Demos

Allein in der Masse Mitmarschieren ist so schwer

Die letzten Antikriegsdemonstrationen machten Mut. Fast niemand ging hin. Vorbei die Zeiten der kollektiven Friedensbekenntnisse im öffentlichen Raum. Die neue Jugendbewegung ist abgestorben. »Das konnte ja nicht gut gehen.« Zuviel Aktionismus, zuviel Enthusiasmus auf wackligem gesellschaftstheoretischem Fundament, werden die Jugendforscher konstatieren und die nächste Generation ausrufen. Mir ganz recht. Irgendwie haben mich die ganzen demonstrierenden Schüler nur daran erinnert, dass ich ganz schön alt geworden bin. Mein Demonstrationserweckungserlebnis war der erste Golfkrieg. Wir schwänzten die Schule und zogen hinter unserem Schülersprecher durch die Innenstadt. Der hatte einen Bart und Birkenstockschuhe und stellte sich auf dem Marktplatz auf eine Bank und hielt eine lange Rede, in der der Slogan »Kein Blut für Öl« sechsundzwanzigmal wiederkehrte. Dann gingen wir nach Hause.

Die Zeiten haben sich geändert. Die neue Schülergeneration sieht eindeutig besser aus als wir. Die Feuilletonisten streiten sich noch darum, ob das als positives oder negatives Merkmal zu werten ist. Doch die jüngsten Mehrheitskundgebungen waren für mich eine ungewohnte Erfahrung. Schlagartig wurde mir klar, dass ich in den letzten Jahren auf Demostrationen nur erschienen bin, um der einzige Demonstrant zu sein. Ich traf mich mit Freunden am Versammlungsort und hörte es raunen: »Typisch, vollkommen unpolitisierte Gesellschaft. Keiner kommt mehr hinter seinem Ofen hervor.« Das Protestlerhäuflein nickte sich ergriffen zu. Wir fühlten uns als demonstrationspolitische Märtyrer. Irgendwann verließ mich aber der Demo-Eifer. Der Grund lag auf der Hand. Die Redner waren peinlich. Sicherlich hat die Räumung eines besetzten Hauses etwas mit dem Patriachat und der Nato-Osterweiterung zu tun. Aber als die Stimme, die diesen komplexen Zusammenhang vortrug, aus dem »Lauti« schrillte, der direkt vor dem Kanzleramt postiert war, versuchte ich mich zwischen den anderen fünfzig Protestlern zu verbergen und beschloss, meine Demogänge einzuschränken.

Zu den neuartigen Großdemonstration ging ich aufgrund meiner Sozialisation als Demostrationsmärtyrer natürlich ein wenig verächtlich. Und in Zivilkleidung. Ohne selbstbemaltes Shirt oder einer großen Fahne auf der Sachen stehen wie »Kein Krieg für Öl« oder »Herr Bush, gehen sie nach Hause«. Einige meiner Bekannten gingen gar nicht hin. Sie sind Anti-Deutsche und verbrachten den Tag im neueröffneten Starbucks-Cafe. Sie waren immer gegen alles. Ich eigentlich auch. Jetzt saßen sie in der Patsche und mussten George Bush und seinen Krieg gut finden. Abends traf ich sie dann auf einer Party. Sie schauten mich an, als wäre ich in die NPD eingetreten.

Auf Massenveranstaltungen ist man zwangsläufig umgeben mit Menschen, mit denen man sich nicht gemein machen möchte. Nur diesmal war mein Hass und meine Verachtung viel stärker. Ich hasste die Angelika Beers und Ludger Vollmers. Ich hasste die schwäbische Gymnasiallehrerfraktion und die evangalischen Schorlemmeristen aus Brandenburg. Ich hasste die Konstantin Wecker-Fangemeinde aus Regensburg, die Hamasfraktion der Palästinatuchträger und die antiamerikanische Freundschaft um Horst Mahler. Kurz: eigentlich mochte ich nur meine Freunde und mich. Natürlich ist das gemein und überheblich und stimmt auch nicht wirklich. Aber fast.

Da traf es sich gut, dass ich die letzten Wochen in einem anderen Land verbrachte und mich dort unter die DemonstratInnen mischen konnte. Vollkommen ahnungslos: unvertraut mit den Sprüchen auf den Fahnen, unvertraut mit den Geschichten der Menschen. Denn erstens gibt es in Barcelona wahrscheinlich nur sehr wenige Schorlemmeristas und wenn es welche geben sollte, dann hätte ich sie nicht erkannt. Und zweitens reimte ich mir zu den fremden Demonstranten meine eigenen Geschichten zusammen, so dass Schnurbart tragende alte Herren mit »Pace«-Fahnen mir nicht als Jürgen Trittin Verschnitte aus Bonn-Beuel erschienen, sondern als lateinamerikanische Gewerkschaftsfunktionäre im Exil. Und die Kommunisten erinnerten mich nicht an den westdeutschen Kommunistenführer Herbert Mies aus meiner Heimatstadt Gladbeck und auch nicht an den Ortsgruppenleiter der PDS auf dem Einheiz- Fest. Mein dürftiges Spanisch ließ mich in den Plakatschriftzügen genau das entziffern, was mir im Kopf herum schwebte, ohne dass ich es hätte in Worte fassen können. Und die Sprechchöre und Reden, die Ursache meiner zeitgenössischen Demonstrationsunlust, hörten sich so bezaubernd spanisch an.

00:00 25.04.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare