Der modesty code

Alltag Fußballerinnen kicken gegen das traditionelle Frauenbild und gegen das "Türken"-Stigma. Ein Besuch bei zwei ehemaligen Spielerinnen des Berliner Vereins Agrispor

Safiye Kok war die jüngste und beste, aber auch die aggressivste Spielerin von Agrispor, der ersten türkischen Mädchenmannschaft Europas. Sie rastete oft aus, weil sie "dieses Scheiß-Türken, was sucht ihr hier" von Seiten gegnerischer Mannschaften nicht ertragen konnte. Der Film Mädchen am Ball, in dem die in Berlin lebende Regisseurin türkischer Herkunft Aysun Bademsoy im Jahr 1995 fünf Mädchen von Agrispor portraitierte, endet mit Safiyes Verurteilung durch das Sportgericht des Berliner Fußballverbandes und einer Sperre von 18 Monaten. Das war die höchste je gegen eine Fußballerin in Deutschland ausgesprochene Strafe. In der Schlussszene des Films wird die ganze Wut Safiyes über dieses als ungerecht empfundene Urteil deutlich: "Ich werde nach zwei Jahren meiner Mannschaft helfen können, die können es bis zur Bundesliga schaffen. Die werden es allen zeigen, dass wir auch einen Stolz haben. O.k., man merkt es, dass die uns nicht leiden können, eine türkische Mannschaft. Ich habe nie gesehen, dass eine Mädchenmannschaft eine 18-Monate-Strafe gekriegt hat. O.k., die denken, die können mich damit fertig machen, aber das schaffen sie nicht, ich werde weiter trainieren und noch besser sein."

Safiye wuchs in den Straßen der Umgebung des Görlitzer Parks in Berlin-Kreuzberg auf. Sie wurde von ihren vier größeren Brüdern aufgezogen, denn ihre Eltern arbeiteten lange und waren kaum zu Hause. Wie fast alle aus der ersten Gastarbeitergeneration, die in den 1960er Jahren nach Berlin kamen, sparten sie für ihre Rückkehr in die Türkei. Safiye schwänzte oft die Schule und wenn sie dort war, dachte sie doch nur an Fußball. Letztlich schaffte sie den Hauptschulabschluss, bekam aber keine Lehrstelle. Anders als die anderen Mädchen von Agrispor, wie Arzu und die Zwillinge Nalan und Nazan, deren Lebensweg Schule - Ausbildung - Familie vorgezeichnet und von den Eltern geebnet war, lebte die damals 16-jährige Safiye als Außenseiterin in einer ohnehin marginalisierten Gruppe türkischer Migranten. Die deutsche Umgebung nahm sie als feindlich wahr, sie fühlte sich außerhalb, als "Scheiß-Türkin" stigmatisiert. Wenn Safiye sich schlug, dann kämpfte sie immer auch gegen die Macht der Etablierten und gegen ihre eigene Sprachlosigkeit: "Früher konnte ich mich mit meinem Mund nicht verteidigen, da habe ich immer die Fäuste benutzt."

Als ich Safiye in diesem Sommer in ihrer Wohnung am Görlitzer Park treffe, erlebe ich eine ausgeglichene junge Frau. Sie sitzt mit ihrer Freundin Metap, einer ehemaligen türkischen Nationalspielerin aus Berlin-Lankwitz, im Wohnzimmer, die beiden sehen fern. Safiye wirkt herzlich, sie bringt mir türkischen Tee und der in Mädchen am Ball festgehaltene Wutausbruch ist ihr heute, 10 Jahre später, etwas peinlich. Heute ist sie auch mit deutschen Mitspielerinnen befreundet und hat zusammen mit Metap in den letzten zwei Jahren eine deutsch-türkische Frauenmannschaft aufgebaut und den Verein Al Dersimspor gegründet, in dem sie als Spielerin und Co-Trainerin engagiert ist. Anders als früher bei Agrispor wird die Mannschaft heute nicht mehr ständig beschimpft und wenn dies doch einmal vorkommt, dann überhört Safiye es einfach. Als Belohnung für ihr vorbildliches Verhalten wurde die Mannschaft von Al Dersimspor kürzlich vom Berliner Fußballverband mit einem Fair-Play-Pokal ausgezeichnet. Safiye ist stolz darauf. Für sie ist Fußball kein Kampf gegen die Etablierten mehr, weil sie selbst keine Außenseiterin mehr ist, sondern eine selbstbewusste und souveräne junge Frau.

Zuletzt hatte Safiye in einer Sport-Bar gearbeitet, kündigte dort aber, weil sie jahrelang kaum Urlaub bekam. Ihre Eltern verloren beide den Job in Deutschland, den Platz ihres Vaters bekam ein Jüngerer, ihre Mutter wurde krank und musste nach 25 Jahren Arbeit in einer Reinigungsfirma ihre Stelle kündigen. Sie wollen bald zurück in die Türkei, wo sie schon jetzt die Hälfte des Jahres verbringen. Safiye dagegen kann sich ein Leben in der Türkei nicht vorstellen. Ihre Heimat ist Berlin, wo sie geboren und aufgewachsen ist und wo sie sich ihr eigenes Leben aufgebaut hat. Ihre eigenen Kinder würde sie heute anders erziehen, ihnen "mehr den Weg zeigen" und mehr auf die Schule achten.

Safiye ist die einzige der ehemaligen Spielerinnen von Agrispor, die noch Fußball spielt. Die Zwillinge Nalan und Nazan, die nun beide mit türkischen Männern verheiratet sind, kündigten bereits in Mädchen am Ball an, dass sie mit 18 oder 19 Jahren mit dem Fußballspielen aufhören würden. Offensichtlich wussten sie nur zu genau, dass sie als Fußball spielende Mädchen die Grenzen dessen überschritten, was es für sie selbst und ihre Eltern heißt, weiblich zu sein. Die Bielefelder Soziologin Sigrid Nökel beschreibt in ihrer Studie Die Töchter der Gastarbeiter und der Islam das traditionelle Frauenbild der türkischen Gastarbeitergeneration. Dieses sei, so Nökel, geprägt vom Ausschluss der Frauen von Entscheidungspositionen im öffentlichen Raum, der Konzentration auf Hausfrauenarbeit, von Bescheidenheit im Sinne eines islamischen "modesty code", von einer klaren Geschlechtersegregation, vom Verzicht auf Alkohol und Rauchen, sowie auf kurze Hosen, von Passivität statt Durchsetzungsvermögen und vom weitgehenden Verzicht auf Bildung.

Nalan und Nazan befanden sich, genau wie die anderen türkischen Spielerinnen von Agrispor, im Konflikt mit diesem Frauenbild, sie trugen kurze Hosen und zeigten ihre Körper in der Öffentlichkeit, sie setzten sich im Wettkampf selbstbewusst gegen andere Mannschaften durch und brüllten dabei ihre Mitspielerinnen und ihre Gegner an. Für eine Übergangszeit gelang es ihnen, die traditionellen Gewohnheiten zu umgehen. Der Anthropologe Victor Turner schildert, wie bei diesem gemeinsamen Überschreiten von Grenzen und Hierarchien ein Gefühl der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit entstehen kann. Er nennt dieses Gefühl "communitas". Die Mädchen von Agrispor erlebten communitas beim gemeinsamen Fußballtraining, beim heimlichen Rauchen in der Kabine oder dem Zusammensein nach dem Training im Görlitzer Park. Für viele der Mädchen war das Fußballspielen auch eine Möglichkeit, der Kontrolle der Eltern für eine Zeit zu entrinnen und sich außerhalb der Schule einen eigenen Zugehörigkeitsraum zu schaffen.

Auf die Frage, warum sie und die meisten anderen mit dem Fußball spielen aufgehört haben, erwidert die ehemalige Agrispor-Spielerin Türkan: "Es ist so, weil die Eltern das nicht wollen. Wenn die Mädchen ein bisschen Oberweite bekommen, dann haben die Väter schon was dagegen, wenn die da rumspielen und die ganzen Männer zugucken. Erstens deswegen und zweitens haben viele aufgehört, weil sie geheiratet haben und der Mann dann dagegen war. Bei mir war es damals auch so ein Grund, weil ich geheiratet habe, deswegen habe ich aufgehört. Das ist aber Schwachsinn, jetzt würde ich mir nichts mehr sagen lassen."

Türkan lebt heute als alleinerziehende Mutter in einer kleinen Neubauwohnung in Berlin-Kreuzberg. Sieben Jahre arbeitete sie im Obst- und Gemüseladen der Familie ihres ehemaligen Mannes. Als ihre Ehe geschieden wurde, zerbrach auch Türkans Glaube an das Frauenbild ihrer Elterngeneration. Heute widmet sich die 29-Jährige dem Neuaufbau einer Mädchenmannschaft bei Türkyiemspor, dem ersten und bis heute bekanntesten türkischen Fußballverein in Berlin, und überlegt, angespornt von Safiye, wieder selbst mit dem Fußballspielen anzufangen.

Türkische Fußballerinnen hören aber nicht nur aufgrund des Drucks ihrer Eltern und Ehemänner mit dem Fußballspielen auf, sondern auch, weil sie ihre eigene Vorstellung davon, wie eine türkische Frau zu leben habe, auf Dauer nicht mit Fußballspielen in Einklang bringen können. Während Türkan weiter Spaß am Fußballspielen hat, beurteilt sie die Auswirkungen des Fußballspielens auf ihren Körper als "nachteilig". Sie spürt ein Unbehagen, ihren Fußballerinnenkörper als Frauenkörper zu präsentieren, denn der Körper als Symbol von Weiblichkeit verlangt nach Attributen wie schlanken Beinen, beweglichen Hüften und einer unversehrten Haut. Die "Körperpolitik" des Fußballs hat aber muskulöse Ober- und Unterschenkel, o-förmig gekrümmte Beine, steife Hüften sowie zerkratzte Haut zur Folge und ist mit einem erhöhten Verletzungsrisiko verbunden. Einige Fußballerinnen haben Schwierigkeiten bei der Partnersuche, weil viele Männer ihren Körpern ablehnend begegnen.

Auch Safiye kennt die Rollenerwartungen ihrer Umgebung, doch unterwirft sie sich ihnen nicht, sondern behauptet ihren Spaß am Fußball. Ihr Freund wollte, ähnlich wie Türkans ehemaliger Ehemann, nicht, dass sie Fußball spielte. Sie trennte sich aber lieber von ihm, als sich Vorschriften machen zu lassen. Und Safiyes Leidenschaft für den Fußball wirkt vorbildhaft. Bei dem Verein Yesilyurt spielt ein irakisches Mädchen, dem zunächst das Fußballspielen verboten wurde. Nachdem ihr Vater aber einen positiven Zeitungs-Artikel über fußballspielende türkische Mädchen gelesen hatte, gab er die Erlaubnis, dass seine Tochter weiter spielen dürfe.

Die Mädchenmannschaft des BSC Agrispor, wie sie 1995 in Mädchen am Ball portraitiert wurde, gibt es heute nicht mehr. Sie brach vor einigen Jahren auseinander, nachdem sie zwischenzeitlich bis in die Regionalliga, die zweithöchste Spielklasse der Frauen, aufgestiegen war. Dafür hat sie viele Nachahmer gefunden, denn heute gibt es, bei Yesilyurt, Tükyiemspor oder Al Dersimpor, mehr als ein halbes Dutzend Berliner Mannschaften mit türkischen Mädchen am Ball.


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00:00 09.12.2005

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