Der fortgestoßene Dirigent

Nichtdeutsch Zum 50. Todestag von Fritz Busch

Der am 13. März 1890 in Siegen geborene junge Mann, so berichteten Zeitgenossen in den zwanziger Jahren, sei hochgewachsen, etwas schwer gebaut, blond, der Kopf groß, das Gesicht eher klein, aber mit großen funkelnden blauen Augen drin. Der ungarische Dirigent Antal Dorati, den Busch als jungen Repetitor nach Dresden verpflichtet hatte, beschreibt ihn so: »Er war ein großer Favorit des musikalischen Publikums meiner Heimat. Er brachte ein sehr weites, mannigfaltiges Repertoire mit und erfreute uns mit der Vielseitigkeit und der Frische seiner Aufführungen. Er war - oder so schien es mir - der am wenigsten deutsche unter den deutschen Dirigenten. Tatsächlich kam er mir überhaupt nicht als deutscher Dirigent vor trotz seiner Erscheinung und Haltung, die im Gegensatz dazu typisch teutonisch waren.« Ein sonderbares Konstrukt, das in dieser Beobachtung liegt. Geist und Haltung nichtdeutsch, Scheitel und Augen deutsch. Die Konstellation hat ihre widersprüchliche Wahrheit. Sie sollte 1933 klar zutage treten, als bestellte NS-Einsatzgruppen den Chef am Pult der Semperoper niederschrieen, weil dieser auf die Naziklaviatur pfiff, statt sie zu betätigen. Man jagte Busch daraufhin aus allen Ämtern, was Nazigrößen wie Göring bedauerten, sahen sie im »teutonischen« Busch doch schon den Heroen, der die titanische Botschaft Beethovens, Liszts, Wagners dem »Herrenvolk« vermitteln sollte.

Was aber der rassistische, kriegerische Mob in Deutschland gegen die Deutschen und mit ihnen anfachte, das war für Busch die reine Barbarei. Schändlich in seinen Augen, wenn prominente deutsche Dirigenten wie Richard Strauss jene Podien bestiegen, welche Otto Klemperer oder Bruno Walter aus rassischen Gründen hatten räumen müssen. In jenen gefährlichen Tagen hatte er wie sein Bruder Adolf Busch, der vielgerühmte Violinist, jüdische Musiker unterstützt und, anders als zahllose Zweifelnde und Verzweifelte im Land, gegen die Naziideologie votiert. All das hat natürlich nachgewirkt: Als Bruno Walters Tochter Grete Ende der dreißiger Jahre starb und Busch gebeten wurde, ein Konzert des aus diesem Grunde verhinderten Dirigenten zu übernehmen, lehnte er ab. Wahrscheinlich, weil er jene Pult-Besetzermentalität noch in frischer Erinnerung hatte.

Das stockkonservative Dresden machte ihm freilich rechtzeitig selbst den Garaus. Fast alle aus Staatskapelle und Staatsoper hatten sich im Februar 1933 gegen ihren hochverehrten, geliebten Chef gestellt. Sie waren völkisch geworden.

Ein Deutschtum, dem Fritz Busch niemals verfallen wäre. Er, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, der vom begeisterten Dorfmusikanten zum klassisch geschulten, metierbewussten Musiker aufgestiegen war, pflegte generell strenge Maßstäbe menschlichen Anstands. Humane Gefühle, welcher Art immer, durften nicht verletzt werden. Ein Werk Hindemiths, bei dem Busch glaubte, es greife allzu grob religiöse Gefühle an, hat er darum nicht aufgeführt. Auch die verquarkte Moralität eines Hans Pfitzner, jenes ewig leidenden Nationalisten und Antisemiten, mochte der Dirigent nicht, was schließlich zum Abbruch jeglicher Kontakte führte.

Fritz Busch verachtete den NS-faschistischen Klüngel zwar, doch blieb er in seinen liberalen Überzeugungen national-konservativ. Das unterschied ihn etwa von Erich Kleiber, der seine Entlassung als Generalmusikdirektor an der Berliner Staatsoper seinerzeit regelrecht betrieb, indem er etwa Alban Bergs avantgardistische Lulu-Suite ins Programm nahm. Kleiber war Antifaschist; Busch kümmerte sich hingegen erst um Politik, als diese sich um ihn kümmerte. Er liebte seine Nation. Dass diese trügerische Liebe unerwidert blieb, empfand er als Schande. Das mag erklären, warum der Dirigent bald nach dem Dresdner Desaster ausgerechnet das Büro des künftigen Ministerpräsidenten Göring aufgesucht hat, um Rehabilitation zu finden und sich seiner Zukunft an exponierter künstlerischer Stelle gewiss zu werden. Görings Freundin, die Schauspielerin Emmy Sonnemann, Busch bestens vertraut aus seiner Stuttgarter Zeit, hatte mehrere Treffs vermittelt. Deutsch-nichtdeutsch war nun nicht mehr die Frage. Der große Deutsche Busch sollte es sein, oder er sollte es nicht sein.

Busch zog vor, es nicht zu sein. Alle Bemühung, den angeschlagenen Nimbus des Künstlers wieder aufzupolieren und Busch als Leitgestalt im deutschen Betrieb zu etablieren, zerschlug sich. Glücksfall? Für den Dirigenten spricht, dass er sich nach vergeblicher Müh, deutscher als deutsch zu sein, dazu entschied, außer Landes zu gehen. Was aber, hätte er die Berliner Philharmoniker übernehmen können, wie es ihm Göring, der gegen die Nominierung Furtwänglers war, angetragen hatte, was aber nicht zu verwirklichen war?

Dabei hatte Göring Busch im Februar 1933 noch gedroht: »Na, lieber Freund, wir haben ja auch Mittel in der Hand, sie zu zwingen!« Jener darauf: »An einem erzwungenen Tannhäuser unter meiner Leitung werden Sie keine Freude haben. So etwas Stinklangweiliges haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gehört.« Fritz Busch verließ Nazi-Deutschland im Mai 1933. Bis zum Ausbruch des Krieges erhielt er noch manches Angebot, in Deutschland zu dirigieren. Der politische Exilant, in der Haltung mehr denn je nichtdeutsch, lehnte jedes Mal dankend ab. Erst sechs Jahre nach dem Sieg über das Hitlerregime hat Busch wieder deutsche Städte aufgesucht: das nahezu zertrümmerte Köln, wo er im Auftrag des WDR Verdis Maskenball dirigierte, das halb zertrümmerte Hamburg, in dem zu konzertieren ihm der NDR Gelegenheit bot. Gestorben ist er am 14. September 1951 in London.

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00:00 14.09.2001

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