Der Hund liegt rum

62. Kurzfilmtage Tier und Mensch, Putins Parteitage und als Schwerpunkt Lateinamerika – zum Festival in Oberhausen

Der Videoproduktion aus den Alltagsbeziehungen zwischen Menschen und Katzen widmet sich mit Youtube gleich eine ganze Plattform. Filmischen Annäherungen an die Beziehung zwischen Hund und Mensch fehlt es an einem ähnlich prominenten Medium. Lobenswerterweise haben sich die Internationalen Kurzfilmtage von Oberhausen in diesem Jahr entschlossen, die Lücke zu schließen.

Beinahe anmutig weht das Fell um die Beine eines weißen Setters im Gegenlicht. Dann kommt der Hundekopf ins Bild, ein stoischer Blick in die Ferne. Keine Bewegung, nur das Ohr zuckt leicht. Jäger nähern sich, die Schatten der Beine fallen lang auf die Stoppeln des Felds. Der Kurzfilm Eleganssi der finnischen Regisseurin Virpi Suutari entfaltet aus einem Porträt einer Gruppe jagender Unternehmer und ihrer Jagdhunde einen Mikrokosmos der Gesellschaft. Während die Manager unter Jagdtrophäen bedeutungsschwer wenig tiefschürfende Ansichten voller Männerfantasien und Selbstherrlichkeit verbreiten, sitzen die Hunde, allen voran die Setterdame Tempo, mit stoischem Blick daneben und versuchen die Umgebung, so gut es geht, zu ignorieren. Eine Texttafel zu Beginn des Films klärt darüber auf, dass die Worte für Firma und Club im Finnischen beide auf die ursprüngliche Bedeutung „Jagdgesellschaft“ zurückgehen.

In Jelena Markovics Durch ist das Verhältnis zwischen Menschen und Hunden anders gelagert. Zwei Tiere sitzen zu Beginn des Films vor einem Paar Füße in braunen Socken. Schon vor dieser ersten Einstellung hat ein Insert auf einen Todesfall vorbereitet. Die Füße markieren den Toten. Die junge Protagonistin kehrt nach langer Zeit zurück und findet ihn in seiner Wohnung, umgeben eben von seinen zwei Hunden. Markovics Film spiegelt das rastlose Umherschweifen der Protagonistin im Wuseln der Hunde – am deutlichsten in einer Sequenz, in der die Protagonistin ausgeht und tanzt, aber nur halb bei der Sache ist, während die Hunde ein wenig im Hinterhof herumlaufen, um schließlich wieder herumzuliegen. Als könnte niemand in dem Film viel mit sich selbst anfangen.

Durch ist an der Hamburger Hochschule für bildende Künste unter der Anleitung der „Berliner Schule“-Regisseurin Angela Schanelec entstanden. Der Einfluss zeigt sich etwas zu offen in dem zurückgenommenen, beobachtenden Film. Dennoch macht er Hoffnung für kommende Arbeiten.

Auf der Suche nach der Form

Insgesamt waren in Oberhausen sowohl der internationale als auch der deutsche Wettbewerb schwächer besetzt als im Vorjahr; Hervorragendes gab trotzdem zu entdecken. Etwa Hayoun Kwons 489 Years, ein Film über die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea. Ausgehend von dem Erlebnisbericht eines südkoreanischen Soldaten vom nächtlichen Patrouillengang transformiert die Regisseurin die Wildnis der zugewucherten und doch von beiden Seiten streng überwachten Zone in einen surrealen, bisweilen fast märchenhaften Film aus dem Nirgendwo.

Pavel Medvedev zeigt in Hubris den Putin-Kult in Russland, indem er einen Parteitag der Partei „Einiges Russland“ dokumentiert. Michelle Latimer kombiniert in Nimmikaage Archivaufnahmen von First-Nation-Frauen aus Kanada mit einer Performance. Nimmikaage ist eine filmische Dekonstruktion nationaler Selbstbilder und eine Verneigung vor der verdrängten Kultur der indigenen Einwohner zugleich.

In Oberhausen sind überdies selbst jene Filme, die nach erneuter Sichtung und Diskussion mit den Filmemachern gescheitert wirken, in der Regel interessanter gescheitert als auf anderen Festivals. Das Wagnis der Kurzfilmtage besteht darin, der Suche nach filmischen Formen ein Forum zu geben – einer Bewegung, die umso nötiger erscheint, als der Hyperkonventionalismus der meisten deutschen Filme nur wie die Extremform europäischer Erzählstandards wirkt. Künstlerische Recherche und Neuerfindung von Genres finden längst vor allem außerhalb Europas statt. Gerade wegen der Bedeutung, die ein Festival wie Oberhausen in dieser Situation für die beständige Selbstbefragung hat, wäre es wünschenswert, der Bedeutung der Filme, die auf dem Festival laufen, für das Kino in den Begleitprogrammen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zu Recht weist Dominik Graf schon in einem Interview im Programmheft darauf hin, dass das Ziel nicht darin bestehen kann, „statt für die Abhängigkeiten des TV-Film-Systems nun für den weißen Raum der musealisierten Kunst zu filmen und zu erzählen“.

Wie fruchtbar das Reimportieren von Filmformen sein kann, die ursprünglich nicht für das Kino gemacht wurden, war eine der Erkenntnisse des diesjährigen Themenschwerpunkts „El pueblo – Auf der Suche nach dem neuen Lateinamerika“. Unter diesem Titel schlug der Filmwissenschaftler Federico Windhausen in acht spektakulären Programmen einen Bogen von der Geschichte des lateinamerikanischen Kinos in die Gegenwart. Die Blöcke stellten Experimentalfilme, Kurzdokumentationen und Internetvideos nebeneinander. Die Produktionen des mexikanischen Kollektivs Los Ingrávidos waren so zusammen mit Pablo Salas’ und Pedro Chaskels umwerfender Dokumentation einer Demonstration von Frauen aus den Zeiten der Diktatur in Chile (Somos +) und einem Performancefilm wie Inflamável von Rodrigo Abreu und Mariana Bley zu sehen.

Federico Windhausens Themenreihe war neben den unzähligen Programmen von Verleihern, Archiven und den Profilen zu einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten des Experimentalfilms der deutlichste Beweis: Auch im 62. Jahr haben sich die Internationalen Kurzfilmtage von Oberhausen als unverzichtbare Plattform für Experimente erwiesen – und als Wundertüte für die Zuschauer.

Info

Der Aufenthalt des Autors in Oberhausen wurde von den Kurzfilmtagen unterstützt

06:00 13.05.2016
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