Der "Haushalt" von "Mutter Natur"

Linguistische Biotope Ökologische Metaphern erleichtern das Verständnis der Wissenschaft - transportieren jedoch auch viel ideologischen Ballast

Im Jahr 2020 werden wir den stummsten der stummen Frühlinge erleben, abgesehen vom Geraschel von gentechnisch verändertem Raps, Weizen, Mais und anderen Designerpflanzen, warnte die Times 1998. Fast vierzig Jahre zuvor erschütterte Rachel Carson mit ihrem Buch Der Stumme Frühling die Welt. Der stumme Frühling war ein Frühling ohne Vogelgesang, denn die Singvögel waren den Pestiziden zum Opfer gefallen. Der stumme Frühling ist eine Metapher, die von ihrem inneren Widerspruch lebt. Der Frühling verbindet sich im Geist mit dem Erwachen alles Lebendigen aus dem Winterschlaf, mit einer fröhlichen Vielstimmigkeit der Kreaturen. Ein stummer Frühling dagegen ist ein Bote des Todes.

Mit der Metapher des "Stummen Frühlings" und anderen ökologischen Metaphern beschäftigen sich die Beiträge der jüngsten Ausgabe der Online-Zeitschrift metaphorik.de. Mit Ökologie ist in diesem Zusammenhang aber weniger die wissenschaftliche Disziplin gemeint, sondern der allgemeine Umweltdiskurs. Doch auch die ökologische Wissenschaft hat ihr Haus auf Metaphern aufgebaut. So hat Charles Darwin nur mit Hilfe von Metaphern die Welt von seiner Evolutionstheorie zu überzeugen vermocht. Der "Baum des Lebens" als Bild für die Verwandtschaft zwischen den Arten dürfte jedem Kind aus dem Biologieunterricht bekannt sein. Zwar war Darwin kein Ökologe, doch ohne seine Theorie wäre die moderne Ökologie nie entstanden. Auch die heutige Ökologie operiert mit derlei Bildern, die für die Wissenschaftler mittlerweile zu festen Begriffen geronnen sind. Wandern die Bilder dann allerdings in die öffentliche Diskussion ein, werden sie mit positiven Bedeutungen aufgeladen, etwa wenn Natur mit göttlicher Harmonie gleichgesetzt wird. "Ökologie" erhält hier einen utopisch-normativen Charakter.

Von der Ordnung der Natur ...

In der ökologischen Wissenschaft leben Pflanzen friedlich zusammen in Gesellschaften und bilden gemeinsam Superorganismen. Tiere fügen sich in Nischen ein, agieren einmal als Räuber, dann wieder sind sie Beute. Trotz allen Gleichgewichts treten Organismen und Lebensgemeinschaften ständig in Konkurrenz zueinander. Über all dieses Treiben wacht "Mutter Natur" und führt dabei auch noch genauestens Buch: Der Haushalt muss stimmen. Das Bild des Haushalts war schließlich sogar Namensgeber der Wissenschaft: 1885 sprach sich der Biologe Reiter dafür aus, ein neues Forschungsgebiet der Botanik zu etablieren, das er "Oekologie oder Haushaltslehre der Pflanzen" nennen wollte. Als Wissenschaft institutionalisiert hat sich die Ökologie erst zwischen 1910 und 1920.

Der Begriff des Naturhaushalts und die Wurzeln der Ökologie gehen allerdings viel weiter zurück. Ludwig Trepl verortet in seiner Geschichte der Ökologie die Ursprünge dieser Wissenschaft in der klassischen Naturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Sie beginnt gewissermaßen mit Linnés Klassifikationssystem, der "Oeconomia naturae" - Ökonomie der Natur. Die Ökonomie der Natur handelt aber nicht von Gesetzen des Angebots und der Nachfrage, sondern beschreibt die (göttlich gegebene) Ordnung der Natur. Linné bot erstmals Hilfsmittel, diese Ordnung anhand der vier Strukturvariablen numerus, figura, proportio und situs zu beschreiben. Auch schon davor wurde Natur in Enzyklopädien viel und gerne beschrieben, nur las sich solche Beschreibung etwa wie die des Habichts in Lonicers Kräuterbuch: "Hat einen großen Cörpör/ läßt sich gern zähmen/ hat schöne durchsichtige Augen/ ein fröhlich Angesicht..."

Zur Zeit der klassischen Naturgeschichte herrschte Harmonie in der Welt. Die Natur lief wie eine gut geölte Maschine, und die Lebewesen bildeten eine Kette der Wesen, vom Einzeller bis zum Engel. In dieser Kette durfte allerdings kein Wesen fehlen, sonst drohte die ganze Kette auseinander zu brechen. Auch heute noch finden sich Vertreter, die durch das Aussterben einer Art die ökologische Harmonie gefährdet sehen.

Darwins "Kampf ums Dasein" hätte nun das Bild der harmonischen Natur gründlich erschüttern sollen. Tatsächlich schaffte es aber die neu entstehende Ökologie, das Leitbild der Konkurrenz so zu integrieren, dass der Kampf nicht in einen aller gegen alle ausartete. Nicht die einzelnen Individuen einer Art wurden als in Konkurrenz zueinander stehend gedacht, sondern Lebensgemeinschaften, die eine Art "Superorganismus" bilden. Um sich einen Superorganismus vorstellen zu können, war das organismische Denken Voraussetzung.

... und ihrer systemtheoretischen Reduktion

Foucault sieht den Sprung von der klassifizierenden Denkweise der Naturgeschichte zum organismischen Denken bei Cuvier. Dieser hatte die Organe als nicht mehr als bloße morphologische Merkmale angesehen, sondern sie als funktionale Einheiten betrachtet. Lungen und Kiemen wurden mit einem Mal vergleichbar, weil beide zum Atmen dienen. Dass der Organismus eine funktionale Einheit ist, ermöglicht es, den Begriff nicht nur auf Individuen anzuwenden. Der amerikanische Ökologe Clements entwickelte 1916 die Monoklimax-Theorie, der zu Folge Pflanzengesellschaften sich genau wie reale Organismen verhalten. So wie im Keim jeder einzelnen Pflanze deren Entwicklung vorgegeben sei, sei auch die Entwicklung dieser "Klimax-Gesellschaften" determiniert.

Die Superorganismus- oder Klimax- Theorien waren nicht nur eine Mode der ökologischen Wissenschaft, sondern finden sich auch in diversen Gesellschaftstheorien jener Zeit. So lässt Oswald Spengler im Untergang des Abendlandes ganze Kulturen wachsen, reifen und sterben. Wenn auch die organismischen Theorien heute weitgehend wissenschaftlich diskreditiert sind, hält sich - wenigstens in der öffentlichen Meinung - ein Teil dieser Theorien als Mythos, der beinhaltet, dass die Artenvielfalt im Lauf der Sukzession zunähme und mit einer höheren Artenvielfalt die Lebensgemeinschaft immer stabiler würde. Wissenschaftlich bewiesen wurde diese Behauptung nie.

Die Superorganismen wurden letztendlich in den fünfziger Jahren abgelöst von Ökosystemen, die sich bis heute halten. Entscheidenden Einfluss hatten hier Sozialwissenschaftler wie Niklas Luhmann. Das Ökosystem, das ja eigentlich einen Blick auf ein abgegrenztes Ganzes gewähren soll, ermöglicht nämlich genau das, was ökologischen Ganzheitsdenkern wenig passt: die Reduzierung der Natur auf berechenbare Stoffflüsse. Der britische Pflanzenökologe Tansley bemerkte allerdings zu den Ökosystemen, dass sie wie alle wissenschaftlichen Systeme keine realen Einheiten, sondern lediglich gedankliche Isolate seien.

Das Ökosystem: "Ganzheit" der Welt

Aus den Quellen der Ökologie und ihrer Sprachbilder schöpft auch die Ökologiebewegung, beziehungsweise die Alltagssprache durchschnittlich umweltbewusster Menschen. Während die Ökologie den Prozess der "Verwissenschaftlichung" durch Mathematisierung vollzogen hat und so in der scientific community als "science" anerkannt wird, steht das Leitbild Ökologie noch immer für die "Ganzheit" - auch im Denken. Das Ökosystem muss schnell als Metapher für die Ganzheit der Welt herhalten, in der alles mit allem vernetzt ist. Politisch fragwürdig wird dieses Denken, wenn sich der Mensch darin nur noch als Störfaktor des Systems versteht, der seinen zugewiesenen Platz verlassen hat. Hier schlägt "ökologisches Bewusstsein" um in ein konservatives Weltbild, das die Autonomie menschlichen Handelns in Frage stellt. Ökologie wird verwechselt mit Wissenschafts- und Technikkritik schlechthin. Diese Kritik "geht aus von der Idee des Zustands der Versöhnung und misst an ihr die schlechte Gegenwart" (Trepl).

Wird das Ökosystem auf die Gesamtheit der Erde bezogen, missachtet man damit zwei Voraussetzungen der Systemtheorie: das System muss eindeutig gegen die Umwelt abgegrenzt und der Sollzustand des Systems muss empirisch ermittelt werden können. Der Sollzustand des Planeten Erde lässt sich aber allerhöchstens durch die Idee einer gegebenen göttlichen Ordnung definieren. Technikkritik jedoch ist auch möglich, ohne einer übergeordneten Harmonie zu erliegen, wenn sich der Blick nur auf einzelne und konkrete Folgen richtet. Metaphern können dabei helfen Verständlichkeit zu vermitteln - manchmal transportieren sie auch eine Menge ideologischen Ballast.

Zum Weiterlesen:


Ludwig Trepl: Geschichte der Ökologie. Weinheim 1994

00:00 29.08.2003

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