Der Couturier-Cowboy

Filmfest Venedig Zwischen Gefriertoddrama, Edelkitsch-Melodram, High-Concept-Arthouse und Doku-Fiction
Dominik Kamalzadeh | Ausgabe 38/2015

Als das erste große Filmfestival der Herbstsaison hat die Mostra von Venedig mittlerweile eine schwierige Mission. Einerseits gibt sie den Startschuss für einen monatelangen Promotionsmarathon von Qualitätskino, der in der Oscar-Gala gipfelt. Um bei diesem Rennen eine Rolle zu spielen, gilt es, attraktive US-Produktionen an den Lido zu holen. Andererseits hat das älteste Filmfestival der Welt seinen Ruf als Hort avancierten Autorenkinos zu verteidigen. Ein Feld, auf dem das Filmfestival von Locarno dabei ist, der alten Schwester den Rang abzulaufen.

Der Kompromiss war dem Programm der 72. Ausgabe des Festivals anzusehen. Zu viel Marktkompatibles traf auf eine deutlich geringere Anzahl randständiger Positionen mit ästhetischem Wagemut. Everest, das mäßig spannende Gefriertoddrama unter Bergsteigern, gab den Auftakt für eine Reihe von Großproduktionen mit unique selling point: Tom Hoopers Edelkitsch-Melodram The Danish Girl zeigt den Briten Eddie Redmayne als verlegen lächelnden Transsexuellen, das Gangsterfilm-Derivat Black Mass will uns einen mit Make-up und Kontaktlinsen verunstalteten Johnny Depp als zynischen Mobster verkaufen. Angesichts von solchem High-Concept-Arthousekino war man für einen klassischen Ensemblefilm wie Spotlight schon dankbar, der mit ausgezeichnetem Cast die Ära des investigativen Journalismus feiert. Es geht um jene aufsehenerregenden Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche, die Anfang 2000 durch die Tageszeitung Boston Globe aufgedeckt wurden.

Bezeichnenderweise war es dann ein mit kleinem Budget in Stop-Motion-Technologie gefertigter Animationsfilm, der zu beeindrucken wusste. Die Stars von Charlie Kaufmans und Duke Johnsons Anomalisa sind leicht gedrungen wirkende Puppen mit lebensechten Gesichtern, sieht man von einer kleinen Lücke zwischen der oberen und unteren Gesichtshälfte ab. Sie unterhalten sich wie wir, sie führen dasselbe armselige Dasein: So nimmt einen die Geschichte eines Experten in Dienstleistungskultur, der auf einer Dienstreise in Cincinnati absteigt, sofort gefangen.

Puppen beim Liebesakt

Anomalisa trägt die Handschrift von Charlie Kaufman, dem geistreichen Kopf von Filmen wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind oder Being John Malkovich. Der Hotelaufenthalt von Michael Stone (gesprochen von David Thewlis), der zentralen Figur, gerät zu zärtlicher Metaphysik, sobald er auf eine junge Frau (Jennifer Jason Leigh) trifft, die gerade ihre vermeintlichen Makel zum Unikum machen. Lisa ist die Ausnahme, die Anomalie in einer Welt voller Duplikate – alle anderen Figuren werden mit monotoner Stimme von Tom Noonan gesprochen. Der große Reiz von Kaufmans melancholischer Erweckungsgeschichte liegt in den Details, den Nuancen, der Stofflichkeit dieses unserer Welt so ähnlichen Puppenreichs. Und wann hat man schon zwei Puppen bei einem ersten vorsichtigen Liebesakt zugesehen?

Im Wettbewerb dominierte ansonsten das Mittelmaß. Deshalb stach der Eigensinn einer älteren Generation heraus. Der 77-jährige Jerzy Skolimowski demonstriert in 11 Minutes fast jugendliche Qualitäten als visueller Choreograf. Aus den elf Minuten aus dem Leben seiner Figuren erstellt er ein Panorama parallel geführter Szenen, in denen alle Ampeln auf Eskalation geschalten sind. Das Ergebnis ist weniger als Großstadterzählung interessant, vielmehr überzeugt es als virtuose Versuchsanordnung, die einen Raum in der Simultanität öffnet.

Auch der 75-jährige Marco Bellocchio riskiert in Sangue del mio sangue (Blut von meinem Blut) Brüche im Erzählfluss. Der Italiener verknüpft zwei Geschichten aus Bobbio, seiner Heimatstadt, zu einer Parabel: Die erste, ein Historienstück, dreht sich um eine angeblich vom Teufel besessene Frau, die andere, eine grelle Gegenwartssatire, verweist auf den Ausverkauf Italiens an internationale Finanziers. Bellocchio treibt hier gleich mit mehreren heiligen Kühen Italiens seine Späße.

Auf die Zerwürfnisse seines Landes bezogen blieb auch Rabin, the Last Day vom Israeli Amos Gitai. Es geht um die Ermordung des Premierministers Yitzhak Rabin im November 1995 durch einen Rechtsradikalen. Schon zu Beginn spricht Rabins Weggefährte Shimon Peres in einem Interview davon, dass die Aufwiegelung der Bevölkerung den Weg für die Gewalt geebnet habe. Später sieht man in einem weiteren dokumentarischen Einschub, wie Benjamin Netanjahu vor Demonstranten spricht, die zum Mord Rabins aufrufen.

Gitais Film zeigt schon durch seine Dauer von zweieinhalb Stunden an, wie ernst ihm das Thema ist. Im Stile einer Doku-Fiction bereitet er ausschnitthaft und in den Zeitachsen verschoben die Vor- und Nachgeschichte des Gewaltakts auf. Rabin, the Last Day ist der Verzicht auf spekulative Momente hoch anzurechnen, auch wenn er es mit seiner akribischen Aufarbeitung fast ein wenig zu gut meint. Stellenweise wirkt der Film in seinen Verhörszenen zu statisch.

Wollte man überrascht werden, musste man wieder einmal auf Nebenschienen ausweichen. Mit Neon Bull lief der sinnlichste Film des Festivals in der Sektion Orrizzonti. Der Brasilianer Gabriel Mascaro führt ins Feld der Vaquejada, einer brachialen brasilianischen Form des Rodeos, bei der zwei Reiter einen Stier zu Fall bringen müssen. Die Breitwandbilder von Kameramann Diego Garcia, der zuletzt Cemetery of Splendor von Apichatpong Weerasethakul fotografiert hat, bleiben bewusst auf Distanz zu dem hormongesättigten Milieu, betonen dabei jedoch umso mehr die körperlichen Seiten dieser Welt aus Schweiß, Gewalt und Sexualität. Die Widersprüche entstehen zwischen dem archaischen Dasein und moderneren Sehnsüchten der Figuren: So träumt der zentrale Cowboy (Juliano Cazarre) eigentlich davon, einmal Modeschöpfer zu sein.

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