Der Niedergang einer Familie

Rollenwechsel Toni Morrisons Roman "Liebe" ist ganz einfach gute Literatur

Liebe ist kein Roman über die Liebe, sondern über ihre Zerstörung. Wenn zwei Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Freundschaft erfinden, noch ehe sie Geschlechts-, Rassen- oder Klassenunterschiede kennen, wenn diese erste selbst gewählte Liebe zerschlagen wird, wird auch die Seele zerstört. Der das sagt, ist "L", der allwissende gute Geist, mit dessen Monologen das letzte Buch von Toni Morrison beginnt und endet. "L" war die Köchin, die ein halbes Jahrhundert lang in dem Hotel in Sooker Bay für die Coseys gearbeitet hat. Sie geistert durch die Geschichte, obwohl sie schon längst tot ist, wie auch Bill Cosey, der Patriarch. Er ist der Bezugspunkt, das Zentralgestirn, um das alle Frauen des Romans kreisen.

Er ist der Freund, der Fremde, der Wohltäter, der Liebhaber, der Ehemann, der Behüter, der Vater und schließlich das Phantom, so die Kapitelüberschriften. Sein Porträt hängt über dem Bett seiner zweiten Frau, Heed, die er heiratete, als sie elf war. Sie war die beste Freundin seiner Enkeltochter Christine bis zu jenem Tag, der das Leben der beiden Kinder veränderte. "Heute hockten wir in unserem Spielhaus aus bunten Decken, am nächsten Tag schlief sie in seinem Bett", erinnert sich Christine. Und L: "Ein Jammer. Es waren doch nur zwei kleine Mädchen. In einem Jahr würden sie zu bluten beginnen - schlimm."

Liebe ist ein kunstvoll geknüpfter Teppich aus Heeds und Christines Erinnerungen, in den die Schuldfrage wie ein roter Faden verwoben ist. Heed war ein armes Mädchen aus "der Siedlung", das noch nie mit Messer und Gabel gegessen hatte, nicht lesen und schreiben konnte und in der Ehe mit Cosey eine Chance sah aufzusteigen. Sie wurde von ihrem Ehemann vor den Augen von Schwiegertochter und Enkelin übers Knie gelegt, aber "er hat mich gut versorgt." Sie ertrug die Demütigungen, ohne zu klagen oder aufzubegehren, und sie gab ihm nie die Schuld. Im Gegensatz zu Christine, die als sie 17 war, mit vier Samsonite-Koffern von zu Hause wegging, und als 45-jährige Frau mit einer Wal-Mart-Einkaufstüte zurückkam.

Sie bezeichnet sich selbst als "Reinfall". Ihr Leben an der Seite verschiedener Männer war ein Absturz vom Bankett des Ärzteverbandes zur Hurenmatratze. Selbst sie, die von der Sehnsucht nach einem eigenen Leben und nach Unabhängigkeit getrieben war, glaubte nur an der Seite eines Mannes zum Ziel gelangen zu können; denn als farbiges Mädchen in den vierziger Jahren hatte sie die Erziehung auf nichts anderes als die Rolle einer Ehefrau vorbereitet. Als schwarze Frauen sind sie zweifach benachteiligt. Am Ende, nachdem sie sich ein Leben lang bekämpft haben, stellen sie gemeinsam fest: "Erst wurden wir verkauft, dann kamen wir frei, und dann haben wir uns selbst verkauft, an den Meistbietenden", sagt die eine. Und die andere fragt: "Wen meinst du mit ›wir‹? Die Schwarzen? Die Frauen? Dich und mich?"

So einfach, wie das klingt, macht es sich die Nobelpreisträgerin Toni Morrison mit der Schuldfrage nicht. Bill Cosey könnte man "einen guten bösen Menschen nennen oder einen bösen guten. Je nachdem, was einem wichtiger ist, das Was oder das Warum". So resümiert es L. Und eigentlich war er "ein ganz normaler Mann, zerrissen wie wir alle von Zorn und Liebe." Er, der große Daddy, der von allen bewunderte Frauenheld, der verehrte Wohltäter, er wurde von einem weißen Sheriff erpresst, er musste zahlen, damit er seinen Laden offen halten und Alkohol ausschenken durfte. Und in seinen letzten Jahren war er im eigenen Heim Opfer des "Zickenkriegs" geworden, den Ehefrau, Schwiegertochter und Enkelin um das Erbe ausfochten. Alle waren Opfer und Täter. Eindeutige Schuldzuweisungen gibt es nicht.

Auch keine eindeutig guten oder bösen Charaktere. Die Rollen wechseln, die von Heed und Christine hatten sich verkehrt. Nach Coseys Tod war Christine reumütig nach Hause zurück gekehrt, doch nun führte Heed, die kaum lesen konnte, das Kommando - "eine primitive Ausgabe von Scarlett O´Hara" - während Christine, die verwöhnte Tochter, die einst eine Privatschule besucht hatte, sich um die Hausarbeit kümmerte. Inzwischen waren beide Mitte 60, die eine arthritisch, aber mit einem fetten Bankkonto, die andere körperlich überlegen, aber mittellos, einander verbunden durch den abgrundtiefen Hass, den sie füreinander empfanden. Sie bekämpften sich, "als wären sie Heldinnen und nicht Geopferte".

Bis zu jener Nacht, dem Showdown auf dem Dachboden des verfallenen Hotels, wo Heed mithilfe einer jungen Gehilfin Papiere fälschen wollte, um Christine um ihr Erbteil zu bringen und dort von jener entdeckt wurde. Heed ereilt die gerechte Strafe, sie bricht durch den morschen Dachboden - wobei ihre Gehilfin nachgeholfen hat - und landet eine Etage tiefer mit gebrochenen Knochen. In dieser auch komischen Situation finden die beiden Alten wieder zueinander. In Erwartung von Heeds Tod erinnern sie sich an alte Zeiten und schließen Frieden. "Wir hätten unser Leben Hand in Hand verbringen können, statt überall nach dem großen Daddy zu suchen", stellen sie allzu spät fest. "Er war überall. Und nirgends." "Von uns erfunden?" "Er hat sich selbst erfunden." "Wir müssen mitgeholfen haben." Besser kann man die Opfer-Täter-Dialektik nicht beschreiben, zumindest was das Verhältnis zwischen Frauen und Männern betrifft.

Toni Morrisons Roman spielt in einer der schwarzen Gemeinden, die in den dreißiger und vierziger Jahren im Zuge des ethnischen Separatismus entstanden sind. Bill Cosey erwarb einen pleite gegangenen "Nur-für-Weiße"-Klub und errichtete dort ein Hotel, das bald zum begehrtesten Seebad für die schwarze Mittelschicht wurde. Denn selbst in den Zeiten der Depression gab es Farbige, die sich bei gutem Essen und Fats Waller amüsieren wollten.

Das Geschäft florierte, doch schon 1942 war der Niedergang vorhersehbar. Mit der Figur der May, Bill Coseys Schwiegertochter und Christines Mutter, gestaltet Morrison die Veränderungen, die die Aufhebung der Rassentrennung für die schwarzen Gemeinden bedeuteten. Als armes Predigerkind in einer Gemeinschaft von Farbigen aufgewachsen, sah sie in der Rassenintegration den eigentlichen Grund für den Untergang des Seebads. Sie fühlte sich bedroht, hatte Angst, dass die Schwarzen aus der Stadt sich an den Verrätern, den Aufsteigern ihrer Rasse rächen und das Hotel niederbrennen würden. Fortan lief sie mit einem Stahlhelm herum und hatte für das Che-Guevara-Barett und den Parka ihrer Tochter nur Verachtung übrig.

Die Szene an Coseys Grab ist ein Beispiel dafür, wie die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Morrison Verhältnisse in Bildern darstellt. Die Kopfbedeckungen der drei Hinterbliebenen stehen für ihren Standort: May mit Stahlhelm, Christine mit Barett und Heed mit einem "Vom-Winde-verweht-Hut", den May ihr vom Kopf riss, in die Luft schleuderte und so einen Streit am offenen Grab lostrat. Die Spaltung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Radikale und Gemäßigte bekam auch Christine zu spüren, die sich einer Gruppe von militanten Aktivisten anschloss und Fruit, einem Malcolm X-Anhänger, völlig ergeben war. Der hatte für ihre Familie nur Verachtung übrig: "Ihr Großvater - ein kleinbürgerlicher Verräter; ihre Mutter - eine Onkel-Tom-Negerin; Heed - eine Feldsklavin, die weiße Herrin sein will." Christine wurde seine loyale Gefährtin, begeistert und zu jedem Dienst bereit. "Sie afrikanisierte den Stil ihrer Kleidung, schärfte ihren Wortschatz für schneidende Parolen, trug zur Selbstverteidigung stets ein Messer bei sich".

Als ein Genosse eine Frau vergewaltigte und Fruit ihn nicht mal zur Rede stellte, erkannte Christine, dass "das gute Werk des zivilen Ungehorsams" und ihr persönlicher Gehorsam ein Widerspruch waren - eine Erfahrung, die alle Frauen mit der Studentenbewegung, egal ob in den USA oder in Europa, gemacht haben. Und deshalb ist das Buch zwar eine Geschichte über Schwarze, aber für Leser aller Hautfarben. Damit möchte ich meinem afroamerikanischen Freund in Florida widersprechen, der meint, Toni Morrisons Bücher seien - gut geschriebene - Nachhilfestunden für Weiße über die Geschichte der Schwarzen in Amerika. Liebe ist in erster Linie gute Literatur und wie jede gute Literatur nicht didaktisch, sondern Selbstzweck.

Nur eine kleine Kritik am Ende: Der Titel des Buches, das nach Menschenkind (1987), Jazz (1992) und Paradies (1997) Morrisons viertes ist, das sich mit dem Thema Liebe befasst, ist doch allzu abgedroschen. Auch das amerikanische Original ist nach jenem four-letter-word benannt, das 24 Stunden lang auf allen Radio- und Fernsehkanälen besungen wird und uns zu den Ohren rauskommt, obwohl es erst kürzlich in dem vom Goethe-Institut ausgeschriebenen Wettbewerb um das schönste deutsche Wort unbegreiflicherweise in die engere Wahl gekommen sein soll. Auch reduziert es den Inhalt des Buches zu Unrecht darauf "wie Frauen lieben. Und sie lieben anders als Männer", so die nicht sehr spannende Erkenntnis von The New York Review of Books, die auf der Umschlagseite zitiert wird. Liebe enthält viel mehr. Wie Die Buddenbrooks von Thomas Mann, der 64 Jahre vor Toni Morrison den Nobelpreis erhielt, erzählt es ein halbes Jahrhundert Geschichte am Beispiel des Niedergangs einer Familie.

Toni Morrison: Liebe. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, 280 S., 19,90 EUR


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00:00 22.04.2005

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