Demo statt Frust

Rassismus Jahrelang dachten meine Tochter und ich unterschiedlich. Nun wollen wir trotzdem beide auf die Straße gehen
Demo statt Frust

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Alles begann mit einer einfachen Frage am Anfang des Monats: „Kommst du am Samstag zur Demo?“ Die Stimme meiner Tochter, Golbarg, die mich übers Glasfasernetz erreichte, klang metallisch.

„Zu welcher Demonstration?“, brauchte ich eigentlich nicht zu fragen. Ganz Deutschland ist seit dem öffentlichen und brutalen Tod des Schwarzen George Floyd bei einem Polizeieinsatz am 25. Mai in der US-Großstadt Minneapolis in Aufruhr. Selbst das furchterregende Coronavirus konnte die aufgebrachten Menschen nicht davon abhalten, an den Demonstrationen in vielen Großstädten Deutschlands teilzunehmen. Dass Golbarg auch mitlaufen wollte, hat mich überrascht. Sie ist etwa seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland zu Hause und hat in den letzten vier Dekaden nie mit mir an irgendeinem antirassistischen Protest teilgenommen, obwohl es genug Anlässe gab.

Ich bin keine Demonstrantin

„Zu welcher Demonstration?“, fragte ich sie trotzdem, auf Farsi, um Zeit zu gewinnen, mir eine adäquate Antwort zu überlegen. Ihre irritierende Frage rief in mir plötzlich widersprüchliche Emotionen und Gedanken hervor. Vor allem spürte ich auf einmal den alten, in den 1990er-Jahren entstandenen Wunsch, einmal mit ihr ein Plakat mit der Aufschrift „Nazi raus“ auf einer Kundgebung zu tragen.

Denn zu Beginn jener Dekade erlebte Deutschland eine Welle rechtsextremer Gewalt, die sich gegen die Nichtdeutschen richtete. Wie im Westen wuchs auch in Ostdeutschland eine rechte Subkultur: Hoyerswerda, Hünxe und Rostock waren zuerst der Schauplatz nackter Brutalität gegen anders aussehende Menschen. In Rostock klatschten Nachbarn und Schaulustige Beifall, als die Unterkunft der Nichtdeutschen in Brand gesetzt wurde. Die Polizei hinderte die Täter nicht daran. Bei Brandanschlägen Rechtsradikaler auf Wohnhäuser türkischer Familien starben 1992 in Mölln und 1993 in Solingen zehn Menschen. Wiederholt griffen Rechtsextreme ausländisch aussehende Menschen auf offener Straße an. Auch die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ermordeten neun Menschen mit Migrationshintergrund und eine Polizistin in diesem Zeitraum. Zahlreiche Demonstrationen gegen Rassismus und Rechtsextremismus fanden deshalb statt. Auch ich habe an ihnen teilgenommen. Meine Tochter, zu dieser Zeit gerade am Beginn ihrer Teenagerjahre, blieb zu Hause: „Ich bin Schülerin von Beruf, nicht Demonstrantin, und muss meine Hausaufgaben machen. Außerdem haben wir genug darüber in der Klasse diskutiert!“, argumentierte sie damals.

„Komm, das ist doch klar: gegen Rassismus“, antwortete meine Tochter nun grantig auf Farsi. „Fang bitte aber jetzt nicht an, über Rassismus zu diskutieren, okay?“, fügte sie auf Deutsch hinzu. Okay.

Rassismus ist seit Jahren kein Gesprächsthema mehr zwischen uns. Es belastete lange unsere Mutter-Tochter-Beziehung massiv. Daher haben wir uns entschieden, unsere Ansichten und Argumente in einem Brief festzuhalten und das Thema als „erledigt“ zu betrachten. Danach hatten wir weniger Konfliktstoff.

Dass wir als zwei nichtdeutsche Frauen iranischer Abstammung über Rassismus unterschiedlicher Auffassung waren und sind, läge an unseren ungleichen Biografien, schrieb Golbarg in ihrer schriftlichen Mitteilung. Sie sei meine Tochter, die ich als acht Monate altes Baby unmittelbar nach der iranischen Revolution 1979 in eine Teheraner Moschee mitgeschleppt hatte, „um den Umgang mit Waffen zu lernen“. Die Gefahr, dass Saddam Hussein mit amerikanischer Hilfe den Iran erobern würde, war nicht gering. Daher hatte ich mich einer von der islamischen Regierung angebotenen militärischen Ausbildung für die Bevölkerung angeschlossen, um uns „verteidigen zu können“ (der Freitag, 18. April 2003). Sie habe aber eine andere Lebensgeschichte und daher andere Assoziationen. Sie sei in Deutschland aufgewachsen, in die Schule gegangen, genoss allerlei Freiheiten, konnte einen akademischen Titel erwerben und diverse Berufs- und Lebenserfahrungen im In- und Ausland sammeln.

„Ich erinnere mich an keine rassistische Situation in der Schule, in der ich nur wegen meiner Herkunft oder Kultur benachteiligt worden bin. Aber meine Gesamtschule war sowieso alternativ eingestellt“.

Diese Alternativschule war eine Gesamtschule mit Inklusion und gymnasialer Oberstufe (Abitur), die ich nach langer Recherche über die Schulformen in Deutschland ausgesucht hatte. Wenn es nach der „dringenden Empfehlung“ ihrer Grundschullehrerin gegangen wäre, hätte Golbarg eine Haupt- oder Realschule besucht, obwohl sie ihrer Leistungen nach auch für das Gymnasium geeignet war. Der Grund der nachdrücklichen Empfehlung: „Golbarg fühlt sich oft überfordert! Das liegt bei ausländischen Kindern meistens an ihren Lebensumständen.“ Damals war mir nicht bewusst, dass solche „Empfehlungen“ nicht die Ausnahme, sondern die Regel ausmachen und den strukturellen Rassismus in dieser Gesellschaft unterstützen. Aus dem gleichen Grund haben aktuell laut dem Statistischen Bundesamt noch etwa 70 Prozent aller Menschen ohne Schulabschluss in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das deutet nicht auf ein „individuelles“ Problem hin, sondern verweist auf ein gravierendes Defizit im deutschen Bildungssystem. Die People of Color, also (deutsche) Schwarze, Menschen mit Migrationshintergrund oder „neue Deutsche“, (also Menschen, die Migranten genannt werden, obwohl schon ihre Eltern hier geboren wurden) sind solch institutionellem Rassismus ausgesetzt. „48 Prozent der Menschen in Deutschland, deren Äußeres auf eine Migrationsgeschichte hinweist, sagen, dass sie sich diskriminiert fühlen“, zitierte ich den Sachverständigenrat für Integration und Migration in meinem Brief.

„Das Problem ist, dass du vernarrt in dein Rassismus-Narrativ bist“, sagt meine Tochter, die mittlerweile Künstlerin ist. Ich würde jede Kleinigkeit als rassistisch bezeichnen. „Aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, ist ja dein Job! Sonst werden deine Romane nicht so spannend.“

Ihr Lieblingsbeispiel kenne ich gut. Es ist der Spruch über das „gute Deutsch“: „Vor zwei Jahren habe ich als Künstlerin in Wien in einem Museum ausgestellt. Nachdem ich mich eine Weile mit einer älteren Besucherin über mein Werk unterhalten habe, hat sie mein Namensschild entdeckt und gesagt: ‚Ach so … Sie sprechen aber gut Deutsch!‘“ Golbarg habe die Bemerkung aber nicht rassistisch eingestuft, sondern sie dem Charakter der Frau zugeordnet.

Warum soll es verwunderlich sein, wenn eine nichtdeutsche Person gut Deutsch spricht? Ist das nicht eine rassistische Haltung, wenn man die Lernfähigkeit eines Menschen mit seiner Herkunft in Verbindung bringt?

„Dass ich den Rassismus anders definiere als du, hat weniger mit meiner Biografie zu tun“, habe ich damals meiner Tochter geschrieben, „sondern eher mit meiner Positionierung in dieser Gesellschaft.“ Ich bestand und bestehe immer noch darauf, dass meine Perspektive als Betroffene mit Migrationshintergrund auch als solche anerkannt wird.

Nicht der Diversität wegen

„Bekomme ich endlich eine Antwort?“, fragte sie wieder auf Farsi. „Ja, klar“, erwiderte ich rasch. Dass die Kunst und nicht die Straße für sie als Kampfplatz galt, wusste ich. Was mir nicht klar war, versuchte ich herauszuhören: „Aber vorher, warum willst du zur Demo? Ich meine, was hat sich in Deutschland geändert, dass du nun die Notwendigkeit siehst, dagegen zu demonstrieren? AfD?“

„Was willst du hören?“, erwiderte sie genervt. „Dass Rassismus nicht erst seit der AfD in Deutschland ein Problem ist? Klar. Er ist aber seit der AfD in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Das finde ich erschreckend.“ Dann versuchte sie, die globale Situation des „Rechtsrucks“ der Länder, vor allem der USA, ruhig auf Farsi zu schildern. Am Schluss wechselte sie wieder zu Deutsch: „Es betrifft uns alle, oder? Denn jeder kann ein Zeichen setzen: Wir sind mehr!“ Richtig, eine Mehrheit. Aber eine, die leider gerne schweigt, dachte ich. „Kommst du nun zur Demo mit oder nicht?“, wollte sie endlich wissen.

Seit fast dreißig Jahren setze ich mich für die Demokratie und gegen den strukturellen Rassismus in Deutschland ein. Nicht nur auf der Straße oder bei meinen Lesungen im In- und Ausland, sondern auch als frühere Medienberaterin und Referentin für Migrant*innen-Angelegenheiten bei verschiedenen Institutionen der Stadt Köln. Das tat ich, weil ich mich dem hochrangigen Rassisten Joseph Goebbels widersetzen wollte. Er nannte die geflüchteten Schriftsteller*innen Deutschlands (und damit indirekt mich) „Kadaver auf Urlaub“.

Mittlerweile bin ich es aber leid, mich vergeblich an rassistischen Strukturen dieser Gesellschaft abzuarbeiten und immer wieder auf dieselbe Lösung hinzuweisen, die bis dato kaum Gehör gefunden hat. Die Devise lautete, damals wie heute: zuhören, nachvollziehen und das Problem gemeinsam mit den Betroffenen anpacken. Nicht der Diversität wegen, sondern wegen der Demokratie.

„Wir haben noch Zeit bis Samstag, oder?“, fragte ich Golbarg, weil ich dachte, es könnte vielleicht mein starker Wunsch, einmal mit meiner Tochter an einer Demonstration gegen Rassismus teilzunehmen, bis dahin über meinen Frust siegen. „Ich gebe dir rechtzeitig Bescheid“, sagte ich auf Deutsch.

Fahimeh Farsaie ist Autorin und Journalistin. Sie arbeitete als Korrespondentin in London für die größte iranische Tageszeitung Keyhan, bevor sie vom Schah-Regime inhaftiert wurde. Vor der Verfolgung des Khomeini-Regimes floh sie 1983 nach Deutschland und lebt seitdem hier. Farsaie schreibt Romane, Hörspiele und Drehbücher. Ihr Roman Eines Dienstag beschloss meine Mutter Deutsche zu werden wurde 2019 zuletzt neu aufgelegt

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06:00 15.07.2020

Ausgabe 33/2020

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