Den Letzten beissen die Hunde

Kommentar Sieger und Verlierer auf den Öl-Märkten

Wer will, kann täglich im Internet die aktuellen und die zukünftigen Preise für Rohöl abrufen. Am 20. April 2006 mussten bare 71,96 Dollar je Fass von 159 Litern hingelegt werden. Wenn man am gleichen Tag Futures auf Öllieferungen im Mai 2007 kaufte, betrug der Preis drei Dollar mehr, nämlich 75,17 Dollar. Der hohe Preis des schwarzen Goldes ist heute ernster zu nehmen als Anfang der achtziger Jahre während der iranischen Revolution und der dadurch ausgelösten Ölkrise. Und daran ist die Globalisierung schuld.

Zunächst einmal wird das Angebot von Öl knapper und teurer, während gleichzeitig die Nachfrage steigt. Um die erste Hälfte der globalen Ölvorräte zu verbrauchen, haben wir etwa 100 Jahre benötigt. Die zweite Hälfte von rund einer Billion Fässern wird in höchstens 20 Jahren verfeuert sein. Der Höhepunkt der globalen Ölförderung ist erreicht - die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre für die Verbrennungsprodukte des Öls ebenfalls. Der Energiehunger der Industriestaaten bleibt so unersättlich wie eh und je. Die Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas, vielleicht auch Afrikas, drängen als neue Nachfrager auf die Märkte. Sie sind gezwungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und brauchen dazu Öl, so dass bei einem knappem Angebot und rapide steigender Nachfrage der Preis unweigerlich nach oben geht.

Außerdem kalkuliert die Internationale Energie-Agentur mit Investitionen von mehr als drei Billionen Dollar in Förderanlagen, Pipelines und Raffinerien, um bis 2030 die Tagesförderung von jetzt 80 auf 121 Millionen Barrels zu erhöhen. Und allein die Zinsen dieser Investitionen werden mit etwa 13 Dollar je zusätzlichem Fass zu Buche schlagen. Dazu kommt die Globalisierung der Finanzmärkte. Jetzt macht sich eine Selbstverständlichkeit preistreibend geltend, dass nämlich Öl wie jede andere Ware auch einen doppelten Charakter hat. Es ist Gebrauchswert mit physikalischen und chemischen Eigenschaften ("wet oil" genannt) - und Tauschwert, der in Geld umgesetzt werden soll. Nun wird nicht nur, wie bis zu Beginn der neunziger Jahre in aller Regel, das "wet barrel" zu einem von den Produzenten und Nachfragern ausgemachten Preis gehandelt, sondern auch das virtuelle Ölfass, das so genannte "paper oil". Letzteres existiert nur auf dem Papier, als Kauf- und Verkaufsoption, als Futures, die von Spekulanten an den diversen Ölbörsen gehandelt werden. Jede Übertragung des verbrieften Öls in Form von Futures, Optionen und so weiter kostet. Und dabei ist nicht ein zusätzlicher Tropfen Öl gefördert worden.

Steigende Ölpreise sind in erster Linie günstig für die Ölanbieter, für die Förderländer und großen Mineralölfirmen, die satte Gewinne einfahren. Sie sind auch gut für den Börsenkurs der Ölmultis und die Gehälter der Manager, die davon abhängig sind. Denn die Reserven können mit den höheren Preisen bewertet werden. Dann muss man nicht - wie Shell es 2005 tat - die Reserven nach oben fälschen, um den Börsenkurs zu treiben.

Also haben die Preissprünge des "wet-" und "paper oil" eine globale Umverteilung von Vermögen und Einkommen zur Folge. In der ersten Runde der Umverteilung gewinnen die Ölproduzenten und Ölmultis, während die Öl importierenden Länder verlieren, besonders jene Entwicklungsländer, denen Devisen fehlen und die sich extern verschulden müssen. In der zweiten Runde werden die Öleinnahmen "recycled". Das heißt, sie landen als Dollaranlagen bei Filialen von US- und europäischen Fonds und Banken vor allem in Offshore-Finanzzentren. Sie dienen auch für Importe aus China, Japan und Europa. Das hat positive Wirkungen auf die Exporteinnahmen dieser Länder und lässt deren Devisenschatz anschwellen. So lange dieser nicht aufgelöst oder aus Dollar in Euro getauscht wird, kann das wachsende Defizit der US-Leistungsbilanz finanziert werden. Das funktioniert aber nur, solange die Zinsen in den USA für Anleger attraktiv sind.

In der dritten Runde der Umverteilung erscheinen die Zentralbanken auf der Bühne. Denn wenn Energieinputs teurer werden und das inländische Güterangebot wegen der steigenden Exporte sinkt, werden inflationäre Impulse ausgelöst. Damit die Preissteigerung nicht durch Lohnerhöhungen aufgefangen werden können und dann der befürchtete "sekundäre" Effekt in Gestalt der "Lohn-Preis-Spirale" eintritt, wird mit restriktiver Geldpolitik Druck auf die Lohneinkommen ausgeübt. Die Europäische Zentralbank hat so jüngste Zinssteigerungen begründet.

Den Letzten beißen die Hunde, und das sind die Lohnabhängigen weltweit, deren reale Kaufkraft abgesenkt wird. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: den Übergang zu erneuerbaren Energien.


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00:00 28.04.2006

Ausgabe 38/2020

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