Der Freidenker

Bekenntnis Kann man mit Karl Marx den Euro retten? Und wie hilft sein Denken, die heutige Krise zu verstehen? Ein Essay von Yanis Varoufakis
Yanis Varoufakis | Ausgabe 09/2015 39
Der Freidenker
Griechenlands Finanzminister und sein politischer Weg
Fotos: Ria Nowosti/AKG-Images, Thomas Trutschel/Photothek/Getty Images (rechts); Montage: der Freitag

Im Jahr 2008 erlebte der Kapitalismus zum zweiten Mal in seiner Geschichte einen Krampfanfall von globalen Ausmaßen. Die Finanzkrise setzte eine Kettenreaktion in Gang, die Europa in eine nicht enden wollende Abwärtsspirale stürzte. Die Lage, in der sich der Kontinent momentan befindet, bedroht nicht nur einzelne Gruppen, Klassen oder Länder. Sie bedroht die gesamte Zivilisation, wie wir sie kennen.

Wenn meine Prognose zutrifft und wir es nicht nur mit einer weiteren zyklischen Krise zu tun haben, ergibt sich daraus für die Linke die Frage: Sollten wir die Krise des europäischen Kapitalismus nutzen, um ihn durch ein besseres System zu ersetzen? Oder sollten wir über die momentane Situation so besorgt sein, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um das herrschende System zu stabilisieren?

Für mich ist die Antwort klar. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Krise in Europa einer besseren Alternative zum Kapitalismus den Weg ebnet. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie gefährlich-regressive Kräfte entfesselt, die eine humanitäre Katastrophe verursachen könnten. Für diese Einschätzung wurde ich von manchen Linken als „Defätist“ bezeichnet, der das sozioökonomische System Europas retten will, das für all das steht, wogegen Linke kämpfen sollten: nämlich gegen eine undemokratische, neoliberale, völlig irrationale EU. Und ja, ich muss zugeben, diese Kritik tut weh. Weil sie mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthält.

Ich teile die Einschätzung, dass die Europäische Union ein gewaltiges Demokratie-Defizit hat und die Währungsunion falsch konstruiert ist. Ich bin auch überzeugt, dass diese beiden Faktoren, die von den Eliten geleugnet werden, zwei der Hauptursachen für die anhaltende Rezession sind, unter der viele Menschen seit Jahren leiden. Ich würde auch viel lieber für eine radikale Agenda eintreten, die darauf abzielt, den Kapitalismus durch ein vernünftigeres System zu ersetzen. Aber ich will erklären, warum ich denke, dass ein Zusammenbruch des europäischen Kapitalismus – so dysfunktional dieser auch sein mag – um jeden Preis vermieden werden muss. Ich will radikale Linke davon überzeugen, dass wir eine widersprüchliche Mission zu erfüllen haben: Wir müssen den freien Fall des europäischen Kapitalismus aufhalten, um die Zeit zu gewinnen, die wir für das Ausarbeiten einer Alternative brauchen.

Berater bei Papandreou

Als ich mir 1982 ein Thema für meine Doktorarbeit aussuchte, wählte ich absichtlich ein durch und durch mathematisches. Marx’ Denken spielte in diesem Bereich keine Rolle. Als ich später eine wissenschaftliche Laufbahn einschlug, unterrichtete ich an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, die mich beriefen, stets eine Art von neoklassischer Wirtschaftstheorie, in der für Marx kein Platz vorgesehen ist. Ende der 80er stellte man mich an der Universität Sydney sogar ein, um so einen linken Kandidaten an der Fakultät zu verhindern – das erfuhr ich allerdings erst später.

Als ich 2000 nach Griechenland zurückkehrte, begann ich, für George Papandreou zu arbeiten. Ich dachte, ich könnte ihm helfen zu verhindern, dass eine wiedererstarkende Rechte die Regierung übernimmt. Denn diese war wild entschlossen, Griechenland zu einem von Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus geprägten Land zu machen. Wie heute jeder weiß, ist Papandreous Partei aber nicht nur daran gescheitert, der Fremdenfeindlichkeit etwas entgegenzusetzen. Sie verantwortete am Ende sogar eine äußerst aggressive neoliberale Politik, die mit ihrer sogenannten Bankenrettung – wenn auch unbeabsichtigt – dafür sorgte, dass wieder Nazis auf den Straßen von Athen marschierten. Obwohl ich Anfang 2006 meinen Job als Papandreous Berater aufgab und zu einem der entschiedensten Kritiker seines Krisenmanagements wurde, hatten meine öffentlichen Interventionen aber mit Marxismus nicht das Geringste zu tun.

Dennoch: Karl Marx hat meine Sicht auf die Welt entscheidend geprägt. Von meiner Jugend bis heute. Das ist etwas, worüber ich in „vornehmer Gesellschaft“ nicht offen rede, denn die meisten Leute schalten sofort auf Durchzug, wenn sie den Namen des Bärtigen nur hören. Aber warum komme ich dann jetzt darauf zu sprechen, wenn ich ihn während meiner wissenschaftlichen Karriere weitgehend ignoriert habe und auch meine aktuellen politischen Empfehlungen unmöglich als marxistisch beschrieben werden können? Die Antwort ist einfach: Selbst meine nicht-marxistische Ökonomie folgt Marx’ Methode der immanenten Kritik, die die Grundsätze des Gegners akzeptiert, um ihm dann nachzuweisen, dass seine eigenen Ableitungen zu diesen Annahmen in Widerspruch stehen.

Man kann natürlich auch alternative Theorien entwickeln und hoffen, dass diese ernst genommen werden, aber nach meiner Erfahrung lassen die Herrschenden sich niemals von Theorien beunruhigen, die von anderen Annahmen als ihren eigenen ausgehen. Die etablierte neoklassische Wirtschaftswissenschaft lässt sich – wenn überhaupt – durch nichts anderes verunsichern als durch den Nachweis der inneren Widersprüchlichkeit ihrer eigenen Modelle. Aus diesem Grund habe ich mich von Anfang an mit der neoklassischen Theorie beschäftigt und so gut wie keine Energie darauf verwandt, alternative Kapitalismusmodelle zu entwickeln. Meine Beweggründe hierfür waren aber marxistische.

Wenn man mich jedoch bat, mich zu der Welt zu äußern, in der wir leben, konnte ich gar nicht anders, als auf die marxistische Tradition zurückzugreifen, die mein Denken prägt, seit mein Vater mir als Kind die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf den historischen Prozess vor Augen führte. Mein Vater war Metallurg und Chemieingenieur. Er erklärte mir, wie zum Beispiel der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit die Geschichte vorantrieb; wie die Entdeckung des Stahls die Dinge noch einmal beschleunigte; und wie schließlich die auf Silicium basierenden IT-Technologien unsere Welt wieder völlig veränderten.

Yanis Varoufakis ist seit Januar Finanzminister im Kabinett von Alexis Tsipras. Er wurde am 24. März 1961 in Athen geboren. Sein Vater war Vorstandsvorsitzender eines griechischen Stahlkonzerns. Varoufakis studierte in Großbritannien Wirtschaftsmathematik, nach der Promotion lehrte er Ökonomie unter anderem in Cambridge, Glasgow, Sydney, Austin und Athen. Auf Englisch bloggt er unter yanisvaroufakis.eu

Dass ich schon sehr früh Bekanntschaft mit Marx’ Schriften gemacht habe, lag aber auch daran, dass ich in einer besonderen Zeit aufwuchs. Griechenland war gerade dabei, den Albtraum der neofaschistischen Diktatur von 1967 bis 1974 abzuschütteln. An Marx faszinierte mich sein Talent, ein Drehbuch der Geschichte, ja der Verdammnis der Menschheit zu schreiben, in dem aber immer die Möglichkeit zur Erlösung enthalten war. Die Arbeiter, Kapitalisten, Funktionäre und Wissenschaftler, die seine Erzählung als Akteure der Geschichte bevölkerten, bedienten sich im Zuge der Selbstermächtigung der Vernunft und der Wissenschaft. Sie entfesselten dabei entgegen ihrer Absichten aber dämonische Kräfte, die sie ihrer Freiheit und Menschlichkeit beraubten.

Die dialektische Sichtweise, in der alles auch sein Gegenteil hervorbringt, und der scharfe Blick, mit dem Marx in einer der veränderungsfeindlichsten Gesellschaftsstrukturen überhaupt das Potenzial zur Veränderung wahrnahm, half mir, die großen Widersprüche der kapitalistischen Epoche zu begreifen. Sie lösten für mich das Paradox eines Zeitalters auf, das im selben Moment atemberaubenden Reichtum und noch nie gesehene Armut hervorbrachte. Heute, wenn wir uns der Krise in Europa, in den USA und der anhaltenden Stagnation des japanischen Kapitalismus zuwenden, verstehen die meisten Kommentatoren nicht den dialektischen Prozess, der sich vor ihren Augen abspielt. Sie erkennen den Schuldenberg und die Verluste des Bankensektors, vernachlässigen aber die andere Seite: den gewaltigen Berg an Sparguthaben, die aus Angst eingefroren auf den Konten liegen, statt produktiv investiert zu werden.

Einer der Hauptgründe, warum viele Beobachter unsere Realität nicht wirklich begreifen, liegt darin, dass sie nie das dialektische Spannungsverhältnis der „gemeinsamen Produktion“ von Schulden und Überschüssen, Wachstum und Arbeitslosigkeit, Reichtum und Armut, ja: von Gut und Böse verstanden haben. Marx’ Drehbuch hat uns gezeigt, dass diese binären Oppositionen die Quelle für die Durchtriebenheit der Geschichte sind.

Bereits während meiner ersten Gehversuche als Ökonom gelangte ich zur Überzeugung, dass Marx eine Entdeckung gemacht hatte, die im Zentrum einer jeden ernst zu nehmenden Analyse des Kapitalismus stehen muss. Es handelt sich um eine weitere binäre Opposition in der Natur der menschlichen Arbeit, und zwar zwischen deren beiden recht verschiedenen Eigenschaften, I) eine wertbildende Tätigkeit zu sein, die niemals im Voraus quantifiziert und deshalb unmöglich zur Ware werden kann, und gleichzeitig II) in Arbeitsstunden quantifizierbar, käuflich und damit eine Ware zu sein, die ihren Preis hat.

Dieser widersprüchliche Doppelcharakter der Arbeit, der sie von anderen produktiven Faktoren unterscheidet, spielte in der bürgerlichen politischen Ökonomie vor und nach Marx keine Rolle. Die etablierte Wirtschaftswissenschaft weigert sich bis heute vehement, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Ohne diese Einsicht kann die Tendenz des kapitalistischen Wirtschaftssystems, Krisen hervorzubringen, aber niemals völlig verstanden werden.

In dem Science-Fiction-Klassiker Die Körperfresser kommen von 1953 greift die Armee der Aliens die Menschen nicht von außen an, sondern übernimmt sie von innen heraus, bis nichts von ihrem Geist und ihren Gefühlen mehr übrig bleibt. Ihre Körper sind dann nur noch willenlose Hüllen, die vom Kern der menschlichen Natur „befreit“ wurden. So ähnlich würde es aussehen, wenn die menschliche Arbeit sich vollständig in die Modelle der Vulgärökonomen einfügen ließe.

Jede Wirtschaftstheorie, die davon ausgeht, menschliche und nicht-menschliche Faktoren seien beliebig austauschbar, unterstellt, dass die Entmenschlichung der Arbeit bereits vollständig erfolgt sei. Wäre das möglich, würde dies allerdings das Ende des Kapitalismus als eines Werte schaffenden und verteilenden Systems bedeuten. Sollte es dem Kapital jemals gelingen, die Arbeit vollständig zu quantifizieren und damit zu einer Ware zu machen wie jede andere, wird es gleichzeitig diese unbestimmte, widerspenstige menschliche Freiheit auslöschen, die der Arbeit innewohnt. Und die es ermöglicht, dass ein Wert entsteht.

Freiheit als eigene Kategorie

Marx’ großartiges Verständnis des Wesens der kapitalistischen Krise bestand genau darin: Je mehr es dem Kapitalismus gelingt, Arbeit in eine Ware wie jede andere zu verwandeln, desto geringer ist der Wert einer jeden Produkteinheit, die sie schafft. Desto niedriger ist die Profitrate und desto näher letztlich die nächste Rezession. Marx war der Einzige, der erkannt hat, dass die menschliche Freiheit eine ökonomische Kategorie darstellt. Dies hat ihm ermöglicht, die Tendenz des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu Krise, Rezession und Depression mit großer analytischer Scharfsinnigkeit zu interpretieren.

In einer Zeit, in der die Neoliberalen die Mehrheit der Gesellschaft mit ihrer Theorie umgarnt haben und gebetsmühlenartig erklären, die Produktivität der Arbeit müsse erhöht werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und Wachstum zu generieren, bietet Marx’ Analyse ein starkes Gegengift. Das Kapital kann bei seinem Versuch, die Arbeit in einen unendlich elastischen, mechanisierten Input zu verwandeln, niemals gewinnen, ohne selbst dabei zugrunde zu gehen. Das ist es, was weder Neoliberale noch Keynesianer jemals begreifen werden.

Heute würdigen fast alle Denkschulen, einschließlich einiger Ökonomen, Marx als einflussreiche Figur der Geistesgesichte. Im selben Atemzug behaupten sie aber, sein Beitrag habe heute keine große Relevanz mehr. Ich sehe das anders. Abgesehen davon, dass er das grundlegende Dilemma der kapitalistischen Dynamik genau erfasst hat, hat Marx mir auch die Werkzeuge an die Hand gegeben, um mich gegen das Gift des Neoliberalismus zu immunisieren. Nur ein Beispiel: Man kann nur allzu leicht der Vorstellung erliegen, Reichtum werde privat produziert und dann mittels Steuern von einem quasi-illegitimen Staat angeeignet. Wer aber bei Marx einmal gelernt und verstanden hat, dass das genaue Gegenteil der Fall ist – Reichtum wird kollektiv produziert und dann aufgrund der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse und Eigentumsrechte privat angeeignet –, fällt darauf nicht mehr rein.

Warum nenne ich mich aber einen erratischen Marxisten? Nachdem ich gezeigt habe, was ich Karl Marx alles verdanke, muss ich auch erklären, warum ich mich oft schrecklich über ihn ärgere und mich eher als erratischen, denn als marxistischen Marxisten bezeichne. Marx hat zwei schwere Fehler begangen. Und diese behindern die Wirkungsmacht der Linken noch heute, insbesondere in Europa.

Marx’ erster Fehler bestand darin, dass er nicht genügend darüber nachdachte, welchen Einfluss seine Theorie auf die Welt haben würde. Seine Theorie ist diskursiv außergewöhnlich stark, dessen war er sich bewusst. Wie ist es also möglich, dass er sich keine Gedanken darüber machte, dass seine Schüler, also Leute, die diese überzeugenden Ideen besser begreifen konnten als der durchschnittliche Arbeiter, die Macht, die sie ihnen verliehen, dazu nutzen könnten, sich über ihre Genossen zu erheben? Dieses Versäumnis kann ich Marx aber noch verzeihen, er war ja kein Prophet.

Sein zweiter Fehler wiegt wesentlich schwerer – und ich bin nicht bereit, ihm diesen zu verzeihen. Er besteht in der Annahme, die Wahrheit über den Kapitalismus könne in der Mathematik seiner Modelle gefunden, also quasi mathematisch bewiesen werden. Das war der schlimmste Bärendienst, den er seiner Theorie erweisen konnte. Derselbe Mann, der uns die menschliche Freiheit als ökonomische Kategorie von erstem Rang präsentierte; derselbe Wissenschaftler, der die radikale Unbestimmtheit in ihren rechtmäßigen Rang in der politischen Ökonomie erhob, spielte mit stark vereinfachten algebraischen Modellen herum, um aus diesen Gleichungen gegen alle Vernunft zusätzliche Einsichten über den Kapitalismus zu gewinnen. Wie konnte Marx sich da so sehr täuschen? Warum hat er nicht gemerkt, dass aus keinem mathematischen Modell der Welt sich jemals eine Wahrheit über den Kapitalismus ergeben kann, ganz egal, wie genial der Schöpfer des Modells auch sein mag? Ich vermute, Marx wusste, was er tat. Ihm musste klar sein, dass eine umfassende Werttheorie nicht in einem mathematischen Modell untergebracht werden kann und dass eine seriöse ökonomische Theorie respektieren muss, dass die Regeln des Unbestimmten selbst unbestimmt sind.

Immer das letzte Wort

Dies anzuerkennen hätte aber bedeutet zu akzeptieren, dass seine „Gesetze“ nicht unabänderlich waren. Er hätte konkurrierenden Stimmen in der Gewerkschaftsbewegung zugestehen müssen, dass seine Erklärungen nicht uneingeschränkt zutreffen konnten und bis zu einem gewissen Grad immer provisorisch bleiben würden. Seine Entschlossenheit, immer das letzte Wort behalten zu wollen, ist etwas, dass ich Marx nicht verzeihen kann. Wie sich gezeigt hat, folgten daraus ein Hang zum Autoritären und eine Menge Fehleinschätzungen, die bis heute nachwirken und für die Unfähigkeit der Linken, konstruktive Impulse zu setzen, mitverantwortlich sind.

1978 ging ich zum Studieren nach England. Sechs Monate später sollte der Sieg Margaret Thatchers Großbritannien für immer verändern. Ich erlag als junger Linker damals einer grandiosen Fehleinschätzung: Ich nahm an, Thatchers Sieg könne etwas Gutes an sich haben. Der Schock, den er den britischen Arbeitern und Mittelschichten versetzen würde, würde der Linken die Möglichkeit geben, eine radikale Agenda zu formulieren und umzusetzen. Selbst als sich die Arbeitslosenzahlen unter Thatcher verdoppelt und dann verdreifacht hatten, hoffte ich immer noch, Lenins Maxime „je schlimmer, desto besser“ würde sich bewahrheiten. Das Leben wurde immer härter, brutaler, für viele auch kürzer. Und mir schwante, dass ich einem Irrtum aufgesessen war: Die Dinge konnten sich immer weiter verschlechtern, ohne jemals besser zu werden. Die Hoffnung, dass die Verschlechterung der Zustände automatisch zu einer Renaissance der Linken führen würde, war nichts als: eine Hoffnung.

Stattdessen wurde die Linke mit jeder Drehung der Rezessionsschraube immer unfähiger, eine überzeugende Antwort hervorzubringen. Die Arbeiterklasse wurde gespalten: Die einen fielen aus der Gesellschaft heraus, die anderen mussten die neoliberale Mentalität verinnerlichen, um zu überleben. So wurden sie integriert.

Anstatt die Gesellschaft zu radikalisieren, zerstörte die Rezession die Möglichkeit einer radikalen, progressiven Politik. Irgendwann wurde es fast unvorstellbar, dass es jenseits dessen, was der Markt als den „richtigen Preis“ ermittelte, noch andere Werte geben sollte. Die Lektion, die Thatcher mich in Bezug auf eine lang anhaltende Rezession lehrte, begleitet mich heute durch die europäische Krise. Thatcher zeigte mir, dass es möglich ist, jeglichen Ansätzen einer emanzipatorischen Politik das Wasser abzugraben, indem man die Gesellschaft mit Hass und Missgunst verseucht. Aufgrund dieser Erfahrung lasse ich mir gern von einigen Kritikern auf der Linken eine Sünde vorhalten: die Sünde, kein radikales politisches Programm vorzuschlagen, das versucht, die Gelegenheit zu nutzen, um den Kapitalismus in Europa zu überwinden, die Währungsunion aufzulösen und die Europäische Union der Kartelle und bankrotten Banker zu schwächen.

Ja, ich würde gerne eine solche Agenda verfolgen, bin aber nicht bereit, den gleichen Fehler zweimal zu begehen. Was würde es bringen, heute die Eurozone oder sogar die ganze EU aufzulösen, wenn der Kapitalismus doch selbst sein Möglichstes tut, um die Eurozone, die EU und sogar sich selbst zu untergraben? Ein griechischer, portugiesischer oder italienischer Austritt aus der Eurozone würde schnell zu einer Fragmentierung des europäischen Kapitalismus führen und hätte eine stark rückläufige Überschuss-Region nördlich der Alpen zur Folge, während der Rest Europas sich im Griff einer üblen Stagflation wiederfände. Wer aber würde von einer solchen Entwicklung profitieren? Eine emanzipatorische Linke? Oder die Nazis von der Goldenen Morgenröte? Ich habe keine Zweifel, wer dann als Sieger hervorgehen würde. Ich bin jedenfalls nicht bereit, einer postmodernen Version der 1930er den Weg zu bereiten. Wenn das bedeutet, dass wir, die erratischen Marxisten, den europäischen Kapitalismus retten müssen, dann sei es so – nicht aus Liebe zu Brüssel oder der Europäischen Zentralbank, sondern einfach, um die Zahl der Krisenopfer so gering wie möglich zu halten.

Noch nicht bereit

Die Eliten Europas verhalten sich heute, als verstünden sie weder die Natur der Krise, die sie zu verantworten haben, noch deren Auswirkungen auf die Zukunft. Atavistisch halten sie daran fest, die Konten der Schwachen und Besitzlosen zu plündern, um damit die im Finanzsektor klaffenden Löcher zu stopfen. Während sie die Realität nicht anerkennen wollen und deshalb über die Vorgänge zutiefst verwirrt sind, muss aber auch die Linke sich eingestehen, dass wir zurzeit nicht bereit sind, den Abgrund, den ein Zusammenbruch des Kapitalismus in Europa aufreißen würde, mit einem funktionierenden sozialistischen System zu überbrücken.

Unsere Aufgabe sollte daher erstens darin bestehen, eine Analyse anzufertigen, die auch nicht-marxistische Europäer, die von den Sirenen des Neoliberalismus gelockt wurden, einsichtig finden. Zweitens sollten wir dieser Analyse Vorschläge zur Stabilisierung Europas folgen lassen – um die Abwärtsspirale zu beenden, von der letzten Endes nur die Fanatiker profitieren.

Schließen möchte ich meine Ausführungen mit einem sehr persönlichen Bekenntnis: Ich kenne die Gefahr, mich über die Enttäuschung, dass ich das Ende des Kapitalismus wohl nicht selbst erleben werde, mit der Genugtuung hinwegzutrösten, dass ich mittlerweile in der „feinen Gesellschaft“ akzeptiert werde. Bei mancher Gelegenheit begann mich schon dieses Gefühl der Selbstzufriedenheit zu beschleichen – es ist ein hässliches, zersetzendes Gefühl.

Meinen persönlichen Tiefpunkt erlebte ich auf einem Flughafen. Irgendeine solvente Organisation hatte mich eingeladen, um eine Grundsatzrede über die europäische Krise zu halten, und mir ein aberwitzig teures Ticket für die Erste Klasse gekauft. Auf dem Weg zurück nach Hause, ich war müde und hatte bereits mehrere Flüge hinter mir, ging ich an der langen Schlange wartender Economy-Class-Passagiere vorbei zu meinem Gate. Plötzlich bemerkte ich mit Schrecken, wie leicht ich mir den Gedanken zu eigen machte, ich sei dazu berechtigt, am „gemeinen Volk“ vorbeizugehen. Mir wurde klar, wie leicht man vergessen kann, was mein linkes Bewusstsein immer gewusst hat: dass nichts sich besser reproduziert als ein falsches Gefühl der Berechtigung. Wenn wir Allianzen mit reaktionären Kräften schmieden – was wir tun sollten, um Europa zu stabilisieren –, setzen wir uns der Gefahr aus, integriert und vereinnahmt zu werden.

Radikale Bekenntnisse wie dieses hier sind vielleicht ein Gegengift gegen jene Mechanismen, die uns allzu leicht zu Rädern im Getriebe werden lassen. Wenn wir Bündnisse mit unseren politischen Gegnern eingehen, müssen wir es vermeiden, so zu werden wie die Sozialisten, denen es nicht gelang, die Welt zu verändern, die aber recht erfolgreich darin waren, ihre eigenen Lebensumstände zu verbessern. Die Kunst besteht darin, revolutionäre Maximalforderungen zu vermeiden, die am Ende nur den Neoliberalen helfen. Und zugleich die immanenten Fehler des Kapitalismus im Auge zu behalten, während wir – aus strategischen Gründen – versuchen, ihn vor sich selbst zu retten.

Info

Dieser Text ist die überarbeitete, aktualisierte Fassung einer Rede, die 2013 beim Subversive-Festival in Zagreb gehalten wurde

Übersetzung aus dem Englischen: Holger Hutt

13:30 16.03.2015

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