Der Mann aus Gold

Turkmenistan Saparmurat Nijasow - dem Vater aller Turkmenen - können bisher die Umstürze in Georgien, in der Ukraine und in Kirgisien nichts anhaben

Es ist Abend im Land des Turkmenbashi. Ein Mond aus Pappkarton hängt im Fernseher, die goldfarbene Sichel reicht knapp bis über den Turban des Erzählers. Der wiederum sitzt auf einer Veranda, die Beine gekreuzt auf ein paar Polstern, und trägt aus dem Heiligen Buch des Staatschefs vor. "Glotzt nicht so romantisch!" würde die Regieanweisung von Bertolt Brecht lauten, die man auf Plakaten gemalt ins Publikum hielte. Im Land des Vaters aller Turkmenen aber, des Turkmenbashi, ist Ergriffenheit politisch erwünscht und Ironie eine lebensgefährliche Verirrung. Rechts oben am Bildrand dreht sich wie eine Disco-Kugel das goldene Konterfei des Präsidenten.

Irgendetwas muss fürchterlich schief gelaufen sein, damals vor 15 Jahren, als die turkmenische Sowjetrepublik ihre Unabhängigkeit erhielt. Saparmurat Nijasow ließ sich mit etwas unter 100 Prozent der Stimmen zum Präsidenten wählen, was kein allzu großes Kunststück war. Schließlich kannten ihn alle im Land schon lange als Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei. Bald danach, befreit vom Ballast des wissenschaftlichen Sozialismus, muss der Mann aus Ashgabad angefangen haben, mit Gott zu reden. Der heute 65-Jährige, der sich von deutschen Ärzten behandeln lässt, gilt als "borderline" unter den Autokraten Zentralasiens. "Stalin in Vegas", kommentiert ein amerikanischer Besucher, als er die Hauptstadt des Vaters aller Turkmenen sieht und ihre vergoldeten Nijasow-Statuen in einem Meer aus Kitsch und Prunk. Der Turkmenbashi liebt Gold.

Der Weg zu ihm führt durch die meist leeren Alleen des Regierungsviertels, das unaufhörlich wächst und die Wüste um Ashgabad mit Palästen anfüllt, je größer desto bedeutungsloser. Der französische Bouygues-Konzern - Baumeister aller Autokraten von Nordafrika bis in den Vorderen Orient - schafft hier. Nicht immer zur Freude des Herrn Nijasow, muss man gerechterweise sagen. Anfang Juni hat es ein ernstes Gespräch mit den Franzosen gegeben. Der Turkmenbashi bestellte die Konzernführung ein und hielt ihr eine Gardinenpredigt. Das Unternehmen habe sich erlaubt, seine eigenen Standards zu missachten; Zeitpläne würden nicht eingehalten, Kostenvoranschläge nicht rechtzeitig vorgelegt, die Qualität der Bauten stimme nicht. Besonders skandalös sei, dass die vergoldete Kuppel der Kiptschak-Moschee in Ashgabad - nunmehr eine der größten Moscheen der Welt - ein halbes Jahr nach der Fertigstellung ihren Glanz verloren habe. Die Direktoren versprachen sofortige Korrekturen.

Saparmurat Nijasow hat seinen Ministern vor Jahren das Rauchen verboten, als er wegen einer Herzkrankheit behandelt werden musste. Er hat den Monat Januar nach sich selbst und den April nach seiner Mutter benannt, und er weist Bürgermeister und Minister, die er routinemäßig wegen Fehlern in der Amtsführung entlässt, gern an, zur Strafe ihr Privathaus zu zerstören. Vor nicht allzu langer Zeit erwähnte er in einer Rede vor Professoren und Studenten, wie sehr ihn doch goldene Zähne störten. Die Paranoia in der Bevölkerung ist schon so ausgewachsen, dass viele, die sich nicht vorzeitig um ihre Karriere bringen möchten, nun angeblich tatsächlich ihre Zähne austauschen lassen.

Widerspruch kennt Nijasow nicht. Sein Amtsitz ist eine Art Dom, die Kuppel vergoldet natürlich. Zwei Minuten gewähren die Sekretäre dem Besucher im Innersten der Macht, um einen Blick auf den Vater der Turkmenen zu werfen. Da sitzt er an einem scheunentorgroßen Tisch, ein Mann in einem kurzärmeligen Hemd ohne Krawatte, die Arme vor sich gestemmt wie zwei Knüppel.

Es ist derselbe blank polierte Holztisch, an dem der Turkmenbashi seine Minister für das Fernsehen antreten lässt, um den Daumen nach oben oder nach unten zu halten. Im Mai war Yolli Gurbanmuradow an der Reihe, der Vizepremier, dem auch die Gas- und Ölindustrie unterstand und der als möglicher Nachfolger Nijasows galt. Veruntreuung und Konspiration mit ausländischen Mächten, lautete der Vorwurf. Geldymukhammed Ashirmukhammedow, der Minister für Nationale Sicherheit, gab beim Holztisch-Gericht im Fernsehen den treuen Diener, der Nijasow den Verrat beichten musste:

"Wie viel vom Staatsvermögen hast du zurückbekommen, in Dollar?"

"Rund 188 Millionen Dollar wurden zurückgegeben."

"Das ist die Hauptsache, alles andere hätte uns sehr geschadet. Ich danke dir für die Summe, die zurückgebracht wurde. Wäre dieses Geld verschwunden, wäre ich aufgebracht."

Zu 25 Jahren Haft soll der Vizepremier verurteilt worden sein. Ein Regierungsvertreter gab das Ende Juli dem Journalisten einer Nachrichtenagentur bekannt - unter Wahrung der Anonymität.

61 Dollar Visa-Gebühren kostet derzeit der Eintritt in das bizarre Reich des Turkmenbashi, doch außer Konzernvertretern mit Großaufträgen darf kaum jemand über die Schwelle des Saparmurat-Nijasow-Airports; es kommt auch kaum einer der 6,5 Millionen Einwohner hinaus. Turkmenistan ist ein ziemlich perfekter Ort für eine unbelästigte Diktatur. Reiche Gasvorkommen - die fünftgrößten der Welt -, keine Atomwaffen, nicht einmal ein undurchsichtiges Nuklearprogramm wie im benachbarten Iran, dafür eine geopolitisch wertvolle Lage für die USA mit Blick auf Afghanistan und eben den Iran. Die NATO pflegt eines ihrer bilateralen Partnerschaftsabkommen mit Turkmenistan. Das Erdgas könnte über das Kaspische Meer nach Europa und quer durch Afghanistan und Pakistan in die Arabische See geleitet werden, wenn die Sicherheitslage es erlaubte - und Turkmenistan nur wollte. Noch ist es nicht so weit. Präsident Nijasow ist ohnehin mit der Umerziehung seines Volks beschäftigt. Schließlich ist das 21. Jahrhundert das "Goldene Jahrhundert der Turkmenen".

Westliche Diplomaten, die mit Turkmenistan zu tun haben, erhielten Anfang 2005 ein Mail aus Ashgabad. "Turkmenistan ist jetzt an einem Punkt angelangt" - hieß es in dem Hilferuf - "an dem absolut keine Informationen mehr von außen in das Land gelangen. Alles versinkt in Korruption." Dazu sei das Heilige Buch Ruchnama den Menschen aufgezwungen worden - an den Schulen, den Universitäten, den Arbeitsplätzen.

"Dieses Buch, verfasst mit Hilfe der Inspiration, die Gott meinem Herzen sandte, heißt ›Ruchnama der Turkmenen‹", erklärt Nijasow zu Beginn seiner Schrift, deren zweiter Band vor einem Jahr erschien. "Allah hat die turkmenische Nation seit Beginn der Menschheit vor große und schwierige Aufgaben gestellt. Mein Volk hat diese schweren Zeiten erfolgreich bestanden. Seine Geschichte, die über 5.000 Jahre weit bis in die Zeit von Oguz Khan zurück geht, hat zu den universellen Werten beigetragen, die zwischen dem östlichen Mittelmeer und Indien entsprungen sind, und kann wahrhaft nicht unterschätzt werden." Mehr als 70 Staaten hätten die Turkmenen gegründet, trichtert Nijasow, der einstige Kraftwerksingenieur seinen Untertanen ein - ihr Name "Turk Iman" - "aus Licht bestehend" - sei von Gott gegeben.

Im letzten Drittel des "Ruchnama" finden sich Blut-und-Boden-Theorien, um die Überlegenheit der turkmenischen "Rasse" über die Minderheiten im Land zu begründen. Im Westen anfangs als exzentrische Diktatoren-Bibel in der Linie Muammar al-Ghaddafis belächelt, hat die "Ruchnama"-Ideologie in den vergangenen Monaten immer ernstere Folgen. Das Bildungswesen verfällt, weniger als zwei Prozent der Schulabgänger (etwa 4.000 im Jahr) werden noch zur Universität zugelassen; zu Sowjetzeiten waren es fünf mal mehr. Eine ganze Generation von Turkmenen wächst heran, die keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen haben und nie als Naturwissenschaftler arbeiten könnten.

Als der Virus der georgischen "Rosen-Revolution" und der ukrainischen "Orange-Revolution" jüngst Kirgisien befiel, zog Nijasow die Notbremse. Ausländischen Besuchern teilt er seither mit, trotz seiner Ernennung zum Präsidenten auf Lebenszeit werde er seinen Platz räumen. 2009 solle es Präsidentenwahlen mit nicht weniger als drei Kandidaten geben. Saparmurat Nijasow will dann an der Spitze des Halk Maslahaty stehen, des nicht weniger als 2.507 Mitglieder umfassenden höchsten Verfassungsorgans, um von dort weiter sein Volk und dessen ausgewählten Präsidenten zu regieren.


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00:00 05.08.2005

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