Der große Abwesende

Louis Althusser Die Theorien des französischen Philosophen sind 25 Jahre nach seinem Tod aktueller denn je
Till Hahn | Ausgabe 43/2015 3
Der große Abwesende
Louis Althusser (1918-1990)
Foto: Keystone/Getty Images

Er ist sicherlich eine der düstersten Gestalten der französischen Philosophie. Dies hängt zum Teil damit zusammen, dass Louis Althusser 1980 in einem psychotischen Anfall seine Frau Hélène erdrosselte. Doch auch sein Werk strotzt vor Widersprüchlichkeiten. Als Kommunist forderte er den Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft, als Antihumanist bezweifelte er, dass das Subjekt wesentlich mehr ist als das Ergebnis des Zusammenspiels verschiedener ideologischer Apparate. Dennoch wusste er zu faszinieren: Heute gibt es kaum einen kritischen Denker, der nicht von ihm beeinflusst wäre. Als die eines der wichtigsten Begründer des Strukturalismus wirken seine Theorien bis heute. Doch eher im Verborgenen, denn nach dem Mord von 1980 hatte sich ein Mantel des Schweigens über seine Philosophie gelegt.

Althusser, der am 22. Oktober 1990 in Paris starb, hat im Verlauf seines Lebens eigentlich immer alles, aber auch alles falsch gemacht, was ein Intellektueller falsch machen konnte. Im Grabenkampf des Kalten Krieges bekannte er sich zum Marxismus. Als man versuchte, Marx über seine humanistischen Jugendschriften zu retten, proklamierte er den Antihumanismus. Er wandte sich von Hegel ab; ein Schritt, für den ihn die orthodoxen Marxisten verurteilten. Er kritisierte den Mai 68, wofür ihn die Neue Linke angriff. Und dennoch war er einer der größten Philosophen seiner Zeit. Obwohl er weder einen akademischen Titel besaß noch ein abgeschlossenes Buch geschrieben hat.

Die Geschichte seines Lebens liest sich wie der böse Zwilling der offiziellen Geschichtsschreibung Frankreichs. Geboren wurde Louis Althusser 1918 in der Nähe von Algier, als Sohn eines Försters. Benannt wurde er nach einem Toten: seinem Onkel, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Seine Mutter hätte den Onkel heiraten sollen, doch sein Tod ließ sie mit seinem Bruder zurück. Bald zog die Familie nach Lyon, wo Althusser sich in katholisch-monarchistischen Kreisen bewegte. Mit Begeisterung zog er in den Zweiten Weltkrieg und geriet 1940 in Kriegsgefangenschaft. Die Briefe und Notizen, die aus dieser Zeit erhalten sind, zeigen einen orientierungslosen Mann. In diese Zeit fallen die ersten depressiven Attacken. Erst an der Universität in Paris wandte er sich dem Kommunismus zu. Sicherlich auch unter dem Einfluss seiner späteren Frau, der acht Jahre älteren Hélène Rytman, die er hier kennenlernte.

Seine anhaltende Krankheit erlaubte es ihm nicht, eine normale akademische Laufbahn einzuschlagen. Er schaffte es aufgrund seiner depressiven Schübe nicht, eine Doktorarbeit zu verfassen. Dennoch holte ihn sein Freund Jacques Lacan an die École Normale Supérieure. Hier erhielten seine Seminare bald Kultstatus. Das wohl bekannteste unter ihnen war das 1965 stattfindende zum Kapital von Karl Marx. Aus diesem Seminar ging das Buch Das Kapital lesen hervor, an dem unter anderem Étienne Balibar und Jacques Rancière mitarbeiteten. Sowieso gibt es kaum einen französischen Denker, der nicht bei Althusser im Seminar gesessen hätte: Michel Foucault, Alain Badiou, Bernard-Henry Lévy, die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch alle schrieben später flammende Kritiken seiner Werke, nur wenige besuchten ihn in der Psychiatrie. Lange galt Louis Althusser als überholter Denker.

Slavoj Žižek nannte ihn „den großen Abwesenden der gegenwärtigen linken Theorie“. Althussers Thema war die Ideologie. In seinem legendären Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate (1968) prägte er einen Begriff, der nicht mehr nur das falsche Bewusstsein von einem Gesellschaftszustand beschreibt, sondern die Ideologie als notwendigen Bestandteil desselben auffasst. Nach Althusser ist die Ideologie das Bild, das sich das Subjekt von seinem Verhältnis zur Gesellschaft macht. Ja, das Subjekt wird gar erst Subjekt, indem es von der Gesellschaft als solches angerufen wird. Obwohl es ihm gerne vorgeworfen wird, ist seine Theorie nicht starr: Er ging zwar davon aus, dass wir alle durch die Strukturen determiniert sind, in denen wir leben, doch er zeigte auch, dass durch die immense Menge an vorhandenen Strukturen Invarianzen entstehen, die Spannungen und Dynamik erzeugen können.

Heute ist er so aktuell wie nie zuvor: Gleich eine ganze Reihe junger Denker hat ihn für sich entdeckt. Vom zeitgenössischen Feminismus bis hin zu den Postcolonial Studies, kaum jemand möchte auf seine Analysen verzichten. Gerade seit der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Politik von Austerität und Repression stellt sich die Frage nach der Ideologie und ihren Apparaten von neuem. Auch 25 Jahre nach Althussers Tod, der mit dem Ende des Kalten Krieges zusammenfiel, ist die Zeit der Ideologien also keinesfalls vorbei. Im Gegenteil, sie hat gerade erst begonnen.

06:00 04.11.2015

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