Der kostspielige Herzensfake

Alltag SMS Chats sind eine Goldgrube - nur leider nicht für jedermann

Sabine ist 23 und studiert Politikwissenschaften in Berlin. Aber sie ist auch Enrico, 19, der in Bonn wohnt und gerne Sport macht. Außerdem die 25-jährige Kellnerin Bea aus Freiburg mit Bi-Interesse und Vorliebe für Analsex, die 26-jährige Nadine, die nach schlimmer Enttäuschung jemanden sucht, der es ernst meint mit ihr, und der 16-jährige Sven, der Daniel von Deutschland sucht den Superstar kennt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Denn Sabine hat einen Nebenjob, der in den letzten Jahren gerade unter Studierenden immer beliebter geworden ist, sie ist Profi-Chatterin in einem SMS-Chat. Per Messenger erhält sie auf ihrem Computer SMS-Nachrichten von Singles, die auf eine echte Kontaktanzeige zu antworten glauben. Oder von Jugendlichen, die flirten und sich über Pubertätsprobleme austauschen wollen. Und natürlich von Leuten, die ihre sexuellen Phantasien mittels Handybotschaften ausleben. Diese Nachrichten beantwortet Sabine in diversen Rollen, mindestens 20 Stunden in der Woche fragt sie besorgt nach, wie es dem Schreibpartner geht, führt Sex-Dialoge, entwickelt behutsam Liebesgeschichten und vereinbart Dates, die sie kurz vor dem verabredeten Termin platzen lässt. Für jede Antwort bekommt sie acht Cent. Der Dialogpartner hingegen zahlt pro SMS zwei Euro - was sich meist erst auf der Handyrechnung bemerkbar macht. Geködert werden die Kunden mit Werbung, die vorgibt, man habe es mit echten Kontaktbörsen zu tun, und die geschickt die Kosten ihrer SMS-Dienste verschweigt.

Ich habe Sabine auf einer Party kennen gelernt und wundere mich nicht nur über ihren Job, sondern auch über die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn beschreibt. Ob es nicht eine auch psychisch recht anstrengende Tätigkeit sei, frage ich. Sie verneint. Bei ihrer Übung könne sie Wäsche machen, fürs Studium lernen oder telefonieren und nebenbei die eingehenden SMS beantworten. Zwei- bis dreihundert Euro seien im Monat drin. Als ich nach weiteren Details frage, erklärt Sabine plötzlich, sie unterliege einer Schweigepflicht und wolle keine Schwierigkeiten bekommen.

Die Vorstellung, dass es für solche Arbeiten einen wachsenden Markt gibt, ist seltsam. Wie viele Menschen kann es geben, die mittels SMS sexuell erregbar sind oder sich allen Ernstes verlieben? Michael Lützkirchen, Geschäftsführer der Hamburger Whatever Mobile, schätzte 2003 in einem Artikel der Wirtschaftswoche, dass in Deutschland täglich rund 100.000 solcher Premium-Nachrichten versendet würden. Um die 574 Millionen Euro wurden 2003 auf diese Art verpulvert. Die Moderatoren müssen bei fünf bis acht Cent Lohn mindestens 5.000 SMS im Monat verfassen, um auf 400 Euro zu kommen. Die so "erwirtschafteten" 10.000 Euro teilen sich Agentur, Call Center und als Hauptprofiteure Netzbetreiber wie Vodafone und T-Mobile.

Natürlich lavieren die Anbieter an der Grenze des Rechts. Umso schärfer fällt die Kontrolle der Mitarbeiter aus. Die Antworten werden überwacht. Erwähnt ein Kunde Sex mit Tieren, Kindern, Inzest, oder lässt sich etwas als rassistisch oder verfassungsfeindlich auslegen, so muss er sofort in einen "Problemraum" verschoben werden, wo sich ein Administrator weiter kümmert. Sollte ein Moderator doch einmal auf eine solche SMS antworten, kann er mit Vertragsstrafen von bis zu 10.000 Euro belegt werden. Doch die Hauptschwierigkeiten liegen nicht bei den drastischen Fällen, sondern in den Details, denn es ist aufwändig, die Scheinidentitäten glaubhaft aufrechtzuerhalten. Füllt ein SMS-Agent das Profil seines Kunden schlampig aus, dann kann der Chatkollege, der ihn ablöst, nicht mehr glaubwürdig arbeiten. Je nach Vertrag muss der Schlamper dann fünf Euro Strafe zahlen - das heißt, er hat die letzten 60 bis 100 SMS unentgeltlich beantwortet. Andererseits muss dieser Aufwand im rechtlichen Rahmen spielen. In dem Arbeitsvertrag, den ich mir als Scheinbewerber von der Agentur Digitaldreams zuschicken lasse, heißt es: "Die Gesetzesgrundlage stellt sich so dar, dass nicht ›gelogen‹ werden darf. Aus diesem Grund wenden wir bei bestimmten Dialogen Konjunktive an, z.B.: ›Wenn wir uns sehen würden, dann könnte ich mir vorstellen...‹ (richtig); ›Wenn wir uns am Montag sehen, dann werden wir essen gehen...‹ (falsch)." Rutscht ein Moderator doch in den Indikativ, können auch dafür fünf Euro Strafe fällig werden. Die konjunktivischen Antworten dürfen aber auch nicht zu plump ausfallen, da es entscheidend ist, den verliebten Kunden mit der Aussicht auf ein Date so lange wie möglich hinzuhalten. Und für den Fall, dass es diesem doch einmal zu bunt wird mit der kostspieligen Vertrösterei, gibt es die Anweisung: "Erwähnt der Kunde, wie teuer doch alles ist, reagieren wir niemals wie folgt: ›Aber ich zahle doch auch 1,99 Euro für eine SMS‹. Das ist gelogen, uns kosten die SMS nichts!" Stattdessen sind das psychologische Feingefühl und die Kreativität gefragt, von denen in den Stellenangeboten die Rede ist. Und sollte einem gar nichts einfallen, hält der Leitfaden für angehende Kommerzchatter (in Auszügen zu finden auf der Seite der Hamburger Verbraucherzentrale) solche Tipps bereit: "Der Agent könnte auch fragen: ›Okay, Dir ist das ganze zu teuer. Hättest Du einen anderen Vorschlag, wie man in Kontakt bleiben kann? Ich möchte Dich nicht wieder hergeben!‹; ›Ich verstehe Dich ja ... aber kannst Du nicht auch nachvollziehen, dass ich mich auch ein wenig absichern muss?‹; ›Woher weiß ich, dass ich Dir vertrauen kann?‹ Die richtige Mischung aus ›Verständnis demonstrieren‹, ›abwägen‹ und ›Enttäuschung zeigen‹ wird dem User noch die ein oder andere SMS entlocken! Er wird versuchen, sich zu rechtfertigen, worauf der Agent dann wieder aufbauen kann."

Schwierig ist die Rechtslage auch, wenn es um das Alter der Kunden geht. Es häufen sich Klagen von Eltern, deren Kinder Handyrechnungen von 500 Euro oder mehr präsentieren. Und pornographische Inhalte dürfen nicht an Jugendliche unter 18 Jahren geraten, die freilich eine Hauptzielgruppe bilden. Darum gilt: "Als erstes muss erfragt werden, wie alt der Kunde ist ... Mit Kunden unter 16 Jahren nicht chatten und diese mit Begründung sofort in den Problemraum verschieben." Die Situation ist paradox: Ein Unternehmen, dessen Geschäft das Verbreiten irreführender virtueller Botschaften ist, kann sich auf die "Wahrheit" der Botschaften berufen, wenn sie vom Kunden kommen. Dass er über 18 ist, kann schließlich jeder schreiben. Ansonsten verrät der "Leitfaden" über den Umgang mit Kunden zwischen 16 und 18: "Haupt-User in diesem Fall dürften Mädchen sein. Hier ist darauf zu achten, dass der entsprechende Jugendslang gebraucht wird." Da heißt dann ein übergewichtiger Mensch "Gehsteigpanzer", ein dummer Mensch "Intelligenzallergiker" die Eltern sind "Kohlenbeschaffer", eine unattraktive Person ist eine "Bratze" und ein attraktives Mädchen ein "Topschuss".


Marcel Weimper, Inhaber der Digitaldreams, hat mir geschrieben, dass man mit mir einen Einstellungstest machen wolle. Nun meldet mein Messenger, dass der-, die- oder dasjenige, von dem ich getestet werden soll, online ist. Es handelt sich, wie ich lese - aber wer kann das nachprüfen? - um Weimpers Freundin. Zunächst menschelt es: Testen könne sie mich, aber Herr Weimper sei so müde, dass er die Schulung erst morgen machen wolle. Dann steht da plötzlich: "Hey Cindy, bin so geil. Schreibst du mir, was du mit mir machen würdest?" Ich habe drei Minuten für die Antwort. Tja, besonders viel fällt mir auf diese unverblümte Anfrage nicht ein, abgesehen von den Regeln, gegen die ich nicht verstoßen darf. Schließlich formuliere ich: "Oh, zuerst würde ich dich ganz langsam ausziehen. Und was glaubst du, wie es dann weitergehen würde?" Immerhin, als Reaktion kommt ein lachender Smilie-Kopf zurück. Im Ernstfall hätte ich jetzt fünf Cent verdient. Den weiteren Dialog möchte ich nicht wiedergeben. Ich scheine aber Talent zu haben, der Anzahl der Smilies nach zu urteilen, mit der ich belohnt werde. Spannend wird es erst wieder, als ich auf den Satz "Gib mir jetzt deine Telefonnummer, oder ich melde mich nicht mehr!" antworten soll. Ich denke mir Geschichten aus von meinem eifersüchtigen Ehemann, der mein Handy kontrolliert und den ich verlassen will. Am Ende habe ich ein ziemlich windschiefes Lügengebäude konstruiert und erwarte jeden Moment, dass es zum Einsturz gebracht wird. Aber dann ist der Test vorbei, und Weimpers Freundin teilt mir mit, dass die Antworten gut gewesen seien, nur etwas lang. Den Arbeitsplatz hätte ich wohl.

Ich muss an Sabine denken. Als ich ihr erzählt hatte, dass ich Orte schätze, die am Rand angesiedelt sind, war sie zurückgeschreckt. Am Rand, das hieß für sie als Politikwissenschaftlerin sofort extrem. Aber was kann extremer sein als ihr Job, der immer normaler wird? "Das körperliche und seelische Wohl des Kunden darf zu keiner Zeit gefährdet werden. Sollte klar ersichtlich sein, dass der Kunde in schlechter psychischer Verfassung ist, wird ihm die Rufnummer der Telefonseelsorge vermittelt. Sollte der Kunde klare Aussagen machen wie ›Ich will nicht mehr leben, ich habe mir gerade die Pulsadern aufgeschnitten‹, so ist umgehend die Agentur telefonisch zu kontaktieren. Sie wird die ortsansässige Polizeidienststelle über den Vorgang in Kenntnis setzen und so versuchen, den Kunden vom Suizid abzuhalten." Das steht in meinem Arbeitsvertrag. Etwas ähnlich Radikales habe ich lange nicht gelesen.


In den letzten Jahren hat sich Marktforschung verstärkt auf die Zielgruppe der Depressiven und Vereinsamten konzentriert. Bei wachsender Individualisierung sind die alten Kriterien der Marktsegmentierung - Geschlecht, Einkommen oder Haushaltsgröße - immer unbrauchbarer geworden. Wenn Marktforschung noch Sinn haben soll, muss sie Gruppen finden, die quer liegen zu den alten Klassifizierungen. Und in den westlichen Gesellschaften bilden heute die Depressiven die größte Gruppe. So haben die Marketingforscherinnen Elizabeth Hirschman und Barbara Stern 1998 eine Studie zum depressiven Konsumverhalten erstellt. Der Manisch-Depressive, so ein Resultat, ist der Prototyp des idealen Kunden, da er als Depressiver lange bei einem Produkt bleibt, als Manischer jedoch immer wieder in Kaufrausch verfällt. Es ist, neben den Jugendlichen, diese Gruppe, auf die auch die SMS-Agenturen zielen. Das Geschäft mit Einsamkeit, wie auch das Schürfen in der Goldgrube Pubertät, ist uralt. Neu ist seine Verschränkung mit einer Technik, die noch in den intimsten Raum vordringt.

Je schmerzhafter die Isolation der totalerfassten Ich-AG wird, desto größer wird die Sehnsucht nach Blicken. Darum gibt es kaum noch Orte, an denen man nicht ständig suggeriert bekommt, man werde angeblickt, wo man eben nur angesehen wird. "Dem User das Gefühl zu geben, dass er wirklich vermisst wurde", rät der Leitfaden für den Umgang mit Kunden, die sich nach längerer Zeit wieder melden. Es ist nicht Big Brother, der da die Macht übernommen hat. Im Gegenteil, all die Videos und Handykameras, Internetmasken und Überwachungsbilder, die pausenlos vor sich hinflimmern, tun dies größtenteils vollkommen gleichgültig und subjektlos. Daten zeichnen sie völlig beliebig auf. Hinter ihnen gibt es keinen interessierten Blick, zumindest keinen, der jenseits des finanziellen Interesses angesiedelt wäre. Und daher wird Sabine auch weiterhin für ein paar Cent überwachten Kommunikationsmüll absondern und nebenbei Habermas lesen oder Wäsche aufhängen.



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00:00 20.01.2006

Ausgabe 39/2020

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