Der affirmative Charakter der Amphetamine

Atmosphären Hans-Christian Danys faszinierendes Buch "Speed" ist weit mehr als nur eine Kulturgeschichte der Drogen

Wissenschaftliche und künstlerische, filmische und literarische Verhandlungen des Themas Drogen vermögen es für gewöhnlich nicht, sich zwei dominanten Mustern zu entziehen. Entweder sie feiern die Droge euphorisch als Mittel zum Ausstieg in eine Gegenwelt, als Verfeinerung des Lebensstils und als Medium einer neuen Gemeinschaft oder sie moralisieren sie in Grund und Boden, je nach Geschmack als Ursache oder als Zeichen für den Untergang der Zivilisation. Im schlimmsten Fall schaffen sie es, beide Muster nacheinander oder gar zugleich anzuwenden. Dabei werden notwendiger- und systematischerweise sowohl die sozialen Kontexte als auch die ökonomischen Hintergründe der Vermarktung, Vergesellschaftung, Kriminalisierung und Kulturalisierung von Drogen und ihres Gebrauchs, damit auch ihr in verschiedenen historischen und geografischen Situierungen sich verändernder "affirmativer Charakter" ausgeblendet. Nicht so in Hans-Christian Danys Buch Speed. Eine Gesellschaft auf Drogen.

Der Hamburger Künstler und Kritiker hat ein ausgezeichnet recherchiertes und großartig geschriebenes Buch veröffentlicht, das über die engere Geschichte der Amphetamine hinaus eine im besten Sinn ausufernde Materialanhäufung der mannigfaltigen Aspekte des Drogengebrauchs zur Verfügung stellt. Eher gleicht es einer weit gefächerten, transnationalen und transdisziplinären Kulturgeschichte der Amphetamine: Geschichten und Beispiele aus dem Kunstfeld stehen neben der populären Aufarbeitung von Sachverhalten aus der Chemie, die neuere Pop- und Filmgeschichte neben der Kritik der Pharma-Industrieund anderer militärisch-ökonomischer Komplexe. Die Modegeschichte steht neben der Literatur. und der Literatur.

Einsatz im Krieg

Was das Kennenlernen des Forschungsgegenstands betrifft, bedarf es keinerlei Vorwissen für die Lektüre des Buchs, weder naturwissenschaftlich-pharmazeutischen Geheimwissens noch irgendwelcher Insider-Sprachen von Drogengebrauchenden entlang der letzten eineinhalb Jahrhunderte; Dany liefert Lehrreiches in schier endlosen Stories und doch in kompakter Form: von der Entdeckung des Amphetamin durch den rumänischen Chemiestudenten Lazar Edeleanu im Jahr 1887 über seine sehr langsame Verwandlung zum Gebrauchsgegenstand zwischen den Weltkriegen, den Einsatz in eben diesen Kriegen als Verbesserungsmethode des soldatischen Körpers und damit zur militärischen Leistungssteigerung vor allem der NS-Kriegsmaschinerie (mit besonderem Augenmerk auf den Drogengebrauch Adolf Hitlers und seines Generalluftzeugmeisters Ernst Udet).

Er beschreibt die sich verändernden Anwendungen in der Behandlung von Asthma oder Narkolepsie nach dem Krieg, die ebenso schnell einsetzenden und sich verwandelnden kleinen Tarnungs- und Zweckentfremdungspraxen der legalen Drogen seit den 1930er Jahren, die Erhöhung der körperlichen Leistungskraft als Doping im Sport, den Einsatz in der Psychotherapie der 1950er, den US-amerikanischen "War on Drugs" der 1970er, die Amphetamin-getriggerten Musik- und Partystile von Northern Soul am Ende der 1960er bis zu den Techno- und Rave-Generationen der späten 1980er und 1990er.

Dany beschreibt die Entwicklung von Sexdrogen in den 2000ern, die Wiederkehr als Medikament zur Behandlung von ADHS, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, die in den letzten Jahren vor allem bei Jugendlichen diagnostiziert wird, bis zu heutigen Praxen der biopolitischen Selbstmedikation, die prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen als Krankheit behandeln. Dieser langen Reihe der sich verändernden Gebrauchswerte von Speed, Acid, Amphetamin als Medikament, Rauschmittel, Waffe, Medium und vielem mehr werden en passant auch noch Geschichten zu Entwicklung und Funktion von LSD, Kokain und Heroin beigestellt, um widerlegt damit nicht zuletzt auch die "so nachhaltige wie haltlose These einer Wechselwirkung von Rausch und Verbrechen".

Duchamps Pharmacie

Vor diesem Hintergrund einer breiteren Kulturgeschichte des Drogengebrauchs findet Dany seine bemerkenswertesten Beispiele vor allem im Fundus der Geschichte der Kunstpraxen des 20. Jahrhunderts. Kunstgeschichte erscheint hier allerdings durchgehend mit Aspekten der politischen Geschichte durchwirkt, und in dieser spezifischen Verzahnung von Kunst und Politik wird es möglich, ästhetische und politische Problemstellungen als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen: Der Technik- und Geschwindigkeitsrausch der Futuristen und die Geburt des Fordismus als doppeltes Ineinandergreifen von Mensch und Maschine; Marcel Duchamps Pharmacie als Schlüsselwerk der Konzeptkunst und als Hinweis auf die zeitgleich beginnende Kriminalisierung der außermedizinischen Verwendung von Drogen.

Dany geht den Ekstasen der Berliner Ausdruckstänzerin Anita Berber und der Ambivalenz von Frauenbildern im Zustand höchster Erregung und in jenem gezielter Selbstzerstörung nach, beschreibt Judy Garlands Amphetamin-Geschichte von den appetitzügelnden Tabletten, die den kindlichen Körper der Heldin von Wizard of Oz klein halten sollten, bis zum in der Woche nach ihrem Tod einsetzenden Stonewall Riot in Greenwich Village, Joan Vollmers Karriere als Zentralgestalt der Beatgeneration bis zu ihrer Erschießung durch ihren Mann William Burroughs und die Kritik Danys an den Beats, die "ihre Geschwindigkeit damit verwechselten, sich der sozialen Dressur zu entziehen".

Jean-Paul Sartre ist beim ihm ein cleaner Literat und umso stärker neurochemisch gedopter Philosoph, der in künstlich gesteigerter Verausgabung eine Praxis der Verschwendung betrieb; er beschäftigt sich mit der rasenden Rastlosigkeit des Science-Fiction-Autors Philip Kindred Dick und seiner Produktivität der Paranoia; mit Johnny Cashs Erfindung des Hotelvandalismus aus der Not der Amphetamin-getriggerten Raserei und den unterschiedlichen Praxen des Entzugs; mit Andy Warhols "Fabrik der Fiktionen" featuring die Muse Edie Segwick und die vielen weiteren "Pioniere der neuen Arbeit", der "getarnten Arbeit" in der Factory. Er untersucht Elvis Presleys Doppelrolle als Drogentoter und Drogenfahnder und die Funktion der Drogenpolitik in der Kontrollgesellschaft; William Gibsons Neuromancer und der Übergang vom on the road-Pathos der Beat Generation zur online-Abhängigkeit der Elektropunks und digitalen Boheme als UnternehmerInnen ihrer selbst; schließlich die namenlose Techno-Welt der späten 1980er und ihre Gemeinschaftsillusion, die hauptsächlich in der Spiegelung der einzelnen Techno-Tänzerin bestand.

Der "affirmative Charakter der Kultur" ist seit Herbert Marcuse die Bezeichnung für ein Phänomen, das der deutsch-amerikanische Sozialphilosoph 1937 als jeden Widerstand vereinnahmende Funktion der bürgerlichen Hochkultur beschrieb: Während im beruflichen Zusammenhang Anpassung und Unterordnung vorherrschen, wird im bildungsbürgerlichen Konsum der Freizeit die Freiheit imaginiert, zugleich aber die Affirmation, und damit die Appropriation, die Übernahme des Anderen, des Gefährlichen, des Nichtzuvereinnahmenden betrieben. Begründende Komponente dieses Phänomens war die scharfe Trennung der Bereiche der Arbeit und des Schönen, des straffen beruflichen Zusammenhangs und des privaten Kunstgenusses. Ähnliches lässt sich auch für größere von Dany beschriebene historische Zeitabschnitte über den Drogenkonsum sagen: Während vom Koffein bis zum Kokain im 19. Jahrhundert die Drogen noch der Umwälzung der Produktionsmittel entlang der industriellen Revolution folgen, also gerade im industriellen Arbeitsregime vom vertrauten Lebens- und Arbeitsrhythmus abweichende Wachzustände erzeugen, geht es im 20. Jahrhundert immer mehr auch um ein säuberlich von der Arbeitswelt geschiedenes Reich der Freizeit. Hier dient der Drogengebrauch der Betäubung des Elends im Arbeitsalltag ebenso wie der selbstbestimmten Verfeinerung der Lebensstile - man könnte also analog zu Marcuses Bestimmung des "Charakters der Kultur" von einem zunehmend affirmativen Charakter der Amphetamine sprechen, der gerade auf dieser Trennung von entfremdender Arbeit und freiheitlicher Freizeit beruht.

Wird in Speed über dieses historische Paradigma, das wir Fordismus nennen können, jede Menge gedacht und geschrieben, geht der Autor zurückhaltender an Konzeptualisierungen der Gegenwart heran. Die stärkste Stelle, die Dany explizit einer begrifflichen Benennung widmet, ist ebenso vorsichtig formuliert wie sprachlich gelungen: "Für das, was als Zukunft anbricht, wird der Begriff Postfordismus erfunden - ein sprachliches Danach, das verstockt am Ausgang der Vergangenheit zu stehen scheint und nur ganz scheu an die Tür des Künftigen klopft, weil es sein altes Zuhause nicht mehr gibt." Gerade diese Transformation vom Fordismus zum Postfordismus ist auch zentral für die Veränderung von Funktion und Gebrauch der Drogen. Der affirmative Charakter - Dany beschreibt das detailliert an der postfordistischen Avantgarde um Andy Warhol, seiner Factory, die keine Dinge mehr herstellt, sondern Atmosphären: "Der affirmative Charakter der Amphetamine gewinnt eine neue Qualität, die Mehrheit der Anwesenden beschäftigt sich mit Tätigkeiten, die nicht unmittelbar als Arbeit erkennbar sind und meist wie das Gegenteil aussehen, so dass manche es für eine Party halten." Nicht mehr auf der Trennung von Arbeit und Freizeit, Leistung und Muße, basiert dieser neue Modus der Vereinnahmung, sondern gerade auf dem Verschwimmen beider Bereiche.

Doppelte Beschleunigung

Speed beinhaltet im postfordistischen Kapitalismus nicht mehr nur die doppelte Beschleunigung als Fitmacher für den Arbeitsalltag und - völlig getrennt davon - als widerständiges Medium neuer Gemeinschaften. In einem erstaunlichen Prozess des Ununterscheidbarwerdens findet es sich zusehends nur mehr auf der affirmativen Seite. Dieser Charakter von Speed breitet sich aus, weit über die Drogengebrauchenden hinaus, als Abhängigkeit von allen Sorten der Beschleunigung, als Ab-hängigkeit vom An-hängen an beschleunigte Kommunikations- und Informationstechnologien. Speed gelangt aus der absichtsvollen Marginalität schließlich ins Zentrum postfordistischer Produktion. So kommt Dany denn auch am Ende zu dem erstaunlichen, scheinbar konservativen, aber nicht normativ zu verstehenden Ergebnis: "In dieser abhängigen und auf Abhängigkeit gebauten Gesellschaft gibt es, allen faszinierenden Möglichkeiten von Drogen zum Trotz, gute Gründe, nüchtern zu bleiben."

Hans-Christian Speed: Eine Gesellschaft auf Droge" target="_blank">Dany Speed. Eine Gesellschaft auf Drogen. Edition Nautilus, Hamburg 2008, 189 S., 14,90 EUR

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