Der Earl und die Sozialisten

1924 Der britische Adel gerät in der aktuellen, fünften Staffel von „Downton Abbey“ gehörig ins Wanken. Das ist historisch fein beobachtet
Andrea Diener | Ausgabe 18/2015 2

Seine Lordschaft hat Sorgen. „Was mich besorgt“, sagt Robert Crawley, Earl of Grantham, „ist, dass unsere Regierung Leute wie uns vernichten will und alles, wofür wir stehen.“ Die Regierung, das ist in der fünften Staffel der Serie, die im Jahr 1924 angesiedelt ist, erstmals ein von der Labour-Partei getragenes Kabinett, Premierminister war Ramsay MacDonald. Und Leute wie der Earl of Grantham sind Adelige, die sich qua Geburt das Recht erwerben, in großen, von reichlich Rasen umgebenen Häusern zu wohnen, nach allen Regeln der Kunst bekocht und bedient zu werden und sich von einem Dienstmädchen den Reißverschluss am teuren Teekleid schließen zu lassen. Und wofür stehen sie? Für all das, und für ein Leben im Dienste des Landbesitzes, der darauf siedelnden Pächter sowie der Erhaltung des Titels durch die Produktion von mindestens einem Sohn (zwei sind besser, man weiß ja nie).

Doch die Welt von Downton Abbey ist nicht mehr die alte. Schon seit einigen Staffeln gerät eine Ordnung ins Wanken, die ihre Protagonisten für eine natürliche halten: die traditionelle feudale Gesellschaftsordnung britischer Prägung mit starker Betonung auf parkähnlichen Ländereien. Denn diejenigen, auf deren Kosten dieses System besteht, beginnen, für sich Freiräume in Anspruch zu nehmen, die in dieser Welt nicht vorgesehen sind. Chauffeure brennen nicht mit Adelstöchtern durch, Frauen haben keinen außerehelichen Sex und idealerweise auch keinen Beruf.

Miss Buntings Borniertheit

Die Welt von Downton Abbey verändert sich so sehr, dass sogar Stuart Varney, seines Zeichens Moderator bei Fox Business Network, schon fortgeschrittene sozialistische Umtriebe in dieser Serie wittert. Nicht, dass er sie selbst gesehen hätte, aber seine Untergebenen trugen ihm die skandalösen Neuigkeiten artig zu, woraufhin er sogleich das obenstehende Zitat des Earl of Grantham auf seinem Twitteraccount verbreiten musste. „Vernichten! Alles!“ Das klingt natürlich auch alarmierend. „Es geht da nur um Sozialismus, richtig?“, fragt Varney, rhetorisch natürlich. Und lässt einen Studiogast daraufhin ausführen, dass die Autoren den jüngeren Figuren zu Propagandazwecken absichtlich progressive Denkweisen verpasst hätten, diese Londoner Taschenausgaben linker Hollywoodtypen. Das Feindbild sitzt.

Man weiß jetzt gar nicht, wo man anfangen soll. Eventuell könnte man mit dem Autor der Serie beginnen, Julian Alexander Kitchener-Fellowes, Baron Fellowes of West Stafford, geboren in Kairo und Peer des britischen Oberhauses, jüngster der fünf Söhne des Diplomaten Peregrine Edward Launcelot Fellowes und bisher sozialistischer Neigungen eher unverdächtig. Wenn in einer von ihm geschriebenen Serie sozialistische Strömungen auftauchen, dann ist das zuallererst der historischen Korrektheit geschuldet. Und er ist ein viel zu guter Schriftsteller, um die progressiven Denkweisen tumben Schurken zu verpassen, die die goldene alte Zeit auf dem Gewissen haben, in der alles so schön und richtig war. Es ist zum Glück ein wenig komplizierter – und sehr viel britischer.

Das Problem kulminiert in der Gestalt der sozialistisch denkenden Lehrerin Miss Bunting. Sie wird netterweise von der Familie Crawley zum Essen ins Herrenhaus eingeladen, weil Tom, der Chauffeur, ein Auge auf sie geworfen hat. Tom hat sich ja nach dem Tod von Lady Sybil sehr tüchtig in Sachen Gutsverwaltung angestellt, da erweist man ihm gern einen Gefallen. Leider geht das nicht gut, denn Miss Buntings Sozialismus ist von derart bornierter Art, dass sie nicht einmal ansatzweise freundlich zu Menschen sein kann, die für sie das Klassensystem verkörpern. Sie ist nicht in der Lage, sie als Menschen zu sehen, sondern nur als Prototypen einer ungerechten Gesellschaft und damit als Feinde.

Tom hingegen kämpft zwar immer wieder einmal mit seinem früheren Idealismus, er ist irischer Republikaner und hängt marxistischen Ideen an, doch all das nimmt sich nunmehr aus wie eine liebenswerte Schrulle. Man nimmt es hin, andere sammeln ja auch Schnupftabakdosen oder schreiben Kolumnen, obwohl sie Frauen sind. Der Engländer ist da offen, er toleriert vieles und er erwartet im Gegenzug dieselbe Offenheit gegenüber seiner Lebenswelt. Eine Offenheit, zu der Tom fähig ist, Miss Bunting hingegen nicht. Deshalb hat Tom eine Daseinsberechtigung in dieser Serie und wird im Haus geduldet – das Haus, das so viel mehr ist als eine Immobilie, eher ein steingewordener Fels in der Brandung der Zeitläufte, Inbegriff der Solidität, Schutz für eine Familie, Wert und Besitz und Einkommen und gleichzeitig Verpflichtung. Da lässt man nicht jeden hinein. Und wer sich als nicht würdig erweist, den lädt man nicht mehr ein.

Das Oben und das Unten

Die britische TV-Serie spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Yorkshire, auf dem Schloss der Granthams.In der ersten Staffel von Downton Abbey, die 2010 ausgestrahlt wurde, standen erbrechtliche Probleme im Fokus: Robert und Cora Crawley, Graf und Gräfin von Grantham, haben drei Töchter, aber keinen Sohn. Patrick, ein Cousin ersten Grades, sollte deswegen die älteste Tochter Lady Mary heiraten, damit das Anwesen im Besitz verbleibt. Doch Patrick starb ebenso wie die jüngere Schwester von Lady Mary, Lady Sybil, und so starben einige mehr im Laufe der bisherigen Staffeln – nicht nur durch den Ersten Weltkrieg, an dessen Vorabend die Serie einsetzt.

Von Anfang an wurden die Zuschauer auch durch die Erzählungen aus der Welt des Personals gebannt, welches in verblüffendem Maße den Habitus der Herrschaft übernommen hat und ebenbürtige Schicksale durchleidet. Hervorzuheben ist der zu Unrecht eines Mordes verdächtigte John Bates, ein valet, ein Kammerdiener, welcher nicht mit einem footman, einem Hausdiener, verwechselt werden darf, was einem treuen Zuschauer der Serie aber nie passieren könnte. Selbstredend sollte sie im englischen Original geschaut werden, notfalls mit Untertiteln, allein um die Sprüche der Mutter von Robert Crawley, Lady Violet, zu verstehen.

Die fünfte Staffel, von der in unserem Text die Rede ist, läuft derzeit auf Sky Atlantic HD, eine sechste soll noch folgen, dann sei Schluss, heißt es. Michael Angele

Das ist die Welt, aus der der Autor Julian Fellowes stammt. Es ist eine Welt, in der ein Gentleman sich artgerecht gehalten fühlt, wenn er im Jagdjackett aus Harris-Tweed, die Flinte unter den Arm geklemmt, über das Bowling Green spaziert und in die Ländereien sinniert, bis irgendwann der Tee serviert wird. Eine Welt, in der Vernunft eine große Rolle spielt und die Verantwortung gegenüber den Angestellten und Arbeitern und Pächtern, ebenso das Gemeinwesen, das Oben und Unten und der Fortbestand des Titels. Das ist auch die Welt, die die viktorianischen Kulturkritiker der Prägung eines Benjamin Disraeli gern bewahrt hätten: keine Fabriken, der Handwerker sein eigener Herr, alles schön handgemacht und die Landschaft ohne hässliche Qualmwolken industrieller Produktion. Eine Manufaktumwelt, nur ohne Demokratie.

Küchenmädchenpsychologie

Die Ablehnung einer profitorientierten Industrie und der Abhängigkeit der Arbeiter vom Großkapital ist die Gemeinsamkeit mit Sozialismus, der das ja auch kritisiert – nur dass der im Gegensatz zum Disraeli-Konservativismus gern noch mal über das Oben und das Unten reden würde. Die One-Nation-Konservativen haben das Individuum ganz gern da als Rädchen im Gefüge, wo es ihrer Ansicht nach hingehört – und wo es beschützt und behütet gehört. Wie das im Idealfall aussehen soll, zeigt die Figur des Küchenmädchens Daisy: Sie nimmt mit großer Begeisterung Unterricht bei Miss Bunting, lernt Rechnen und paukt Geschichte, plant jedoch erst einmal nicht, damit konkret etwas anzufangen. Gut so: Der ordentliche One-Nation-Haushalt braucht zufriedene, gebildete Küchenmädchen, die der Illusion anhängen, jederzeit etwas anderes machen zu können, es aber aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gemeinschaft nicht tun.

Welche Rolle spielt darin nun das erste Labour-Kabinett des Jahres 1924? Eine der wichtigsten Maßnahmen war es, öffentlich geförderten Wohnraum zu schaffen. Auch damit werden die Crawleys konfrontiert, verkaufen ihre Wiese aber nicht, sondern bauen lieber selbst, damit die Häuser bloß auch hübsch werden. Gut, wenn solche netten Adeligen für einen sorgen. In der Fellowes-Welt sind die Adeligen natürlich meistens nett. Auf dem Labour-Kabinett lastete weiterhin der dauerhafte Verdacht, heimlich eine Revolution nach sowjetischem Vorbild zu planen und den Adel so schnell wie möglich an die Wand stellen zu wollen. Ein Verdacht, der sich im Nachhinein als unbegründet erwies, dem der Earl of Grantham aber dennoch naturgemäß anhängt, wie das Eingangszitat zeigt, demnach die Regierung „Leute wie ihn“ vernichten will. Eine Sorge, die im historischen Zusammenhang durchaus korrekt wiedergegeben ist, deren Feinheiten aber nicht gleich jedem aufgehen, schon gar nicht jedem Fox-Moderator.

„Ich spüre, wie der Boden, auf dem ich stehe, anfängt zu schwanken“, sagt der Butler Charles Carson einmal. Seine Sorge ist berechtigt. Das erste Labour-Kabinett Großbritanniens hat damit jedoch wenig zu tun: Bereits nach wenigen Monaten trat die Regierung wegen eines Briefs der Kommunistischen Internationalen an die Partei zurück, der eine angebliche Revolution ankündigte. Inzwischen weiß man, dass es sich bei dem Schreiben um eine Fälschung übelmeinender Regierungsgegner handelte. Fünf Jahre später erst kehrte Labour aus der Opposition zurück – leider zu spät für die sechste und wahrscheinlich letzte Staffel.

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06:00 05.05.2015

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