Der böse Turm

Gentrifizierung In Kreuzberg schließt eine linke Institution, der Argument-Buchladen. Nicht weit davon wird gegen allen Widerstand das Amazon-Hochhaus gebaut
Ingar Solty | Ausgabe 46/2019 10
Der böse Turm

Foto: Gabor Farkasch für der Freitag

In Berlin, in der Reichenberger Straße in Kreuzberg, hat letzte Woche die Argument-Buchhandlung für immer geschlossen. Gegenüber in Friedrichshain wiederum, auf der anderen Seite der Spree, entsteht dieser Tage am Bahnhof Warschauer Straße das „Edge East Side“, ein Wolkenkratzer mit 140 Metern Höhe. Größer ist nur der Berliner Fernsehturm.

Versuche der linken Bezirksregierung, diesen 35 Stockwerke hohen Koloss noch einmal auf gesetzlichem Weg zu verhindern, sind letztens gescheitert. Auf den 28 Etagen des Wolkenkratzers sollen allein 3.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amazon-Konzerns einziehen. Dessen Chef und Haupteigentümer Jeff Bezos ist der reichste Mensch der Welt. Sein Vermögen explodiert. Dieses Jahr erreichte es 112,1 Milliarden US-Dollar. Vor zwei Jahren stand es noch bei 72,8 Milliarden. Es kamen also täglich etwa 53,8 Millionen US-Dollar hinzu. Der monatliche Durchschnittslohn eines Amazon-Vollzeitarbeiters in Deutschland liegt bei etwa 1.400 Euro netto. Bis jetzt ist an der Stelle, wo nun der Amazon-Wolkenkratzer entsteht, das markanteste Gebäude ein alter Berliner Gründerzeitbau auf der gegenüberliegenden Seite der Stadtbahn-Schienen. Wie ein weißer Felsen rage er in das Meer der Stadt hinein, schrieb einmal der Dichter Johannes R. Becher, der hier, in diesem alten Haus im alten, roten Arbeiterviertel Friedrichshain, lebte. 2023 wird dieser Felsen in der Brandung im Schatten des Amazon-Wolkenkratzers stehen, die Kunst symbolisch durch den Kommerz verdeckt sein, ja buchstäblich im Schatten des Wolkenkratzers liegen.

Der schließende Buchladen im alternativen Kreuzberg-Bezirk und die Machtdemonstration von Amazon im alten Grenzstreifengebiet von Ostberlin – sie stehen in einem offensichtlichen Zusammenhang. Die Argument-Buchhandlung war nicht irgendeine Buchhandlung, die nun durch den Online-Handel verschwindet. Hier standen zweieinhalb Jahrzehnte lang Rücken an Rücken all die Bücher, die vor diesen Entwicklungen warnten. Denn der Buchladen vertrieb linke, kapitalismuskritische Literatur. Sehr viele Titel, aber bei Weitem nicht alle, entstammten dem Argument Verlag, einem kritischen Wissenschaftsverlag in Hamburg. In den letzten Jahrzehnten sind dort einige der wichtigsten Wissenschaftsveröffentlichungen und linken Theoriebücher der Gegenwart erschienen: die Gesamtausgabe der Gefängnishefte und Briefe von Antonio Gramsci, eine Werkausgabe von Stuart Hall, die gesammelten Schriften des Kritischen Psychologen Klaus Holzkamp, die Werke von Wolfgang Fritz Haug und Frigga Haug, das monumentale Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus.

Neuartige Öffentlichkeit

Der Verlag selbst wiederum fußte auf der Zeitschrift Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, der ältesten linken Theoriezeitschrift in Deutschland. Sie entstand 1959 im Zuge der „neuartigen, kritischen Öffentlichkeit“ (Hans-Ulrich Wehler) in der Bundesrepublik und der „Kampf dem Atomtod“-Kampagne. 1968 war die von den Haugs und anderen ins Leben gerufene Zeitschrift längst die bedeutendste Theoriezeitschrift der Student*innenbewegung. Die Auflage der marxistisch orientierten Zeitschrift betrug zeitweise über 25.000 Stück.

Der Argument-Buchladen war ein Ableger dieser Zeitschrift. Sein Geschäftsführer Klaus Gramlich war ein Buchhändler vom alten Schlag. Er kannte die Bücher noch, die er verkaufte. Wenn man in seinen Laden kam, sah man ihn in der Regel über ein Buch gebeugt am Tresen sitzen, und nach dem Bücherkauf verwickelte er einen gerne in eine theoretische Diskussion, die sich nie selbst genügte, sondern immer darauf ausgerichtet war, die Welt zu verbessern, sie sozialer, demokratischer, friedlicher, kurzum: menschlicher zu machen.

Der Buchladen wurde so zu einer Marke für sich. Als ich 2009 den Berliner-Schule-Filmregisseur Christian Petzold um eine Grußbotschaft für Das Argument bat, die in dem Jubiläumsband zum 50. Geburtstag veröffentlicht werden sollte, schrieb mir Petzold zurück mit der Frage, ob denn „‚Das Argument‘ etwas mit dem Argument-Verlag bzw. der Argument-Buchhandlung in der Reichenbergerstraße in Berlin zu tun“ habe. Das sei „nämlich meine Buchhandlung, seit Jahren, weil der Buchhändler der klügste ist“.

Klaus Gramlich und seine Bücher erzählten davon, was die Ursachen für die rapiden Veränderungen in Berlin seien: sinkende Lohnquoten, die Anhäufung überschüssigen Kapitals in den Händen einer Minderheit und ihrer Anlagefonds, die globale Finanzkrise, die Berlin in ein El Dorado für die Geldelite verwandelt hätten.

Der Berliner Mietendeckel für Wohnhäuser ist nun wenigstens ein erster großer Schritt in Richtung einer Gegenbewegung. Und in der umkämpften Reichenberger Straße ist aus dem Google-Campus nichts geworden. Aber für die Buchhandlung lohnte es sich schon länger nicht mehr. Klaus’ Bücher sind – wenn überhaupt – ins Internet verschwunden oder in den übriggebliebenen linken Buchhandlungen wie „Schwarze Risse“ zu finden. Man könnte sie jetzt bei Amazon bestellen. Und so weiteres Vermögen für Jeff Bezos anhäufen. Der wird die Kritik an der explodierenden Vermögensungleichheit einfach beiseiteschieben. So kaufte er vor sechs Jahren mal so eben die Washington Post, also die bedeutendste amerikanische Tageszeitung neben der New York Times, für 250 Millionen US-Dollar. Das entspricht 0,2 Prozent seines Vermögens. In der Washington Post durfte sich kürzlich sein Multimilliardärskumpan Mark Zuckerberg darüber auslassen, wie ungerecht doch Bernie Sanders’ Vorschlag einer Milliardärssteuer sei. Eine Milliardärssteuer, der gemäß Jeff Bezos im letzten Jahr sechs Milliarden US-Dollar an Steuern hätte zahlen müssen. Eine Summe, die dem Gehalt von 101.402 Highschool-Lehrern, 114.613 Kindergärtnern, 124.922 Feuerwehrleuten oder 125.052 Sozialarbeitern entspricht, die dafür eingestellt werden könnten. Und von ihren Gehältern selbst noch Steuern zahlen würden.

Zuletzt hat Jeff Bezos sein Geld eingesetzt, um in Seattle, wo Amazon mit 50.000 Angestellten seinen Hauptsitz hat, die Wiederwahl der sozialistischen Stadtabgeordneten Kshama Sawant zu verhindern. Ihr verdankt die Stadt den 15-Dollar-Mindestlohn, für den Sawant jahrelang kämpfte. Sie sorgte dafür, dass in Seattle bei horrenden Mieten nicht noch mehr berufstätige Arbeiter mit ihren Familien in ihren Pkws leben müssen, sondern nur 2.100 Personen.

Der Argument-Buchladen ist nun trotzdem Geschichte. Aber Das Argument und das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus sind es nicht, im Gegenteil. Soeben ist gerade das 332. Heft der Zeitschrift erschienen, zur „Kritik der Aufklärung“ und „Politik der Literatur“. Johannes R. Becher hätte es gefallen. Und das HKWM bereitet den nächsten großen Band vor; in dem Band, der im letzten Jahr erschien, kann man nachlesen, warum in Berlin Kunst und Kultur immer mehr durch Kapital und Kommerz verdrängt werden. Zum Beispiel beim Stichwort „Miete“ des Frankfurter Geografieprofessors Bernd Belina.

Die hoffnungsvolle Botschaft ist: Kapital gewinnt nicht immer. So wie in der Fußball-Bundesliga im Moment gerade nicht Bayern München, sondern Borussia Mönchengladbach auf Platz 1 steht, so hat letzte Woche auch Jeff Bezos’ Kandidat die Seattle-Wahl nicht gewonnen. Kshama Sawant wurde wiedergewählt.

Ingar Solty war zehn Jahre lang Redakteur von Das Argument, mit Klaus Gramlich diskutierte er schon so manchen Wälzer

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