Der alte, neue Strauß

20. Todestag Wie Kinder und Weggefährten das Gedenken an Franz Josef Strauß nutzen, um einmal wieder "erstmals" mit angeblichen Klischees aufzuräumen

Vor 20 Jahren starb der "Übervater" der CSU, und kaum jemand hätte es damals wohl für möglich gehalten, dass die Partei des heftig umstrittenen Großpolitikers und verhinderten Unions-Kanzlerkandidaten fast auf den Tag genau 20 Jahre nach Straußens Tod eine ihrer schwersten Krisen erlebt.

Was Max Strauß bekennt

Die CSU hat das Gedenken an Strauß schon vor Monaten für den Wahlkampf eröffnet. Bayerns Zeitungen brachten wochenlang Artikelserien, die Strauß von allen guten Seiten zeigten. Ein bayerischer Hotelier veranstaltete ein zehntägiges Strauß-Festival. Der Erzbischof von München wird am 3. Oktober, dem Todestag des einstigen Ministerpräsidenten, einen Gedenkgottesdienst an der Gruft in Rott halten. Auf dem Oktoberfest wurden gar junge Menschen gesichtet, die sich den Button des CSU-Politikers an die Kleidung gesteckt hatten.

Wilfried Scharnagl, Strauß-Vertrauter und langjähriger Chefredakteur der Parteipostille Bayernkurier veröffentliche ebenso wie die Strauß-Kinder Franz Georg und Monika Hohlmeier Bücher über den Chef und Meister. Am ehrlichsten ist dabei aber vielleicht das öffentliche Bekenntnis von Max, dem Sohn, der am tiefsten gefallen war, und sich vor kurzem erstmals mit Michael Stiller traf, dem Journalisten der Süddeutschen Zeitung, der stärker am Denkmal seines Vater kratzte, als jeder andere und der Max Strauß in der Schreiber-Affäre schwer belastete. Max Strauß sagte, er selbst sei fast sein ganzes Leben nicht in der Lage gewesen zu kommunizieren, wolle das aber nun lernen. Man darf gespannt sein, was Strauß junior, der seinen Vater oft begleitet hat, zu Papier bringen wird. Denn obwohl Strauß, der ebenso konservative wie streitbare Gegenspieler von Helmut Kohl, zur politischen Grundausstattung der alten Bundesrepublik gehörte, gibt es noch keine umfassende Biographie über den Mann, der um ein Haar Kanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden wäre.

Vor einigen Jahren bat der Geschichts- und Sozialwissenschaftler Stefan Finger aus Bonn die Tochter von Franz Josef Strauß, Monika Hohlmeier, den gesamten Nachlass des bayerischen Politikers einsehen zu dürfen. Immerhin 300 Archivmeter Papier, eine unglaubliche Menge. In der CSU-nahen Hanns-Seidl-Stiftung in München lagern persönliche und geschäftliche Briefe, Zeitungsausschnitte und Akten von Franz Josef Strauß. Zum Nachlass gehören Orden von afrikanischen Staaten ebenso wie ein Schutzanzug, den er beim Besuch in einem Atomkraftwerk trug.

Der Großteil aber besteht aus Aufzeichnungen: Briefe aus dem Krieg, Notizen des Generalsekretärs und späteren Atom- und Verteidigungsministers. Schriftverkehr mit Konrad Adenauer, Studienunterlagen aus der Zeit nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister. Das Einserzeugnis, angeblich das beste in Bayern. Ein Teil der Entlastungsakten seines Entnazifizierungsverfahrens. Liebesbriefe des jungen Strauß. Schriftverkehr mit Ärzten, Anhängern und Gegnern. Schmähbriefe und Verleumdungen. Undundund.

Verhinderungsstrategien

Ein hauptamtlicher Archivar war jahrelang damit beschäftigt, die Papiere und Gegenstände zu ordnen und ein Findebuch anzulegen. Die Dokumente sind bis heute nicht von einem unabhängigen Wissenschaftler umfassend ausgewertet worden. Einzig der Journalist Peter Siebenmorgen hatte zum Missfallen des Archivars exklusiv von Max Strauß Zugang erhalten. Auf kritische Fragen der Archivleute entgegnete Max Strauß, Siebenmorgen sei ein Freund - das habe alles seine Ordnung. Siebenmorgen forschte jahrelang, sprach auf CSU-Parteitagen von seinem Buch und kündigte zwischen 1995 und 2002 mehrfach die ultimative Strauß-Biografie mit vielen neuen Einsichten und Enthüllungen an. Einmal wechselte er sogar den Verlag. Erschienen ist das Buch, das einen neuen und anderen Strauß vorstellen wollte, jedoch nie.

Ob Stefan Finger diese Vorgeschichte kannte, ist unklar. Jedenfalls sagte Finger den Archivleuten zufolge, er wolle eine wissenschaftliche Arbeit über Strauß verfassen. Finger ließ auch durchblicken, er sei der Sohne des ehemaligen Strauß-Chauffeurs, Otto Finger. Genützt hat ihm der dezente Hinweis aber offensichtlich nichts. Im Archiv riet man der Strauß-Tochter Monika Hohlmeier, das Gesuch abzulehnen. Das tat sie dann auch. Finger mußte sich mit der Auswertung von Zeitungsartikeln begnügen.

Die fertige Arbeit schickte Finger dem Archiv mit dem Hinweis, vielleicht wolle die Hanns-Seidl-Stiftung das Manuskript Der verhinderte Kanzler veröffentlichen. Dort wertete man die Schrift als "Fleißarbeit" und lehnte dankend ab. Intern hieß es, Strauß werde darin so positiv geschildert, dass man damit nur kritische Besprechungen provoziere. Erschienen ist das Werk dann schließlich im CSU-nahen Olzog-Verlag, unter dem Titel Franz Josef Strauß. Ein politisches Leben.

Spinnen an der Legende

Finger erzählt darin die bekannte Geschichte vom Aufstieg des Metzgersohnes aus Schwabing. Strauß wuchs in unmittelbarer Nachbarschaft der ersten NSDAP-Zentrale auf, die auf der anderen Straßenseite lag. In die väterliche Metzgerei kam der Vegetarier Adolf Hitler zwar nicht; doch sein Mitarbeiter Himmler kaufte dort ein und bot dem Vater wiederholt an, er solle in die Partei eintreten, das werde ihm viele Aufträge einbringen. Doch Vater Strauß lehnte die Hitler-Bewegung schon früh ab.

Finger erzählt nicht, dass Strauß später manche Legende schuf, etwa dass er sich schon zur Schulzeit aus politischen Gründen mit Anhängern der Nazis geschlagen habe. Zumindest seine Schulfreundin Leonore von Tucher, die in einem Geburtstagsbuch als Kronzeugin angeführt wurde, weiß davon nichts. Strauß habe sich, ganz im Gegenteil, gut mit den Nazis in der Schule vertragen. Gestritten habe er sich aber mit dem einzigen Kommunisten in der Klasse.

Es sind kleine Widersprüche wie diese, die Strauß später nicht gerne hörte und von denen seine Kinder heute nichts mehr wissen wollen: In den Augen der Anhänger erscheint Strauß als Einserschüler, Widerstandskämpfer, friedensliebender Politiker, dem Unrecht getan wurde und der nur aus Versehen und falscher Menschenkenntnis in die Spiegel-Affäre sowie weitere Skandale stolperte.

Vor dem Gericht der Welt

Dabei hätte Finger nur mit Zeitzeugen sprechen und die in der Sekundärliteratur erwähnten Akten auswerten müssen, um das Bild eines Politikers zu zeigen, der sich immer wieder durchmogelte, bereits bei seiner ersten Wahl heftig schummelte und später in der Affäre um die so genannte Bau-Union Parteivermögen unterschlug und es für private Zwecke einsetzte. Diese Affäre ist besser dokumentiert als jede andere der zahlreichen Straußschen Verfehlungen. Denn zehn Jahre nach dem Tod von Strauß fanden sich auf einem Flohmarkt Akten der CSU, die belegen, dass Strauß während seiner Amtszeit als Verteidigungsminister Parteigelder veruntreute, um damit Wohnungen für Soldaten bauen zu lassen. Ein Unding, von dem nur der damalige CSU-Generalsekretär Friedrich Zimmermann wusste, der die Beteiligung an der Bau-Union treuhänderisch hielt.

Aber über den Skandal zu schreiben, das war nicht im Sinne Fingers. Als er sein 550 Seiten starkes Buch zum 90. Geburtstag von Strauß im September 2005 im Presseclub am Münchner Marienplatz vorstellte, geschah etwas Eigenartiges, das bis heute symptomatisch ist für das Gedenken der Kinder an ihren ebenso berühmten wie umstrittenen Vater. Der ehemalige CSU-Chef Theo Waigel stellte das Buch vor; neben dem ehemaligen CSU-Generalsekretär Gerold Tandler und anderen engen Strauß-Mitarbeitern wie Wilfried Scharnagl waren auch Monika Hohlmeier und ihr Bruder Franz Georg Strauß gekommen.

Erfreut signierten die Kinder das Buch nach der Vorstellung - als hätten sie es selbst geschrieben oder autorisiert. Und als Monika Hohlmeier von einem Journalisten nach ihrer Meinung gefragt wurde, sagte sie, das Buch sei die erste wissenschaftlich fundierte Arbeit über ihren Vater. Dabei hatte sie doch selbst verhindert, dass der Autor die Originalquellen auswerten konnte.

Nach diesem Muster organisieren die Kinder bis heute die Erinnerung an einen Mann, der wie kaum ein anderer die bundesrepublikanische Gesellschaft polarisierte. Wer die Verdienste von Strauß als Bundespolitiker und Ministerpräsident schildert und ihn als liebenden, treuen, nachdenklichen Vater und Mann beschreibt, der die DDR unterstützte und ihren Sturz voraussah, genießt ihr Wohlwollen. Wer aber auch die Affären schildert, den rechthaberischen Strauß, der mit dem Kopf durch die Wand wollte und auch nicht davor zurückschreckte, seine politischen Gegner zu diffamieren, dem werfen die Kinder und Straußens Anhänger vor, ein Zerrbild zu zeichnen. Dabei sind es die Kinder , die sein Zerrbild zeichnen und es seit Jahren bei jeder Gelegenheit öffentlich wiederholen. Monika Hohlmeier versichert indes, sie hoffe weiter auf eine differenzierte wissenschaftliche Darstellung und nannte als möglichen Autor Horst Möller, den Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. "Die nötige Distanz ist da, um so ein Projekt anzugehen", sagte sie.

Anlässlich des 90. Geburtstag von FJS im Jahre 2005 mussten die Kinder eine desaströse Familienbilanz ziehen. Der Freistaat Bayern hatte die Gruft gepfändet und Max Strauß vor Gericht gestellt, obwohl er psychatrisch behandelt wurde. Die politische Erbin des Vaters Monika Hohlmeier war als Kultusministerin gestürzt und vor einem Untersuchungsausschuss von Parteifreunden wegen angeblichen Wahlbetrugs schwer belastet worden.

Seitdem hat sich die Lage kaum zum Besseren gewandelt. 20 Jahre nach dem Tod von Strauß ist die CSU nicht nur entzaubert und so tief gefallen wie seit 46 Jahren nicht. Doch damit nicht genug, ist auch die politische Strauß-Dynastie am Ende: Monika Hohlmeier gelang es nicht, erneut in den bayerischen Landtag einzuziehen.

Thomas Schuler ist Autor des Buches Strauss - Die Biografie einer Familie, für das er 2005 unter anderem im Nachlass von FJS geforscht hat.

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