Der nahe, ferne Osten

Sehnsucht nach dem maroden Charme des Alltags Eine Welle von neuen deutschen Filmen spielt in sorgsam verwahrlosten Stadt- und Dorflandschaften Ostdeutschlands

Filme über ostdeutsche Verhältnisse sind anscheinend wieder in Mode. Vorbei die Zeiten, in denen die fiesen westdeutschen Kapitalisten einfielen und sich rege am Ausverkauf des Ostens beteiligten. Ostdeutschland wird als Kulisse neu entdeckt - so ist zumindest der Eindruck, wenn man sich die jüngsten Produktionen einmal näher anschaut.

Die Regisseurin Connie Walther kann allerdings die Frage, wie man als Westdeutsche dazu kommt, einen Film über die DDR zu machen, nicht mehr hören. Sie findet es schlicht ermüdend, wie immer noch zwischen Ost- und West-Regisseuren und einer anscheinend damit verbundenen thematischen Ausrichtung getrennt wird. Nach dem Motto: die Ostler beschäftigen sich mit ihrer Vergangenheitsaufarbeitung und die Westler bleiben gefälligst bei ihren Themen vor der eigenen Haustür.

In ihrem Film Feuer und Flamme zeichnet Walther das Erwachsenwerden in den beiden deutschen Staaten der achtziger Jahre nach. Eine verhinderte Ost-West-Liebesbeziehung zwischen einem West-Berliner Mädchen und dem Anführer einer Ost-Berliner Punkgang bilden den Rahmen für eine durchaus liebevoll erzählte und um Authentizität bemühte Geschichte.

Walther gesteht ein, dass es bei der Darstellung ostdeutscher Verhältnisse nicht immer leicht war, den richtigen Ton zu treffen. Allein die sprachlichen Unterschiede zwischen Ost und West stellten sie vor ungeahnte Schwierigkeiten. So holte man sich schließlich einen Co-Autor dazu, der die Punkbewegung selbst miterlebt hatte. Denn die feinen Unterschiede entscheiden letztlich darüber, ob sich der zeitgeschichtliche Hintergrund als glaubwürdige Kulisse in eine jugendliche Liebesgeschichte fügt.

Das gelingt nicht allen, die sich in ihren Filmen auf ostdeutsches Terrain trauen. Vergiss Amerika von Vanessa Jopp ist so ein Beispiel: ein kleines Liebesdrama über zwei Jungen, die sich in das gleiche Mädchen verlieben. Jopps Film könnte überall spielen, wo die Verhältnisse den Protagonisten irgendwann zu eng und zu klein werden. Als Kulisse dient hier die fast nostalgisch geratene ostdeutsche Kleinstadt, wobei man den Eindruck nicht los wird, dass sie nur deshalb gewählt wurde, weil sie einen angeblich unverbrauchten Hintergrund - zumindest für ein westdeutsches Publikum - abgibt. Und auch die Ausstattung verzichtet nicht auf die typischen Zutaten, mit denen eine »authentische« Ostkulisse angerichtet wird: Es fehlen weder die F6-Zigaretten rauchenden Jugendlichen noch der kleine Neonazi-Bruder. Eigentlich hat die Regisseurin Vanessa Jopp alles richtig gemacht - zumindest um einen Film-Preis zu ergattern. Dennoch ist gerade die ehrgeizige Bravour, mit der sie meistert, was heutzutage von Fördergremien, Drehbuchautoren und TV-Redakteuren verlangt wird, nur ein weiterer mustergültiger Aufguss von vermeintlich kommerziellen Kinostrategien. Der Osten bleibt dabei emblematische Kulisse.

Eine Tendenz, die sich auch bei alaska.de von Esther Gronenborn wiederfindet: Drehort ist eine trostlose Hochhaussiedlung in Hohenschönhausen. Ein ungemütlicher Ort am Rande der Stadt - hier bestimmen Langeweile und latente Aggressivität den Alltag. Erst durch den Tod eines ihrer Freunde geraten die Beziehungen der Protagonisten gehörig durcheinander. Verpackt in eine moderne Musikclip-Ästhetik schildert Gronenborn die Konflikte von sozial benachteiligten Jugendlichen auf der Suche nach Liebe, Anerkennung und besserer Zukunft - schon tausendmal gesehen, hier jedoch in einem neuen Gewand.

Deutlich wird bei alaska.de allerdings, wie sich die Auswahl von Ost-Kulissen in den vergangenen Jahren verändert hat: Es sind nicht mehr die bröckeligen Gründerzeitfassaden im Prenzlauer Berg wie in Das Leben ist eine Baustelle oder Nachtgestalten, die für das Bild des vermeintlich Kaputten aber Liebenswerten herhalten müssen. Neuerdings haben die Filmemacher die nüchtern reduzierte Ästhetik der Trabantenstädte und Wohnsilos entdeckt. Die Leidenschaft für zurückgenommene schlichte Kulissen ist wohl Ausdruck und Sehnsucht nach einem neuen Realismus, nach dem Unglamourös-Alltäglichen. Vorbei die Zeiten, in denen eine geleckte Ästhetik Münchner Verhältnisse als Umgebung für seichte Beziehungs- und Verwechslungskomödien diente. Für die Darstellung urbaner Gefühlswelten werden derzeit die gesichtslosen Oberflächen der Plattenbausiedlungen bevorzugt.

Der Wunsch nach mehr Realismus findet sich aber auch in vielen Werken ostdeutscher Filmemacher wieder: Ihre Filme bringen oftmals den Wandel ostdeutscher Befindlichkeiten zum Ausdruck. Wer redet noch von Aufbruch? Abbruch heißt die Devise: Man denke an Filme wie Wege in die Nacht, Die Polizistin oder auch Dokumentarfilme wie Wittstock, Wittstock und Halle-Neustadt. »Die Stichworte«, so der Kultursoziologe Wolfgang Engler, »heißen hier Schrumpfen, Abriss, Abgang, die Ungeduld nimmt zu, die Hoffnung schwindet. Im selbsttragenden Abschwung blühen nicht die Landschaften, sondern die Sarkasmen aus späten DDR-Zeiten: ›Der letzte macht das Licht aus‹«.

Anders als bei alaska.de oder Vergiss Amerika verzichtet Die Polizistin von Andreas Dresen auf Sozialkitsch und eine stilisierte Elendszenerie. Mit wackeliger Handkamera, ohne Filmmusik und fast ausschließlich natürlichem Licht wirkt er wie die deutsche Ausgabe eines Dogma-Films. Die Sozialhilfeempfänger und Wiedervereinigungsverlierer treten hier keineswegs als Statisten vor pittoresker Ärmlichkeit auf. Es wird sich nichts ändern, das wird schon zu Beginn klar - Dresen spart sich jedes Mitleid, doch sein Blick bleibt - wie schon bei Nachtgestalten - voller Sympathie für die, denen Wende und Mauerfall nichts gebracht haben. Seit Die Polizistin im Oktober vergangenen Jahres im Fernsehen lief und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, schaffte sie es dank engagierter Überzeugungsarbeit doch noch ins Kino. Ein ungewöhnlicher Weg für einen Film, der ursprünglich bei allen Sendeanstalten abgelehnt wurde.

Ein ebenso bescheidener und eindringlicher Film ist dem Regisseur Michael Klier mit Heidi M. gelungen. »Ein Ostfilm!«, so hieß es erst kürzlich in einer Besprechung, »so werden manche stöhnen und damit das Wiedererwachen von Kathrin Saß verpassen.« Klier, der sich damit nach fast zehnjähriger Pause zurückmeldete, hatte sich schon mit seinen Filmen Ostkreuz und Überall ist es besser, wo wir nicht sind durch ungeschminkte Darstellung ostdeutscher Tristesse einen Namen gemacht. Heidi M. - eine kleine Berlin-Geschichte über Einsamkeit und zweite Lebenschancen, über das Streben nach Glück und die Hindernisse, die sich die Menschen dabei oft in den Weg stellen. Die Hauptdarstellerin Kathrin Saß, so hat man den Eindruck, musste ihre Rolle nicht spielen. Ihre Lebensgeschichte findet sich im Schicksal von Heidi M. an vielen Stellen wieder. Nach einigen eher bescheidenen Auftritten im Fernsehen ist Heidi M. ihre erste Kinoarbeit seit langem. »Die Figur Heidi M.«, so Saß, »kommt meiner eigenen Biografie sehr nahe, sie ist allerdings nur ein Bruchteil davon. Ich hatte privat ähnliche Erlebnisse, nach der Wende war ich ganz am Boden.«

In ihrer Person spiegeln sich all die enttäuschten Hoffnungen, aber auch der pragmatische Trotz einer Generation, die nach der Wiedervereinigung noch einmal ganz von vorne beginnen musste. Heidi M. erinnert mit seiner spröden Erzählweise, den langen Einstellungen und eigenem Rhythmus an frühere DEFA-Produktionen, ist jedoch ein ambitionierter Versuch der Berliner Produktionsfirma X-Filme - bekannt geworden durch Kinohits wie Lola rennt - auch mit kleinen Produktionen ein Publikum zu erobern. Im Vergleich zu anderen Berlin-Filmen wirkt Heidi M. mit seinem Einfühlungsvermögen und dem klaren Blick auf schöne Weise altmodisch.

Doch warum nicht ganz anders: Ist eine realistische Darstellung überhaupt die angemessene filmische Form, ostdeutscher Verhältnisse zu vermitteln? Den Versuch darauf gänzlich zu verzichten und eine andere Herangehensweise zu wählen, wird eindrucksvoll an Leander Haußmanns Sonnenallee deutlich. Sonnenallee ist eine Burleske, ein Musical geworden - letztlich vollkommen wirklichkeitsfremd. Das Dekor, die Straße scheint nicht verbergen zu wollen, dass sie ein Kulissenbau ist. Der Vorwurf, ob er hier nicht rückwirkende Verharmlosung eines totalitären Regimes betreibe, lässt Haußmann kalt. »Ich finde es,« sagt Haußmann, »total langweilig, wenn sechs Intellektuelle in einem Raum sitzen, miteinander reden und so tun, als ob sie Manfred Krug wären. Ein unangenehmer Gedanke, dass man versucht, diesen vollkommen unrealen Zustand, in dem wir damals gelebt haben, realistisch zu machen. Dann wird es langweilig, dann wird es Fernsehspiel.« In seiner Vorstellungswelt war die DDR eine totale Hippie-Republik, in der die Jugendlichen auf Matratzen lagen, gesoffen haben und sich ständig krankschreiben ließen. Alles war unverkrampft. Die DDR war eigentlich immer in den Siebzigern. Das konnte man an den elektrischen Geräten ebenso ablesen wie an der Mode. Deshalb eignet sich, so der Regisseur, die DDR-Geschichte auch nicht als Kulisse für Agentenkrimis oder einen Thriller. Der Erfolg seines Films gibt ihm Recht: Mit Sonnenallee ist einer der erfolgreichsten Post-DDR-Filme der vergangenen Jahre entstanden, der selbst bei Westlern eine Art Ostalgie-Boom ausgelöst hat - auch wenn Leander Haußmann selbst nie daran gedacht hätte, einen »Ostfilm« zu drehen.

Von einem solchen Erfolg kann der westdeutsche Regisseur Klaus Gietinger mit seinem Film Heinrich der Säger nur träumen. Die Heimatgroteske, die vergangenen Donnerstag in den Kinos anlief, ist nicht gerade von Kritiken verwöhnt worden und auch die Zuschauerzahlen lassen eher zu wünschen übrig. Hier haben wir endlich wieder einen Vertreter, der sich um den Ausverkauf des Ostens dreht - damit fällt er im Vergleich zu vielen anderen Filmen über Ostdeutschland fast schon aus der Reihe. Kaltherzige Bahnstrategen - natürlich aus dem Westen - wollen mit Stillegungsplänen den Osten kaputtmachen; unterstützt werden sie von Wendehälsen und Spitzeln aus der Bevölkerung. Nur der Bahnhofsvorsteher Grantke spielt da nicht mit - bei Nacht und Nebel sägt er Stücke aus den Schienen heraus und glaubt mit seiner Sabotage die Kommerzbahn zur Rücknahme von Stillegungen, Entlassung und Privatisierung zwingen zu können. Der Titel klingt blutig, hinter ihr verbirgt sich allerdings eine Provinzposse, angesiedelt irgendwo zwischen Kottan ermittelt und Helge Schneider. Damit wird sie beim breiten Publikum einen schweren Stand haben - außer in der thüringischen und sächsischen Provinz, die als Kulisse für Heinrich der Säger dient. Eindrucksvoll hat der Kameramann Hans Hager die berühmte Göltzschtalbrücke bei Mylau als Hintergrund eingefangen. Als Motiv passte sie in die Geschichte, doch Hager gibt unumwunden zu, dass man sich auch aus Gründen der Filmförderung darauf geeinigt habe. Der Film wurde aus Thüringen und Sachsen gefördert. Da es hier kaum Kopierwerke oder Postproduktionsfirmen gibt, ist es schwer, Geld in die neuen Bundesländern zurückfließen zu lassen. »Im Prinzip«, so Hager, »muss es durch Locations dort ausgegeben werden.«

Gietinger hatte schon einmal mit Daheim sterben die Leut eine überzeichnete und groteske Geschichte aus dem Hinterland - allerdings aus dem Allgäu - vorgelegt. Bei Heinrich der Säger gelingt es ihm leider nicht immer, mit dem schrägen und trashigen Witz seines Vorgängers mitzuhalten.

Letztlich stellt es sich also als unerheblich heraus, ob ein Film über ostdeutsche Verhältnisse von west- oder ostdeutschen Regisseuren gemacht wird - solange der Regisseur in der Lage ist, den richtigen Ton zu treffen. Meist ist das eher bei den kleinen ambitionierten Arbeiten der Fall. Hier verkommt die Kulisse nicht zum Dekor, wird nicht unnötig mit DDR-Devotionalien herausgeputzt oder muss als unverbrauchte Landschaftskulisse herhalten. Connie Walthers Film Feuer und Flamme bezieht seinen Reiz beispielsweise aus der Tatsache, dass die Mauer dort stand, wo sie stand und damit eine jugendliche Liebe unmöglich machte. Der Ort ist auf diese Weise eben mehr als nur »Location«, sondern Bedingung und Antrieb der Erzählung.

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00:00 07.09.2001

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