Der Fallensteller

Ausstellung Die Bremer Kunsthalle zeigt Werke von Andreas Slominski. Der Künstler, der einmal einen Arm in eine Galerie eingemauert haben soll, gibt auch hier Rätsel auf
Radek Krolczyk | Ausgabe 06/2014

Karg und leer sind die unteren Hallen der Bremer Kunsthalle. Leer, trotz einer Ausstellung des Künstlers Andreas Slominski. Beim Gang durch die Schau kommt man durch hohe, lichte Räume. Man würde gerne den Hall testen, laut klatschen oder rufen – wäre da nicht die Museumsaufsicht.

Nicht, dass es überhaupt nichts zu sehen gäbe. Zu sehen sind sehr wohl einige von Slominskis Ready-Mades. Aber keiner der kleinen spärlichen Alltagsgegenstände, Badekappen, Essbestecke und Konservendosen, angeordnet an den Wänden oder auf dem Boden, ist präsenter als diese Aufsichtsperson. Gehört sie vielleicht zu den ausgestellten Werken? Will sie etwas? Hegt sie Misstrauen? Vielleicht sogar zu Recht? Weil kaum etwas da ist, wird ihr die Aufmerksamkeit des Besuchers zuteil.

So gerät das Museum selbst, vielleicht nicht gleich zum Kunstwerk, sicherlich aber in den Blick, mit seinem uniformierten Personal, seinen protzigen neoklassizistischen Applikationen an Wänden und Decken und dem hässlichen dunkelbraunen holzmaserigen Laminat auf dem Boden. Fast 200 Jahre liegen hier zwischen dem schlechten Geschmack des früheren und dem schlechten Geschmack des heutigen Bremer Bürgertums. In einer Ausstellung von Jonathan Meese, vollgestopft mit Porno, SS-Uniformen und Schaufensterpuppen, wäre das sicherlich niemandem aufgefallen. So eine Meese-Ausstellung lässt wenig Raum zur Imagination. Seine Materialanordnungen füllen die Hallen, quellen über und schwappen in die Köpfe.

Einsam unter Aufsicht

Je weniger aber zu sehen ist, desto größer wird die Halle und desto einsamer der Besucher. Und je einsamer der Besucher sich fühlt, desto aufmerksamer wird er gegenüber sich und seiner Umgebung. Nicht zuletzt auch gegenüber den kleinen, minimal gesetzten Arbeiten.

Dabei gab es bei Slominski schon weniger zu sehen, als heute in Bremen. Zum Beispiel 1991 in Jürgen Wesselers legendä-rem Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven. Auf den 35 Quadratmetern eines Ladenlokals zeigt Wesseler dort seit mehr als 40 Jahren neue künstlerische Positionen. Slominski durfte den Raum öfter in Anspruch nehmen. 1991 jedenfalls fanden die Besucher bei seiner Vernissage einen leeren Raum vor. Es hieß, Slominski habe einen abgetrennten Arm in die Wand eingemauert und anschließend alles sauber verputzt und neu gestrichen. Zunächst wurde abgewiegelt. Wer soll denn das glauben? Weil aber nichts da war auf diesen 35 Quadratmetern als diese Geschichte, musste man ihr wenigstens nachgehen. Was wäre einem auch sonst geblieben? Der Unglaube verwandelte sich in Unsicherheit und Unbehagen. Die Besucher begannen die Wände mit den Augen nach Unebenheiten abzutasten. Könnte hier nicht etwas dahinter versteckt sein? Sieht die Farbe hier nicht frischer aus als sonst im Raum? Hört sich die Wand an dieser Stelle nicht ein wenig hohl an? Weil der Raum leer war, hatte die Geschichte Platz sich auszubreiten. Eine sehr präzise Leere.

Verglichen mit der Situation in Bremerhaven, ist die heutige Bremer Ausstellung weniger minimal. Präzise gesetzte Vorstellungsräume allerdings gibt es auch hier. In der großen Eingangshalle steht ganz einsam ein Ofen aus angerostetem Metall. Daneben hat jemand einen Haufen Äste aufgeschichtet. Ein beruhigender Anblick, denn draußen ist es kalt. Man sieht vom Ofen aus durch eine gläserne Eingangsfassade den Schnee fallen. Schaut man genauer hin, fällt auf, dass es sich bei dem geschichteten Brennholz um Astgabeln handelt. Und auch der Ofen zum Verbrennen von Astgabeln selbst, wie Slominski sein Objekt betitelte, hat die Form einer Astgabel. Man könnte die sperrigen Hölzer zerhacken, um sie in den Ofen zu bekommen. Slominski allerdings zieht es vor, die Äste ganz zu lassen und den Ofen an ihre Bedürfnisse anzupassen – um sie schlussendlich dann doch zu verbrennen.

Wer passt sich wem an? Diese Frage stellt sich häufig bei Werken von Andreas Slominski. Auf einem Wandsockel liegt ein zusammengeklappter Zollstock, eine Auflagenarbeit des Künstlers. Daneben nun lehnt wie beiläufig eine meterlange Ver-sandrolle. Slominski hat seinen Zollstock ausgeklappt verschickt. Oder nehmen wir die Tierfallen, für die Slominski bekannt ist, von denen in Bremen zwei zu sehen sind. Mit einer Falle schafft man eine offene Situation, – zumindest solange sie nicht zuschnappt. Slominskis Fallen sind nicht immer auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Und selbst dann weiß man noch nicht unbedingt, wie sie funktionieren. In Bremen stehen in einem sonst leeren Raum eine Falle für Vögel und eine für Katzen nebeneinander auf dem Boden. Wie seltsam, ist doch die Katze selbst eine Art Vogelfalle. Hier aber steht sie genau so zur Disposition wie der Vogel. Beute und Opfer werden gleich. Die Vogelfalle besteht aus zwei aufeinander getürmten riesigen Dosen für grüne und schwarze Oliven. Auf dem Deckel der oberen Dose hat jemand Vogelfutter platziert. Dieser Deckel ist nur an einem durchgängigen Stift befestigt. Wenn er landet, reißt ihn sein Gewicht in das Innere der blechernen Falle. Der Deckel öffnet und schließt sich wieder. Der Vogel wäre gefangen. Ob diese brutale Falle wohl funktioniert? Überprüfen kann man es nicht. Aber man kann es sich ausmalen. Genug Raum hat man ja dazu.

Andreas Slominski Kunsthalle Bremen bis 27. April 2014

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06:00 19.02.2014

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