Der Planet schlägt zurück

Apokalypse Hunger, Stürme, Kriege und eine Sonne, die uns kocht: Wie der Klimawandel die Welt verändern wird
Der Planet schlägt zurück
Hurrikan Irma: Es wird viel häufiger Stürme geben, die so stark sein werden, dass wir neue Kategorien zu ihrer Beschreibung erfinden müssen

Foto: NASA/NOAA GOES Project via Getty Images

Ich verspreche Ihnen, dass es schlimmer ist, als Sie denken. Wenn Ihre Angst vor dem Klimawandel von der Sorge um steigende Meeresspiegel bestimmt wird, kratzen Sie gerade an der Oberfläche dessen, was an schrecklichen Dingen bereits im Leben eines heutigen Teenagers möglich ist. Die ansteigenden Meere – und die Städte, die in ihnen versinken – haben das Bild der Erhitzung der Erde derart geprägt, dass wir andere damit verbundene Bedrohungen gar nicht mehr wahrnehmen. Steigende Meeresspiegel sind schlecht, sogar sehr schlecht, aber es wird nicht damit getan sein, von der Küste wegzuziehen.

Milliarden von Menschen müssten ihren Lebensstil konsequent anpassen, um das Schlimmste zu verhindern. Das aber geschieht nicht. Daher werden wahrscheinlich bereits am Ende dieses Jahrhunderts Teile der Erde unbewohnbar werden.

Selbst wenn wir unsere Augen darauf trainieren, die Folgen des Klimawandels zu sehen, so sind wir doch unfähig, sein Ausmaß in Gänze zu begreifen. Vergangenen Winter gab es eine Reihe von Tagen, an denen es 15 bis 21 Grad Celsius wärmer war als normalerweise. So wurde der Nordpol erwärmt. Das brachte auch den Dauerfrostboden zum Tauen, der den Saatguttresor in Spitzbergen, Norwegen, umschließt. In dem Tresor lagern Samen aus aller Welt. Er trägt den Spitznamen „Weltgericht“ und soll sicherstellen, dass die Landwirtschaft des Planeten jede Katastrophe überleben könnte. Durch das teilweise Auftauen des Frostbodens lief nun Wasser in die Saatlager – nur zehn Jahre nach seiner Einrichtung bedrohte ihn also der Klimawandel.

Dem „Weltgericht“-Tresor geht es inzwischen wieder gut: Die Anlage wurde gesichert, die Samen auch. Der Vorfall wurde als Parabel darauf gewertet, dass es zu Überschwemmungen kommen werde. Dadurch geriet Entscheidendes aus den Augen: Bis vor kurzem stellte der Permafrost keine Hauptsorge der Klimawissenschaftler dar. Der arktische Boden enthält aber 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff – mehr als doppelt so viel, wie sich gegenwärtig in der Erdatmosphäre befindet. Wenn dieser freigesetzt wird, könnte er in Gestalt von Methan verdampfen. Dieses ist als Treibhausgas-Anheizer um ein Vielfaches wirksamer als Kohlendioxid – und zwar 34 Mal so groß.

Vielleicht wissen Sie das bereits. Jeden Tag hört man alarmierende Geschichten. Etwa vor ein paar Monaten, als Satellitendaten belegten, dass die Erde sich seit 1998 doppelt so schnell erhitzt hat, wie die Wissenschaftler gedacht hatten. Oder die Nachrichten aus der Antarktis, als im Mai ein Riss in einem Eisschelf in sechs Tagen um fast 18 Kilometer anwuchs. Inzwischen hat sich das Bruchstück ganz gelöst und verstört die Menschen. Denn die abgebrochene Scholle Larsen C ist 175 Kilometer lang und 50 Kilometer breit. Sie treibt nun als einer der größten Eisberge aller Zeiten im offenen Meer.

Mangel an Vorstellungskraft

Ganz egal, wie gut informiert Sie sind, ausreichend alarmiert sind Sie nicht. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist unsere Kultur mit Zombie-Filmen und Mad-Max-Dystopien immer apokalyptischer geworden. Wenn wir aber die ganz realen Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft. Einer der Gründe dafür ist die zaghafte Sprache wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten. Der Klimatologe James Hansen kritisiert diese „wissenschaftliche Introvertiertheit“. Er findet, dass Wissenschaftler sie ihre eigenen Beobachtungen so penibel und gewissenhaft betreiben, dass sie nicht mehr deutlich machen können, wie groß die Gefahr wirklich ist. Hansen klagt an, dass uns eine Gruppe von Technokraten regiert, die glauben, jedes Problem könne gelöst werden. Hansen zeigt auf die schiere Geschwindigkeit des Klimawandels – und seine gleichzeitige Langsamkeit, da wir immer nur die Auswirkungen sehen, die sich bereits seit Jahrzehnten anbahnen. Unsere Unsicherheit über die Unsicherheit, die uns der Klima-Autorin Naomi Oreskes zufolge davon abhält, uns auf irgendetwas Schlimmeres als einen statistischen Mittelwert vorzubereiten. Die Geringfügigkeit (zwei Grad Celsius), die Größe (1,8 Billionen Tonnen) und die Abstraktheit (400 Teilchen pro eine Million) der Zahlen. Das Unbehagen, über ein Problem nachzudenken, das nur sehr schwer, wenn nicht unmöglich zu lösen ist. Und ganz einfach: die Angst.

Zwischen der Zurückhaltung der Wissenschaftler und den Zuspitzungen der Science-Fiction liegt die Wissenschaft selbst. Dieser Text ist das Ergebnis von Dutzenden Interviews mit Klimatologen und Wissenschaftlern. Er berücksichtigt Hunderte Studien und Aufsätze zum Klimawandel. Was Sie hier lesen, ist – nach bestem Wissen und Gewissen – eine Darstellung, worauf unser Planet zusteuert, wenn wir nicht aggressive gegensteuern. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Szenarien vollständig eintreten werden. Vor allem weil die absehbaren Zerstörungen uns aus jeder Bequemlichkeit reißen werden. Dennoch: die Szenarien sind die Zukunft, nicht das heutige Klima. Dabei ist die Gegenwart des Klimawandels erschreckend genug. Die meisten Leute denken, Miami und Bangladesch hätten noch eine Chance. Viele Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, gehen aber davon aus, dass wir diese Städte noch vor Ende des Jahrhunderts verlieren werden – selbst wenn wir sofort aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen.

Zwei Grad Erhitzung galten bisher als die Grenze der Katastrophe: Das wird Millionen von Klimaflüchtlingen erzeugen, die auf eine unvorbereitete Welt treffen werden. Nun sind zwei Grad dem Pariser Klimaabkommen zufolge unser Ziel, und Experten geben uns nur eine geringe Chance, es überhaupt zu erreichen. Das UN Intergovernmental Panel on Climate Change veröffentlicht dazu regelmäßig Berichte. Der jüngste geht davon aus, dass wir zu Beginn des nächsten Jahrhunderts bereits bei vier Grad angelangt sein werden, wenn wir weitermachen wie bisher. Und selbst das ist nur eine mittlere Schätzung.

Am oberen Ende der Wahrscheinlichkeitskurve liegen acht Grad – und die Autoren wissen noch gar nicht, wie sie mit der Schmelze des Permafrosts umgehen sollen. Der Bericht des IPCC vernachlässigt auch weitere Effekte, die die Erhitzung beschleunigen könnten. Als die Erdtemperatur das letzte Mal um vier Grad anstieg, stiegen die Meeresspiegel um mehrere hundert Fuß.

Die Erde hat vor dem, was wir gerade durchleben, bereits fünf Mal ein großes Aussterben erlebt – jedes von ihnen hat den evolutionären Bestand so komplett ausradiert, dass es wirkte, als sei die Uhr des Planeten zurückgesetzt worden. In der Schule haben Sie wahrscheinlich gelernt, dass diese Massenaussterben das Resultat von Asteroiden waren. Tatsächlich handelte es sich aber bei allen, bis auf jenes, bei dem die Dinosaurier ausgelöscht wurden, um das Resultat von Klimawandel, der durch Treibhausgase verursacht wurde.

Fotos: Heartless Machine (Fossil), Davis McNew/Getty Images

Das berüchtigtste ereignete sich vor 252 Millionen Jahren. Es begann, als Kohlendioxid den Planeten um fünf Grad aufgeheizt hatte, beschleunigte sich, als die Erhitzung dazu führte, dass in der Arktis gebundenes Methan freigesetzt wurde, und endete damit, dass 97 Prozent allen Lebens auf der Erde ausgelöscht wurden. Wir aber geben zurzeit wesentlich schneller Kohlendioxid in die Atmosphäre ab.

Diese Fakten hatte Stephen Hawking im Kopf, als er bemerkte, die Menschheit müsse im Laufe des nächsten Jahrhunderts andere Planeten kolonisieren, wenn sie überleben wolle. Und diese Fakten veranlassten Elon Musk vergangenen Monat dazu, seine Pläne für den Bau eines Mars-Habitats zu veröffentlichen, das in 40 bis 100 Jahren entstehen soll. Diese Leute sind natürlich keine Klima-Experten, sie sind wohl wie Sie und ich von irrationaler Panik ergriffen. Doch auch viele nüchterne Wissenschaftler, die ich interviewt habe, sind im Stillen zu apokalyptischen Schlussfolgerungen gekommen: Kein plausibles Programm zur Reduzierung von Emissionen ist allein in der Lage, eine Klimakatastrophe zu verhindern.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist der Begriff „Anthropozän“ aus dem wissenschaftlichen Diskurs in die öffentliche Vorstellung gelangt – ein Name für das geologische Zeitalter, in dem wir leben, und eine Form, es als eine neue Ära zu kennzeichnen, die durch den Eingriff des Menschen charakterisiert ist. Ein Problem des Begriffs ist, dass er eine Eroberung der Natur impliziert. Und selbst wenn man einsieht, dass wir die natürliche Welt bereits unwiederbringlich verwüstet haben, ist es noch einmal etwas anderes, dass wir das Ganze nur provoziert haben, indem wir zunächst aus Unwissenheit und dann, weil wir es nicht wahrhaben wollten, ein Klimasystem geschaffen haben, das jetzt für viele Jahrhunderte gegen uns „in den Krieg ziehen“ wird, um uns am Ende vielleicht zu vernichten.

Wallace Smith Broecker, der onkelhafte Meeresforscher, der den Begriff „Erderwärmung“ geprägt hat, spricht von dem Planeten als „wütender Bestie“. Man könnte ihn aber auch als „Kriegsmaschine“ bezeichnen, die wir jeden Tag weiter aufrüsten.

Von innen gekocht

Wie alle Säugetiere sind auch Menschen Wärmekraftmaschinen. Zu überleben bedeutet für sie, sich ständig abkühlen zu müssen – wie hechelnde Hunde. Damit das möglich ist, muss die Temperatur so niedrig sein, dass die Luft als eine Art Kühlung fungieren kann, die Hitze von der Haut abzieht, damit der Motor weiterlaufen kann. Bei einer Erderwärmung von sieben Grad würde das für weite Teile des Äquatorbandes und insbesondere für die Tropen, wo die Feuchtigkeit die Sache noch zusätzlich erschwert, unmöglich werden.

In den Regenwäldern Costa Ricas, wo die Feuchtigkeit regelmäßig bei über 90 Prozent liegt, wäre es tödlich, sich einfach nur draußen zu bewegen, wenn das Thermometer über 40,5 Grad Celsius anzeigt. Innerhalb weniger Stunden würde ein menschlicher Körper sowohl von außen als auch von innen zu Tode gekocht werden.

Klimawandelskeptiker weisen gern darauf hin, dass der Planet sich schon oft erhitzt und wieder abgekühlt habe. Doch das klimatische Fenster, das menschliches Leben auf der Erde überhaupt ermöglicht, ist sehr klein. Bei einem Temperaturanstieg von elf oder zwölf Grad würde über die Hälfte der Weltbevölkerung, wie sie sich heute über den Planeten verteilt, durch direkte Hitzeeinwirkung sterben. Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass es in diesem Jahrhundert noch nicht so weit kommen wird, auch wenn unverminderte Emissionen uns schließlich dahin bringen sollten.

Noch in diesem Jahrhundert wird aber die Schmerzgrenze an bestimmten Punkten, insbesondere in den Tropen, sehr viel früher erreicht sein als bei einem Anstieg um sieben Grad. Der entscheidende Faktor ist die sogenannte Kühlgrenztemperatur, die als Feuchtkugeltemperatur gemessen wird. Dabei handelt es sich um eine Methode, die sich nicht nur nach Experimentierkasten anhört, sondern auch so bestimmt wird: Es geht um die Temperatur, die auf einem in eine feuchte Socke gewickelten Thermometer gemessen wird, das in der Luft hin und her geschüttelt wird (da die Feuchtigkeit aus einer Socke in trockener Luft wesentlich schneller verdampft, spiegelt diese Kennzahl sowohl Hitze als auch Feuchtigkeit). Gegenwärtig erreichen die meisten Regionen eine Kühlgrenztemperatur von 26 oder 27 Grad Celsius; die rote Linie für den Menschen liegt bei 35 Grad. Der sogenannte Hitzestress stellt sich aber wesentlich früher ein.

Tatsächlich haben wir diesen Punkt bereits erreicht. Seit 1980 hat der Planet eine 50-fache Zunahme an Orten verzeichnet, die gefährlich oder extrem heiße Temperaturen verzeichnen, und die Zahl wird noch stärker zunehmen. In Europa traten die fünf wärmsten Sommer seit dem Jahr 1500 alle seit 2002 auf. Und schon bald, so warnt das IPCC, wird es in weiten Teilen des Erdballs ungesund sein, sich zu dieser Jahreszeit draußen aufzuhalten.

Selbst wenn wir die Klimaziele von Paris mit einem Temperaturanstieg von zwei Grad einhalten, werden Städte wie Karatschi und Kalkutta fast unbewohnbar werden und in jedem Jahr tödliche Hitzewellen wie 2015 erleben. Bei vier Grad Erderwärmung wird die europäische Hitzewelle von 2003, der bis zu 2.000 Menschen an einem einzelnen Tag zum Opfer fielen, zur sommerlichen Normalität werden.

Joseph Romm hat das in seiner richtungsweisenden Einführung auf den Punkt gebracht: Die Hitzebelastung in New York City wäre dann schlimmer als die, die heute in Bahrain herrscht – an einem der heißesten Orte der Welt. In Bahrain würde die gestiegene Temperatur dabei selbst bei schlafenden Menschen eine Hyperthermie auslösen. In der Tat wird die Krise im Nahen und Mittleren Osten sowie am Persischen Golf am dramatischsten ausfallen, wo der Hitzeindex bereits 2015 Temperaturen von 72,7 Grad Celsius registriert hat. Schon in einigen Jahrzehnten wird die Hadsch den zwei Millionen Muslimen, die die Pilgerfahrt jedes Jahr unternehmen, körperlich schlicht unmöglich werden.

Aber die Hitze bringt Menschen bereits heute um. In der Zuckerrohr-Region von El Salvador leidet ein Fünftel der Bevölkerung an einer chronischen Nierenerkrankung, bei den Männern ist es über ein Viertel. Man geht davon aus, dass es sich um die Folge der Dehydrierung handelt, die die Menschen durch Arbeit auf den Feldern erleiden. Noch vor zwei Jahrzehnten konnten sie die Felder problemlos abernten. Patienten mit Nierenversagen haben mit einer teuren Dialyse eine Lebenserwartung von fünf Jahren. Ohne nur ein paar Wochen.

Klimata sind unterschiedlich und Pflanzen variieren, doch die Grundregel für die wichtigsten Getreidesorten besagt, dass die Erträge bei jedem Temperaturanstieg um ein Grad über die optimale Wachstumstemperatur um zehn Prozent zurückgehen. Manche Schätzungen sprechen sogar von 15 bis 17 Prozent. Das bedeutet, dass wir, wenn der Planet am Ende des Jahrhunderts um fünf Grad wärmer ist, 50 Prozent mehr Menschen zu ernähren und gleichzeitig 50 Prozent weniger Getreide zur Verfügung haben könnten. Um die Proteine ist es noch schlechter bestellt: Es braucht 16 Kalorien an Getreide, um nur eine einzige Kalorie an Burger-Fleisch zu produzieren, das von Kühen stammt, die ihr Leben lang das Klima mit Methan-Abgasen belastet haben.

Optimistische Pflanzenkundler werden darauf hinweisen, dass diese Berechnungen nur auf die Regionen zutreffen, die die optimale Wachstumstemperatur bereits erreicht haben, und sie haben recht – theoretisch erleichtert ein wärmeres Klima den Anbau von Getreide in Grönland. Doch wie die wegweisende Arbeit von Rosamond Naylor und David Battisti zeigt, sind die Tropen bereits heute zu heiß, um dort in wirtschaftlicher Weise Getreide anzubauen. Und an anderen Orten, wo Getreide heute angebaut wird, herrscht bereits die optimale Anbautemperatur – was bedeutet, dass hier selbst ein geringfügiger Temperaturanstieg die Produktivität verringern würde.

Außerdem lässt sich Ackerland nicht leicht ein paar hundert Kilometer nach Norden transportieren. Die Erträge in entlegenen Ecken Kanadas und Russlands sind durch die Qualität der dortigen Böden begrenzt. Die Erde braucht viele Jahrhunderte, um Böden mit einer hohen Fruchtbarkeit hervorzubringen.

Dürre könnte ein noch größeres Problem darstellen als Hitze, wenn sich Teile des anbaufähigen Landes schnell in Wüste verwandeln. Niederschläge lassen sich schwer vorhersagen, aber die Prognosen für das Ende des Jahrhunderts sind wenig ermutigend: noch nie da gewesene Dürren überall dort, wo heute Lebensmittel produziert werden. Wenn die Emissionen nicht dramatisch reduziert werden, wird Südeuropa im Jahr 2080 mit einer permanenten Dürre leben müssen, die schlimmer sein wird, als das Trockengebiet in Amerika je war.

Man darf nicht vergessen, dass wir schon heute weit davon entfernt sind, in einer Welt ohne Hunger zu leben. Schätzungen beziffern die Zahl der Unterernährten auf weltweit 800 Millionen. Seit dem Frühjahr herrschen in vier Ländern Afrikas und des Nahen Ostens Hungersnöte. Darüber hinaus haben die Vereinten Nationen gewarnt, dass allein in diesem Jahr in Somalia, dem Südsudan, Nigeria und Jemen 20 Millionen Menschen an den Folgen von Unterernährung und Hunger sterben könnten.

Blindes Immunsystem

Gesteine sind Archive der Geschichte des Planeten – von Epochen, die Millionen von Jahren umfassen können, und von den Kräften der geologischen Zeit zu Schichten von nur einigen, einem oder noch weniger Zentimetern gepresst wurden. Das Eis stellt ebenso eine Art Klimabilanzbuch dar, eine gefrorene Geschichte, die durch Auftauen teilweise wiederbelebt werden kann. Im arktischen Eis stecken Krankheiten, die seit Millionen Jahren nicht mehr in der Luft zirkulieren – einige davon gingen schon um, bevor es Menschen gab, die ihnen hätten ausgesetzt sein können. Das bedeutet, dass unser Immunsystem keine Ahnung hätte, wie es diese prähistorischen Krankheiten abwehren sollte, sollten sie wieder freigesetzt werden.

In der Arktis sind aber auch furchterregende Keime aus jüngerer Zeit gespeichert. In Alaska haben Forscher bereits Überreste der Grippe von 1918 gefunden, mit der sich 500 Millionen Menschen infizierten und die bis zu 100 Millionen Menschen das Leben kostete – das waren fünf Prozent der Weltbevölkerung und beinahe sechsmal so viel wie im Ersten Weltkrieg umgekommen sind, dessen grauenhaften Höhepunkt die Grippe in gewisser Weise darstellte. Im Mai berichtete die BBC, Wissenschaftler vermuteten auch die Pocken und die Beulenpest im sibirischen Eis – eine gekürzte Geschichte der verheerenden menschlichen Krankheiten.

Hinzu kommt die Gefahr von Luft, die man nicht atmen kann. Unsere Lungen brauchen Sauerstoff. Doch dieser stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was wir einatmen. So steigt etwa der Anteil des Kohlendioxids in der Luft. Gerade ist er über 400 Teilchen pro Million (ppm) gestiegen. Schätzungen auf Grundlage gegenwärtiger Trends legen nahe, dass es bis zum Ende des Jahrhunderts 1.000 ppm sein werden. Diese Konzentration würde, im Vergleich zur Luft, die wir heute atmen, zu einem Rückgang der kognitiven Fähigkeiten der Menschen um 21 Prozent führen.

Andere Bestandteile der heißeren Luft sind noch furchteinflößender. Schon ein geringer Anstieg der Luftverschmutztung kann die menschliche Lebensdauer um ein Jahrzehnt verkürzen. Je wärmer der Planet wird, desto mehr Ozon bildet sich. Bis Mitte des Jahrhunderts werden die Amerikaner laut Prognosen des National Center for Athmospheric Research wohl von einem Anstieg des ungesunden Ozonsmogs um 70 Prozent betroffen sein. Bis zum Jahr 2090 werden bis zu zwei Milliarden Menschen weltweit Luft atmen, in der die als „sicher“ geltenden Grenzwerte der WHO überschritten werden.

Fotos: Heartless Machine (Fossil), Gary Williams/Getty Images

Eine jüngst dazu erschienene Studie hat gezeigt, dass das Risiko eines Kindes, an Autismus zu erkranken, steigt, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Ozon ausgesetzt war – was einen noch mal neu über die Autismusepidemie in Westhollywood nachdenken lässt.

Und bereits heute sterben mehr als 10.000 Menschen im Jahr durch kleine Partikel, die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestoßen werden. Jedes Jahr kommen 339.000 Menschen durch den Rauch von Wildfeuern um. Teils liegt dies daran, dass der Klimawandel eine Verlängerung der Waldbrandsaison verursacht hat (in den USA im Schnitt um 78 Tage seit 1970). Der US Forest Service geht zudem davon aus, dass Wildfeuer im Jahr 2050 doppelt so zerstörerisch sein werden wie heute. An einigen Orten könnte die verbrannte Fläche das Fünffache betragen.

Für die meisten Menschen aber noch besorgniserregender sind die Auswirkungen, die dies auf die Emissionen hätte – insbesondere, wenn die Feuer in Wäldern wüten, die auf Torfböden wachsen. Feuer, die 1997 auf indonesischem Torfland brannten, erhöhten den weltweiten Co2-Ausstoß um bis zu 40 Prozent. Und mehr Brände bedeuten mehr Erwärmung, die wiederum mehr Brände bedeutet.

Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass ein Regenwald wie der Amazonas, der 2010 die zweite „Jahrhundertdürre“ in fünf Jahren erlitten hat, so weit austrocknen könnte, dass auch er anfällig für verheerende Waldbrände würde. Diese wiederum würde nicht nur enorme Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre freisetzen, sondern auch die Fläche des Waldes schrumpfen lassen. Letzteres wäre besonders schlimm, weil der Amazonas allein 20 Prozent unseres Sauerstoffs produziert.

Klimatologen äußern sich nur vorsichtig zu aktuellen Kriegen, so zum Beispiel auch zum Thema Syrien. Sie wollen verstanden wissen, dass der Klimawandel zwar zu einer Dürre geführt hat, die zum Bürgerkrieg beigetragen hat, es aber nicht angemessen wäre, den Konflikt als Resultat der Erderwärmung zu bezeichnen. Das Nachbarland Libanon etwa litt unter den gleichen Ernteausfällen. Allerdings ist es Forschern wie Marshall Burke und Solomon Hsiang gelungen, einige der nicht unbedingt auf der Hand liegenden Zusammenhänge zwischen Temperatur und Gewalt zu beziffern: Sie sagen, jede Erwärmung um ein halbes Grad erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts um 10 bis 20 Prozent.

Der fossile Kapitalismus

Nichts ist einfach in der Klimaforschung, diese Rechnung ist aber besonders erschütternd: Ein fünf Grad wärmerer Planet würde mindestens noch einmal die Hälfte mehr Kriege bedeuten wie heute. Insgesamt würden sich die sozialen Konflikte in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln.

So ziemlich jeder Klimaforscher, mit dem ich gesprochen habe, hat mich darauf hingewiesen, dies sei einer der Gründe dafür, dass das US-Militär vom Klimawandel geradezu besessen sei. Der Untergang aller Stützpunkte der US-Marine durch den Anstieg der Meeresspiegel ist schlimm genug. Hinzu tritt die Gefahr einer unüberschaubaren Menge an Konflikten. Natürlich ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem der Klimawandel zur Entstehung eines Konflikts beigetragen hat. Einige spekulieren, in den vermehrten Auseinandersetzungen, zu denen es in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten gekommen ist, schlage sich auch der Druck durch die Erderwärmung nieder – diese Vorstellung wird umso grausamer, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung an Fahrt aufnahm, als die industrialisierte Welt begann, das Öl der Region zu fördern und zu verbrennen.

Das zwischen dem Ende des Kalten Kriegs und dem Einsetzen der Großen Rezession vorherrschende Mantra des Neoliberalismus lautete, Wirtschaftswachstum würde uns vor allem schützen. Doch nach dem Crash von 2008 behaupten immer mehr Historiker, die sich mit dem sogenannten fossilen Kapitalismus befassen, die gesamte Geschichte des rasanten wirtschaftlichen Wachstums, das ziemlich plötzlich im 18. Jahrhundert einsetzte, sei nicht das Ergebnis von Innovationen oder Handel oder der Dynamik des globalen Kapitalismus, sondern einfach der Entdeckung fossiler Brennstoffe und deren schierer Macht geschuldet – eine einmalige Injektion neuen Wertes in ein System, das zuvor weltweit von Subsistenzwirtschaft geprägt war. Vor den fossilen Brennstoffen lebte niemand besser als seine Eltern oder Großeltern oder Vorfahren 500 Jahre vorher – eine Ausnahme bildete die Zeit unmittelbar nach großen Pestepidemien, die den glücklichen Überlebenden erlaubten, die Ressourcen zu verbrauchen, die von Massengräbern freigesetzt wurden. Die Forscher meinen, wenn alle fossilen Brennstoffe verbrannt seien, würden wir vielleicht zu einer globalen stationären Ökonomie zurückkehren. Die einmalige Injektion hätte dann allerdings verheerende Langzeitkosten: den Klimawandel.

Die spannendsten Forschungsergebnisse zur Ökonomie der Erderwärmung stammen ebenfalls von Solomon Hsiang und seinen Kollegen. Diese sind zwar keine Historiker des fossilen Kapitalismus, haben aber einige äußert düstere Analysen zu bieten: Jedes Grad Celsius Erderwämung kostet durchschnittlich 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, sagen sie. Ihre mittlere Schätzung liegt bei einem weltweiten Einkommensverlust von 23 Prozent pro Kopf gegen Ende des Jahrhunderts. (Dieser Verlust resultiert aus Veränderungen in der Landwirtschaft, steigender Kriminalität, Stürmen, Energieknappheit und einer erhöhten Sterblichkeit.)

Eine ökonomische Schuld?

Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Zerstörung lässt sich nur schwer begreifen. Man könnte damit anfangen, dass man sich vorstellt, wie die Welt heute aussähe, wenn die Wirtschaft nur halb so groß wäre, nur halb so viel Wert schaffen und nur die Hälfte dessen hervorbringen würde, was sie den Arbeitern der Welt heute zu bieten hat. Und es lässt die Idee, staatliche Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen zu streichen und sich ausschließlich darauf zu verlassen, dass Wachstum und Technik das Problem schon lösen werden, als absurde Idee erscheinen. Immerhin kostet jedes Hin- und Rückflug-Ticket für Flüge von New York nach London die Arktis weitere drei Quadratmeter Eis.

Aber warum können wir es nicht sehen? In seinem jüngst erschienenen Essay The Great Derangement (Die große Umnachtung) fragt sich der indische Autor Amitav Ghosh, warum Erderwärmung und Naturkatastrophen nicht zu den großen Themen der zeitgenössischen Literatur gehören — warum wir nicht imstande sind, uns die Klimakatastrophe vorzustellen. Und warum es bislang nicht zu einer Flut von Romanen aus jenem Genre gekommen ist, das er sich als „Umweltgrusel“ vorstellt. „Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichten, die sich um Fragen drehen wie: Wo waren Sie, als die Berliner Mauer gefallen ist? Oder: Wo waren Sie am 11. September 2001?“, schreibt Ghosh. „Wird es jemals möglich sein, in gleicher Weise zu fragen: Wo waren Sie bei 400 ppm? Oder: Wo waren Sie, als damals das Larsen-B-Eisschelf auseinanderbrach?“

Wahrscheinlich nicht, lautet Ghoshs Antwort. Denn die Dilemmata und Dramen des Klimawandels seien schlicht unvereinbar mit der Sorte Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – vor allem in Romanen, in denen eher Entwicklungen eines individuellen Bewusstseins beschrieben werden als der giftige Hauch eines sozialen Schicksals.

Sicher wird diese Blindheit aber nicht von Dauer bleiben – die Welt, die wir bewohnen werden, wird dies nicht zulassen. In einer um sechs Grad wärmeren Welt wird das Ökosystem des Planeten dermaßen überkochen vor Naturkatastrophen, dass wir diese nur noch als „Wetter“ bezeichnen werden: eine permanente Abfolge von unkontrollierbaren Taifunen, Tornados, Überschwemmungen, Dürren. Unser Planet wird regelmäßig von Klima‑Ereignissen heimgesucht werden, die vor nicht allzu langer Zeit ganze Zivilisationen zerstörten. Es wird viel häufiger Hurrikans geben, die so stark sein werden, dass wir neue Kategorien zu ihrer Beschreibung erfinden müssen. Länge und Ausmaße von Tornados werden wachsen, und sie werden viel häufiger auftreten. Auch Hagelkörner werden um ein Vielfaches größer sein.

Viele Leute stellen sich den Klimawandel als eine Art moralische und ökonomische Schuld vor, die sich seit dem Anfang der industriellen Revolution angesammelt hat und nun nach mehreren Jahrhunderten fällig wird – diese Perspektive ist auf eine Art hilfreich, sind es doch die Kohlenstoffverbrennungsprozesse, die im England des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, die die Lunte für alles Spätere gelegt haben.

Innerhalb einer Generation

Sie verstellt aber den Blick auf die Bedeutung der vergangenen Jahrzehnte. Über die Hälfte des Kohlenstoffs, den die Menschheit in ihrer Geschichte in die Atmosphäre geblasen hat, wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgestoßen. 85 Prozent des gesamten Kohlenstoffausstoßes durch Menschen geschah in der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg. Das bedeutet, dass die Erderwärmung uns binnen einer einzigen Generation an den Rand der Katastrophe geführt hat. Die Geschichte der Kamikaze-Mission der industrialisierten Welt ist die einer einzigen Lebensspanne.

Einige der Männer, die erstmals Veränderungen des Klimas festgestellt haben, leben heute noch. Einige arbeiten sogar noch. Wally Broecker ist 84 Jahre alt und fährt jeden Tag von der New Yorker Upper West Side zur Arbeit in das Lamont-Doherty Earth Observatory auf der anderen Seite des Hudson. Wie viele derjenigen, die zuerst die Alarmglocken läuteten, ist er der Ansicht, dass keine Reduzierung der Emissionsmengen allein dazu beitragen kann, die Katastrophe zu verhindern. Er setzt vielmehr auf Kohlenstoffrückhaltung – dabei handelt es sich um bislang unerprobte Technologien zum Extrahieren von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Die Kosten, schätzt Broecker, würden sich mindestens auf mehrere Billionen Dollar belaufen.

Außerdem hofft er auf verschiedene Formen des Geoengineering – ein Sammelbegriff für eine Vielzahl ambitionierter Technologien, die teils so weit hergeholt sind, dass viele Klimaforscher sie als Science-Fiction-Träume betrachten.

Broecker konzentriert sich dabei vor allen auf den sogenannten Aerosol-Ansatz. Dabei würde Schwefeldioxid in die Atmosphäre gegeben, das sich in Schwefelsäure umwandeln, dann ein Fünftel des Horizonts verschleiern und somit zwei Prozent der Sonnenstrahlen zurückwerfen würde. Damit würde man dem Planeten zumindest in Hinblick auf die Hitze ein bisschen Spielraum verschaffen, meint Broecker.

„Natürlich würde das unsere Sonnenuntergänge sehr rot machen, den Himmel bleichen und für mehr sauren Regen sorgen“, sagt er. „Man muss aber das gesamte Ausmaß des Problems berücksichtigen. Man kann nicht sagen, das große Problem soll nicht gelöst werden, weil die Lösung ein paar kleinere Probleme verursachen würde.“ Er selbst würde das wohl nicht mehr erleben, sagt er mir: „Aber Sie ...“

Mehrere der Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, schlugen die Erderwärmung als Lösung des berühmten Fermi-Paradoxons vor. Dieses stellt die Frage, warum wir noch keinen anderen intelligenten Lebensformen begegnet sind, wenn das Universum doch so riesig ist. Die Antwort lautet, dass die Lebensspanne einer Zivilisation möglicherweise nur ein paar tausend Jahre betrage, die einer industrialisierten Zivilisation vielleicht nur ein paar hundert. In einem Universum, das Milliarden Jahre alt sei und dessen Sternensysteme ebenso durch Zeit wie durch Raum getrennt sind, könnten Zivilisationen einfach zu schnell aufkommen, sich entwickeln und verglühen, um einander zu finden.

Peter Ward, ein charismatischer Paläontologe, der zu denjenigen zählte, die entdeckten, dass die Massensterben auf der Erde von Treibhausgasen verursacht wurden, nennt dies den „Großen Filter“: „Zivilisationen steigen auf. Ein Umweltfilter sorgt aber dafür, dass sie recht schnell wieder sterben und verschwinden“, erklärte er mir. „Schaut man sich den Planeten Erde an, stellten in der Vergangenheit die Massenextinktionen diesen Filterprozess dar.“ Das Massenaussterben, das wir momentan durchlebten, habe aber gerade erst begonnen. Es werde noch zu einem sehr viel größeren Sterben kommen.

Die Wissenschaftler wissen: Nur um die Ziele von Paris im Jahr 2050 zu erreichen, müssten die gegenwärtig weiterhin steigenden Kohlenstoffemissionen aus Strom- und Energieerzeugung sowie industrieller Produktion pro Jahrzehnt um die Hälfte reduziert werden. Die Emissionen der Landwirtschaft müssten komplett auf null heruntergefahren werden, und wir müssten Technologien entwickeln, um jährlich zweimal so viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu ziehen, wie alle Pflanzen des Planeten es gegenwärtig zusammen tun.

Trotz alldem sind die Wissenschaftler im Großen und Ganzen sehr zuversichtlich, was den Einfallsreichtum der Menschen betrifft – vielleicht nicht zuletzt aus ihrem Verständnis des Klimawandels heraus, der schließlich auch eine Erfindung der Menschen ist. Wenn wir erst erkennen würden, welche Welt wir geschaffen hätten, würden wir auch einen Weg finden, sie weiterhin bewohnbar zu halten, glauben sie. Etwas anderes können sie sich schlicht und einfach nicht vorstellen.

Info

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David Wallace-Wells ist Redakteur des New York Magazine

Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt

06:00 08.09.2017

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