisegruppen aus der Provinz werden die kalte leerstehende Fußgängerzone hoch- und runtergeführt.

An einem letzten Morgen in den Kaiserpark. Will noch mal die alten Leute sehen, die kommunistische Opern singen. Lasse mir auf einen Zettel in Zeichen schreiben: Old People sing (operas) in a park. Für den Taxifahrer.

Greise fiedeln im Park auf einem Bogengerät kommunistische Opern

Nahe beim Eastgate, eine Weile schon durch den Sonntagsfreudenpark gewandert. Alte Leute singen und machen aber vor allem alles Mögliche andere. Sie tanzen Szenen aus Opern nach, sie tanzen gemeinsam Gesellschaftstänze, in diversen Kreisen wird musiziert und sich bewegt. In einem leicht abseitigen Rondell sitzen und spielen überlappend fünf sechs Kammergrüppchen. Greise, die auf einem Bogengerät fiedeln. Gleichzeitig und gegen und übereinander und sehr laut und für Westohren komplett amusikalisch. Vor den Greisen jeweils der Solist oder die Solistin. Ein Paar, etwas abseits, er fiedelt, sie singt mit dünner Greisenstimme. Opern, die die Kulturrevolution überlebt haben? Ab und an unterbrechen sie sich, suchen einen neuen Ansatz. Lebenslange-Liebeleileilei.

Ich kann diesen Unterschied einfach nicht entdecken. Ich bin mir einfach nicht sicher, welches von diesen Wohandys das echte also Iphone ist. Und überall sind Ornamente von Ysl und KFC und Starbucks ist ein Hochhaus im DekorLuxus, und der ist aber unglaublich billig. Und man kann damit telefonieren, Zigaretten anzünden, Massage und Videos sowieso. Im Internet eine Shanzhai-Show. Es gilt immer mitzuschwimmen, sich nicht zu sperren, brüchig werden, eigensinnig, und dann ist das Eigene schon längst vorbei, schneller sein, auf dem gerade noch eben neuen den Sprung zum übernächsten. Nichts muss halten. Nichts stehen. Nichts. Du musst Vorlage werden, irgendwas muss daran so besonders, dass sich das lohnt. Du musst du musst du sein, bevor du weg. Raus. Angst. Und sammelst deine Werte, das machst du, weil du’s nicht schaffst. Und auf einmal kippen die Dinge, denke ich an einen Anfang, dann bin ich jetzt woanders, eine Zeit dazwischen, altern und das heißt Bilderfressen, Wechseln und vergessen und sich erinnern an Vergangenheiten im Hyperland, und die sind jetzt schon Zitate, die sind aber so drüber, eigenmodifiziert und hochgetunt, die blonden Strähnen der gleichgeschalteten Teenies vorm Dunkelblau der Alten, Geigen fiedeln in Mao und Masse und Leere und Größe und.

Auf dem Rückweg vor der Nacht hergejagt, ein langer Tag via Paris und irgendwann spät Berlin. Sich frisch machen am Flughafen, die Toilettenfrau besonders frustriert: Weißt du, was für einen Saal du hier hast? Draußen ein einsamer Bus, schnell reinspringen, wer weiß, wann in der Hauptstadt wieder was fährt. KFC, ein Readymade in der Tegeler Dunkelheit. Chinatown in Oranienburg ist ausgeträumt. Die Treppen zur U-Bahn schmutzig und niemand da außer ich. Drinnen ein paar aufgeregte Jugendliche, Ey Alta. Müde Gesichter bei den Älteren. Ungesund in Dauertrauer. Alkhaut. Möchte nicht so gerne hier sein. Wandere durch Spielzeugstraßen Mitte. Wie fest die Gebäude. Wie eine Kulisse, aber so in echt. Ganz kräftig alles, jede Klingel, Gaslaternen, Hinweisschilder. Die Läden so menschengroß. Ab und an ein Flaneur oder zwei, Fahrräder mit Licht. Leer leer leer. Eine Kneipe für Ewigkeiten gebaut. Massive Holztische, Kerzenleuchter, Objekte. Schaue auf Kreuzung und werde, nein, bin blind in Gewöhnung. Menschen im Regen in ihrem eigenen, je eigenen Stadttempo. Durch die Nacht im Taxi. Würde lieber einsam in Fremdsprache muffeln als in der scheinbaren Vertrautheit fremd. Zurück. Hätte gerne so eine einfache Suppenküche und Dumpling-Nähe. Billig, ich weiß.

© 2009 by Verlag Blumenbar, München

Die Herausgeberinnen

Gesine Danckwart, Autorin, Theater- und Filmemacherin. Ihre Stücke wurden mehrfach prämiert und werden an Theatern im deutschsprachigen Raum und im Ausland gespielt. Diverse Hörspiele. Ihr Spielfilm Umdeinleben hatte beim Filmfest München 2009 Premiere.

Anja Goette, Sinologin und Kulturwissenschaftlerin, Mitarbeit bei zahlreichen Film-, Theater- und Musikfestivals in China und Europa, Vorträge zur chinesischen Filmszene, 2007 Co-Kuratorin von Umweg über China, Hebbel am Ufer (HAU) Berlin. Zurzeit Kulturbeauftragte für den deutschen Pavillon der EXPO 2010 in Shanghai.

Susanne Vincenz, Dramaturgin, Kuratorin, Theatermacherin und Mitinitiatorin der staatsbankberlin. Mitarbeit an internationalen Theaterprojekten, u.a. im Iran.

Erscheinungstermin 14. Oktober 2009

05:00 15.10.2009

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare