Der Beruf des Genies

Literatur Über Gertrude Stein und ihr endlich auf deutsch erschienenes Hauptwerk „The Making of Amerikans“
Ronald M. Schernikau | Ausgabe 45/2015
Der Beruf des Genies

Bild: Archiv/der Freitag

1) Gertrude Stein lebte von 1874 bis 1946, sie war eine Amerikanerin und sehr dick und ziemlich vermögend, sie lebte in Paris und mit Alice. B. Toklas zusammen, sie ließ sich mit dreiundfünfzig Jahren die Haare kurz schneiden und sie übte dcn Beruf des Genies aus. Gertrude Stein schrieb eines der bedeutenden Bücher dieses Jahrhunderts Es ist ziemlich genau eintausend Seiten lang, und sie schrieb es von 1906 bis 1911. Als es fertig war, war Gertrude Stein Mitte Dreissg, und sie wartete nun vierzehn Jahre lang darauf, dass es auch gedruckt wurde, Dies geschah also im Jahre 1925. Es dauerte weitere fünfundsechzig Jahre, bis das Buch in die deutsche Sprache übertragen wurde 25 plus 65, das macht 90. Und 90, das ist jetzt. Das Buch heißt Das Machen van Amerikanern.

2) Fragen Sie sich an dieser Stelle genau, ob Ihnen der Gedanke, es mit einem als bedeutend eingeführten Buch zu tun zu haben, Angst macht. Sie sollten keine Angst haben. Sie sollten sich überhaupt niemals von Vorworten beeindrucken lassen. Sämtliche Vorworte, die vor den Büchern von Gertrude Stein erscheinen - und einige Bücher erscheinen gar sowohl mit Vor- als auch mit Nachwort - sind so dumm wie die beiden Bücher über Gertrude Stein, die der Arche Verlag herausgegeben hat. In einem glaubt ein Herausgeber, modern ist, wenn man von Fotos immer die Hälfte abschneidet, sodass von den Abgebildeten nur die Ohren oder nur die Füße zu sehen sind; in dem anderen latscht eine strunzdumme Ami-Butze durch Paris und erzählt Anekdoten, die ihr völlig unkontrolliert in den Kopf kommen und die sie ganz offenbar nicht verstanden hat. Man darf diese Bücher ohne den Anflug eines Kopfdrehens vergessen.

Das Machen van Amerikanern ist‚ wie alle großen Bücher, eigentlich ganz einfach. Immer müssen die Interpreten stolz präsentieren, wie viel sie schon von einem Text verstanden haben. Aber es bleibt doch immer nur das Leseergebnis von einer Person, zumal von einer anderen als mir. Ohne Mut geht kein Lesen.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich erst die kurzen Bücher von Gertrude Stein empfehlen soll, als einer Art Einstieg. Ich glaube nicht, dass man einen Einstieg in die Welt von Gertrude Stein braucht. Niemand wird gezwungen, Bücher zu lesen, und wer mit Stein nichts anfangen kann, soll es lassen. Aber natürlich lernt man einen Autor in seinem Hauptwerk am besten kennen.

Übrigens muss man den Ritter Verlag für seine Edition dieses Buches wohl loben. Der Ritter Verlag ist berühmt geworden mit einer Werkausgabe von Arnolt Bronnen, in der sowohl das schwule Frühwerk, das faschistische mittlere Werk als auch das sozialistische Spätwerk fehlen; offenbar ein Verlag mit Humor.

Der Verlag wird sich nicht kaputt verdienen an dem Werk von Gertrude Stein, obwohl Das Machen von Amerikanern sage und schreibe 290 DM kostet. Auch zieht die Übersetzung den Text eher ins Konventionelle, möglicherweise glauben die Übersetzer, damit ein gutes Werk getan zu haben. Sehr gefallen haben mir einige Austrizismen. – Loben wir also Verlag und Übersetzer, aus Gründen des Prinzips.

3) Das Auffälligste am Erzählen von Gertrude Stein ist die Reduktion. Stein verweigert einige Dinge, die wir an Texten sonst so gewöhnt sind, und die man oberflächlich als Abwechslung, Anschaulichkeit und Ausführlichkeit bezeichnen könnte. Wir lesen ja nicht in Wörtern, wir lesen in Phrasen. Das fällt uns an schlechten Texten besonders auf, das fällt uns meistens aber überhaupt nicht auf. Und es fällt uns auf, wenn jemand die Bausteine der Sprache umfallen lässt. Jeder Autor tut dies. Ein Satz von Gertrude Stein lautet: Ich sagte einmal und ich glaube es ist wahr daß ein Genie sein heißt ein solcher zu sein der zu ein und derselben Zeit erzählt und zuhört etwas oder alles erzählt und bei etwas oder allem zuhört. Dies ist übrigens ganz genau die gleiche Definition von Genie, die auch Peter Hacks gibt, er formuliert es nur ein paar Nummern größer: Der Pfiff besteht eher darin, zugleich ganz in seiner Zeit und ganz außerhalb ihrer zu leben.

Ja, die Kommas. Stein benutzt keine, Stein schreibt allerdings auch im Englischen, einer Sprache, die schon ohne Stein mit weniger Kommas auskommt als das Deutsche. Solcherlei Eigenheiten machen, ich will das wohl zugeben, den allerersten Zugang zu einem Text nicht einfacher, sondern schwieriger. Es ist eine Sache der ersten zwei Seiten.

Es ist eine Sache der ersten zwei Seiten, vom Autor aus gesehen. Der Autor hat das Recht, einen Leser zu verlangen, der Neuigkeiten erträgt. Aber natürlich bedeutet jede Entfernung vom Publikum eine Entfernung von der Welt. Aber natürlich entfernt sich niemand, der an der Erkenntnis der Welt ein Interesse hat, und ohne dieses Interesse gibt es keinen Text über sie, freiwillig von seinem Gegenstand. Spätbürgerliche Literatur dokumentiert die Verschiebungen zwischen Produktion und Rezeption von Literatur in einer besonders extremen Weise, das macht ihren Reiz aus. Das macht ihren Reiz aus und ihre Traurigkeit. Gertrude Stein: Literatur ist das Erzählen von allem aber beim Erzählen davon wo ist das Publikum. Es gibt ein Publikum natürlich gibt es ein Publikum aber wo ist dieses Publikum. Und ganz freundlich: Jeder der auf Reisen ist wird irgendwem erzählen auch wenn er die Sprache nicht versteht die der andere spricht wird beharrlich versuchen diesem anderen Etwas zu erzählen.

4) Mit Publikum sind nicht Leute gemeint, die das konkrete Buch kaufen. Publikum, das ist die Vorstellung des Autors, eine Arbeit mit Sinn zu tun. Es gibt ganze Epochen ohne Publikum.

Jemand, der kein Publikum hat, wird viel über es nachdenken. Gertrude Stein hat das zuerst anhand Bildender Kunst getan; sie war mit Picasso befreundet und schrieb über ihn ein witziges und kluges Porträt, das ein ganzes kleines Buch füllt. Stein: Picasso sagte einmal, dass derjenige, der etwas erschafft, gezwungen ist, es hässlich zu machen. Durch das Bemühen, das Große zu schaffen, ergibt sich immer eine gewisse Hässlichkeit; die Nachfolger können daraus etwas Schönes machen, weil sie wissen, was sie tun, da es ja bereits erfunden ist; aber da der Erfinder nicht weiß, was er erfunden wird, muss das, was er macht, unweigerlich seine Hässlichkeit haben. Wir bemerken an diesem Zitat, dass der Übersetzer um ein gängiges Deutsch bemüht ist. Der Preis ist weniger Schönheit.

Auch die Autobiographie von Alice B. Toklas, die Gertrude Stein anstelle ihrer Freundin selber schrieb, was ihrer Klatschsucht einen ganz eigenen ironischen Glanz gibt, auch dieser Text handelt vor allem von Bildenden Künstlern. Hier hatte Stein ihr Betätigungsfeld, und hier, im Bildersammeln, hatte sie die Möglichkeit, wenigstens eine Unterart Ruhm zu bekommen von dem, der ihr eigentlich zustand, und der ihr von der Welt verweigert wurde, weil niemand ihre Bücher druckte. Die Autobiographie von Alice B. Toklas ist das erste Buch, das von Gertrude Stein auf Deutsch erschien, das war 1955, fast zehn Jahre nach ihrem Tod.

Und auch die DDR, die ja eine Meisterin war im Drucken von Nebenwerken, hat dieses Buch als erstes - und einziges - gedruckt; leider in derselben, recht konventionellen Übersetzung von damals. Und das ist sicher wirklich das zugänglichste und, äußerlich gesehen, amüsanteste Buch von Gertrude Stein. Es ist aber auch das Buch, in dem sie am wenigsten Gertrude Stein ist.

ln Was ist englische Literatur spricht Stein: Wenn Sie in der Art schreiben wie schon geschrieben worden ist in der Art in der geschriebenes schon geschrieben worden ist dann dienen Sie dem Mammon, weil Sie von etwas leben das jemand schon geerntet hat oder erntete. Wenn Sie schreiben wie Sie schreiben müssen dann dienen Sie als Schriftsteller Gott weil Sie nichts ernten. Aber wirklich ist da keine Wahl. Das Buch heißt übrigens im Original Lectures In America, er wurde vom Übersetzer geändert; ich weiß nicht warum. Auch der Titel des Buches Geography And Plays wurde geändert; er koppelt zwei Begriffe, die in der Alltagssprache nicht gekoppelt werden können. lm Deutschen wird dieser Titel zu Porträts und Stücke verplattet. Am obigen Zitat ist Ihnen sicher aufgefallen, dass der Übersetzer das Wort geschriebenes klein schreibt. Er will damit offenbar die englische -ing-Konstruktion andeuten; ein Versuch, der missglückt ist.

Ich gebe zu, es ist schwierig, einen Autor zu übersetzen, bei dem es auf jedes einzelne Wort ankommt. Das englische familiar aber heißt nur ein bisschen familiär, es heißt vor allem vertraut.

Und ich gebe zu, dass Stein an einigen Stellen wirklich an die Grenze des Verstehbaren geht. Manches in Geograpby And Plays ist mir verschlossen geblieben, manches aber auch war mir gleich vertraut. Das sind kurze Texte, die am ehesten Stilleben gleichen, Momentaufnahmen, sehr gearbeitet, sehr merkwürdig und schön. Einmal nennt sie ihr Theaterstück Four Saints eine Landschaft. lch glaube, sie lebte in einer Welt, in der es schwierig war, Bewegung wahrzunehmen.

Das geht so weit, dass sie einen Kriminalroman schreibt. in dem es weder einen Mord noch eine Kriminalromanstruktur gibt. Stein verletzt das ganze Genre, sie verweigert sich dem Genre. Man kann das witzig finden; man kann auch finden, dass das eine Kapitulation ist vor den Möglichkeiten der Genres.

Natürlich kann ich ein Stück schreiben, in dem es keine Figuren mehr gibt, aber was beweist das über die Welt?

5) Die Rede war bisher von den späteren Werken. Gertrude Stein kommt verblüffenderweise auch ganz aus dem Erzählerischen. Soeben ist ihr allererstes Manuskript auf Deutsch erschienen, das sie selber nie hat drucken lassen, es heißt Q.E.D. und behandelt in geradezu viktorianischer Manier die Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen und einer dritten. Das Thema war, nehme ich mal stark an, damals nicht druckbar, und so versucht Stein, sich alle Freiheiten zu nehmen - es kam ja auf nichts an. Trotzdem ist natürlich auf jeder Seite, in jeder Zeile die Frage deutlich, ob überhaupt über etwas zu reden geht, über das man eben reden nicht darf.

In ihrem zweiten Buch Drei Leben gibt es die Liebeserklärung einer Schwarzen an einen Weißen, eine ganz zauberhafte Liebeserklärung, leicht komisch genommen und anrührend und lieb. Mit genau demselben Satz spricht auch eine der Frauen in Q.E.D. ihre Liebe aus, aber abrupt wechseln Figuren und Autorin das Thema.

Das ist es, was ich mit Publikum meine. Es gibt keinen Text ohne Publikum. Ein Autor möchte sich verständlich machen. Offenbar war es für Gertrude Stein weit einfacher, über eine schwarze Frau zu sprechen als über eine lesbische.

6) Also das Hauptwerk von Gertrude Stein, Das Machen von Amerikanern. lch möchte dieses Buch empfehlen.

ln Erzählen (übersetzt von Ernst Jandl) sagt Stein: Erzählung beschäftigt sich mit dem was die ganze Zeit geschieht, Geschichte beschäftigt sich mit dem was von Zeit zu Zeit geschieht. Und das ist es vielleicht was an Geschichte nicht stimmt und du; ist es was vielleicht am Erzählen nicht stimmt.

Stein hat an die Verbindung von beidem nicht glauben können, diese Unmöglichkeit kennzeichnet die spätbürgerliche Literatur. Stein glaubt, so wenig erzählerisch sie auch arbeitet, nur an das Erzählende von Literatur. Sie glaubt nicht, dass Literatur ein Bild entwerfen kann, Steins Texte gehen immer vom Alltag aus, vom Stofflichen. Etwas geschieht, und Stein schreibt es auf.

ln dem Titel Das Machen von Amerikanern steckt ein doppelter Sinn: das Tun der Amerikaner, und die Herstellung von Amerikanern. Beide Vorgänge lassen sich, wie wir seit Engels wissen, nicht trennen. Warum das so ist und wie es genau aussieht, davon handelt das Buch.

Das Buch handelt von einer amerikanischen Familie, die über mehrere Generationen hinweg beschrieben wird: ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Art zu reden und zu lieben oder nicht zu lieben.

Das klingt konventionell, und es ist so konventionell wie die Welt. Es gibt keinen Text ohne Wiedererkennen. Was dieses Buch von anderen unterscheidet, ist die schneidende Schärfe seiner Wahrnehmung.

Steins Interesse ist ein vollkommen intellektuelles. Die Welt, in der das Buch spielt, hat Stein offenbar klar vor Augen, sie lebt ja in ihr. Stein stellt sich Fragen über diese Welt und versucht, sie mittels genauester Beschreibung zu verstehen.

Genaueste Beschreibung, das meint, nichts ist ihr selbstverständlich: kein Wort, kein Vorgang, keine Abfolge. Satz für Satz arbeitet Stein an Erkenntnis. immer wieder scheint sie sich bei den Dingen zu fragen, was sie eigentlich sind.

Auch Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, Ulysses von James Joyce und Das Schloß von Franz Kafka gehen von der ganz kleinen und konkreten Welt der Figuren aus, von der Beschaffenheit der Welt, die die Autoren kennen. Das unerträgliche Geschwätz bei Proust wird immer dann am unerträglichsten, wenn der Autor versucht. Ironie zu demonstrieren. Diese Leute quatschen viertausend Seiten lang den dümmsten Mist, und Proust hat ein Ohr dafür und schreibt es für uns auf.

Kafka geht ganz genauso von der Rede aus, aber er hat den schärferen Blick auf das Abgeschnittensein von der Welt, Kafka weiß, dass seine Figuren keinerlei Einfluss mehr haben, und das ist, in der Beschränkung des Gegenstandes, ja keine ganz unrealistische Sicht.

Joyce entwickelt aus diesem selben Phänomen den meisten Humor. Er stopft die Sprache seines Buches voll mit Bedeutungen und Nebenbedeutungen, kein Wortwitz ist ihm zu schal, kein Kalauer zu weit hergeholt, kein Vorgang zu alltäglich. Joyce stopft alles in seine Figuren hinein, das er irgend erreichen kann, und macht so die Differenz zwischen sich und seinen Figuren deutlich und den Leser also souverän im Umgang mit ihnen.

Die Methode von Gertrude Stein ist eine ganz gegenteiliger Steins Methode ist die Reduktion. Jeder einzelne ihrer Sätze klingt wie aus einer Kinderfibel. Schritt für Schritt erkundet sie die immer neu angezweifelten Gewissheiten.

In diesem Familienroman gibt es kein einfaches Aus-der-Tür-treten. Wenn der Vater das Haus verlässt, bringt das Autoren-Ich eine riesenlangen Aufzählung, welche und wieviel Arten von Männern es geben könnte, ob man sie an der Art zu lieben oder an der zu essen unterscheiden könnte, wer die Einteilung vornehmen könnte und wie lange und für welche Welt sie halten könnte. Stein kann nicht den einfachsten Vorgang beschreiben, ohne zur Wissenschaftlerin zu werden. Es ist eine Art Sachbuch über das Leben.

Männer in ihrem Leben haben viele Dinge in ihrem Inneren, sie haben in sich, jeder von ihnen hat es in sich, seine eigene Art sich selbst wichtig in seinem Inneren zu fühlen, sie haben in sich alle von ihnen ihre eigene Art zu beginnen, ihre eigene Art zu enden, ihre eigene Art zu arbeiten, ihre eigene Art Lieben in ihrem Inneren zu haben und Lieben aus sich herauskommen zu lassen, ihre eigene Art Zorn in ihrem Inneren zu haben und ihren Zorn aus ihrem Inneren herauskommen zu

Lassen, ihre eigene Art zu essen, ihre eigene Art zu trinken, ihre eigene Art zu schlafen, ihre eigene Art gesund zu machen (their own way of doctoring - das ist etwas mehr. Aber ein Übersetzer wird nie die Prägnanz des Englischen erreichen). Sie haben jeder von ihnen ihre eigene Art zu kämpfen,sie haben in sich alle von ihnen ihre eigene Art Angst in sich zu haben. Sie haben alle von ihnen in sich ihre eigene Art zu glauben, ihre eigene Art wichtig in ihrem Inneren zu sein, ihre eigene Art anderen um sie herum das wichtige Gefühl in ihrem Inneren zu zeigen.

Diese Sätze sind nicht in die Beschreibung eingebettet, sie selbst sind diese Beschreibung. Es gibt Beschreibung nur noch als die Frage nach der Beschreibung. Die Selbstverständlichkeit, mit der Balzac seine Wörter benutzte, und die zu einer klassischen Haltung den Autor befähigte, sie ist einer existenziellen Irritation über das Geschehen der Welt gewichen.

Diese Irritation kann durchaus etwas Witziges haben. Ich finde Wittgensteins Beobachtungen witzig, und ich habe nie verstanden, warum viele Leser die Welt von Kafka von sich wegschieben, indem sie sie als fremd bezeichnen. Kafka, das ist purer Alltag, zum Glück in die Metapher gehoben.

Eine der wiederkehrenden Wendungen von Stein ist Wie ich schon sagte.

Stein umkreist das Geschehen, sie beobachtet die Welt, den Fortgang der Welt, und sie bleibt den Figuren stets wohlgesonnen. Sie sagt: Es ist sehr interessant dass jeder in sich seine Art von dummem Sein hat. Dieses stupid being ist das Material von Stein, und auch wenn sie nicht daran glaubt, dass ein Text irgendetwas anderes sein könnte als die pure Beschreibung, so gerät ihr die Beschreibung von Strukturen natürlich doch zu einem Bild, das über das Beschriebene hinaus-weist. Schon die Bemühung, Sätze zu schreiben, die mit der Welt verglichen werden können, zeugt von Siegesgewissheit. Die vielen kleinen Geschichten, die inmitten dieser endlosen Ellipsen von Selbstvergewisserung immer wieder auftauchen, und die von Stein in einer Selbstverständlichkeit erzählt werden, als handele es sich um gemeinsame Verwandte von Autorin und Leser (Später heiratete sie John Summer), diese vielen kleinen Geschichten sind der Versuch, die Menschen nicht allein zu lassen. Wo Proust zu nachgiebig seinen Figuren gegenüber ist, bleibt Stein ganz kalt und trotzdem keine Sekunde lang unfreundlich. Everybody is a real one to me.

Spätbürgerliche Literatur deckt den Teil des Suchens in unserer Seele ab. Weshalb ist die Welt so einfach? Weshalb dürfen wir nicht verzweifeln, um den Feinden der Hoffnung nicht Vorschub zu leisten? Weshalb verlassen uns unsere Freunde? Kommunistische Kunst wäre der Versuch, über die Gültigkeit eines literarischen Bildes eine Antwort zu geben, eine immer wieder neue Schönheit. Wir müssen lernen, auch in der Verweigerung des Bildes das Bild zu sehen.

7) Gertrude Stein: Ich wünschte er könnte getan werden und wenn es getan werden könnte waren alle diese Gründe weshalb es nicht getan worden ist von keiner Bedeutung denn es wird getan worden sein.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

Ausgabe 38/2020

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