Der Froschkusstest

Auswahlverfahren Was des einen Niete, ist des anderen Hauptgewinn. Partnersuche per Kontaktanzeige ist harte Arbeit. Eine Anleitung

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Sie sind so klein, und es sind so viele, dass man sie beim Zeitunglesen überblättert, jedenfalls so lange, bis man sich nicht selbst zur Brautschau genötigt sieht. Das kann heutzutage auch nach 20 Jahren Ehe sehr plötzlich der Fall sein.

Zufällige Begegnungen mit potenziellen Partnern werden rar, wenn man nicht mehr jeden Abend vergnügungssüchtig das Haus verlässt. Die Freunde sind die alten, am Wochenende kommen die Kinder - die ausgelatschten Trampelpfade des Alltags bieten den wenigsten große Chancen, sich neue Bekanntenkreise zu erschließen. Früher oder später setzt sich das Single eine Brille auf und studiert sie doch, die zahllosen, kleinzeiligen Kontaktanzeigen, nach Männlein und Weiblein sortiert, mehr oder weniger glücklich getextet, alle Altersklassen, kein Gesicht, nur eine Chiffrenummer, hinter der sich schlimmstenfalls ein furchtbarer Mensch verbirgt.

Das Single nimmt die Brille ab und ruft: "Das habe ich nicht nötig!" Auch wenn die Anzeigen zu Hunderten untereinander stehen: Das kann doch keine wahre Liebe werden, so geradeaus angesteuert, sich selbst preisend, auf zahlreiche Zuschriften hoffend, in denen man dann wie in einem Otto-Katalog stöbert, und das in aller Heimlichkeit, denn nur die Anzeigenabteilung kennt die Adresse. Man schämt sich, zu solchen Mitteln zu greifen, und selbst dem besten Freund wird davon nichts erzählt. Deswegen muss jeder Anfänger bei der Partnersuche per Kontaktanzeige das Rad erneut erfinden.

Kaum einer, der es ernst meint, kommt dabei ganz ohne Blessuren davon, denn er wendet sich mit seiner sensibelsten Seite geradewegs an einen Fremden, ohne sich zuvor einen persönlichen Eindruck von ihm verschafft zu haben. Das kann in diesem Stadium nichts mit Liebe zu tun haben, und doch hofft man es und öffnet das Herz schon mal zur Hälfte. Aber die Tatsache, dass sich die Partnersuche fast ausschließlich unter vier Augen abspielt, verleitet bestimmte Menschen zu Rücksichts- und Schamlosigkeiten, und anderen ist die Suche zum oberflächlich betriebenen Hobby geworden. Vereinzelt gerät man an Liebessüchtige, Beziehungsunfähige, Oberflächliche, Eiskalte. Der Neuling erkennt sie nicht auf den ersten Blick und wird sich in der Regel an einem von ihnen verletzen. Da muss er durch.

Aber dieser Einleitung zum Trotz - es geht, man kann auf diese Weise einen Partner finden, auch wenn es ein mühsames Geschäft ist und nur die beste Wahl aus ähnlich künstlichen Alternativen. Allerdings sollte das Single die Illusion ablegen, durch genaues Studieren oder Formulieren einer Partnersuchanzeige in Kürze das Gewünschte im Arm zu halten. Denn es geht hier noch nicht um Liebe, sondern um Kontaktherstellung, also darum, möglichst viele Menschen kennen zu lernen, die wenigstens in groben Umrissen - Größe, Alter, Beruf, Lebenseinstellung - zu einem passen könnten.

Leider übersehen einige Leute diese simple Tatsache oder finden sie ermüdend, denn sie verlangt eine gewisse kommunikative Geschicklichkeit, Frustrationstoleranz und Ausdauer. Sie duzen schon im ersten Brief und faseln ohne Umschweife von innerer Stimmigkeit, Einssein, Angenommen-Werden, alles Dinge, die sich jeder wünscht, aber eben nicht mit jedem, und schon gar nicht mit voller Wucht. Bekommen diese Leute keine schnelle Antwort im gleichen, euphorischen Ton, werden sie sarkastisch oder brechen den frisch geknüpften Kontakt antwortlos ab. Dieses Verhalten finden Sie sowohl beim Heiraten in der Zeit als auch im kostenlosen Stadtmagazin.

Verstärkt wird es noch durch diesen Trugschluss: Zwischen den wenigen Eckdaten, die das Single vom anderen weiß, ist reichlich Platz für Fantasie, und der Mensch neigt dazu, ihn mit eigenen Bildern auszustopfen. Er glaubt, dies treffe auch die Realität des anderen und fühlt sich ihm spontan ganz nah. Aber das ist ein Missverständnis. Worte wie "erfolgreich, attraktiv, sensibel, vielseitig" bedeuten für den, der sie schreibt, etwas anderes, als für den, der sie liest. Es ist leichtsinnig, diesen dürren Worten sein ganzes Herz auszuschütten, denn das Single weiß nur äußerst ungenau, in welche Hände der kontaktsuchende Brief beziehungsweise die E-Mail fällt, und ob es sein Gestammel nicht bald bereut, wenn die Reaktion darauf anhaltendes Schweigen ist.

Wenn nicht ohnehin auf Anhieb spontane Abneigung besteht, braucht es meistens mehr als einen einmaligen Briefwechsel, um ein Gefühl von Deckungsgleichheit oder wachsendem Desinteresse zu verdichten. Es braucht Zurückhaltung, Höflichkeit und das verinnerlichte Volksmund-Wissen, dass ein Single eben viele Frösche küssen muss und nicht jedem gram sein darf, aus dem kein Prinz und keine Prinzessin wird. Um das zu überprüfen, muss es nicht bis zum Kuss kommen, aber für kurze Zeit baut man nun mal eine wie auch immer geartete Beziehung auf, und wenn sie wieder abbricht - was die Regel ist -, dann idealerweise so, dass man keinen Unrat zurücklässt. Das Single muss etwas üben, das es im täglichen Leben selten braucht: Wie erteilt man eine Abfuhr in Liebesdingen beziehungsweise wie nimmt man eine hin? Entwerten Sie den anderen nicht, wenn Sie ihm "Alles Gute" wünschen, denn was des einen Niete, ist des anderen Hauptgewinn, und Sie selbst wollen auch nicht hören, dass Sie leider langweilig sind.

Am Besten kommt der durch, der genau weiß, wer er selbst ist und wen er sucht. Menschen in fortgeschrittenem Alter sollten hier eine realistische Einstellung gewonnen haben, und wenn sie das in einer Kontaktanzeige halbwegs formulieren können, vermeiden sie Streuverluste und zu viele ins Leere zielende emotionale Anstrengungen. Vor den Gefühlen kommen die Fakten: Es ist für den Partnersuchenden viel wichtiger zu wissen, ob das Gegenüber eine ähnliche Lebenseinstellung hat oder Kinder aus erster Ehe, leichtfüßig ist oder tiefsinnig, gern reist oder lieber zu Hause hockt, als dass der von Einssein und Angenommen-Werden faselt. Angaben zu Größe und Alter sind unabdingbar, und wenn einer eine besonders ausgefallene Leidenschaft besitzt, sollte er sie wenigstens anklingen lassen. Ob das Single ansonsten eher grundehrlich oder geistreich ist, bleibt persönlicher Stil, und der ist ja auch gefragt.

Aber nicht so: Fett, faul und gefräßig, wer liebt mich trotzdem? Auch wenn der Inserent das komisch findet - der Text ist sein Spiegel. Er will nicht liebenswert erscheinen, und wahrscheinlich wird er sich auch später keine Mühe geben, es zu sein. Man mag Werbung in eigener Sache verabscheuen - im Anzeigentext, wie auch in der ersten Zuschrift darauf, ist sie angebracht, denn so, wie man selbst auf positive Schlüsselwörter reagiert, tun das auch andere. Entscheidend ist, dass man auch ist, was man zu sein behauptet, denn früher oder später ist Tag der Wahrheit.

Inserent einer Kontaktanzeige zu sein oder auf diese zu antworten, ist ein himmelweiter Unterschied. Ersterer erhält mehrere Zuschriften und fühlt sich kurzfristig als Herr seines Schicksals, Letzterer ist eine von mehreren Zuschriften und hat nur dieses eine Eisen im Feuer. Er offenbart sich in seinem Brief viel ausführlicher. Die Qualität des Papiers, Handschrift, Wortwahl, ein (vollständig bekleidetes) Foto oder eine Farbkopie - das sagt schon mehr als eine dreizeilige Kleinanzeige. Kein anständiger Mensch nimmt übel, wenn das Single sich in diesem Stadium schützen will und außer seiner Telefonnummer oder Mail-Adresse keine genauen Angaben zum Wohnort macht, für Frauen ist das ein Muss. Eine nette Ansprache, Bezug auf den Anzeigentext, etwas Harmloses von sich selbst erzählen, das reicht fürs Erste, denn es kann sein, dass nie eine Antwort kommt. Das ist sogar ziemlich häufig der Fall, und das Single sollte sich darauf einstellen, anstatt vor Hoffnung zu vergehen, bis die verstreichende Zeit des Besseren belehrt. Dennoch sollte jeder Brief mit einem spürbaren Aufwand an Freundlichkeit und Sorgfalt formuliert werden.

Andersherum der Inserent: Er sitzt hinter seiner Chiffrenummer verborgen, und da liegen zehn, 20, 30 Briefe vor ihm, oder wenn er im Internet gesucht hat, gar 70, 80. Ein paar wird er gleich aussortieren, vorzugsweise die, denen er anmerkt, dass sie ein vielfach kopiertes Rundschreiben sind. Zehn andere kommen auf einen besonderen Stapel, der Rest wird ratlos hin- und hergeschoben, und bei dem Gedanken, so viele fremde Menschen zu treffen, fühlt er sich auf einmal überfordert. "Was soll das Ganze?" wird er sich entmutigt fragen, aber dann rafft er sich wieder auf. Ist er gemein - und das sind viele - wirft er die nicht in Frage kommenden Zuschriften unbeantwortet in den Müll, auch wenn er etwas anderes versprochen hat. Den Ausgewählten schreibt er vielleicht eine E-Mail oder ruft gleich an, das ist verschieden.

Bis hierher konnte er in Illusionen schwelgen, aber die Stimme des anderen ist ein Zusammenprall mit der Realität, häufig eine Ernüchterung, denn dass der oder die andere einem fremd sein könnte, hat man irgendwie nicht bedacht. Mindestens in den ersten Minuten herrschen außerdem Schamgefühle auf beiden Seiten, jedenfalls dann, wenn man kein Profi ist (und man sollte möglichst keiner werden).

Es ist nicht notwendig, gleich aus dem Haus zu stürzen, um sich zu treffen. Ob sich ein Draht entspinnt, merkt man auch am Telefon und kann sich so viel Aufwand sparen. Häufig wird der große Fehler gemacht, sich nur über die Beziehung selbst zu unterhalten, anstatt auf allgemeine Themen auszuweichen, um zu sehen, wie weit und wohin man dort miteinander kommt. Das können ganz banale Sachen sein, wie im richtigen Leben: Man steht an der Bushaltestelle, redet vom Wetter und findet sich sympathisch. Keinesfalls sollte man sich hinreißen lassen, über alte Beziehungen zu reden oder darüber, wie viele Zuschriften man bekommen hat. Auch, wenn beide wissen, dass es nicht wahr ist: Es ist eine Frage des Taktgefühls, wenigstens einen Anschein von Einzigartigkeit zu erwecken.

Nach mehreren Telefonaten spüren die Gesprächspartner schnell, ob die Neugier wächst oder einer Unlust weicht. Beides sollte man ernst nehmen. Entstehen zarte Beziehungsbande, dann ist das schön, aber sie sind sehr leicht zerstörbar. Das Single muss mit Feinmechanikergefühl daran knüpfen, am Besten mit einer geradezu altmodischen Höflichkeit, denn über den empfindlichen Herzen liegt nur eine dünne Schutzschicht, und die Fluchtgefahr ist groß.

Wer mehrere Anzeigen beantwortet hat, gleicht sich dem Inserenten mit seiner Vielzahl an Optionen wieder an: Für eine Weile fühlt er sich ein bisschen schuldig, weil er wie ein Seemann mit Frauen in allen sieben Weltmeeren verkehrt. Aber das Single braucht nicht lange darüber zu grübeln, wer in Frage kommt, denn wenn bei einem Kontakt eine echte gegenseitige Attraktion entsteht, dann wird das so deutlich empfunden, dass es beiden nicht entgehen kann.

Allerdings bleibt dieses Ereignis selten, auch wenn das Single unterwegs ein paar nette, manchmal lohnenswerte Bekanntschaften macht. Der eine resigniert darüber und schwört sich, dieses frustrierende Geschäft nie wieder zu betreiben, die andere macht eine Pause, gewinnt Abstand und sucht weiter. Rein rechnerisch hat die letzte Variante die besseren Aussichten auf Glück.

00:00 27.06.2003

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