Der Besitz eines Feindes

Phantasieanregend Die Obsession mit den Verschwörungstheorien verhindert die Entwicklung gesellschaftlicher Alternativen

Ende der siebziger Jahre behaupteten der südafrikanische African National Congress und die bundesdeutsche Anti-Apartheid-Bewegung, die - sozialliberal regierte - Bundesrepublik Deutschland unterstütze das südafrikanische Rassistenregime bei der Beschaffung von Atomwaffentechnologie. Eine "von Moskau gesteuerte" Diffamierung hieß es seinerzeit zu dieser Verschwörungstheorie, die auch von der UNO-Vollversammlung und der Organisation für afrikanische Einheit, dem Zusammenschluss aller afrikanischen Staaten, vertreten wurde. Über internationale Kongresse zu diesem Thema wurde konsequent in keiner westdeutschen Tageszeitung oder TV-Station berichtet. So war das damals.

Heute sieht das etwas entspannter aus. Die südafrikanische Autorin der damals wichtigsten Dokumentation dieser Verschwörungstheorie wurde Jahrzehnte später südafrikanische Parlamentspräsidentin: Frene Ginwala. Ihr damals im südafrikanischen Knast sitzender Chef wurde Präsident und Friedensnobelpreisträger im kulturellen Status eines internationalen Popstars: Nelson Mandela. Und deutsche Medien würden heute auch berichten. Oder?

Doch, sie würden. Aber sie sind doch sehr nervös dabei. Die Politik, von deren Zuneigung die Medienbesitzer in der aktuellen ökonomischen Krise stärker abhängig sind, als zuvor, ist in einer schweren Vertrauenskrise. Wahlbeteiligungen sinken, Politiker werden zunehmend über Korruptions-, Sex- und Drogenaffären wahrgenommen. "Es gibt keine Alternative" sagen nicht nur Regierungsmitglieder, wenn es ihnen an Argumenten fehlt. Es bietet sich auch tatsächlich keine Alternative mehr an. Das bilden unsere Medien wahrheitsgetreu ab und schneller als sie es bemerkt haben, sind sie in der gleichen Vertrauenskrise.

Die meisten deutschen Medien verstärken diese Krise selbst. Journalisten-Gewerkschaften und das "Netzwerk Recherche" beklagen zu Recht, dass Verlage und Programmdirektionen die Ressourcen für journalistische Handwerkskunst immer weiter zusammenstreichen. Stattdessen setzen sich die wichtigen deutschen Zeitungsverleger auf den Schoß des Bundeskanzlers und betteln um eine Lockerung der Kartellgesetzgebung. Vielfalt soll nicht gerettet, sondern weiter verringert werden. Der Kanzler gibt sich generös, denn er ist nicht an der Sache sondern an netter Presse interessiert. Das ist, wie nun voller Schrecken festgestellt wird, keine reine Fachdebatte mehr, sondern die Zielgruppe hat gemerkt, was läuft und reagiert über den eigenen Medienkonsum beziehungsweise Nicht-Konsum entsprechend verstimmt.

In panischer Angst werden weitere Fehler gemacht. Die fanatischsten Leseratten, vor allem die im "werberelevanten" Alter (14 bis 49), werden für paranoid und geistesgestört erklärt. Es sind jene 78 Prozent der unter 30-Jährigen (77 Prozent bei 30 bis 49-Jährigen), die nicht glauben, aus den TV- und Presseberichten die volle Wahrheit über den 11. 9. 2001 erfahren zu haben. Und es sind insbesondere die 31 Prozent der unter 30-Jährigen (20 Prozent bei 30 bis 49-Jährigen), die es für möglich halten, dass die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben hat.

Solcherart von ihrer Zeitung oder ihrem Sender pathologisiert, werfen die Betroffenen das Blatt und die Fernbedienung in die Ecke und recherchieren selbst im Internet, gehen zu Tausenden auf Kongresse in Berlin und kaufen sich zu Hunderttausenden Bücher von Mathias Bröckers (Das Lexikon der Verschwörungstheorien. Verschwörungen, Intrigen, Geheimbünde), Andreas von Bülow (Die CIA und der 11. September. Internationaler Terror und die Geheimdienste) oder Gerhard Wisnewski (Operation 9/11. Angriff auf den Globus). Die Erregung von Spiegel, Stern, Panorama, Leyendecker und Maischberger über diese Verschwörungstheoretiker, selbst ihre punktuellen Nachweise etlicher Recherchefehler dieser Autoren, öffnen erst recht den Trichter in die breite Massenöffentlichkeit. Das ist der Unterschied zum Ende der siebziger Jahre.

Dennoch sind wir noch weit von einem offenen Diskurs entfernt. Denn zunächst hat er einen typisch deutsch-missionarischen Charakter entwickelt, auf der einen Seite die spinnerten und hirnkranken Verschwörungstheoretiker, auf der andern die korrupten Regimeknechte. Renée Zucker verlangte kürzlich in der taz von den Journalisten, "macht doch einfach Euren Job!" Stattdessen streiten sich die Jungs, die in einer auffälligen Überzahl sind, als ginge es um ihre Modelleisenbahn. Warum diese Heftigkeit?

Es geht natürlich um sehr viel. Knapp 3.000 Menschen wurden ermordet. Die US-Regierung behauptete nach 48 Stunden, die Schuldigen ermittelt zu haben. Doch statt langwierig über die Beweislage zu diskutieren, ist die "internationale Gemeinschaft", später etwas geschrumpft zur "Koalition der Willigen", in zwei Kriege gezogen, die viele weitere Todesopfer forderten.

In Deutschland hatten wir eine spezielle Erfahrung gemacht. Eine frisch ins Amt gelangte rot-grüne Bundesregierung eröffnete ihre Amtsgeschäfte quasi mit dem Kosovokrieg. Zwei Redakteure aus der Monitor-Redaktion des WDR, Jo Angerer und Mathias Werth, präsentierten ein Jahr nach dem Krieg das Ergebnis ihrer Recherchen: Es begann mit einer Lüge (so ihr Filmtitel, gemünzt auf einen von Verteidigungsminister Scharping präsentierten "Hufeisenplan" der serbischen Regierung). Heute würden sie dafür vielleicht als Verschwörungstheoretiker beschimpft. Doch der Film wurde in der ARD zu einer prominenten Sendezeit um 21.45 Uhr gezeigt und schlug in Regierung und Publizistik, wenn das Bild hier erlaubt ist, "wie eine Bombe ein". Der Minister ist nicht mehr im Amt und die ARD hat es so sehr bereut, dass sie Filme vergleichbarer Qualität und Brisanz vor 23 Uhr nicht mehr sendet.

Dieser ARD-Film war ein Musterbeispiel für Distanz statt Nähe zur Politik. Schlimm genug, dass er aus heutiger Sicht als einsamer Ausnahmefall dasteht, über den die Empörung in den parteipolitisch beherrschten Aufsichtsgremien der ARD hohe Wellen schlug. Doch wenn heute Regierungen und Geheimdienste selbst in Gerichtsverhandlungen Fakten nicht offen legen und Angehörigen der Geheimdienste (das ist "Öffentlicher Dienst"!) keine Aussagegenehmigungen erteilen wollen, weil "Nationale Sicherheitsinteressen" dem im Wege stehen, wenn Passagierlisten und Flugfunktexte ebenso unter Verschluss genommen werden, wie MitarbeiterInnen, die rechtzeitig vor drohenden Gefahren gewarnt haben, dann gibt es keinen Anlass, Regierungssprechern zu glauben.

Spiegel, Stern, WDR und 3sat haben stattdessen Redaktionsteams zusammengestellt, die von den USA bis in den Nahen Osten reisten, um Bröckers, Bülow und Wisnewski Fehler nachzuweisen. Hier wurde investiert, und zwar erfolgreich. Zwar sind die erwähnten Autoren aufgrund ihrer Bestsellererfolge vermögende Leute geworden. Trotzdem sind sie leichte Gegner, deren Widerlegung dadurch, dass sie vorher als gefährlicher Popanz aufgeblasen wurden, nicht ruhmvoller wird. Besonders deutlich wurde das, als Sandra Maischberger nur ausgerüstet mit dem Wissen der gerade aktuellen Spiegel-Geschichte den Ex-Minister von Bülow in ihrer "Show" (sic!) rhetorisch förmlich erlegte.

Von Bülow ist ein tragischer Fall. Als Mitglied des Schalck-Golodkowski-Untersuchungsausschusses in der Legislaturperiode 1990-94 ist er vermutlich durch den mangelhaften Aufklärungswillen aller anderen Beteiligten böse traumatisiert worden. Während tausende Stasi-IMs aus dem öffentlichen Dienst entfernt wurden, durfte Schalck seinen Lebensabend am Ufer des Starnberger Sees verbringen, wo selbst nicht-kriminelle reiche Wessis kaum eine Chance haben, überhaupt ein Grundstück zu bekommen. Als Staatssekretär im Verteidigungsministerium und als Bundesforschungsminister hat von Bülow tiefe Einblicke in die Eingeweide der Republik gewonnen. Und es ist grundsätzlich nobel, wenn er seit einigen Jahren seinem Leben durch publizistische Arbeit noch mal eine andere Richtung geben will, gerade weil die meisten seiner ehemaligen Genossen ihn darob für verrückt erklären. In seinem aktuellen CIA-Buch arbeitete er jedoch nicht nur, wie die anderen Autoren, fast ausschließlich mit Sekundärquellen. Er raunt entschieden zu dick aufgetragen über "die Welt der Geheimdienste". Und was man bei der bösen CIA und dem fiesen Bush vielleicht noch durchgehen lässt, das ist auf den möglicherweise nicht minder fiesen Mossad im Speziellen und Juden im Allgemeinen nicht erlaubt. Wer hier nicht sauber recherchiert hat, muss schweigen. Und wer das nicht einsehen will, will bis heute Geschichte nicht verstehen.

Gerhard Wisnewski hatte seine Sichtweise in einem Film für das Dritte des WDR darstellen können, der zu nachtschlafener Zeit phänomenale zehn Prozent Einschaltquote erreichte. Trotzdem machte er den Sender nicht glücklich. Im Gegenteil: in einer jüngst eingeschobenen WDR-Sondersendung wurden gleich im halben Dutzend Experten gegen den eigenen Filmautor aufgeboten.

Matthias Bröckers scheint von den dreien die souveränste Rolle zu spielen. Selbstironie ist ihm nicht fremd. Er hält auch Dämlichkeit statt Bosheit auf Seiten der US-Geheimdienste für möglich, wenn auch nicht für wahrscheinlich. Seinen Verlag macht er mit sechsstelligen Verkaufszahlen glücklich. Doch vielleicht wegen dieser Souveränität erhält er weniger Talkshow-Einladungen. Er wäre wohl kein so leichtes Opfer.

Es gibt keinen Anlass, diese Zweifler an der offiziellen Darstellung des 11. 9. 01 zu pathologisieren. Alexander Kluge wies letzte Woche in einem langen 3-sat-Interview zu Recht darauf hin, dass sie "die Phantasie anregen", was für die individuelle wie gesellschaftliche Verarbeitung des grausamen Geschehens zutiefst nützlich sei. Wirklichkeit sei "nichts Konsistentes". Und sein Satz "Der Besitz eines Feindes ist noch wichtiger als der Besitz von Waffen" kennzeichnet nicht nur die 11.9-Verarbeitung in den USA, sondern auch die deutsche Debatte.

Wie wichtig sind die Einzelheiten des 11.9.01? Welcher Beweise bedarf es noch, dass sowohl "Gottes"- als auch westliche Krieger auf dem falschen Dampfer waren und sind? Diese Beweise sind in Afghanistan und im Irak in ihrer ganzen Grausamkeit zu besichtigen. Die Darstellung der USA und ihrer Dienste als hinter allem steckende "Allmacht" (so der Titel einer ZDF-Reihe), dient sicher nicht dazu, alternative Kräfte zu ermutigen. Von den Schalthebeln zu entfernen sind die politischen Missetäter nur, wenn in den Gesellschaften, die ihnen mehr oder weniger zweifelhafte Legitimation verliehen haben, Alternativen aufgebaut werden, die für die Mehrheit der Menschen nicht nur objektiv attraktiver sind, sondern ihnen auch subjektiv so erscheinen. Vielleicht soll uns die ganze Verschwörungsdebatte ja gerade davon abhalten. Aber das wäre schon wieder eine Verschwörungstheorie.

00:00 19.09.2003
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