Der Präsident zog die Guyabera wieder aus

Amerika-Gipfel Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr die USA als regionale Führungsmacht ausgedient haben – das Treffen von Cartagena hat ihn vollends erbracht

Diesmal hatten wir nicht nur ein Land, das am Gipfel nicht teilnahm, sondern zwei“, sagt Evo Morales, Boliviens Staatschef nach dem Amerika-Gipfel im kolumbianischen Cartagena. Kuba blieb auf Wunsch der USA erneut vom Treffen aller amerikanischen Staaten am vergangenen Wochenende suspendiert. Ecuadors Staatschef Rafael Correa sagte aus Protest dagegen seine Teilnahme ab. Morales nannte das im Gespräch mit einer kolumbianischen Zeitung schleichende Desintegration. „Fakt ist, dass wir Lateinamerikaner einen schlechten Partner haben.“

Das ist nichts Neues. Es ist auch nichts Neues, dass sich lateinamerikanische Regierungen – vor die Wahl zwischen Havanna und Washington gestellt – in der Regel nicht für die Karibikinsel entscheiden. Die Staaten Lateinamerikas wollen das Zusammengehen mit den USA, reden aber inzwischen davon, dass aus dem „Washington-Konsens“ ein „Konsens Amerika“ geworden sei. Und so servierten sie diesmal eine Agenda, die ihnen wichtig war: Einbeziehung Kubas in künftige Gipfeltreffen, Beistand für Argentinien bei seinem gegen Großbritannien gerichteten Anspruch auf die Malwinen (sprich: Falklandinseln), eine andere Drogenpolitik. Gastgeber Juan Manuel Santos, aber auch Guatemalas Präsident Pérez Molina stellten erstmals die von den USA seit Jahren auf dem Subkontinent verfolgte Anti-Drogen-Strategie klar infrage. Sogar eine Legalisierung von Rauschgift – das heißt von Kokain – wurde erwogen. Durch die bisherige Politik kamen die Kokainkartelle zu Macht und Reichtum, während Länder wie Kolumbien, Guatemala und besonders Mexiko die damit verbundene Gewalt und Tausende von Toten zu verkraften hatten.

Altes Spiel

Das Treffen endete ohne Abschlussdeklaration, um das Scheitern zu kaschieren. Schließlich gab es nirgendwo auch nur den Hauch eines Konsenses. Nicht allein Bolivien, Venezuela und Nicaragua verlangen für 2015 die Teilnahme Kubas. „Ohne Kuba wird es keinen Gipfel mehr geben“, sagt Morales. Ausdrücklich schlossen sich Kolumbien und Brasilien dem an.

Das Veto von US-Präsident Barack Obama dagegen war klar. Auf dem Flug nach Cartagena hatte er einen Stopp in Florida eingelegt, wo 1,5 Millionen Exilkubaner leben. Sie könnten für seine Wiederwahl im November wichtig werden. Und sie erwarten, dass der Regierung in Havanna nichts geschenkt wird.

Beim Streit um die Malwinen wollen sich die USA neutral verhalten, um die Briten nicht zu brüskieren. Und bei den Drogen? Obama räumte zwar indirekt ein, dass die Nachfrage in den USA und der Strom von Waffen und Geld aus seinem Land in Richtung Süden etwas mit dem Aufstieg der Kartelle zu tun habe, aber mehr auch nicht. Man werde die Sache überprüfen. Was heißt das schon? „Wenn die USA merken, dass ihre langfristigen Interessen nicht in Afghanistan oder Pakistan, sondern in Lateinamerika liegen, werden wir große Ergebnisse haben“, so die Hoffnung des kolumbianischen Gastgebers. Man könnte es auch anders herum denken: Eben weil die USA zuletzt so sehr in Afghanistan, Irak und anderswo beschäftigt waren, hatte Lateinamerika seine Chance. Wären sich die Staatschefs in Cartagena dieser Logik bewusst, wer weiß, wozu sie fähig wären.

Immerhin stehen Brasilien, Chile und Kolumbien für prosperierende ökonomische Macht. Brasilien ist zur Nummer sechs unter den Industriemächten avanciert und gehört mit Russland, Indien, China und Südafrika zum exklusiven Klub der BRICS-Staaten. Der brasilianische Vertreter beim Internationalen Währungsfonds hat sich gerade gegen eine Ausweitung der IWF-Mittel für die Euro-Zone verwahrt. Und das im Namen von acht weiteren Ländern Südamerikas. So viel Selbstbewusstsein war nie. Es resultiert aus Partnerschaften, mit denen die BRICS-Gruppe dem G8-Clan Paroli bietet.

China hat in Lateinamerika Fuß gefasst. Die asiatische Macht gab den Ländern des Subkontinents allein 2010 mit 37 Milliarden Dollar mehr Anleihen als die USA, Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank zusammen. Die Volksrepublik hat die USA als Handelspartner in Brasilien, Chile und Peru bereits auf Platz zwei geschoben. Obama bekannte denn auch auf dem Paralleltreffen mit Unternehmern in Cartagena: „Der inneramerikanische Handel ist nur halb so groß, wie er sein könnte. Wir müssen das verbessern. Mit fast einer Milliarde Konsumenten, die wir sind, können wir viel tun.“ Das aber ist ein altes Spiel, die Länder als Absatzmärkte.

Es bleibt eine der Ungereimtheiten der US-Politik: Man glaubt sich seiner Partner sicher und vernachlässigt sie, bis die Dynamik aufschrecken lässt. So weit ist es noch nicht, aber während die US-Regierung in Asien die Steine hin und her schiebt, um chinesische Präsenz einzudämmen, hat sich die sozialistische Supermacht längst auf dem amerikanischen Kontinent eingerichtet, obwohl doch – nach den Worten eines einstigen US-Präsidenten – „Amerika den Amerikanern“ gehört.

Neue Kleider

2009 beim Gipfel in Trinidad und Tobago hatten nach einer Gallup-Umfrage 62 Prozent der Lateinamerikaner dem damals neuen Präsidenten Obama eine Politik im Interesse der Region zugetraut. Derzeit sind es noch 47 Prozent. Dabei hatte sich Obama selbst in der Kleidung so schön auf Cartagena vorbereitet. Es hieß, er lasse sich eine besondere Guyabera schneidern, ein Hemd mit Biesen auf der Vorderseite, über der Hose zu tragen. Damit ist man in Lateinamerika auf einem Empfang auch ohne Jackett oder Anzug bestens angezogen. Aber die Vorwitzigkeit Fidel Castros hat die Welt um das Vergnügen gebracht, Obama in Guyabera zu bewundern. Kubas Ex-Staatschef spottete über die Ahnungslosigkeit des Obama-Protokolls und gab Nachhilfe: Die Guyabera ist kubanisch und hat nirgendwo eine solche Verbreitung wie in dem Land, das der US-Präsident auf dem Gipfel nicht sehen wollte. Folge von Castros Intervention: wieder nur Fotos von einem Obama in üblichem Aufzug.

Waltraud Hagen hat jüngst über Kuba vor dem Papst-Besuch geschrieben

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12:36 19.04.2012

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