Der kommende Angstschweiß

Konsumkritik Wie duftet die Revolution? Nach allem, was stinkt - und nach Kapitalismus. Einige Gedanken zu Widerstand und Marktwirtschaft

Wer sich in diesen Tagen eine Winterausrüstung zulegen will, muss einsehen: Der warenproduzierende Kapitalismus ist am Ende. Im letzten Sommer bekam man schon keine Tisch-Ventilatoren mehr. Dafür wird es Schlitten erst wieder zu kaufen geben, wenn es warm ist. In den Worten eines ICE-Schaffners im letzten Juli kurz vor Köln: „Eigentlich funktionieren die Klimaanlagen ganz gut. Nur wenn es heiß wird, fallen die manchmal aus.“ Wird die Warenwelt auch diese Hürde nehmen?

Jüngst ist es immerhin gelungen, aus der konsumkritischen Rebellion ein rares und deshalb begehrtes Luxusprodukt zu machen. Die New Yorker Künstlerin Lisa Kirk hatte – genervt von der Terror-Hysterie der Bush-Ära – einen Duft namens Revolution kreiert. Kirk befragte politische Aktivisten, Barrikadenkämpfer und Journalisten aus aller Welt, wie die Revolution „rieche“. Die Antworten: nach Tränengas, Urin, Schweiß, verbranntem Gummi, ver­westen Körpern. Diesen Cocktail bannte Kirk in einen Metallflakon, der wie eine Rohrbombe aussah und dessen Platinum-Version in ihrer Galerie für 47.750 Dollar zu haben war.

Ursprünglich ist das ein Kunstprojekt und durchaus witzig gewesen. Zumal Kapitalismuskritik ansonsten fast immer ohne Humor auskommt – was zuletzt eindringlich unter Beweis gestellt wurde durch das fast lächerlich ernsthafte Pamphlet Der kommenden Aufstand (Freitag vom 20. Mai). Und doch haben wir es bei Kirks Duftwasser mit dem passenden Parfüm zum Buch zu tun. Beide Produkte eint das trotzige Credo: capitalism sucks! Und die im Flakon versteckte Botschaft ergänzt scharfsinnig: revolution stinks!

Die Bombe zündete aber nicht; stattdessen wurde man Zeuge eines Ausverkaufs. Ein ehemaliger Duftdesigner von L’Oréal überredete die Künstlerin, eine Discount-Version ihres Revolutionsparfüms herzustellen und zum Preis von 55 Euro in exklusiven Konsumtempeln zu vertreiben. Der einst so bombige Flakon, der in einem New Yorker Kaufhaus schon einmal Terroralarm ausgelöst hatte, wurde entschärft. Ihm wurde das Outfit eines Molotowcocktails übergestülpt, wie man ihn sich an jeder Tankstelle zusammenbasteln kann. Seither kann man auf der Berliner Friedrichstraße eine gut betuchte, aber doch minder bemittelte Käuferschicht dabei beobachten, wie diese immer häufiger zur Waffe greift. Kurz vor dem Weihnachtsfest will man sich den Hauch einer waschechten Rebellion zulegen. Man versprüht das verruchte Odeur eines gewaltsamen Umsturzes, von dem man hofft, dass man ihn nicht mehr erleben wird, weil man ihn ohnehin nicht überleben würde. Wie geil ist das denn? Die Kulturindustrie hat gesiegt. Aus dem erfrischenden Schlachtruf „Vive la révolution!“ ist ein muffiges Eau de Toilette geworden.

Aber ist das schon die ganze Wahrheit? Nein, denn am Ende haben wir es mit einer olfaktorischen List der Unvernunft zu tun. Deren Geheimnis liegt im menschlichen Geruchssinn begründet: Düfte, die man längere Zeit um sich hat, nimmt man schon bald nicht mehr als störend wahr. Die frohe Botschaft zum Weihnachtseinkauf lautet also: Die Reichen und Schönen mögen sich ruhig schon einmal daran gewöhnen. Es riecht nach Revolution!



Arnd Pollmann lehrt an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Praktische Philosophie und veröffentlichte zuletzt bei C.H. Beck: Unmoral. Ein philosophisches Handbuch. Von Ausbeutung bis Zwang (2010)

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15:30 17.12.2010

Ausgabe 38/2021

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