Der dritte Stand

Hegemonie Zur Entwicklung der Intellektuellen in der Türkei

Die intellektuelle Situation in der Türkei hat sich während der letzten zehn Jahre erheblich verändert. Viele Ideen, die Journalisten und Intellektuelle in dieser Zeit entwickelten, prägen inzwischen das Alltagsleben und -denken. Als erstes wäre die Debatte über die Zivilgesellschaft zu nennen, der genauen Gegenposition zum Staatsdenken der alten Marxisten und linken Kemalisten. In diesem Prozess spielt eine Figur wie Serif Mardin eine wichtige Rolle, ein Soziologe und Historiker, der vom liberalen Denken der fünfziger Jahre her kommt, zeitweilig Professor für Islamwissenschaft an der American University in Washington und heute Professor an der Istanbuler Sabanci-Universität. Auf der anderen Seite steht eine Figur wie der 1925 geborene, linke Ökonom Idris Kucukomer. Es handelt sich um zwei Intellektuelle, die aus bürgerlichen Kreisen hervorgegangen sind. Beide haben die Periode der geistigen Transformation in den neunziger Jahren mit ihrem Nachdenken über die Zivilgesellschaft stark beeinflusst. Gleichzeitig hat aber auch die Übersetzung der poststrukturalistischen Texte das neue Wuchern der Ideen über die Zivilisation aus einem politischen Blickwinkel befördert. Die demokratische Linke wie die Liberalen und selbst die religiös-demokratischen Intellektuellen sind durch diesen shift der Ideen beeinflusst worden.

In der jetzigen Lage scheiden sich die türkischen Intellektuellen in drei verschiedene Lager. Das erste ist das der alten Kemalisten, das zugleich antiliberal und antiimperialistisch eingestellt ist. Es sind Linke, die die ökonomische Globalisierung misstrauisch beäugen. Sie sind im politisch-ökonomischem Diskurs der 1960er und 1970er Jahre großgeworden, kommen aus der Mittelschicht und der Bürokratie. Die Gewerkschaften, die politische Linke und die kemalistischen Vereinigungen artikulieren diese Position neuerdings zusammen mit der extremen Rechten, etwa mit einer Bewegung wie der paramilitärischen Bozkurt, auch bekannt als "Graue Wölfe". In dieser Bewegung ist die Situation der Intellektuellen sehr unklar. Linke wie Rechte sind gleichermaßen Teil der antiliberalen, nationalistischen Gruppierung, zu der auch die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) gehört, deren Führer der 1997 gestorbene Putschisten-Oberst Alpaslan Türkes war. Zusammen mit 38 anderen Offizieren stürzte er 1960 den damaligen türkischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes. Türkes propagierte einen nationalistischen Pantürkismus und argumentierte aus einer Position der Staatssicherheit.

Man kann diese Bewegung zwar nicht wirklich als eine intellektuelle Bewegung bezeichnen. Aber sie übt doch so etwas wie eine geistige Hegemonie über die Gruppierung der Nationalisten aus - und zwar kraft ihrer Zeitungen und Journalisten. Heutzutage arbeiten die "Grauen Wölfe" sogar mit sozialdemokratischen Intellektuellen zusammen. Sie ergreifen ideologisch Partei für die kemalistische Weltsicht mit ihrem laizistischen Gedankengut. Sie betrachten die Armee als eine Garantie des laizistischen Regimes und der republikanischen Werte. Deshalb könnten sie die Armee auffordern, in das politische Spiel zu intervenieren. Auch der "Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks", der sehr präsent in den jüngsten großen Manifestation gegen Premierminister Erdogans regierende AKP-Partei war, ist eine der intellektuellen Gesellschaften innerhalb dieser zivilen Bewegung. Alle gemeinsam scheuen sich nicht, eine Allianz mit den extremen Rechten und den Nationalisten einzugehen. Sie verteidigen die kemalistischen und laizistischen Werte ungefähr so, wie es ein sozialdemokratischer Slogan aus den dreißiger Jahren einmal formulierte: "Eine populäre Regierung der Republik für das Volk, notfalls trotz des Volkes."

Der zweite Teil der Intellektuellen beruft sich auf liberalökonomische Ideen. Er votiert für die Globalisierung und will sich auf die neue Weltlage einstellen. Eine Gruppe dieser Intellektuellen kommt interessanterweise aus der islamisch-religiösen Bewegung. Menschen, die zumeist aus der Unterschicht stammen, inzwischen aber ihre Verhaltensweisen geändert haben, vom islamisch-religiösen Diskurs zum postmodernen Denken konvertiert sind. Es handelt sich um Muslime, denen ein islamischer und konservativer Habitus eignet, wie Pierre Bourdieu sagen würde. Sie verständigen sich über liberale Zeitschriften, in denen sie Schriften von Adorno und Foucault, insbesondere Foucaults Schriften über die islamische Revolution im Iran übersetzt haben. Man könnte diese Bewegung ihrer nonkonformistischen Ideen und Attitüden wegen als "schizophrene Intellektuellen" bezeichnen. So werden innerhalb der Familie sehr moderne Verhaltensweisen gepflegt. Ehemann und Ehefrau agieren gleichberechtigt, bereiten etwa das Abendessen gemeinsam vor, während in den "modernen Familien" traditionell noch immer die Frauen kochen und ihre dominante Rolle eigentlich nur in der Küche haben. So wirkt die muslimische Mittelstandsfamilie (zumindest bei Intellektuellen und Akademikern) oft moderner als bei den - im konventionellen Sinn - scheinbar modernen Familien.

Die dritte intellektuelle Position in der Türkei ist die der demokratischen Linken. Das ist eine neue Gruppierung, und die Geschichte dieser Bewegung beginnt unmittelbar nach dem Staatsstreich der Militärs vom 12. September 1980. Das erste Bündnis in dem Widerstand gegen den Putsch war das zwischen linken Demokraten und religiösen Intellektuellen. Es hat sich zum ersten Mal in der Zeit des türkischen Ministerpräsidenten Turgut Özal gemeinsam artikuliert. Doch die eigentliche Dominanz der demokratischen Linken entwickelte sich erst während der neunziger Jahre. Der Bruch mit den ideologischen Werten der Türkischen Republik hatte seinen Grund in der Selbstvergessenheit der kemalistischen Ideologie. Die liberale und religiöse Kritik an ihr in den dreißiger und vierziger Jahren fand in den fünfziger Jahren ein erstes Echo innerhalb des demokratischen Diskurses der Republikanischen Partei. In diesen Diskursen wurde eine kritische Haltung zur Dominanz des an der Französischen Revolution orientierten Gesellschaftsmodells von Atatürk propagiert. Darunter ist die Schaffung einer homogenen Gesellschaft nach dem Positivismus von Auguste Comtes Soziologie zu verstehen. Atatürks Motto "Ein Volk, eine Sprache, ein Ideal" wurde zur Zielscheibe der Kritik von den Minderheiten der Türkischen Republik. Und auch jetzt erheben Armenier, Juden, Griechen, Kurden und andere neue Forderungen, die in den Jahren der Modernisierung zugunsten der "Einheit" des Volkes übergangen worden waren. Das war der alte Diskurs der republikanischen Werte. Er findet keinen Nachhall mehr im Diskurs der demokratischen linken Bewegung von heute. Und daraus bilden sich die neuen demokratischen Intellektuellen der Türkei.

Aus dem Englischen von Ingo Arend

Ali Akay lehrt Soziologie an der Mimar Sinan Universität der Schönen Künste in Istanbul und arbeitet als unabhängiger Kurator.


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00:00 11.05.2007

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