Der endlose Flamingo

Alltag Berlin, aus mikrorealistischer Perspektive betrachtet

Als ich vor kurzem nach Berlin kam, hatte ich den Gedanken, ein neues Verfahren entwickeln und anders arbeiten zu sollen als bisher, und dann habe ich doch genauso funktioniert wie vorher. Zuerst bekam ich eine Wohnung vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, die einem afrikanischen Soziologen gehört. Das sieht man zum Beispiel an der Giraffe, die hinter dem Tisch steht. Daneben an der Wand hängen Afrika-Bilder von Paul Klee, und die Bibliothek in dieser Wohnung ist eine große, umfassende Afrika-Fachbibliothek. Ich habe mir dann vorgestellt, dass ich nach Afrika gekommen bin. Mein Abenteuer brachte mich also wieder einmal auf einen exotischen Kontinent. Durch die Fenster dieser Berliner Wohnung kann ich in unterschiedliche Richtungen schauen, vor allem in zwei Straßen. Der Platz, an dem die Wohnung liegt, ist der Stuttgarter Platz in Charlottenburg, ein unglaublich lebendiger Platz. Von meinem Bett aus kann ich die Vorgänge im Café Dollinger gegenüber beobachten, dort gibt es von morgens acht bis nachts zwei Uhr Leben. Um sechs Uhr kommt eine Putzfrau. Dann sitze ich schon an meinem Schreibtisch. Ich bin ganz sicher, dass diese Frau vom Balkan kommt. Wir fangen gleichzeitig an zu arbeiten. Der Platz hat die Form einer kleinen Bucht. Neben dem S-Bahn-Station hat diese Bucht einen kleinen Schwanz, ein engeres Stück mit Cafés und Begegnungsorten von Intellektuellen, und es gibt auch einen Kinderspielplatz. In diesem engen Stück am S-Bahndamm liegen viele kleine Billiggeschäfte von Russen und auch viele Nachtlokale. Diese kleine Welt gibt mir schon so viel zu tun, dass ich das Gefühl habe, mich gar nicht wegbewegen zu müssen. Ich habe genug Arbeit, alles zu beobachten.

Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich zu Hause ein kleines Deutschwörterbuch für mich entwickelt. Das erste Wort darin war "der Nebel", und das zweite Wort war "die Möwe". Als wir nach Berlin kamen, sagte ich zu meiner Frau: "Keine Angst, ich habe ein Wörterbuch!" Meine Frau wollte es sehen, und als ich es ihr zeigte, lachte sie mich aus wegen der Möwe in Berlin. Eine Deutschlehrerin kam dann öfter zu uns, um uns Deutschunterricht zu geben. Wir sprachen über ganz simple Dinge. Die Lehrerin brachte für jede Stunde ein einfaches Gedicht mit. Beim dritten Mal kam sie mit dem Gedicht "Die Möwe" von Christian Morgenstern. Sie fragte: "Wissen Sie, was das Wort Möwe bedeutet?" Da haben wir laut gelacht und von diesem Wörterbuch erzählt, das ich geschrieben habe. Ich habe angefangen, das Morgenstern-Gedicht auswendig zu lernen, und später haben wir unsere Lehrerin umbenannt in "Möwe". Es gefällt ihr sehr gut, eine Möwe zu sein. Das alles ist Normalität geworden, und ich habe auch schon fast vergessen, wie es begann, doch dann bin ich durch den engeren Teil der Bucht spaziert, das hundertste Mal bereits. Plötzlich schaute ich nach oben auf die Hauswand, und da stand geschrieben: "Hier lebte Christian Morgenstern".

Als ich dann weitere Teile Berlins erkundete, habe ich angefangen, eine Beziehung aufzubauen zu den rosafarbenen Leitungen, den Rohren, die durch ganz Charlottenburg und noch viel weiter führen. Ich habe sie auf den Namen "Endloser Flamingo" getauft. Dann fing ich an, auf ernsteren Foren über den endlosen Flamingo zu sprechen, und auch meinen Enkelkindern, die nach Berlin zu Besuch kamen, habe ich davon erzählt. Sie haben dieses Wort tatsächlich wörtlich geglaubt. Wir sind im Auto durch die Stadt gefahren, und diese Leitungen, diese rosafarbenen Rohre, waren immer sichtbar. Ich sagte: "Schaut mal, da fliegt der endlose Flamingo!" Und sie glaubten tatsächlich, es sei ein Bein oder sonst ein Körperteil des Vogels, aber nach einer Weile fragten sie nach dem Kopf. Später habe ich den Kopf des Flamingos gefunden. Er ist ein sehr interessantes Gebäude der Wasserwerke von Berlin. Ich begann, mich mit dem Architekten, der den Kopf des Flamingos gebaut hat, zu beschäftigen. Genau dieses Verfahren hat weiter funktioniert. Ich nenne es meine mikrorealistische Methode.


Es gibt hier auch eine kleine Buchhandlung mit dem Namen "Hacke und Presting". Dorthin gehe ich, um Bücher zu bestellen. Ihr Emblem ist ein amerikanischer Windhund auf rosafarbenem Grund. Die Buchhändlerin erzählte, dass es ein ganz bestimmter Hund sei, der früher in Europa lebte und heute in Amerika ist. Sie wird ein Foto dieses konkreten Tiers mitbringen und einen Abzug machen lassen. Ich hatte das Gefühl, die Familiengeschichte dieser Frau kennen zu lernen, also die ganze Geschichte davon, wie ihre Familie in die USA ging und zurückkam.

Ich war sensibel geworden gegenüber dieser Hunderasse, weil ich gerade in Palic über einen russischen Windhund geschrieben habe. Die russischen Windhunde sind, genauso wie die amerikanischen, unglaublich schöne und aristokratische Wesen. Mein Freund Bora Cosic hat einen Essay geschrieben mit dem Titel "Die Situation der Hunde im Sozialismus". Darin schreibt er, dass Stalin die gesamte russische Aristokratie liquidierte und nur den russischen Windhund begnadigt hat. So entwickelt sich über das Foto des Windhundes in der Buchhandlung eine Beziehung zu der Welt zu Hause, gleichzeitig zu der Welt hier in Berlin und zugleich auch eine Verbindung zu einer Welt in den USA - alles dank dieses einen Fotos des amerikanischen Windhundes.

Ganz in meiner Nähe, auf der anderen Seite der S-Bahn Charlottenburg, wohnt mein Freund Bora Cosic, der ein großer Schriftsteller ist. Er hat in Belgrad gelebt, besitzt aber einen kroatischen Pass. Das liegt daran, dass er, als der Krieg ausbrach, zu seinem Haus nach Rovinj fuhr, und dort hat er die kroatische Staatsbürgerschaft bekommen. Danach kam er nach Berlin. Im Sommer fährt er manchmal nach Rovinj. Als ich ihn das erste Mal hier in Berlin besuchte, hatte ich sofort das Gefühl, bei einem Belgrader Intellektuellen zu sein und zwar bei einem der führenden. Ich habe mich sehr gefreut, in diese Wohnung von Cosic zu gehen, unter anderem, weil ich jedes Buch seiner Bibliothek kenne und genau weiß, wer wann welches Buch herausgegeben hat und was genau in dieser Zeit geschah. Ich habe zu jedem Buch eine genaue Beziehung. Für Cosic sind die surrealistischen Maler aus Belgrad sehr wichtig, die auch eine Verbindung hatten zu André Breton. Cosic steht auch dem Lebenswerk des kroatischen Schriftstellers Miroslav Krleza sehr nahe, er hat sogar zwei wichtige Bücher über Krleza geschrieben. Der andere Schriftsteller, der für Cosic sehr wichtig ist, heißt Milos Crnjanski.

Für Cosic ist Crnjanski in Berlin wichtig geworden; er hat einige Bücher in Crnjanskis Manier geschrieben. Crnjanski war als Diplomat tätig, er war unter anderem Presse-Attaché in Rom. Er hat dort einige bedeutende, man könnte sogar sagen kolossale Bücher geschrieben.

Ich erzähle dies alles, um zu sagen, dass meine Welt, aus der ich komme, hier präsent ist, aber in einer anderen Form. Tatsächlich gibt es eine neue Situation in Europa. In diesem vereinigten Europa haben wir es mit einem riesengroßen Raum zu tun, durch den man hindurchfahren kann. Aber meine Erfahrung ist eigentlich, dass diese kleinen ostmitteleuropäischen Länder auch schon vorher Europa und Berlin bewohnt haben. Bora Cosic hat schon eine Menge Bücher, unter anderem über Berlin, geschrieben, die in unterschiedlichen Sprachen veröffentlicht wurden. Auch in der zeitgenössischen ungarischen Literatur ist Berlin ein sehr wichtiger Ort, fast jeder zweite ungarische Schriftsteller hat ein Buch über Berlin geschrieben. Einer der wichtigsten ungarischen Gegenwartsschriftsteller, Imre Kertész, lebt in Berlin. Berlin ist vielleicht der wichtigste Ort für die zeitgenössische ungarische Literatur. Die Familie Cosic zieht gerade um. Eine US-amerikanische Schriftstellerin, deren Mann als Rechtsanwalt Erich Honecker verteidigt hat, hat der Familie Cosic ihr Haus zur Verfügung gestellt in genau der Straße in Berlin, in der Imre Kertész wohnt. So klein ist diese Welt.

Es gibt einen kleinen Laden an dem engen Teil des Stuttgarter Platzes, in dem man Telefone und andere technische Geräte kaufen kann. Dorthin bin ich einmal mit meinem Sohn, der Filmregisseur ist, gegangen und wir schauten uns Kameras an. Meine Frau arbeitet für das Fernsehen und mein Sohn wollte eine Kamera für sie kaufen. Die Verkäuferinnen im Laden sprachen russisch, und wir versuchten, auf slawisch und zwar auf serbisch mit ihnen über die Kameras zu sprechen. Dann kam jemand von hinten zu uns und fragte, ob wir auch ungarisch sprechen könnten. Wir haben uns mit diesem Mann angefreundet. Er ist Ungar, und er kam nach Berlin, als es die Mauer noch gab. Er kaufte damals diesen Laden gemeinsam mit einigen Russen. Sie verkauften zuerst Zigaretten, danach Jeans und Nähgarn. Der Grund dafür war, dass - als die Mauer fiel - zahlreiche Ost-Berliner an diesem S-Bahnhof Charlottenburg ausstiegen, und sie haben ihre hundert Mark Begrüßungsgeld gleich hier für Jeans und Nähgarn ausgegeben. Die Besitzer des Ladens, die Russen und der Ungar, wurden so reicher und haben dann den Handel mit technischen Geräten begonnen. Einerseits freue ich mich, einen neuen Menschen kennen gelernt zu haben, andererseits freue ich mich zu erfahren, wie das funktioniert zwischen dem Ungarn und den Russen, denn so komme ich in eine tiefere Dimension dieser Stadt.


Jetzt möchte ich eine Anekdote erzählen. Zwei bekannte ungarische Schriftsteller kamen zufällig in dieses Geschäft, es waren László Darvasi und Gergely Péterfi. Dieselbe Situation wie mit uns hat sich wiederholt, sie sprachen ungarisch, und dann kam der Ladenbesitzer hinzu und erkundigte sich, was sie in Berlin täten. Da erwiderten sie: "Wir sind Schriftsteller." Der Ladenbesitzer erwiderte: "Das kann doch nicht sein, denn der Stuttgarter Platz hat doch schon einen ungarischen Schriftsteller." Als sie wissen wollten, wer es sei, sagte er: "Na, der Ottó!" Und es stellte sich heraus, dass sie mich alle kennen. Dieser kleine Platz hat unglaublich viele Facetten. Der Laden liegt drei Häuser entfernt von dem ehemaligen Haus von Christian Morgenstern. Gegenüber von meinem Fenster liegt ein italienisches Café, das Café Galileo. Über ihm liegt eine sehr schöne Terrasse mit Säulen und Karyatiden. Ich sah davor einmal einen schwarzgekleideten Mann, der die Säulen und Karyatiden fotografierte, und es stellte sich heraus, dass das Lajos Parti Nagy war. Er bereitet gerade ein Buch mit Texten und Fotos von Berlin vor, und ich schreibe ein Buch, in dem ich beschreibe, wie Lajos Parti Nagy Berlin fotografiert. Ich erzähle dies alles, um zu zeigen, wie wichtig Berlin für die ungarische Literatur geworden ist. Ich unterscheide mich von den aus Ungarn kommenden Schriftstellern, die sich mit Berlin befassen, nur dadurch, dass ich Wurzeln im Balkan habe.

Ich erzählte bereits über diesen kleinen Platz, an dem ich hier in Berlin wohne. Zwei Stationen weiter ist der Zoologische Garten, und das ist die zentrale Station in Berlin, der Bahnhof Zoo. Dort sind meine Enkelkinder und meine Freunde angekommen, ich hole sie jedes Mal ab. Ich fühle mich geborgen in der kleinen Welt dieses Stuttgarter Platzes. Jetzt bin ich schon seit einigen Monaten in Berlin und musste letzte Woche zum erstenmal von hier wegreisen, nach München. Da habe ich die Panik bekommen. Ich habe den Leiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes angerufen und ihm gesagt, dass ich nicht aus Berlin wegreisen möchte. Der Leiter des DAAD sagte, es sei sehr schwierig, jetzt abzusagen, da die Prospekte und Einladungen bereits gedruckt seien. Dann wurde mein Honorar auf 200 Euro erhöht, das ist immer noch sehr wenig. Trotzdem bin ich dann mit meiner Frau losgefahren. Wir sind vom S-Bahnhof Charlottenburg zum Bahnhof Zoo gefahren und haben uns dort in den Zug nach München gesetzt. In dem Moment aber, in dem ich im Zug saß, hatte ich das Gefühl, dass wieder ein Abenteuer begann, und ich war plötzlich glücklich, im Zug zu sitzen.


Eine der zentralen Metaphern in meinen Berliner Texten ist der endlose Flamingo, über den ich schon erzählt habe. Das hat zu tun mit einer früheren künstlerischen Phase meiner Arbeit. Auch Picasso hatte eine rosa Periode. Meine rosa Periode hat so angefangen, dass ein Jäger bei uns zu Hause einen Flamingo geschossen hat, obwohl es eigentlich gar keine Flamingos bei uns gibt. Anlässlich dieses Ereignisses habe ich angefangen, die Flamingos gründlich zu studieren, und ich habe festgestellt, dass sie wie Zugvögel in einer Formation diszipliniert und geordnet fliegen. Es kommt vor, dass einige Flamingos im Laufe eines langen Fluges unruhig werden, aus der Reihe fliegen und sich verirren. So hat sich wahrscheinlich auch dieser einzelne Flamingo in die Vojvodina verirrt. Später besuchte ich einen Zoo in Ungarn, in dem viele Flamingos leben; diese Tiere haben langsam ihre Farbe verloren und wurden ähnlich blass wie Gänse. Das liegt daran, dass Flamingos normalerweise kleine rote Krabben fressen, übrigens auch in Berlin. Diese Krabben werden mit dem Flugzeug nach Berlin transportiert, und die Berliner Flamingos werden mit ihnen gefüttert. In Ungarn war es nicht möglich, Krabben zu kaufen, und daher wurden die Flamingos blass. Da hat eine Biologin das Problem gelöst, indem sie ungarisches Paprikapulver in ihr Futter gemischt hat. Die Leitungsrohre hier in Berlin sind wie Glasfaserkabel. So sind die Federn dieser Tiere wie die Leitungen eigentlich aus Glas, die roten Farbelemente fließen in den Leitungen, und in den Körpern der Vögel entsteht dadurch ihre Farbe. Als ich von der Lösung der ungarischen Biologin hörte, sagte ich, die Ungarn haben schon einmal einen Nobel-Preis für die Erfindung des Vitamin C bekommen, und auch dies hat Albert Szentgyörgyi aus Paprika gewonnen. Einen weiteren Nobel-Preis werden die Ungarn nun vielleicht bekommen für die Geschichte mit den Flamingos.


Dem Text liegt ein Interview mit Eve-Marie Kallen und eine Simultanübersetzung durch Gabriella Gönczy zugrunde. Aufgeschrieben von Eve-Marie Kallen.

Ottó Tolnai wurde 1940 in der ungarischsprachigen Vojwodina im Nordosten Serbiens geboren. Er schreibt Lyrik und Prosa, Kunstkritiken und Essays und erhielt den ungarischen Literaturpreis 2004. Tonai lebt heute in Palics, Serbien.


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00:00 08.04.2005

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