Der Kreis schließt sich

Auflösungserscheinungen und Neubeginn Das 27. Festival in Havanna zeigte einen entscheidenden Generationswechsel im lateinamerikanischen Kino an

Wichtigstes Filmfestival Lateinamerikas und größter kultureller Event Kubas: So sieht sich das Festival von Havanna gerne selbst. Nach einigen krisenhaften Jahren, in denen dieser Ruf bedroht war, glänzte die aktuelle Ausgabe wieder durch ein ansprechendes Programm, bei dem besonders die stärkere Präsenz von Filmen aus und über Kuba auffiel.

Sogar Alfredo Guevara, als Festivalpräsident und Kampfgefährte Fidel Castros eine eherne Institution der kubanischen Filmwelt, räumte es in seiner Rede an der Abschlussfeier vom vergangenen Freitag ein: Bedeutung und Zukunft des neuen lateinamerikanischen Kinos liegen nicht mehr in den Händen jener Generation, die es einst groß gemacht haben, konstatierte er leicht wehmütig in Havannas Kino "Chaplin". Dort hatte bereits die Eröffnungsgala stattgefunden - ein Novum in der Festivalgeschichte. Der Grund dafür waren die Zerstörungen, welche Ende Oktober die Sturmflut im Gefolge des Hurricans Wilma auch an Havannas "Karl-Marx-Theater" angerichtet hatte, jenem Ort, wo ansonsten die Eröffnungs- und Schlussfeier stattfindet.

Zum Auftakt war Alfredo Guevara in seiner Eröffnungsrede auch auf die Gewalt der Naturkräfte eingegangen, sprach dann von der Geschichte dieses seit 1979 existierenden Festivals und vermied es für einmal in wohltuender Weise, die hiesige offizielle Politik zum Maß aller Dinge zu erheben.

Überhaupt war Havanna 2005 ein Festival, auf dem man sich schon beinahe zurückhaltend gab, was die ansonsten eher penetrante Präsenz des offiziellen Diskurses anbelangte. 2003 war noch vor jeder Filmvorführung ein zweiminütiger Werbespot für die so genannten "5 Helden" gezeigt worden, jene fünf Agenten der kubanischen Staatssicherheit, die nach ihrer Enttarnung in Miami 2001 zu übertrieben hohen Haftstrafen verurteilt worden sind. Dieses Jahr sollte es denn bezeichnenderweise einem Ausländer vorbehalten sein, den nationalistischen Revolutionsdiskurs doch noch an den Mann, beziehungsweise an die Frau, zu bringen. Die Rede ist vom Gewinner des Hauptpreises des Festivals, dem Argentinier Tristán Bauer. Der Regisseur hat in seinem Falkland-/Malvinen-Kriegsopus Iluminados por el fuego zwar ein bewegendes Stück Kino gegen einen verantwortungs- und sinnlosen Waffengang auf die Leinwand gebracht, dann jedoch die Botschaft seines eigenen Films mit einer befremdlichen Dankesrede stark relativiert. Einerseits lobte er die kubanische Revolution in den höchsten Tönen - um dann andererseits den Falkland-Krieg als eine gerechte Sache zu bezeichnen, die damals nur leider von den falschen Leuten angeführt worden sei. 1959 geboren, gehörte Tristán Bauer schon fast zu den Senioren dieses Festivaljahrgangs, bei dem ansonsten jenes junge Kino dominierte, von dem Alfredo Guevara sprach.

Natürlich war Herausragendes auch von der Gründergeneration zu sehen, so etwa der zornig-optimistische Dokumentarfilm La dignidad de los nadies des Argentiniers Fernando Solanas (1936), gewissermaßen eine Fortsetzung seiner Memorias del Saqueo, oder aber Barrio Cuba des Kubaners Humberto Solás (1941). Trotz der Qualitäten von Solás gleichermaßen expressionistischem wie bisweilen sentimentalem Sozialdrama, bewies erst sein über dreißig Jahre jüngerer Namensvetter Humberto Padrón mit seinem Erstling Frutas en el café, dass kubanisches Kino auch neue Töne anschlagen kann. Frutas en el café entwickelte mit drei ineinander greifenden Geschichten um Gewalt und sexuelle Abhängigkeit in seinen besten Momenten eine Intensität, die tatsächlich an Amores Perros erinnerte.

Ausgerechnet der Beitrag eines Spaniers, Benito Zambrano (Solas), eines einstigen Abgängers der internationalen Filmschule von San Antonio de los Banos in der Nähe von Havanna, sorgte schließlich für das größte Aufsehen. Noch vor sechs, sieben Jahren wäre ein Film wie Habana Blues vom einheimischen Publikum förmlich überrannt worden. Die Art und Weise, auf die der Film die für Kuba konfliktbeladenen Themen von Emigration und Ausverkauf des Landes an die reiche Welt angeht, ist außergewöhnlich. In Habana Blues geht es um eine Handvoll aufstrebender junger Musiker aus der - eher unbekannten - Funk-, Rap- und vor allem Rock-Szene der kubanischen Metropole, und darum, wie diese überlebensklugen Cracks von einem spanischen Produzentenduo geködert und gekauft werden. Mit Songtexten, die explizit sind, was die Beschreibung der Lebensverhältnisse im letzten kommunistischen Land der westlichen Hemisphäre anbelangt, sowie mit einem Straßenslang, den man in dieser Härte noch nie in einem Film aus Kuba gehört hat, ist Habana Blues auch ein Film voller Poesie und zuallererst eine Liebeserklärung. Eines Ausländers, der in Kuba seine zweite Heimat gefunden hat, und dem man Echtheit seiner Liebe zu dieser so heruntergekommenen wie leuchtenden Zweimillionenstadt und dem unbändigen Lebenswillen ihrer Bewohner und Bewohnerinnen abnimmt. Dass der Film nicht mehr als Überraschung gefeiert wurde, hat schlicht mit den neuen Medientechniken zu tun, die auch Kuba erreicht haben, so sehr das Regime weiter paternalistisch versucht, die Untertanen vor möglichen schädlichen Einflüssen zu schützen. Habana Blues startete bereits vergangenen März in Spanien, avancierte dort zum Boxofficehit und zirkuliert seither auch in Kuba in unzähligen Raubkopien; halb Havanna hatte ihn deshalb vor der Premiere auf dem Festival bereits gesehen. Umso unbegründeter erschien deshalb die Tatsache, dass die zuständigen Stellen im Land das o.k. zur regulären Kinoauswertung noch nicht gegeben haben und der Film in der Festivalberichterstattung der beiden Tageszeitungen Granma und Juventud Rebelde konsequent ignoriert wurde.

Zwei geglückte Beispiele des jungen lateinamerikanischen Filmschaffens waren bereits im August beim Festival von Locarno zu sehen gewesen, nämlich Monobloc des Argentiniers Luis Ortega und En la cama des Chilenen Matias Bize García; zwei Filme, die in beeindruckender formaler wie inhaltlicher Radikalität verfahrene zwischenmenschliche Beziehungen ausloten und sich dabei eines Reduktionismus bedienen, der konsequent, durchdacht und in jedem Moment stimmig ist. Mit den beiden in der Kategorie "bester Erstlingsfilm" ausgezeichneten Beiträgen Play der Chilenin Alicia Scherson und Cidade baixa des Brasilianers Sergio Machado zeigte sich deutlich, dass auch das cineastische Terrain eines metaphernreichen, in assoziativem Erzählfluss über sich hinaus wachsenden Kinos (Play), wie auch jenes einer fast klassischen Dreiecksgeschichte vor dem Hintergrund sozialer Marginalität (Cidade baixa) nicht abgedroschen daherkommen muss. Und mit der Tatsache, dass Sergio Machado sich seine ersten Meriten, bei einem der Großen des brasilianischen Kinos, Walter Salles, als Regieassistent geholt hat, und jener, dass Alica Scherson eine Abgängerin der Filmschule von San Antonio ist, schließt sich auch wieder jener Kreis eines sich aus der Tradition heraus erneuernden lateinamerikanischen Kinos.


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00:00 23.12.2005

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