Till Hahn
Ausgabe 4315 | 04.11.2015 | 06:00 3

Der große Abwesende

Louis Althusser Die Theorien des französischen Philosophen sind 25 Jahre nach seinem Tod aktueller denn je

Der große Abwesende

Louis Althusser (1918-1990)

Foto: Keystone/Getty Images

Er ist sicherlich eine der düstersten Gestalten der französischen Philosophie. Dies hängt zum Teil damit zusammen, dass Louis Althusser 1980 in einem psychotischen Anfall seine Frau Hélène erdrosselte. Doch auch sein Werk strotzt vor Widersprüchlichkeiten. Als Kommunist forderte er den Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft, als Antihumanist bezweifelte er, dass das Subjekt wesentlich mehr ist als das Ergebnis des Zusammenspiels verschiedener ideologischer Apparate. Dennoch wusste er zu faszinieren: Heute gibt es kaum einen kritischen Denker, der nicht von ihm beeinflusst wäre. Als die eines der wichtigsten Begründer des Strukturalismus wirken seine Theorien bis heute. Doch eher im Verborgenen, denn nach dem Mord von 1980 hatte sich ein Mantel des Schweigens über seine Philosophie gelegt.

Althusser, der am 22. Oktober 1990 in Paris starb, hat im Verlauf seines Lebens eigentlich immer alles, aber auch alles falsch gemacht, was ein Intellektueller falsch machen konnte. Im Grabenkampf des Kalten Krieges bekannte er sich zum Marxismus. Als man versuchte, Marx über seine humanistischen Jugendschriften zu retten, proklamierte er den Antihumanismus. Er wandte sich von Hegel ab; ein Schritt, für den ihn die orthodoxen Marxisten verurteilten. Er kritisierte den Mai 68, wofür ihn die Neue Linke angriff. Und dennoch war er einer der größten Philosophen seiner Zeit. Obwohl er weder einen akademischen Titel besaß noch ein abgeschlossenes Buch geschrieben hat.

Die Geschichte seines Lebens liest sich wie der böse Zwilling der offiziellen Geschichtsschreibung Frankreichs. Geboren wurde Louis Althusser 1918 in der Nähe von Algier, als Sohn eines Försters. Benannt wurde er nach einem Toten: seinem Onkel, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Seine Mutter hätte den Onkel heiraten sollen, doch sein Tod ließ sie mit seinem Bruder zurück. Bald zog die Familie nach Lyon, wo Althusser sich in katholisch-monarchistischen Kreisen bewegte. Mit Begeisterung zog er in den Zweiten Weltkrieg und geriet 1940 in Kriegsgefangenschaft. Die Briefe und Notizen, die aus dieser Zeit erhalten sind, zeigen einen orientierungslosen Mann. In diese Zeit fallen die ersten depressiven Attacken. Erst an der Universität in Paris wandte er sich dem Kommunismus zu. Sicherlich auch unter dem Einfluss seiner späteren Frau, der acht Jahre älteren Hélène Rytman, die er hier kennenlernte.

Seine anhaltende Krankheit erlaubte es ihm nicht, eine normale akademische Laufbahn einzuschlagen. Er schaffte es aufgrund seiner depressiven Schübe nicht, eine Doktorarbeit zu verfassen. Dennoch holte ihn sein Freund Jacques Lacan an die École Normale Supérieure. Hier erhielten seine Seminare bald Kultstatus. Das wohl bekannteste unter ihnen war das 1965 stattfindende zum Kapital von Karl Marx. Aus diesem Seminar ging das Buch Das Kapital lesen hervor, an dem unter anderem Étienne Balibar und Jacques Rancière mitarbeiteten. Sowieso gibt es kaum einen französischen Denker, der nicht bei Althusser im Seminar gesessen hätte: Michel Foucault, Alain Badiou, Bernard-Henry Lévy, die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch alle schrieben später flammende Kritiken seiner Werke, nur wenige besuchten ihn in der Psychiatrie. Lange galt Louis Althusser als überholter Denker.

Slavoj Žižek nannte ihn „den großen Abwesenden der gegenwärtigen linken Theorie“. Althussers Thema war die Ideologie. In seinem legendären Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate (1968) prägte er einen Begriff, der nicht mehr nur das falsche Bewusstsein von einem Gesellschaftszustand beschreibt, sondern die Ideologie als notwendigen Bestandteil desselben auffasst. Nach Althusser ist die Ideologie das Bild, das sich das Subjekt von seinem Verhältnis zur Gesellschaft macht. Ja, das Subjekt wird gar erst Subjekt, indem es von der Gesellschaft als solches angerufen wird. Obwohl es ihm gerne vorgeworfen wird, ist seine Theorie nicht starr: Er ging zwar davon aus, dass wir alle durch die Strukturen determiniert sind, in denen wir leben, doch er zeigte auch, dass durch die immense Menge an vorhandenen Strukturen Invarianzen entstehen, die Spannungen und Dynamik erzeugen können.

Heute ist er so aktuell wie nie zuvor: Gleich eine ganze Reihe junger Denker hat ihn für sich entdeckt. Vom zeitgenössischen Feminismus bis hin zu den Postcolonial Studies, kaum jemand möchte auf seine Analysen verzichten. Gerade seit der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Politik von Austerität und Repression stellt sich die Frage nach der Ideologie und ihren Apparaten von neuem. Auch 25 Jahre nach Althussers Tod, der mit dem Ende des Kalten Krieges zusammenfiel, ist die Zeit der Ideologien also keinesfalls vorbei. Im Gegenteil, sie hat gerade erst begonnen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 43/15.

Kommentare (3)

Columbus 04.11.2015 | 19:00

Klasse, an Althusser zu erinnern, Till Hahn!

Ob die Zukunft noch Zeit hat, das wird heute immer mehr eine Angelegenheit für ernste Fragen und Zweifel.

Für strenge Marxisten mag es vielleicht wirklich abstoßend sein, darüber nachzudenken, dass der Fortschritt und die Beteiligung daran, auch einen viel persönlicheren Anruf an die Individuen verlangt: Ihr werdet gebraucht, gerade ihr seid die Zukunft, wir lassen keinen Menschen zurück, wir kennen keinen überflüssigen Menschen, wir sehen uns nicht als Material im Verwertungs- oder Produktivprozess, pp.

Nur weiter

Christoph Leusch

Community84 08.11.2015 | 23:25

Mich interessiert dieser Artikel in einem ganz anderen Zusammenhang. Ich frage mich, ob es verwerflich ist, sich für einen Menschen näher zu interessieren, der einen Mord begangen hat? Bei einer Bestie ist ja alles klar. Aber ein Mensch, der für einen Mord doch niemals in Frage kommen würde, aber dann passiert es, aus einem Ausnahmezustand oder einer Psychose heraus. Ich habe ein Buch eines Kriminologen gelesen (ich müsste alle Regale durchsuchen, es liegt länger zurück). Demnach kommt ein Mord sogar für den gewöhnlichen Nachbarn von nebenan, Menschen wie ich und andere, als niemals gänzlich ausgeschlossen in Betracht. Kein Mensch ist ein guter Mensch mit absoluter Gewissheit. Natürlich ist meine Erklärung ganz mies formuliert. Aber inhaltlich trifft es insofern zu, dass eben der Autor damit sagen wollte, dass man sich nicht täuschen sollte, dass unter gewissen Umständen ... Genauso denke ich darüber nach, wenn ein Mensch einen Mord beging aus welchen Gründen auch immer, diese Tat viele Jahre zurückliegt, dieser Mensch danach ein gutes Leben führt, sogar mit Engagement für soziale Projekte oder ähnliches, dann sollte man sich als außenstehende Person das Bild machen, das die Person nun auch so zeigt und lebt. Aber mir fiel an mir selbst sofort auf: Der erste Gedanke, den ich hatte, warum hat er seine Frau ermordet? Aber ich las weiter in der Ahnung, dass er für die "öffentliche Meinung" ein Bild des Gegenteils abgab für einen Großteil der philosophisch und politisch Interessierten. Weiter kann ich nichts dazu sagen, denn seine Philosophie kenne ich nicht, auf M. Faucault bin ich eher mal zufällig gestoßen. Ich habe mich nur sporadisch damit beschäftigt. Vielleicht passt mein Kommentar nicht ganz zum Thema. Aber der Artikel war interessant.