Der Disputant

Porträt Benjamin-Immanuel Hoff ist fleißig, brillant und links. Nun leitet er die Staatskanzlei von Bodo Ramelow in Thüringen
Anja Krüger | Ausgabe 50/2014 7

Er ist der Einzige mit grauen Haaren im Kabinett des neuen Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Dabei ist Benjamin-Immanuel Hoff gerade einmal 38 Jahre alt, unter seinen Regierungskollegen ist nur die grüne Umweltministerin Anja Siegesmund ein Jahr jünger. Die Haarfarbe ist symbolträchtig. Denn trotz seines Alters ist Hoff einer der erfahrensten Politiker im Erfurter Kabinett. Er ist der neue Chef der Staatskanzlei und gleichzeitig Minister für Kultur-, Bundes- und Europaangelegenheiten. Zuvor war er bereits fünf Jahre Staatssekretär für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz in Berlin. Nun soll er Ramelow den Rücken freihalten.

Hoff ist ein Feinmechaniker der Macht. Er ist Pragmatiker, allerdings ein intellektueller. Der zweifache Vater war neben Ministerpräsident Ramelow der Einzige, der bei der rot-rot-grünen Regierungsbildung in Thüringen als gesetzt galt. In den Koalitionsverhandlungen hat er eine wichtige Rolle gespielt – auch weil er die innere Offenheit dazu hatte. „Ich persönlich habe mit der SPD und den Grünen keine Rechnung offen“, sagte er einmal. Seit langem ist Hoff ein enger Vertrauter des 20 Jahre älteren Ramelow. Der nennt ihn seinen „Chefberater und Headhunter“.

Die beiden verbindet die Lust zum Regieren. Hoff gehört zu denen, die – wenn es eine rechnerische Mehrheit und bündnisfähiges Personal gibt – unbedingt Ministerien und Staatskanzleien besetzen wollen. Er glaubt fest daran, dass die Welt so zum Besseren verändert werden kann – egal unter welchen Umständen. Das ist einer der Punkte, an denen er mit der Linksparteichefin Katja Kipping über Kreuz liegt. Sie ist davon überzeugt, dass rot-rot-grüne Regierungen als „hegemoniales Projekt“ angelegt sein müssen, um wirklich etwas verändern zu können, „als ein Projekt mit dem gemeinsam geteilten Anspruch, grundlegend andere politische Weichenstellungen vorzunehmen“.

Hoff ist in der Partei aber auch bei denen anerkannt, die einem anderen Flügel angehören. Seine Analysen – und davon gibt es reichlich – werden nicht unbedingt geteilt, aber diskutiert. Manchen ist er suspekt, manche verspotten ihn als „Verwaltungslinken“. Aber er gilt bei allem Dissens als verlässlich. Einst war er Sprecher des „Forums Demokratischer Sozialismus“, einer Strömung, die zum rechten Parteiflügel gehört. Hoff wollte daraus einen Thinktank für linke Reformideen machen. Doch daraus wurde nichts. Enttäuscht warf er das Handtuch: „Wenn wir ehrlich zu uns sind, praktizieren auch wir zum Teil ein Schwarz-Weiß-Denken in Freund-Feind-Kategorien, grenzen uns in Lager-Kategorien ein, verharren in innerparteilichen Schützengräben und verfügen über nur wenig Gelassenheit, bereits in unserem eigenen Spektrum eine Bandbreite an taktischen, strategischen oder inhaltlichen Positionen zu ertragen.“

Dabei ist Aufgeben gar nicht seine Sache. Schon als Teenager hat er in der Bundesschülervertretung gelernt, Bündnisse mit Andersdenkenden zu schmieden. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nie. Er war aktiv in der undogmatischen Marxistischen Jugendvereinigung Junge Linke, die in der Wendezeit entstanden war und kurz darauf mit den Jungdemokraten verschmolz, jener ehemaligen Jugendorganisation der FDP, die sich nach der Trennung von der liberalen Mutterpartei 1982 immer weiter nach links bewegt hatte. Dort lernte Hoff den Spaß am Disput kennen, mit dem er heute auch seine Parteifreunde vom rechten Flügel manchmal etwas überfordert.

Früh sammelte Hoff administrative Erfahrungen. „Er war der, der immer den Kontakt zum Ministerium gehalten hat“, sagt ein Kumpel von damals. Das war unbeliebt, aber wichtig – wegen der Finanzierung des Jugendverbands. Als dreimal direkt gewählter Abgeordneter im Abgeordnetenhaus weiß Hoff Mehrheiten zu gewinnen und zu verteidigen. Schon als junger Mann saß „Benni“, wie seine Freunde ihn nennen, in unzähligen Ausschüssen, Kuratorien und anderen Gremien. Dort knüpfte er nicht nur ein dichtes Netz nützlicher Kontakte, sondern lernte auch das politische Sitzungs-ABC kennen.

Wie Koalitionsverhandlungen geführt werden, wusste Hoff von denen, die jetzt in Thüringen beteiligt waren, wahrscheinlich am besten. Die Verhandlungen kannte er aus der Zeit der rot-roten Regierung in Berlin. Als die Linkspartei dann 2011 wieder aus der Regierung flog, trug Hoff seine in der Politik gewonnenen Kenntnisse zu Markte und wurde Gesellschafter und Berater der MehrWertConsult. Die Politikberatung wirbt mit der langjährigen „Kenntnis von politischen Entscheidungsabläufen“ und bietet sich Unternehmen, Verbänden und Gewerkschaften an. Eine Ruhezeit – wie sie die Linkspartei für Politiker nach dem Ausscheiden aus dem Amt fordert – hat Hoff nicht eingehalten.

Er ist eben ziemlich ehrgeizig. Im Jahr 1995 wechselte er vom Gymnasium direkt ins Abgeordnetenhaus, weil die damalige PDS händeringend junge Kandidaten suchte. Sie wollte ihr Image als verstaubte Partei für Rentner und Verbitterte abstreifen. Da war der junge Blonde mit den politischen Erfahrungen genau der richtige. Nebenher begann er ein Studium der Sozialwissenschaften, das er mit der Auszeichnung „Humboldt-Preis“ abschloss. Als er 2006 Staatssekretär wurde, promovierte er mit Magna cum laude. Mittlerweile trägt er einen Professorentitel.

So mancher Politpensionär wäre froh, wenn er in seinem Lebenslauf so viel aufzulisten hätte wie der junge Minister. Doch einen „Karrieristen“ nennen ihn nicht einmal seine parteiinternen Kritiker. „Er ist ein akribischer Arbeiter, aber nicht aufstiegsorientiert“, sagt einer. Hoff ist emsig und ein Vielschreiber, der sich in unzähligen Artikeln, Buchbeiträgen und Vorträgen zum bedingungslosen Grundeinkommen, zur Kontrolle öffentlicher Unternehmen oder zur Gefahr durch Krankenhauskeime zu Wort meldet. Auch auf freitag.de schreibt er regelmäßig.

Den Fleiß, die Selbstdisziplin und wohl auch das analytische Denken hat er aus seinem SED-Elternhaus mitbekommen. Hoff stammt aus klassischem „roten Adel“. So gesehen ist er eher das Produkt der sich über Systemgrenzen reproduzierenden politische Klasse als seines Ehrgeizes. Eine ähnliche Sozialisation hat auch Linkspartei-Übervater Gregor Gysi erlebt. Aber um den eines Tages zu beerben, fehlt Hoff etwas, da man sich nicht erarbeiten kann: Charisma.

10:00 16.12.2014

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 7

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community