Der große Spagat

Russland Thomas Ostermeier inszeniert am Theater der Nationen in Moskau. Er findet eine Welt zwischen kämpferischem Aufruhr und Arrangement mit den Mächtigen vor. Sein Bericht

„Ich muss sofort alle bekannten Schauspieler und ein paar unabhängige Journalisten anrufen!“

Marina, die Managerin des Theaters der Nationen, läuft mir auf dem Vorplatz des Theaters aufgeregt in die Arme. Ich bin hier, um mit ihr über Probleme bei der Arbeit an Fräulein Julie zu reden, das ich in ihrem Theater inszeniere.

„Eigentlich wollte ich mit dir über unsere Probenbedingungen reden, die uns langsam an den Rand der Verzweiflung bringen“, entgegne ich.

Im selben Moment besinne ich mich eines Besseren und frage sie, was denn eigentlich los sei. „Gestern war doch die erste große Demonstration nach den Wahlfälschungen, und zwei unserer Schauspieler – du kennst sie aus der Schukschin-Aufführung – sind im Gefängnis. Einem wurde sogar der Arm gebrochen. Unter den Festgenommenen war auch eine Frau, mit der konnte ich heute Morgen sprechen, nachdem sie wieder freigelassen wurde. Sie erzählte mir, dass sie von der Demonstration in einem Kastenwagen mit mehreren anderen Demonstranten ins Gefängnis gebracht wurde. Dort hat sie einige Male darum gebeten, auf die Toilette gehen zu dürfen, was ihr verweigert wurde. Schließlich ging es nicht mehr anders, und sie machte sich in die Hose. Als sie die Polizisten darauf ansprach, sagten diese zu ihr, jetzt wirst du dir beim nächsten Mal zweimal überlegen, ob du zu einer Anti-Putin-Demonstration gehst. In was für einem Land leben wir eigentlich, Thomas?“

Eine Frage, die ich der guten Marina nicht beantworten kann. Die Demonstration war die letzte vor der großen am 24. Dezember 2011, an der Hunderttausende Russen teilnahmen. An dieser großen Demonstra­tion hatte sich die Staatsmacht im Gegensatz zu den vorhergehenden dafür entschieden, nicht mit Gewalt vorzugehen oder die Beteiligten durch mehrtägige Gefängnisaufenthalte zu demütigen. Eine einschneidende Veränderung im Verhalten des Kremls.

Ich hatte den Eindruck, dass der Kreml Demonstrationen bis dahin für wenig gefährlich hielt. Nach Meinung der Machthaber waren diese in den vergangenen Jahren eine Ansammlung versprengter, ewiggestriger Menschenrechtler und vor allem Bürger älteren Jahrgangs. Nach Aussage der Beteiligten, auch derjenigen am Theater und der mit mir befreundeten Künstler, bestand die große Veränderung darin, dass zum ersten Mal viele junge Menschen, Studenten und Russen, die mitten im Beruf stehen und weniger zu radikalen politischen Ansichten neigen, an den Demonstrationen teilnahmen. Einige, mit denen ich gesprochen habe, bezeichneten sich sogar dezidiert als unpolitisch. Als der Verdacht der Wahlfälschung durch Putin aufkam, seien sie jedoch so wütend geworden, dass sie das Gefühl hatten, sie müssten auf die Straße gehen.

Luxuriöse Nachtklubs

„In was für einem Land leben wir eigentlich, Thomas?“ Diese Frage, was Russland eigentlich sei, habe ich mir während meiner sechswöchigen Probenzeit vor Weihnachten in Moskau immer wieder gestellt. Vieles, was einem auf den ersten Blick auffällt, ist im Westen hinlänglich als Klischee vom neureichen Russland bekannt: Frauen in hochhackigen Schuhen und Prada-Handtaschen, die unbeholfen über die vereisten Straßen Moskaus staksen. Frauen mit kleinen Hündchen auf dem Arm, die an der Seite ihres gelangweilten und meistens um viele Jahre älteren Begleiters am Flughafen im Duty-Free shoppen.

Und die unglaublich luxuriös ausgestatteten Nachtclubs. Einer davon direkt um die Ecke des Theaters im Zentrum der Stadt: Wenn ich durch die abgedunkelten Fensterscheiben das Treiben in dem Club beobachtete, hatte ich manchmal das Gefühl, der Szenerie im Saloon eines Italo-Westerns zuzuschauen. Einziger Unterschied: die Kostüme und die Tatsache, dass an mehreren Enden des Raumes langbeinige Frauen in Reizwäsche auf extra angebrachten Tresen ziemlich professionell tanzten. Die meisten der ausgelassen Feiernden und sich eifrig ins Vergessen Trinkenden schenkten diesen Tänzerinnen, die auch aus dem Musikclip eines amerikanischen Rappers stammen könnten, nicht einmal mehr Aufmerksamkeit.

Daneben das weniger hedonistische Russland, das graue Heer der arbeitenden Bevölkerung, das sich jeden Morgen in die U-Bahn drängt, mit fahlen Gesichtern und viel zu großen Fellmützen. Die U-Bahn-Waggons, die in den Stoßzeiten überfüllter sind als in Tokio. Inmitten dieses von extrem sozialen Gegensätzen geprägten Russlands befand sich fast wie eine Insel der Seligen unsere Probebühne. Trotz der Tatsache, dass mein Hauptdarsteller Jewgenij Mironow jeden Morgen in einem 600er Mercedes mit weißen Ledersitzen von einem Chauffeur vorgefahren wurde. Er und die beiden anderen Schauspielerinnen, Tschulpan Chamatowa und Julia Peresild, sind in Russland große Stars und vielen auch aus dem Kino bekannt (Tschulpan vielleicht auch einigen bei uns, sie spielte in Goodbye Lenin).

Das eigentliche Ereignis

Schauspieler, besonders die berühmten, genießen in Russland immer noch einen besonderen Status. Sie werden von ihrem Publikum abgöttisch geliebt. Fast keiner geht in Russland ins Theater, um die Inszenierung eines bestimmen Regisseurs zu sehen, sondern in den meisten Fällen wegen der Schauspieler. Die Schauspieler sind dort das eigentliche Ereignis einer Theateraufführung (so wie es meiner Meinung nach überall auf der Welt ist, wenn es sich um gutes Theater handelt). Was die Arbeit mit den dreien betrifft, waren die sechswöchigen Proben zu Fräulein Julie in Moskau eine besonders glückliche Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass die drei aus einer größeren Verantwortlichkeit heraus für die spätere Aufführung arbeiteten. Sie befanden sich ständig in Bewegung, sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht. Jede Anmerkung zu den Rollen, jede Überlegung zu dem Stück saugten sie auf, als wäre es das letzte Mal, dass ich etwas sagte.

Am Tag der Premiere probten sie auf eigenen Wunsch bis um 17.30 Uhr, obwohl sie zwei Stunden später auf der Bühne stehen mussten, noch Maskenzeiten hatten und es für alle drei eine besondere Premiere war. Besonders war die Premiere vor allem für Jewgenij Mironow. Er hat die künstlerische Leitung des Theaters der Nationen vor mehreren Jahren übernommen, obwohl er Schauspieler ist. Seitdem versucht er, einen Stil umzusetzen, der für die Moskauer Theater eher untypisch ist. Das Theater der Nationen arbeitet ohne festes Ensemble und lädt hauptsächlich Regisseure aus dem Ausland ein. So zum Beispiel Eimuntas Nekrosius, Alvis Hermanis, Robert Lepage, und in diesem Fall eben mich.

In den letzten Jahren hatte das Theater der Nationen keine feste Spielstätte und tingelte mit Gastproduktionen von einem Moskauer Theater zum nächsten, tourte aber auch in der gesamten ehemaligen Sowjetunion sowie international. Früher hatte das Theater der Nationen eine feste Spielstätte, das Korsch-Theater – ein herrschaftlicher roter Backsteinbau aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Ein theaterhistorischer Ort, an dem die Uraufführung von Tschechows Iwanow stattfand. In dem Theaterrestaurant trafen sich Tschechow und sein wichtigster Uraufführungsregisseur Stanislawski zum ersten Mal in ihrem Leben.

Einen Gefallen tun

Jewgenij Mironow hat in den letzten Jahren unermüdlich dafür gekämpft, dieses Theater zu renovieren. Er nutzte all seine Kontakte, die er aufgrund seiner Berühmtheit hat, und Prochorov und Putin gehören zu den Figuren, die er für eine Unterstützung gewinnen konnte. Aber es gab auch andere, zwischenzeitlich in Ungnade gefallene Oligarchen, die das Theater finanziell förderten. Schon diese Tatsache hat Mironow in der Vergangenheit immer wieder in politische Schwierigkeiten gebracht. So stand er kürzlich vor der Frage, ob er die Einladung eines Geldgebers zur Pressekonferenz seiner neu gegründeten Partei annehmen soll, die Neugründung einer Partei eines ehemaligen Putin-Treuen.

Der größte Spagat wird dem künstlerischen Leiter dieses Theaters allerdings in der derzeitigen politischen Lage abverlangt. Als das Theater im September 2011 mit einer Gala eröffnet wurde, spielte Putin Klavier und sang dazu. Ein Lied von Widerstandskämpfern aus dem Dritten Reich, berühmt geworden in einem Film der Sowjetzeit („Womit beginnt die Heimat“ aus dem Film Schild und Schwert, 1968, Regie: Wladimir Bassow).

Am 15. Dezember des zurückliegenden Jahres lud Putin zu seiner alljährlichen Fernsehshow ein. Da sitzt der Premier in einem Studio und lässt sich von den Bürgern befragen. Putin gibt sich demokratisch. Viereinhalb Stunden dauert die Show. Das Publikum ist bunt gemischt, Industrielle, Taxifahrer, Ärzte, Putzfrauen. Auch Mironow wurde ins Studio geladen und erschien in einem Jingle in der Vorankündigung zu diesem Ereignis. Die Diskussion um die Frage, ob er da überhaupt hingehen solle, beherrschten immer wieder unsere Gespräche in den Probenpausen. Er versuchte, die Mitarbeiter im Kreml davon zu überzeugen, dass er nicht kommen könne. Er probe ja im Moment mit einem deutschen Regisseur, und die Deutschen seien ja für ihre Strenge bekannt. Deshalb könne er nicht fehlen. Doch es half nichts. Freundlich entgegnete ihm die Stimme am anderen Ende des Telefons: „Jenia, wir haben dir einen Gefallen getan, jetzt musst du uns einen tun.“

Da hinten, die Heimat

Bei der Probe nach dieser Fernsehveranstaltung hatte ich zum ersten und einzigen Mal das Gefühl, dass die Doppelrolle als Theaterleiter und Darsteller den Schauspieler Mironow belastet. Bis dahin war ich verblüfft über seine Fähigkeit – und das scheint eine Fähigkeit zu sein, die in Russland weitverbreitet ist – Dinge, die ihn belasten, zu verdrängen, um weitermachen zu können; Teile der Realität auszublenden, auch wenn sie noch so erbärmlich und mitleiderregend sind.

Dazu passt ein derber Witz, den mir Marina, die zu Beginn erwähnte Managerin des Theaters, bei meinem ersten Moskau-Aufenthalt erzählte: Zwei russische Würmer – Mutter und Sohn –, die in den Gedärmen eines Russen leben, machen sich eines Tages auf den Weg zum Ende des Darmausgangs. Je weiter sie zum Ausgang kommen, desto heller wird es, und der Sohn ist schon ganz aufgeregt vor Vorfreude. Als sie endlich draußen sind, sieht der kleine Wurm zum ersten Mal die Sonne und ist begeistert vom Licht und von der Welt. Nach ein paar Minuten nimmt ihn seine Mutter jedoch an die Hand und sagt „wir müssen wieder zurück“. „Aber warum denn? Hier draußen ist es doch viel schöner“, entgegnet der kleine Wurm seiner Mutter. Daraufhin sie: „Nu, aber da hinten ist unsere Heimat.“

Steile Karriere: Bekannt wurde Thomas Ostermeier in den neunziger Jahren als Regisseur und künstlerischer Leiter der Baracke am Deutschen Theater Berlin. Seit 1999 ist Ostermeier künstlerischer Leiter der Schaubühne am Lehniner Platz. Für seine Arbeit bekam der 1968 in Soltau geborene und in Niederbayern aufgewachsene Ostermeier 2011 den Goldenen Löwen der Biennale Venedig.

Thomas Ostermeier brachte etliche Klassiker, nicht zuletzt die Stücke von Henrik Ibsen, neu auf die Bühne. Nun also Fräulein Julie von August Strindberg, geschrieben 1888, ein Kammerspiel um eine Hochadelige und ihr Verhältnis zu ihrem Diener, das er ins heutige Russland versetzt hat. Der Probenbeginn in Moskau war am 31. Oktober 2011, die Premiere am 21. und am 22. Dezember 2011. Ostermeier weilte insgesamt sechs Wochen in Moskau.

Auch in Deutschland wird die russische Inszenierung zu sehen sein: Am 2. und 3. März im Rahmen des F.I.N.D. 2012 (Festival Internationale Neue Dramatik) in Berlin.

12:30 09.02.2012
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community