Franka Maubach
Ausgabe 1613 | 01.05.2013 | 01:00

Der Himmel 1944

Shoa Der Historiker Otto Dov Kulka hat als Kind Auschwitz überlebt. Er hat kein klassisches Erinnerungsbuch geschrieben, sondern etwas Größeres

Es ist eigentlich kaum vorstellbar, gehört aber zur Realität im Vernichtungslager: Sogar satirische Vorstellungen wurden im Kinderblock der Theresienstädter Juden in Auschwitz-Birkenau dargeboten – eine Art Krematoriums-Kabarett, wenige hundert Meter von der Rampe und den Gaskammern entfernt. Otto Dov Kulka, der 1943 als Zehnjähriger mit seiner Mutter aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wurde und nach dem Krieg als Historiker an der Jerusalemer Universität arbeitete, betont in seinem nun erschienenen Gedächtnisbuch, wie wichtig dieser irgendwie ganz unkindlich rabenschwarze Humor für die Kinder war – „ich erinnere mich“, formuliert Kulka, „an nichts ähnlich Kreatives und Abgründiges im Verlauf meines weiteren Lebens“.

In der Aufführung „Das himmlische Auschwitz – das irdische Auschwitz“ entdeckten die Kinder etwa, im Himmel angekommen, dass dort nur wieder Selektionen und Krematorien auf sie warteten. Und die Chirurgen in diesem himmlischen Auschwitz fanden die seuchenbringenden Kopfläuse selbst noch in den Gedärmen ihrer Patienten. Dem Tod war auch nach dem Tod nicht zu entgehen. In diesen endlos zynischen Geschichten lebten die Kinder aus, was sie intuitiv als ewiges Gesetz jenes Ortes erkannten: Der „Große Tod“ herrschte nicht nur auf der Erde, sondern auch im Himmel und drang noch durch die kleinsten Poren in den Körper ein. Diesen allgegenwärtigen Tod nachzuspielen, bot vielleicht eine gewisse Entlastung – oder auch die Möglichkeit, dem sicheren Tod in einer Art Generalprobe mit spielerischem Sarkasmus zu begegnen.

Riesige Gedächtnislandschaft

Solche Erinnerungen an das kindliche Todesspiel inmitten eines Umfelds von Gewalt und Vernichtung finden sich häufig in den Erinnerungen derjenigen, die die nationalsozialistische Mordpolitik als Kinder überlebten. Die Konsequenz aber, mit der Kulka diese kindliche Erfahrung und Verarbeitung eines hinter jeder Ecke lauernden Todes beschreibt und am Ende zu einem „unveränderlichen Gesetz“ erhebt, ist einzigartig.

Über Jahrzehnte hinweg hat Otto Dov Kulka eine durchdachte, präzise choreografierte „private Mythologie“ entwickelt und sie im Tagebuch niedergelegt und auf Tonband gesprochen. Diese ausufernde Seelenlandschaft, sein „Außerwissenschaftliches“, wie Kulka es einmal nannte, hat er nun, zusammen mit seinem einzigen wissenschaftlichen Aufsatz zum Familienlager in Birkenau, öffentlich gemacht. Landschaften der Metropole des Todes ist ein eindrückliches, verstörendes Buch geworden, das nicht in Erinnerungsprosa aufgeht. Eher schon versteht Kulka die Rückbesinnung auf seine Kindheit als Erkundung einer riesigen Gedächtnislandschaft. Als fragloser Protagonist tritt der „Große Tod“ auf, der sich nicht auf das historische Auschwitz, eine konkrete Zeit, einen konkreten Ort, begrenzen lässt, sondern über allem schwebt. Von daher scheint es tröstlich, dass es auch den „kleinen Tod“ der alltäglichen Kinderspiele gab: etwa das Anfassen des Elektrozauns, um zu testen, ob dieser geladen war. Auschwitz – das ist für Kulka gerade nicht jener sakrale, von Symbolen umstellte Gedenkort, den wir heute wie Touristen bereisen, sondern eine alles überwuchernde, ebenso lebendige wie schweigende Landschaft.

Das Schweigen ist Kulka wichtig. In seinen Erinnerungen über die Lagerzeit wird kaum gesprochen, nicht einmal mit den Eltern. Das mag manchen Leser befremden – mich jedenfalls hat es befremdet, weil ich mir von der glücklichen Anwesenheit beider Eltern in Auschwitz-Birkenau (der Vater war schon vorher dort eingetroffen) für den kleinen Jungen Schonung, ein kleines bisschen Trost erhoft hatte. Aber der Große Tod kennt keinen Trost. Ein großes Schweigen beherrscht alles, auch die hastige Trennung von der Mutter, die nach der Liquidierung des Familienlagers, die Mutter und Sohn wie durch ein Wunder überlebten, ins Frauenlager Stutthof verlegt wurde. Jahrzehntelang fragte sich der Sohn, warum seine Mutter sich einfach umdrehte und wegging, bis ihr Kleid zum Punkt wurde und sie am Horizont verschwand.

Kulka erfuhr später, dass seine Mutter schwanger war und ihr ungeborenes Kind um jeden Preis aus Auschwitz herausbringen wollte; tatsächlich konnte sie es bis zur Entbindung retten, dann wurde das Neugeborene von den Stutthofer Pflegerinnen getötet. Der Mutter gelang mit drei anderen Frauen zwar die Flucht, aber sie starb, nachdem sie sich mit Fleckfieber bei ihrer Freundin angesteckt hatte. Der Tod der Mutter symbolisiert für Kulka, dass der Große Tod seine Arme weit über Auschwitz hinaus ausstreckte. Die Wasser des Flüsschens in Auschwitz, der Soła, die in die Weichsel münden, flossen auch an Stutthof vorbei, darin die Asche der Verbrannten.

Und als Kulka einmal gemeinsam mit seinem Vater Erich Kulka (dem Autor des 1946 erschienenen, aus kommunistischer Perspektive geschriebenen Lager-Buches Die Todesfabrik) die Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Stutthof besuchte, fand er im Wäldchen unzählige Lederstreifen. Er erfuhr, dass es Überreste von Schuhen aus Auschwitz waren, nach Stutthof geschickt, um von den dortigen Häftlingen auf Wertgegenstände durchsucht und für die Sendung ins „Reich“ repariert zu werden.

So weist also auch die Geschichte des Lagers Stutthof darauf, dass dem Großen Tod von Auschwitz nicht zu entrinnen war (und ist). Die bekannte Europakarte, die im Museum der Gedenkstätte Auschwitz hängt und auf der alle Geleise sternförmig nach Auschwitz führen, zeigt nur die eine Seite des Geschehens. Andersherum floss der Tod in alle Richtungen wieder aus Auschwitz heraus; ein epidemischer Strom, der die Welt noch heute durchzieht. Jeder Gedanke an Flucht erübrigt sich, wie Sisyphos muss Kuka immer wieder in die Ausgangssituation zurück, vor die Tür der Gaskammer: „Es gibt kein Entrinnen. Unsere Phantasien von Befreiung und Ende, wie kindliche Phantasien, haben keine Chance.“

Besser darum, sich hier auf Dauer einzurichten. Und so ist Kulkas Buch auch eine Hommage an seine Heimat. In seiner stillen Auschwitz-Welt gibt es kaum physische Bedürfnisse wie Hunger oder körperliche Schmerzempfindungen, es ist ein geistiges, mythologisches Schmerzensreich, das Kulka mit großer Sorgfalt geschaffen hat und in dem er sich frei bewegen kann.

Die Bilder, die er dem Buch beigegeben hat, gehören untrennbar zu ihr hinzu: Seine Fotos vom Krematorium bei einem Aufenthalt in Birkenau 1978; von einem dort gefundenen Stein; vom SS-Mann Buntrock, der einmal mit wegwerfender Handbewegung sein Leben rettete; vom Stutthofer Wäldchen; von einem der Lederstreifen, die dort lagen. Und auch das Werk von Franz Kafka ist ein Teil von ihr. Dessen Bücher schlug er, wie Gleichnisse, immer wieder an beliebigen Stellen auf und fand in ihnen seine private Mythologie.

Silberne Flugzeuge

Dies allerdings hat Kulka mit einigen gemein, die die nationalsozialistische Verfolgung als Kinder überlebten und in Kafkas Labyrinthen ihre kindliche Erfahrungsrealität wiederentdeckten; die Tatsache auch, dass diese rechtlose Welt für die Kinder – anders als für die damals Erwachsenen – zum Alltag geworden war. Man denke an die Kafka-Bücher von so unterschiedlichen Autoren wie Saul Friedländer oder Louis Begley oder die Kafka-Lektüren des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld, der sich eine ähnlich mythenreiche, gar märchenhafte, in Variationen wiederholte Welt ausgedacht hat. Der Tod, den Kulka, man kann schon sagen: beschwört, wird so auch zu, ja, etwas Schönem, einem Kunstwerk, in dem er Zuflucht sucht.

Er kenne, schreibt Kulka, keinen blaueren Sommerhimmel als den über Birkenau im Sommer 1944. Dort schwebten silberne Flugzeuge, die das nahe Ende ankündigten: „Man entrinnt der Schönheit nicht, dem Gefühl der Schönheit, auf dem Höhepunkt und inmitten des Großen Todes, der alles beherrscht.“ Es geht hier eben nicht ums Überleben, nicht um Rettungsgeschichten, die aus dem Horror des Vernichtungslagers herausführten und an die der Leser sich irgendwie klammern kann. Stattdessen beschreibt Kulka etwas, das über die konkrete Geschichte von Auschwitz hinausgeht. Am Ende wird Kulka erkennen, dass selbst seine vermeintlich nüchtern-objektive, faktenorientierte Wissenschaft von den aberwitzigen Spannungen seines stets präsenten Gedächtnisses durchzogen war; dass auch seine Geschichtsschreibung über die Geschichte hinausreicht. Diese lebendige Gegenwart des Großen Todes kriecht dem abgehärteten Leser den Rücken hinauf und setzt sich unwiderruflich im Gedächtnis fest. So leitet uns Kulkas persönliche Mythologie auf neue Weise an einen längst totsakralisierten Ort.

Landschaften der Metropole des Todes: Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft Otto Dov Kulka Inka Arroyo Antezana u. a. (Übers.), Deutsche Verlags-Anstalt 2013, 192 S., 19,99 €

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/13.