Der Amtsbegehrer

Porträt Juan Guaidó will seit einem Jahr vom selbst ernannten zum tatsächlichen Präsidenten Venezuelas aufsteigen

Anfang des Monats sind die inneren Konflikte Venezuelas erneut aufgeflammt, nur diesmal anders als gewohnt. Der Oppositionspolitiker Luis Parra – er wird mit einem jüngst aufgedeckten Korruptionsskandal in Verbindung gebracht und fühlt sich seither offenbar mehr zu Präsident Nicolás Maduro hingezogen – proklamierte sich am 5. Januar mit Stimmen aus der Opposition wie von regierungstreuen Abgeordneten zum neuen Präsidenten der Nationalversammlung. Dazu gab es vor dem Kongressgebäude dramatische Szenen. Juan Guaidó, seit genau einem Jahr selbst ernannter Präsident, Oppositionsführer und bisheriger Parlamentschef, kletterte über ein Eisengeländer, um in das Abgeordnetenhaus zu kommen. Das Ergebnis waren ein von der Taille bis zur Schulter zerrissener blauer Anzug und ein gescheiterter Durchbruch, weil Polizisten Guaidó den Einlass verwehrten. Später ließ sich der Abgewiesene und Abgerissene in den Räumen einer oppositionellen Zeitung als Parlamentspräsident wiederwählen – so die eine Version. Tatsächlich zeigen aber einige Videos, die im Netz zirkulieren, dass Guaidó durchaus den Kongress trotz der Polizeisperre hätte betreten können, sich jedoch weigerte und darauf bestand, nur hineinzugehen, wenn dies auch vom Obersten Gerichtshof suspendierten Abgeordneten erlaubt werde.

Ziel des Schattenpräsidenten sei es gewesen, sagen regierungsloyale Abgeordnete, ein Medienspektakel auszulösen. Denn um seine Präsidentschaft in der Kammer aufrechtzuerhalten, fehlte es Guaidó an Stimmen. So die andere Version, der zu entnehmen ist, wie der Konflikt zwischen Restauration und Chavismus auch im Ringen um die Deutungshoheit über Bilder und deren Ursachen besteht.

Juan Guaidó war ein außerhalb Venezuelas kaum bekannter Parlamentarier, bevor er vor einem Jahr mit seiner Wahl zum Sprecher der Nationalversammlung über Nacht zum Führer eines bis dahin schwer zerstrittenen Anti-Maduro-Lagers aufstieg. Glaubt man Vertrauten Guaidós, beeinflusste in jungen Jahren ein Schicksalsschlag seine politischen Ansichten. Der Sohn einer Lehrerin und eines Taxifahrers aus einfachen Verhältnissen überlebte als Teenager einen im Dezember 1999 durch eine Flutkatastrophe ausgelösten Erdrutsch, der als Vargas-Tragödie bekannt wurde. Tausende Menschen kamen im nördlichen Bundesstaat Vargas ums Leben, darunter Freunde Guaidós; Elternhaus und Schule wurden zerstört. Guaidó machte die seinerzeit gerade gebildete Regierung von Hugo Chávez angesichts des Infernos für eine zu ineffiziente Hilfe verantwortlich. Lange musste er in Caracas mit der Familie in einer provisorischen Unterkunft leben.

Als Chávez dann 2007 für eine Verfassungsreform mobilisierte, wurde Guaidó zu einem der Anführer des studentischen Widerstands gegen das Projekt. Im gleichen Jahr schloss er das Ingenieursstudium an der Katholischen Universität Andrés Bello ab, um bald darauf Mitglied der von Leopoldo López gegründeten Partei Voluntad Popular zu werden. Dabei wurde mit López nicht irgendwer zum Mentor Guaidós. Sondern ein Politiker, der sich zur venezolanischen Oligarchie bekannte und einen radikalen Flügel der Opposition vertrat, der für viele Maduro-Gegner keine Alternative sein konnte. López gehörte 2014 zu den Organisatoren gewalttätiger Aktionen gegen die Regierung Maduro, bei denen 43 Menschen auf beiden Seiten starben. Später wurde er wegen seiner Verantwortung für die Exzesse zu 13 Jahren Haft verurteilt. Auch wenn Guaidó beteuert, er sei gemäßigt und mitnichten von López abhängig, ist er doch dessen Jünger.

Als Voluntad Popular Anfang 2019 turnusgemäß die Präsidentschaft im Parlament zustand und sich viele Oppositionspolitiker in Haft oder im Exil befanden (López stand unter Hausarrest), fiel dem 35-jährigen Guaidó die Führungsrolle zu. Er wollte umgehend davon Gebrauch machen. Am 10. Januar ließ sich Nicolás Maduro erneut zum Staatspräsidenten vereidigen. Prompt nannte ihn Guaidó auf einem Protestmeeting „Usurpator“, rief Armee, Bevölkerung und die internationale Gemeinschaft zu dessen Sturz auf. Als das auf Resonanz stieß, proklamierte er sich am 23. Januar zum Interimspräsidenten. Es folgte die völkerrechtlich fragwürdige Anerkennung durch die USA und mehr als 50 vorzugsweise westliche Staaten, darunter Deutschland.

Guaidó gelang es zwar kurzfristig, die zersplitterte Opposition durch die Aussicht auf einen Umsturz zu einen. Doch haben es Massenproteste, Provokationen und äußerer Druck nicht vermocht, die Streitkräfte und Maduro zu entzweien. Dadurch hat Guaidós Kampagne spürbar an Zugkraft verloren. Der zunächst entfachte Enthusiasmus scheint verflogen, weil es ihm nicht gelungen ist, vom Amtsanspruch zur Amtsübernahme voranzuschreiten und statt aller Symbolik Realitäten zu schaffen. Das Vertrauen in den ewigen Anwärter bröckelt. Von Neuem zerfällt die Opposition in Fraktionen – in Gemäßigte, die einen Ausgleich mit der Regierung suchen, und Unversöhnliche, die das ablehnen. Guaidó ist vom Herausforderer zum Herausgeforderten geworden.

Warum sonst wagt es Luis Parra, ihm das Amt des Parlamentspräsidenten streitig zu machen, auf das sich Guaidós Führungsanspruch unter den Maduro-Gegnern stützt? Die noch 2020 anstehende Neuwahl der Legislative könnte seinem Prestige weiter schaden. Guaidó braucht mehr Medienpräsenz, um der Glaubwürdigkeitskrise zu entkommen, die ihn seit geraumer Zeit erfasst hat. Seine Optionen hängen noch stärker, als das schon immer der Fall war, von der Strategie, dem Willen und den Ressourcen der USA ab.

Andreas Knobloch ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er lebt in Havanna und berichtet für deutschsprachige Medien aus Lateinamerika

14:45 20.01.2020

Ausgabe 08/2020

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